Terror in Istanbul: Bluttat zu Neujahr

Trauer nach dem Terroranschlag in Istanbul

Trauer nach dem Terroranschlag in Istanbul

39 Tote, 65 Verletzte und viele offenen Fragen. Der IS beansprucht den Terroranschlag auf den Nachtclub Reina in Istanbul für sich. Was ist über das Massaker noch bekannt?

Was ist passiert?

Kurz nach 1 Uhr Früh brach der Terror über den Istanbuler Nachtclub Reina herein. Hunderte Gäste sollen sich in den frühen Stunden des neuen Jahres im auf der europäischen Seite von Istanbul gelegenen Club mit mehreren Restaurants und Tanzflächen befunden haben. Ein Attentäter drang in den für seine ausgelassenen Partys bekannte Disco ein und tötete in nur wenigen Minuten 39 Menschen. Er ging dabei völlig wahllos, aber gezielt vor. Vor dem Massaker soll er noch einen Polizisten vor dem Eingang des Clubs erschossen haben. Laut Angaben des türkischen Innenministers Süleyman Soylu soll der Attentäter sein Gewehr unter einem Mantel versteckt gehabt haben. Im Tumult soll er sich dann unter die Flüchtenden gemischt haben. Nach dem Täter und möglichen Komplizen wird zurzeit noch gefahndet.

Wer sind die Opfer?

14 Frauen und 25 Männer sind tot. Unter den 39 Opfern seien 26 Ausländer und zwölf Türken, teilte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu mit. Unter den Opfern sollen auch zwei Deutsche aus Bayern sein. Die meisten Opfer stammen aus dem arabischen Raum.

Wer war der Attentäter?

Der Attentäter, der bei der Tat ein grünes Hemd, eine dunkle Hose und schwarze Stiefel trug, traf mit einem Taxi aus dem Stadtteil Zeytinburnu bei der Istanbuler Nobeldisco Reina ein. Insgesamt habe der Mann, der laut Augenzeugen im Umgang mit seiner Waffe geübt gewirkt hat, 180 Schüsse abgegeben und sechs Mal das Magazin gewechselt. Medienberichten zufolge nahm die Istanbuler Polizei bisher acht Verdächtige fest. Sie stünden im Zusammenhang mit dem Massaker. Vom Täter, der nach der Tat in der Disco noch die Kleidung gewechselt hat, fehlt weiter jede Spur.


Blumen für die Toten. Eingang zur Nobeldisco Reina.

Wer profitiert indirekt von dem Anschlag?

Erdogan: Die neuerliche Attacke gibt Erdogan noch mehr Raum, das harte Vorgehen gegen seine Gegner durchzusetzen: die Anhänger Fetullah Gülens. Für viele Türken ist es jedoch gerade diese autoritäre Politik, die die Gesellschaft in der Türkei weiter polarisiert. Die Gräben zwischen säkularen und frommen Schichten haben sich unter Erdogan vertieft. Wie die „New York Times“ berichtet, kam vor allem aus islamistischen Gegenden der Türkei Kritik am Neujahrsfest: Es passe nicht zur türkischen Kultur. Diese Linie wurde auch von der Regierung unterstützt. Auch der „Islamische Staat” sprach in seinem Bekennerstatement von einem Fest der Ungläubigen. Weiters beschuldigte er die Türkei, durch ihre Attacken in Syrien das Blut von Muslimen zu vergießen.

Russland: Nach dem Anschlag und dem Mord des russischen Botschafters in der Türkei durch die Terrorgruppe Fatah-al-Sham-Front sehen sich Russlands Wladimir Putin und Erdogan in ihrem gemeinsamen Vorgehen gegen den IS und andere Gruppen in Syrien bestärkt.

Andere Reiseziele: Die Türkei erlebte dieses Jahr einen dramatischen Rückgang im Tourismus. Nach mehreren Anschlägen und einem gescheiterten Putschversuch sind die Besucherzahlen 2016 um rund 31 Prozent zurückgegangen.

Wie reagiert Erdogan?

"Sie wollen die Moral unseres Landes zerstören und Chaos verbreiten," so der türkische Präsident nach den Anschlägen. Mit allem Nachdruck, bis zum endgültigen Sieg, werde man den Terror gnadenlos bekämpfen. Viel Spielraum hat Erdogan jedoch nicht. Denn obwohl er seit dem Putschversuch im Sommer beinahe die Alleinherrschaft im Land hat, hat sich die Situation tendenziell verschlechtert. Im Blickpunkt der Politik Erdogans stand die Verfolgung von kurdischen Politikern, Journalisten und Intellektuellen. Den Terror der Silvesternacht hat Erdogans autokratisches Vorgehen – wenig überraschend – nicht verhindert. Der türkische Premier Binali Yildirim erklärte, dass der Kampf gegen die Terrororganisationen PKK, IS und die Gülen-Bewegung weiterlaufen werde. Insbesondere im Hinblick auf die Militäroperationen in Syrien werde es keine Veränderungen geben. Ob das Fortführen dieser Strategie aber zukünftige Anschläge verhindern wird, ist mehr als zweifelhaft.

Wer steckt hinter den bisherigen Attentaten in der Türkei?

In der türkischen Metropole hat es zuletzt vor drei Wochen einen Bombenanschlag gegeben. Dabei wurden mehrere Dutzend Menschen getötet, darunter vor allem Polizisten und Soldaten. Zu der Tat bekannte sich eine radikale Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Zu dem Attentat in der Silvesternacht bekannte sich bereits zwei Tage später die Terrormiliz „Islamische Staat“. Der IS fackelt normalerweise nicht lange, wenn es darum geht, die Verantwortung für einen Anschlag zu übernehmen. In der Türkei war das bisher anders. Der Angriff auf den Istanbuler Flughafen im vergangenen Jahr und weitere Bluttaten wurde der Terrormiliz zugeschrieben, die davon aber nichts wissen wollte. Eines scheint klar. Mit der Zurückhaltung ist jetzt vorbei. Der „Islamische Staat“, der zurzeit um seine Stellung im Nahen Osten kämpft, geht nach dem Terroranschlag von Berlin weiter in die Offensive.