Wie gefährlich ist der Islam? Über die Sinnhaftigkeit liberaler Religionskritik

Wie gefährlich ist der Islam? Über die Sinnhaftigkeit liberaler Religionskritik

Robert Treichler über die Sinnhaftigkeit liberaler Religionskritik am Beispiel des profil-Covers der vergangenen Woche und der Empörung darüber.

Wenn profil Religionskritik übt, geht das üblicherweise schief - jedenfalls aus Sicht des betreffenden Allmächtigen und seiner irdischen Heerscharen. Das muss so sein, denn ein Magazin, das sich als aufklärerisch versteht, ist der natürliche Feind der ewigen Wahrheiten und des Gehorsams. Und so wird unsere Religionsberichterstattung seit jeher verlässlich von Zorn begleitet und profil mal als Hetzblatt im Stil des nationalsozialistischen "Stürmer“, mal als Ansammlung "kryptobolschewistischer Henkersknechte“ bezeichnet. Anlass für die wüsten Reaktionen waren in der Vergangenheit meist Storys über die katholische Kirche, denn deren Wirken hinterließ in unserem Kulturkreis jahrhundertelang die kritikwürdigsten Spuren.

Vergangene Woche wiederholte sich die Geschichte - aber mit neuen Akteuren. Das profil-Cover über die Attentate von Paris zeigte ein Foto einer Anschlagsszene, dazu die Titelzeile: "Was den Islam gefährlich macht“. Es hagelte Empörung. In den sozialen Netzwerken wurde erwogen, profil wegen Paragraf 283 StGB (Verhetzung; Aufruf zu Gewalt gegen eine Kirche oder Religionsgesellschaft) anzuzeigen - profil habe Muslime und Attentäter gleichgesetzt.

Das haben wir nicht. Nicht einmal, wenn man jeglichen Kontext außer Acht lässt - und dazu gehören die durchgängig anti-rassistische Haltung des profil sowie 17 Seiten Berichterstattung zum Cover-Thema in derselben Ausgabe -, kann man diese Aussage konstruieren. Sie wäre auch unsinnig. Der Befund lautet vielmehr: Vom Islam geht derzeit Gefahr aus, und Terror ist eine dieser Gefahren. Salman Rushdie, wegen seines Romans "Die satanischen Verse“ 1989 mit einer Todes-Fatwa belegt, formulierte es vergangene Woche anlässlich der Verleihung des britischen PEN Pinter Preises so: Man müsse auch andere Religionen auf Extremismus überprüfen, aber "die überwältigende Last des Problems liegt in der Welt des Islam“.

Dabei geht es nicht nicht bloß um den winzigen Anteil der Terroristen unter den Muslimen, der Gewalttaten verübt. Der Islam entwickelte sich in wesentlichen Teilen seines Verbreitungsgebietes zu einer brutalen Ideologie. In mehreren islamischen Staaten etwa wird die Religion mit grausamen Methoden vor Kritik bewahrt: Todesstrafe, Körperstrafen oder langjährige Haftstrafen wegen Apostasie und Blasphemie sind die Regel. Das ist eines der erschreckenden Symptome für die Illiberalität des Islam, wie er sich derzeit darstellt. "Islamischen Staatsterrorismus“ nennt Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit“, die Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi, den die saudi-arabische Justiz der Blasphemie für schuldig befunden hat.

In welcher Beziehung stehen die gewalttätigen islamistischen Auswüchse zu den islamischen Gesellschaften? Abdul Rahman al-Raschid, einer der angesehensten arabischen Journalisten, schreibt in der in London erscheinenden arabisch-sprachigen Tageszeitung "Asharq al-Awsat“: "Die Geschichte des Extremismus beginnt in muslimischen Gesellschaften. Durch ihre Unterstützung und ihr Schweigen hat er sich zu einem Terrorismus ausgewachsen, der Menschen Schaden zufügt.“

Die Einstellung vieler Muslime zur Scharia, dem islamischen Gesetz, ist ein beunruhigendes Beispiel. In vielen islamisch dominierten Staaten spricht sich laut einer Umfrage des Pew Research Center eine Mehrheit für die Einführung der Scharia als nationales Recht aus - wenn sie das nicht bereits ist. Unter diesen Muslimen ist wiederum ein großer Anteil zum Beispiel dafür, als Strafe für Ehebruch die Steinigung anzudrohen (Pakistan: 89 Prozent, Ägypten: 84 Prozent, Jordanien: 67 Prozent). Auch die Todesstrafe für das Abfallen vom Islam findet unter den Scharia-Befürwortern mancher Länder große Zustimmung.

Kann man aus solchen Fakten die Behauptung ableiten, der Islam sei gefährlich? Ja.

Nein, entgegnen viele und bringen mehrere Einwände vor: Es sei prinzipiell irrig, von "dem Islam“ zu sprechen, denn was hätten etwa pakistanische Fundamentalisten mit muslimischen Gläubigen in Europa gemein?

Doch da es nun einmal keine gültige Definition von "Islam“ gibt und auch keine oberste Instanz, von der man eine solche einfordern könnte, ist der Islam das, was seine wesentlichen Strömungen, islamische Staaten, islamische Gelehrte und große Teile der 1,6 Milliarden Gläubigen in religiösen - und religionspolitischen - Angelegenheiten vertreten und tun und wie sie den Koran in die Realität umsetzen. Ähnlich verfährt man auch bei der Beurteilung anderer Glaubensrichtungen und Ideologien.

