Weizenähren auf einem Feld

Weizenähren auf einem Feld

© APA/dpa/Martin Gerten

Faktencheck
03/14/2022

Falsch: „Wochenblick” warnt wegen Ukraine-Krieg vor „Hungersnot" in Österreich

Laut dem rechten Medium steuert Europa auf eine Hunger-Krise zu. Gleichzeitig ruft man zum Preppen, also zum Bunkern von Lebensmitteln, auf – mit falschen Behauptungen.

Von Magdalena Riedl

Die Preise für Weizen und Mais explodieren! Europa steuert auf eine Hunger-Krise zu.

„Bald Hungersnot in Europa? Immer mehr Länder verbieten Getreide-Exporte", „Wochenblick", 7. März, 2022

Der Ukraine-Krieg kennt nur Verlierer: Tote, Verletzte, Vertriebene. Es gibt aber Manche, die in der Krisensituation ein großes Geschäft wittern: Das Geschäft mit der Angst. Verschwörungstheoretische Medien warnen derzeit vor allen möglichen Katastrophen: Vor einem Blackout, vor einem Finanzcrash, vor einer Hyperinflation – und vor einer Hunger-Krise" in Europa. Viele dieser Horrorstorys, die freilich wenig Tatsachensubstrat haben, enden mit Kaufempfehlungen für spezielle Produkte, die angeblich vor den jeweiligen Krisen schützen – hinter deren Verkauf aber vor allem ein Ziel steckt: Geld zu machen.

 „Sorgen auch Sie vor!“

So prognostiziert der FPÖ-nahe „Wochenblick“ am 7. März, Europa stehe vor einer Lebensmittelknappheit. Noch im selben Artikel regt man an, sich eine Getreidetrommel zuzulegen, um den privaten Kornvorrat produktgerecht einlagern zu können. Ebenfalls im Sortiment: Ein „einfach zu reinigender Brotbackofen“ und die „Selbstversorger-Bibel“, eine „Bauanleitung für Ihre ganz private Arche Noah“. Ähnliches spielt sich im Online-Shop des rechtslastigen oberösterreichischen TV-Senders AUF1 ab: Reihenweise Produkte unter der Kategorie „Krisenvorsorge“ (etwa Emergency-Food – 7 Tage Notvorrat um 99,90 Euro oder Dosenbrot um 7,90 Euro) sind mittlerweile ausverkauft.

Prepping zur Krisenvorsorge hatte bereits während der Coronapandemie Hochkonjunktur. Jetzt profitiert der Preppermarkt vom Krieg in der Ukraine – und wird durch das Streuen von Desinformation durch verschwörungstheorieaffine Medien noch befeuert.

Niemand bestreitet, dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine massive Folgen für die Preise von Treibstoff und Lebensmitteln hat. Aber droht in Europa - und speziell in Österreich - wirklich ein Versorgungsengpass? Oder noch schlimmer, eine Hungersnot, wie der Wochenblick" behauptet? Die Lage ist angespannt, aber Horrormeldungen wie diese halten Experten für weit überzogen.

Österreich: Grundversorgung gesichert

„Die Notwendigkeit zu Preppen sehe ich in Österreich absolut nicht gegeben“, sagt Ferdinand Lembacher, Generalsekretär der Landwirtschaftskammer. „Insbesondere was die Grundnahrungsmittel angeht, haben wir in Österreich eine gute Versorgung – in vielen Teilen sind wir relativ autonom.“ Laut dem französischen Analystenhaus Stratégie Grains produziert die EU-27 rund 130 Millionen Tonnen Weizen jährlich, wovon etwa 100 Millionen Tonnen in der EU verarbeitet und 30 Millionen exportiert werden. „Das heißt, bei Weizen erzielt die EU Überschüsse und ist Netto-Exporteur“, erklärt die Raiffeisen Ware Austria, Großhandels- und Dienstleistungsunternehmen der österreichischen Lagerhaus-Genossenschaften. Auch beim Mais sieht der Großhändler keine Knappheit: Rund 66 Millionen Tonnen jährlich produziert die EU, zusätzlich muss sie etwa 10 Millionen importieren. „Aber bei einer weltweiten Produktion von etwa 1.200 Millionen Tonnen Mais wird sich das ausgehen.“ Außerdem: Im Gegensatz zu anderen EU Mitgliedsstaaten, insbesondere osteuropäischen, importiert Österreich keinen Mais aus der Ukraine. „Östliche EU-Staaten kriegen traditionell viel ukrainischen Futtermais. Da wird die Frage sein, wie die das kompensieren können – und in der Folge ist hier natürlich auch mit Preissteigerungen beim Fleisch zu rechnen“, sagt Christian Gessl, Abteilungsleiter der Agrarmarkt Austria.

Anfällig für geringere Importzahlen ist Österreich stattdessen bei Ölsaaten und Futtermittel. Potenzielle Ausfälle können laut Landwirtschaftsministerium allerdings kompensiert werden. Erhöhte Preise im Ackerbau sind bereits seit dem Vorjahr ein Problem. Jetzt werden sie durch den Krieg in der Ukraine noch verstärkt. Auch die gestiegenen Energiekosten wirken sich auf die Preisgestaltung aus: Etwa 80 Prozent der Düngerkosten für den Anbau sind eigentlich Gaskosten.

