US-Wahlen: Das größte TV-Duell der Geschichte

Clinton debattiert mit Trump: Politik wird auch vorkommen

Clinton debattiert mit Trump: Politik wird auch vorkommen

Politik wird am Montagabend beim voraussichtlich größten TV-Duell aller Zeiten keine sehr große Rolle spielen. Worauf es ankommt, wenn Donald Trump und Hillary Clinton einander in die Augen sehen.

An diesem Montagabend, um 21 Uhr Ortszeit, steigt in der Hofstra Universität in Long Island, New York, die vielleicht größte Show aller Zeiten, gemessen an den TV-Einschaltquoten. 100 Millionen Zuseher und mehr werden dem Kampf des Jahrhunderts zugetraut. Möglicherweise bleibt das Event damit knapp hinter den Werten der Super Bowl – dem Finale der US-Football-Profi-Liga – zurück (2015 sahen 111,9 Millionen Amerikaner das Spiel der Denver Broncos gegen die Carolina Panthers). Während jedoch bei der Super Bowl ein paar Dutzend Männer im besten Alter und in bester Verfassung gegeneinander antreten, stehen sich beim Duell am Montag Abend zwei Personen im Rentneralter gegenüber. Doch diese Paarung gilt jetzt schon als historisch. Vergesst Nixon–Kennedy, Ford–Carter oder Obama–Romney. Hier kommen die ungleichsten, die inkompatibelsten, die unbeliebtesten, die erbittertsten Kontrahenten aller Zeiten: Hillary Diane Rodham Clinton versus Donald John Trump.

Jedes Duell in einem Präsidentschaftswahlkampf wird zum Kampf der Extreme ausgerufen, doch diesmal hat diese Behauptung große Berechtigung: Der Polterer gegen die Diplomatin; das Bauchgefühl gegen den Intellekt, der Umsturz gegen das System. „Materie trifft Anti-Materie“, urteilt das US-Magazin „The Atlantic“.

Doch während begabte Physiker die Folgen einer Begegnung von Materie und Anti-Materie im Voraus berechnen könnten, entzieht sich der Zusammenprall von Trump und Clinton allen Prognosen. Die „New York Times“ übt sich in staatstragendem Demokratie-Bewusstsein und ruft ihre Leserschaft online dazu auf, aus 15 Fragen, die das Editorial Board der Redaktion verfasst hat, jeweils drei auszuwählen, die von den beiden Kandidaten beantwortet werden sollen. Zum Beispiel diese: „Die Rassenunterschiede in Bezug auf Polizei und Politik scheinen größer denn je. Wie könnte der nächste Präsident dazu beitragen, dies zu ändern?“

Eine gute und wichtige Frage, aber es ist nicht anzunehmen, dass Donald Trump seinem bisherigen Stil untreu wird und brav ein paar Punkte aufzählt. Was wird er tun? Von etwas ganz anderem reden? Stänkern? Brüllen? BRÜLLEN? Und wie wird Clinton, die Bestvorbereitete, darauf reagieren?

Die Unvorhersehbarkeit des Verlaufs und die ausgezeichneten Chancen auf einen Eklat sind die besten Argumente dafür, dass mehr als 100 Millionen Amerikaner und viele weitere Millionen Nicht-Amerikaner die Debatte live verfolgen werden. Sehr wohl vorhersehbar hingegen sind die Ebenen, auf denen das Match entschieden wird, und das werden nur zu einem geringen Teil politische Probleme und deren Lösungen sein. Das Erstaunlichste: Wer die Debatte gewonnen haben wird, kann zu einem Gutteil vorhergesagt werden. Aber dazu ganz am Ende.

Runde Eins: Die Erfahrung

Clinton
Dieser Teil des Rennens scheint bereits gelaufen: Hillary Clinton, ein lange gedientes politisches Schwergewicht, hat unzählige Zweier-Debatten hinter sich, darunter zuletzt fünf gegen ihren innerparteilichen Vorwahl-Gegner Bernie Sanders, weitere fünf im Laufe des Wahlkampfs 2008 gegen Barack Obama und noch einige weitere während ihrer Kandidatur für den Senatssitz von New York im Jahr 2000. Clinton weiß, wie Zweier-Duelle funktionieren, und sie ist geradezu prädestiniert für die tiefer gehenden Fragen und Nachfragen in diesem Format, denn Detailwissen ist eine ihrer Stärken.