Den Islam jetzt für gefährlich zu halten, heißt weder, alle seine Anhänger zu brandmarken, noch, die Religion für immer als Gefahr einzustufen, zumal sie in der Vergangenheit phasenweise weit liberaler war als etwa zur selben Zeit das Christentum. Nicht zufällig urteilte Fuat Sanac, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, vergangene Woche im profil-Interview: "Die Muslime erleben heute gewissermaßen die Zeit des europäischen Mittelalters.“ Damit stellt er seiner Religionsgemeinschaft einerseits ein vernichtendes Zeugnis aus, verweist jedoch zugleich auf die Wandelbarkeit des Islam. Merke: Ewige Wahrheiten werden ohne Ablaufdatum ausgeliefert, aber sie haben eines. So war das im Falle christlicher Inquisition, und so wird es auch beim islamischen Fundamentalismus, dem Wahhabismus und dem Salafismus sein.

Ein weiterer Einwand lautet, die meisten Opfer des Terrors seien selbst Muslime. Nicht nur das. Auch die Opfer unmenschlich harter Apostasie-, Blasphemie- und anderer Religionsgesetze sind mehrheitlich Muslime. Das ist allerdings nur ein weiterer Beweis für die Brutalität der Religionspraxis in Teilen des Islam.

Das profil-Cover wurde auch dafür kritisiert, dass es ohne Kontext für den sprichwörtlichen "muslimischen Gemüsehändler“ missverständlich sei. Auch das stimmt. Das gilt allerdings auch für die Cover von "Charlie Hebdo“ und vieler anderer Magazine - und lässt sich kaum ändern.

Und noch zwei Vorwürfe richten sich gegen Islamkritik: Sie sei anders zu bewerten als etwa Kritik am Christentum, weil es sich um einen Glauben einer hiesigen Minderheit handle. Und: In Europa formulierte Islamkritik passe nur allzu gut in die ausländerfeindliche, islamophobe Propaganda rechtspopulistischer Parteien.

Religionskritik, wie profil und andere Medien sie betreiben, nimmt keine besondere Rücksicht auf religiöse Gefühle und lässt auch Respekt vor metaphysischen Entitäten vermissen. Religiöse Gedankengebäude und deren Vertreter genießen in einem liberalen Medium keine Sonderbehandlung, egal, woher sie kommen.

Fühlen sich dadurch auch unschuldige Gläubige oder Kleriker betroffen? Wahrscheinlich. Als die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik wurden, musste sich die Kirche den Vorwurf gefallen lassen, aufgrund ihrer überkommenen Sexualmoral, wegen des rigiden Zölibats und aufgrund mangelnder Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden strukturell für Kindesmissbrauch verantwortlich zu sein. Untadelige Priester empfanden solche Kritik wohl als Zumutung, gerechtfertigt war sie dennoch.

profil übt an allen Religionen Kritik und präsentiert diese auf der Titelseite entsprechend plakativ: "Der Geheimdienst Gottes - die unheimliche Macht der katholischen Sekten“ lautete der Titel einer passenderweise im "Weihnachtsdoppelheft“ publizierten Coverstory im Jahr 1998. Zuletzt (profil Nr. 3/2014) wurden die orthodoxen Kirchen einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen. Fazit: "Politischer Extremismus, Veruntreuung, Kindesmissbrauch, Schwulenhatz.“ Unter der Schlagzeile "Buddhas Faschisten“ (profil Nr. 1/2015) wurden die Umtriebe rechtsradikaler Mönche in Sri Lanka beschrieben. Katholische, orthodoxe und buddhistische Gläubige brauchen sich deshalb nicht an den Pranger gestellt zu fühlen, ebenso wenig wie jetzt die Muslime. Es hat nichts mit einem Generalverdacht gegenüber Gläubigen zu tun, wenn eine Religion journalistisch hinterfragt wird.

Kritik an Religionen ist in liberalen Medien wie profil nicht von der Verteidigung einer "eigenen“ Religion motiviert. Deshalb können religiöse Minderheiten umgekehrt auch darauf vertrauen, dass sie in denselben Medien, die ihre Religion kritisieren, verteidigt werden, wenn man sie diskriminiert oder dämonisiert - im Fall der Muslime etwa durch Diskussionen über ein Minarett-Verbot oder durch ein Islamgesetz, das ihnen Auslandsfinanzierung verbietet, während anderen Glaubensgemeinschaften dies nicht untersagt wird ( siehe profil Nr. 42/ 2014 ).

Diese Grundhaltung unterscheidet liberale Religionskritik von rechtspopulistischen Attacken auf den Islam. Es ehrt Verteidiger der muslimischen Minderheit in Europa, dass sie auch im Falle von profil befürchten, Kritik am Islam könnte von rechtem Gedankengut genährt sein. Falsch ist es trotzdem. Vor einer Islamisierung Europas zu warnen, ist "Unfug“, schrieb profil vergangene Woche.

Können ausländerfeindliche Politiker wie Marine Le Pen ihre Anti-Islam-Hetze mit dem Hinweis auf Religionskritik von liberaler Seite immunisieren? Nein. Die beiden Akteure haben gänzlich verschiedene Motive und gelangen folgerichtig zu völlig unterschiedlichen Schlüssen. Während Le Pen & Co die Zahl von Muslimen in Europa mit Einwanderungsstopp reduzieren wollen, weil sie Muslime für verdächtig und nicht integrierbar halten, unterscheidet profil klar zwischen struktureller Kritik und eigenverantwortlichen Individuen.

Religionskritik ist keine einfache Sache, beim Allmächtigen!

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