Doch auch wenn die Preise für agrarische Produkte und deren Vorleistungen steigen, soll sich das nur sehr begrenzt auf die Endverkaufspreise von Lebensmitteln im Supermarkt auswirken. Wifo-Agrarökonom Franz Sinabell erklärt: „Die Kosten für Rohstoffe liegen für die meisten Konsumgüter im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Anteil von Gerste in einem Krügerl Bier kostet einen Cent. Selbst wenn sich das verdoppelt, ist das nicht besonders dramatisch.“ Spürbarer würde die Preissteigerung bei weiter verarbeiteten Produkten. Auslöser auch hier: die hohen Energiekosten. „In der Lebensmittelwirtschaft setzen relativ viele Unternehmen Gas ein, etwa zum Pasteurisieren. Lebensmittel werden halbfertig gekocht und dann tiefgefroren. Das ist alles sehr energieintensiv.“

faktiv hat auch für den – sehr unwahrscheinlichen – Notfall nachgefragt: Was nützen volle Supermärkte, wären die Preise so hoch, dass man sich den Einkauf nicht mehr leisten könnte? „In diesem Fall gibt es verschiedene Interventionsmaßnahmen, die man europäisch aber auch national ergreifen kann“, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Im äußersten Krisenfall könne man mit Subventionen, Steuerreduktion und anderen Lenkungsmaßnahmen wie kurzfristigen Preisdeckeln reagieren. Damit es erst gar nicht so weit kommt, wurde nun im Ministerium ein Krisenstab eingerichtet, der sich mit der Sicherung von Lebens- und Betriebsmittelversorgung auseinandersetzt.

Der Agrarökonom Sinabell resümiert: „Wenn es um Hunger geht, mache ich mir für Österreich noch lange keine Sorgen. Wenn es um Komfort und Leistbarkeit geht: Ja, das werden wir in Mitteleuropa ein bisschen zu spüren bekommen.“

Wen der Hunger wirklich trifft

Anders sieht es in der Ukraine aus. Das Welternährungsprogramm (WFP) warnt vor der zunehmend schwierigeren Lebensmittelversorgung in den Kriegsgebieten. Vor allem in den ukrainischen Städten Kiew und Charkiw hat man mit Engpässen zu kämpfen: Lebensmittel und Trinkwasser werden knapp, schreibt das WFP. „Wir sollten uns darauf einstellen, dass wir die Ukraine über ein oder zwei Jahre mitversorgen müssen“, prognostiziert Sinabell.

Weil die Ukraine wirtschaftliches Gewicht am Weltmarkt hat, reicht das Versorgungsproblem auch über ihre Grenzen hinaus. Global betrachtet ist sie die viertgrößte Exportnation. Rund 11 Prozent des Weltmarkts für Weizen, 16 Prozent für Gerste, 15 Prozent für Mais, 16 Prozent für Raps, 50 Prozent für Sonnenblumenöl, 9 Prozent für den Handel mit Sonnenblumenkernen und 61 Prozent für Sonnenblumenkuchen kommen aus der Ukraine. Insbesondere der arabische, nordafrikanische und asiatische Raum hängen stark von ukrainischen Exporten ab – und werden von ihrem Wegfallen massiv betroffen sein.

Am stärksten leiden an den rasant ansteigenden Weltmarktpreisen werden arme Länder. „Schon jetzt sieht man, dass künftige Lieferungen im März, April oder Mai sehr teuer sind. Weizen wurde 2020 um 200 Euro je Tonne gehandelt. Am Mittwoch war der Preis bei über 400 Euro. Wenn das in den nächsten Monaten so bleibt, werden sich viele Menschen in den ärmeren Teilen der Welt die Nahrung nicht mehr leisten können“, so Sinabell. 

Bereits vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine verzeichnete man global 811 Millionen Menschen, die an Hunger leiden. Krisen wie die Coronapandemie, die Klimakatastrophe und der Krieg in der Ukraine befeuern derartige Entwicklungen.

Auch in Österreich wäre eine Preissteigerung im Lebensmittelsektor für einen Teil der Bevölkerung eine schwere Belastung. Laut Statistik Austria galten 2020 ganze 17,5 Prozent der österreichischen Bevölkerung als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Für viele von ihnen ist eine ausgewogene Ernährung schon jetzt nicht leistbar.

Fazit

Abgesehen vom großen Leid der ukrainischen Bevölkerung mutet der Angriffskrieg auf die Ukraine auch dem Weltmarkt und insbesondere armen Ländern zu. Die Aussage des „Wochenblick“, wonach Europa auf eine „Hungersnot“ zusteuere, ist insgesamt aber als falsch zu bewerten. Die zentraleuropäische und österreichische Lebensmittel-Grundversorgung ist nach wie vor sichergestellt.