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Faktencheck
10/01/2021

Innsbrucker Studie ist kein Beleg, dass Impfung Entzündung auslöst

Das Portal „Transparenztest“ macht mit einer Studie der MedUni Innsbruck Stimmung gegen die Corona-Impfung. Doch die Studie wurde völlig falsch interpretiert, bestätigt deren Autor.

von Jakob Winter

Impfen, Impfen, Impfen ... Das scheint momentan die Strategie der Politik in vielen Ländern zu sein. (…) Wenn sich jetzt Hinweise verdichten, dass hohe Antikörpertiter mit autoimmunen Reaktionen (…) zu schweren Verläufen führen können, kann sich eine solche Strategie als fatal erweisen.“

transparenztest.de

Dieser Text entstand in Kooperation mit dem deutschen Faktencheck-Team von "Correctiv".

Es sind digitale Paralleluniversen, in denen sich manche Corona-Skeptiker gegenseitig mit alternativen Fakten versorgen: Facebook-Gruppen mit Namen wie „Wien wacht auf“ oder „Neuwahlen für Österreich“. Darin tummeln sich jeweils mehr als 10.000 Mitglieder. Oder die Fanpage „Pro Austria“, die als Profilbild das FPÖ-Logo führt (über 27.000 Fans), aber wohl kein offizieller Partei-Account ist.

Aktuell erreicht in diesen Blasen ein Artikel der deutschen Website „Transparenztest“ hohe Reichweiten – mehr als 4000 mal wurde der Artikel inzwischen geteilt, der sich ausgerechnet auf eine Studie der Medizinischen Universität Innsbruck stützt. Dazu schreibt „Transparenztest“ in seinem „Resümée“ (sic!): Aus der Studie lasse sich ableiten, dass Impfungen gegen Covid-19 einen schweren Krankheitsverlauf begünstigen könnten. Ja, richtig gelesen: Die Immunisierung durch gängige Vakzine könnte, so warnt „Transparenztest“, eine lebensbedrohliche Immunreaktion auslösen.

Ein dubioses Portal aus Deutschland, das optisch Anleihen bei der renommierten „Stiftung Warentest“ nimmt und Stimmung gegen die Corona-Schutzimpfung macht; kann das wahr sein? faktiv – der Faktencheck von profil – recherchierte in dieser Sache gemeinsam mit dem „Correctiv.Faktencheck“ aus Deutschland.

Mehr Antikörper bei Patienten mit schweren Verläufen

Darum geht es: Ein Team der MedUni Innsbruck rund um den Immunologen Wilfried Posch vom Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie führte eine Studie durch (soweit liegt „Transparenztest“ richtig). Dafür analysierten Posch und Kollegen Gewebeproben von ungeimpften Covid-19-Patienten – und fanden heraus, wie sich die Immunantworten von Patienten mit milden und schweren Verläufen unterscheiden.

Die Ergebnisse der Studie: Im Unterschied zu Geimpften muss die Immunantwort bei ungeimpften Corona-Patienten erst aufgebaut werden. Es dauere, so erläutert Posch in einem Mail an faktiv und „Correktiv.Faktencheck“, etwa sieben bis zehn Tage, bis Zellen zur Immunabwehr (sogenannte T-Zellen) gebildet sind, und zehn bis zwölf Tage, bis Antikörper gebildet werden. Patienten, die mit schweren Verläufen zu kämpfen hatten, fielen durch drei Merkmale auf: hohe Entzündungswerte, eine geringe T Zell-Antwort zur Immunabwehr und hohe Antikörpertiter. Darunter waren Antikörper, die das Virus neutralisieren können und solche, die das nicht können. Die nicht-neutralisierenden Antikörper sind laut Posch das Problem, denn sie schützen den Körper nicht vor dem Virus – im Gegenteil: Sie können die – während der Studie von Posch bei Patienten mit schweren Verläufen beobachteten, erhöhten – Entzündungsreaktionen anheizen, in der Fachsprache nennt man das einen Zytokinsturm. Diese Überreaktion des menschlichen Immunsystems kann lebensbedrohlich werden. Eine Infektion mit dem Coronavirus kann diese Reaktion hervorrufen.

Falsche Interpretation der Studie

Obwohl Posch nur ungeimpfte Covid-19-Patienten analysierte, interpretierte „Transparenztest“ die Studie so: Weil hohe Antikörpertiter mit einer Entzündungsreaktion korrelieren, könnte auch die Impfung gefährlich sein – schließlich werden dadurch ja auch Antikörper gebildet. Konkret schrieb „Transparenztest“: „Impfen, Impfen, Impfen ... Das scheint momentan die Strategie der Politik in vielen Ländern zu sein um einen möglichst hohen Antikörpertiter bei möglichst allen Personen aufzubauen. Wenn sich jetzt aber Hinweise verdichten, dass hohe Antikörpertiter mit autoimmunen Reaktionen in Form eines Zytokinsturms zu schweren Verläufen führen können, kann sich eine solche Strategie als fatal erweisen.“

Dem widerspricht Posch gegenüber faktiv und „Correctiv.Faktencheck“ entschieden: „Das Resümee von Transparenztest entspricht nicht den Schlussfolgerungen, die wir aus der Studie gezogen haben, da wir ausschließlich Immunantworten in Gewebeproben von ungeimpften COVID-19 PatientInnen untersucht haben und diese Ergebnisse nicht auf COVID-19 Geimpfte übertragen werden können.“ Und weiter: „Antikörper, die durch die Impfung induziert werden, sind nur gegen das virale Spike-Protein gerichtet und können die Infektion dadurch gleich verhindern. Wie bereits berichtet, kommt es durch die Delta Variante immer wieder zu Impfdurchbrüchen, aber hier konnte gezeigt werden, dass es zu keinen schweren oder kritischen Verläufen mehr kommt. Bei (nicht geimpften) COVID-19 Patienten werden nicht nur gegen das Spike Protein, sondern auch gegen weitere virale Proteine Antikörper gebildet und diese machen wahrscheinlich den großen Unterschied, jedoch haben wir das in unserer Studie nicht genauer untersucht.“

Fazit von faktiv

Die Behauptung von „Transparenztest“ ist also schlicht: Unbelegt.

Falls trotzdem noch Zweifel an der Wirksamkeit der Corona-Schutzimpfung bestehen, lohnt ein Blick auf die Statistiken der österreichischen Gesundheitsagentur AGES, die dem Gesundheitsministerium unterstellt ist. Aus diesen ergibt sich klar, dass die Inzidenz, also die Rate an Neuinfektionen, unter Ungeimpften – je nach Altersgruppe – um das Vier- bis Achtfache höher ist als unter Geimpften. Bei den schweren Verläufen der Coronainfektion ist der positive Impfeffekt noch deutlicher: Der überwiegende Teil aller Intensivpatienten ist nicht geimpft.

Und wer jetzt Angst vor einem Zytokinsturm hat, dem sei der "Correctiv"-Faktencheck aus dem Mai 2021 empfohlen: Günther Schönrich, stellvertretender Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, wies damals darauf hin, dass diese Komplikation auch nach mehr als einer Milliarde Corona-Impfungen weltweit nicht aufgefallen sei.

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