Trump
Donald Trump kann da zunächst nicht mit. Der politische Quereinsteiger stand noch nie einem einzigen Kontrahenten – oder einer Kontrahentin – gegenüber. Seine Strategie in den mehrköpfigen Debatten war es, aus dem Hinterhalt mit einem eingängigen, manchmal schnoddrigen, manchmal beleidigenden Satz die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne ein Thema lange auszuführen.
Allerdings ist Trump nicht eben ein Newcomer, was den Umgang mit Kameras betrifft. Als Reality-TV-Star war er der allmächtige Gastgeber der Spiel-Show „The Apprentice“ (der Lehrling), bei der in mehreren Folgen aus einer Gruppe von Kandidaten eine Person herausgefiltert wird, die am Ende einen Ein-Jahres-Vertrag in einem Unternehmen von Trump erhielt. Legendär sein Satz „You’re fired!“ (Du bist gefeuert), mit dem er das Ausscheiden von Kandidaten verkündete. TV-Stationen in den USA wissen: Trump macht Quote. Er versteht es, mit dem Publikum zu kommunizieren. Mit Politik hat das nichts zu tun, doch bei einer TV-Debatte geht es vor allem darum, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen.

Herausforderer Trump, der in den Umfragen zurückliegt, kann bei den Debatten mehr gewinnen als Clinton: Er muss beweisen, dass er „big enough“ ist, um ins Weiße Haus einzuziehen. Allein der Auftritt als Clintons Gegenüber hilft ihm dabei.

Runde Zwei: Das Temperament

Clinton
„Ich bin kein Showman wie mein Gegner, und ich finde das ganz okay so“, sagte Clinton kürzlich und sprach damit aus, was schon davor nicht eben ein gut gehütetes Geheimnis war. Die Ex-Außenministerin brilliert in heiklen Situationen, etwa bei ihrer Befragung im Kongress über die Attacke in Benghazi, Libyen, wo 2012 vier US-Amerikaner starben, darunter der Botschafter. In elf Stunden Quasi-Verhör zeigte Clinton, der die dramatischen Folgen des Anschlags angelastet werden, keine Schwäche. Sympathien zu wecken oder wie der sprichwörtliche „Next-Door-Neighbour“ rüberzukommen, ist hingegen nicht Hillarys Ding. Wohlmeinende Kommentatoren raten der Demokratin, Trump mehr oder weniger subtil zu provozieren und sich so dessen überschäumendes Temperament zunutze zu machen. James Fallows, ehemaliger Redenschreiber von US-Präsident Jimmy Carter, gibt Clinton den Tipp, Trump als Pseudo-Milliardär und windigen Geschäftsmann bloßzustellen. Das werde den auf seinen Reichtum stolzen Kandidaten aus der Fassung bringen.

Trump
Die Gegenseite setzt ironischerweise auf dieselbe Strategie. Clinton sei „außerordentlich reizbar“, schreibt eine Kommentatorin der Trump nahestehenden Zeitung „Washington Times“. Sie habe bisher keine harte Wahlauseinandersetzung bestehen müssen, und wenn es Trump gelänge, sie aus der Reserve zu locken, könne er ihr eine sarkastische Antwort entlocken und so „die verhätschelte Elitäre hinter dem gefrorenen Lächeln enthüllen“. Wobei schon diese Anleitung eher nach einem geifernden Trump klingt als nach einer explodierenden Hillary.

Runde Drei: Das Geschlecht

Clinton
Es ist längst keine Neuigkeit mehr, und doch von Belang: Hillary Clinton ist die erste Frau, die sich in einem TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten behaupten muss. Das Magazin „The Economist“ beschreibt den Balance-Akt der Kandidatin, „die Amerika überzeugen muss, dass sie eine Frau mit Herz ist und gleichzeitig so taff wie man nur sein kann“. Von ihrem Widersacher Trump wurde Clinton zu Beginn des Wahlkampfs gehänselt, dass sie ja bloß die „Frauen-Karte“ ausspiele und „als Mann auf keine fünf Prozent der Stimmen käme“. Clinton hat als Frau immerhin den Vorteil, dass Untergriffe sexistischer Natur bei einem Gutteil der Bevölkerung – vor allem bei Frauen – nach hinten losgehen und Trump schaden. Indiz dafür ist der enorme Vorsprung, den die Demokratin bei Frauen hat.

Trump
Donald Trump ist nicht bloß ein Mann, sondern einer, der so ziemlich alle Vorurteile gegenüber seinem Geschlecht bestätigt. Er agiert rücksichtslos, laut, beleidigend, macht sexistische Witze… Kann jemand wie er die feine Grenze zwischen unsympathischer Überheblichkeit und subtiler Dominanz finden? In Frankreich gelang dies 2007 Nicolas Sarkozy, der im TV-Duell Ségolène Royal gegenübersaß. Die Sozialistin überkam in der Hitze der Diskussion der Ärger. Royal rechtfertigt sich: „Es gibt Zorn, der absolut gesund ist.“ Sarkozy kontert gelassen: „Ich bin Ihnen deshalb nicht böse, es kann jedem passieren, dass er sich mal aufregt.“ Die Zeitungen titeln: „Royal regt sich auf“.

Runde Vier: Die Angriffsflächen

Clinton
Hillary Clinton hat in fast vier Jahrzehnten im Licht der Öffentlichkeit durchaus einige Kontroversen aufzuweisen. Allerdings ist wohl das allermeiste davon zu oft und ausführlich abgehandelt, um in der Debatte großen Eindruck zu machen. Clintons potenzielle Achillesferse ist seit ihrer kurzen Krankheitsepisode mit Kreislaufzusammenbruch und Lungenentzündung ihre Fitness. Trump ist es zuzutrauen, abfällige Bemerkungen über ihre köperliche Tauglichkeit als Präsidentin zu machen, selbst wenn Clinton bei der Debatte vor Energie sprühen sollte. Die 68-Jährige darf sich keinen Anflug von Müdigkeit erlauben.

Trump
Donald Trump kann man so viele berechtigte Vorwürfe machen, dass es schwer fällt, die vielversprechendsten herauszufiltern. Die Tatsache, dass er sich beharrlich weigert, seine Steuererklärungen der vergangenen Jahre zu veröffentlichen, könnte ihn – wiewohl nicht neu – in eine unangenehme Situation bringen. Er, der Clinton bezichtigt, unehrlich – „crooked“ – zu sein, muss erklären, wieso er das Geheimnis um seine Steuern nicht lüftet, wenn er nichts zu verbergen hat. Allerdings weiß Trump natürlich längst, dass er diese Attacke parieren muss. Das Ziel ist, ihn möglichst lange damit zu behelligen.

Runde Fünf: Die Politik

Clinton
Sie wird vorkommen, aber eine inhaltliche Diskussion ist selten das, was von einer Debatte tags darauf hängen bleibt. Es gibt wohl kein politisches Thema, zu dem Hillary Clinton nicht schon irgendwann in ihrer Laufbahn ihren Standpunkt präsentiert hätte, und das auf denkbar fundierte Weise. Sie kann Trump wahrscheinlich auf jedem Gebiet mit Sachkenntnis schlagen. Ihr Problem ist, dass sie sehr lange als Senatorin und Ministerin Verantwortung hatte: Sie gilt als Vertreterin dessen, was Kritiker „das System“ nennen. Von den Terrorgesetzen bis zum Freihandel, von der Ungleichheit bis zur Kriminalität – Clinton hat vieles mitgetragen und mitgestaltet.

Trump
Donald Trump ist ein Meister darin, lautstark ein Problem zu benennen und gleichzeitig völlig unklar zu lassen, wie er es lösen möchte. Ein Beispiel: Die Situation der Afro-Amerikaner. „Schrecklich“, sei die, sagt Trump und wiederholt: „Schrecklich.“ Um danach zu versprechen: „Ich werde das in Ordnung bringen!“ (Mehrmalige Wiederholung). Schließlich die entwaffnend ehrliche Antwort darauf, weshalb die Bevölkerung ihm das zutrauen sollte: „Was habt ihr zu verlieren?“ (Mehrmalige Wiederholung.) Trump hat keine wie immer geartete Antwort, außer die, dass er auf irgendeine – und zwar auf seine! – Weise anders handeln wird.

Der Sieg

Wer wird den Kampf des Jahrhunderts gewinnen? Darauf gibt es mehrere Antworten: Nate Silver, der Guru unter den Wahlprognostikern, schrieb schon 2012, dass die TV-Duelle „einen bescheidenen Impact“ haben. Er nennt zwei Beispiele, bei denen ein Kandidat nach dem TV-Duell den anderen überholte: Ronald Reagan (1980, gegen Jimmy Carter) und George W. Bush (2000, gegen Al Gore). Und schließlich eine statistisch gut belegte Wahrheit: Die erste TV-Debatte hilft fast immer dem Herausforderer, und in der aktuellen Konstellation gibt wohl Quereinsteiger Trump diesen Part.

Zur Frage, wie man eine Debatte gewinnt, ist eine Studie erhellend, die belegt, dass generell schlecht informierte Zuseher sich von dem Äußeren der Kandidaten stark beeinflussen lassen, und zwar, je mehr TV sie insgesamt konsumieren. Das Bild eines Kandidaten kann von einer Sekunde auf die andere beschädigt sein: Legendär etwa der Moment, als George Bush während der Debatte mit Bill Clinton auf die Uhr sah. Im allerersten TV-Duell der US-Geschichte sah Richard Nixon sehr schlecht aus, und John F. Kennedy großartig – was sich beim Vergleich der Meinungen von TV-Zusehern und Radio-Hörern stark niederschlug.

Und jetzt die Auflösung: Hillary Clinton wird die Debatte am Ende gewonnen haben – falls Sie bereits jetzt Clinton-Anhänger sind. Der Trost für Trump-Fans: In Ihren Augen wird Trump der Sieger sein.
Auch das bestätigt die Statistik.
Und Action.