Faktencheck

Rosenkranz wettert gegen Sonnenenergie – mit Fantasiezahlen

Der freiheitliche Bundespräsidentschaftskandidat Walter Rosenkranz glaubt nicht an den Solar-Ausbauplan der Grünen Umweltministerin Leonore Gewessler. Der Grund: Es fehle an speziellen chemischen Elementen. Hat er damit recht?

Drucken

Schriftgröße

Bei der Photovoltaik ist es so, dass man für den Ausbau, den sich Leonore Gewessler bis 2030 vorstellt, 43 Prozent der seltenen Erden der Weltproduktion brauchen würde.

Walter Rosenkranz

Falsch

Mit der türkis-grünen Koalition ist der freiheitliche Hofburg-Kandidat Walter Rosenkranz unzufrieden. Als Bundespräsident würde er dem Bundeskanzler vorschlagen, so manches Regierungsmitglied zu entlassen. Allen voran die Grüne Umweltministerin Leonore Gewessler – „sollte sie ihre Pläne nicht plausibel machen“, wie der FPÖ-Kandidat und Volksanwalt in einem „Presse“-Interview erklärt. Rosenkranz sagt über erneuerbaren Strom: „Bei der Photovoltaik ist es so, dass man für den Ausbau, den sich Leonore Gewessler bis 2030 vorstellt, 43 Prozent der seltenen Erden der Weltproduktion brauchen würde.“ Laut Rosenkranz sind Gewesslers Pläne schlicht „Schall und Rauch“. Zu den seltenen Erden gehören insgesamt 17 chemische Elemente, die etwa in Smartphones, Notebooks oder Festplatten zu finden sind – und auch in so manchen Solaranlagen.

Es ist ein beliebter Spin von Klimawandel-Zweiflern: Grüne Energie sei gar nicht so grün. Sondern mindestens genauso dreckig wie Kohle, Öl und Gas. An dieses Narrativ knüpft Rosenkranz an. Aber stimmt seine Behauptung? Ist der Ausbau von Sonnenstrom in Österreich unrealistisch, weil man dafür eine derart enorme Menge Seltenerdmetalle benötigt? 

Rosenkranz scheint sich seiner Aussage so sicher, dass er sie mehrfach tätigte – zuletzt in der ORF-Sendung „Im Zentrum“. Der Bundesverband Photovoltaic Austria und unabhängige Fachleute widersprechen. Gegenüber profil rudert der FPÖ-Kandidat schließlich zurück, lässt aber mit einer neuen, wenig plausiblen Behauptung aufhorchen. Ein Faktencheck.

Kein Photovoltaik-Ausbau wegen seltener Erden?

Die Pläne des grün-geführten Umweltministeriums sind ambitioniert: Mit Photovoltaik wurden in Österreich 2021 2,8 Terawattstunden an Strom erzeugt. Damit kann man die Stadt Linz (samt voestalpine-Konzern) ungefähr ein Jahr lang versorgen. Bis 2030 soll sich der Wert ungefähr vervierfachen. Ob Gewessler das schaffen kann? Das ist derzeit unklar, schließlich hängt der Photovoltaik-Ausbau auch vom politischen Willen der Bundesländer ab. Walter Rosenkranz hält das Ziel von vornherein für unerreichbar. Denn dafür brauche es allein in Österreich 43 Prozent aller seltenen Erden – und zwar 43 Prozent der Weltproduktion. Das Problem: Auf profil-Anfrage konnte ein Sprecher von Rosenkranz keine Quelle für diese Behauptung nennen. Wie er zu der Zahl 43 Prozent kommt, ist unklar.

Der Bundesverband Photovoltaic Austria kann Rosenkranz‘ Aussage nichts abgewinnen: „Nur in sogenannten Dünnschichtmodulen werden seltene Erden verwendet. Diese Modulart wird aber nur bei zwei Prozent der Photovoltaik-Anlagen eingesetzt. Tendenz sinkend“, erklärt Geschäftsführerin Vera Immitzer. Eigentlich ist die Bezeichnung „selten“ irreführend, da diese Elemente sogar recht häufig vorkommen. Lediglich der Abbau ist wirtschaftlich oft nicht rentabel. Rosenkranz liegt mit seiner Behauptung zur Verwendung seltener Erden bei Sonnenstrom jedenfalls nicht richtig.

Auf profil-Anfrage rudert das Presseteam des FPÖ-Kandidaten zurück. Viel eher sei das chemische Element Germanium - es gehört nicht zu den seltenen Erden - in punkto Solaranlagen problematisch. Hiervon nämlich benötige Österreich bei Einhaltung der Pläne der Umweltministerin bis 2030 fast die Hälfte der Weltproduktion, sagt die FPÖ. Stefan Luidold von der Montanuniversität Leoben widerspricht auch hier: „Germanium - gleich wie seltene Erden - ist in der Photovoltaik nicht von zentraler Bedeutung.“ Der Bundesverband Photovoltaic Austria geht sogar noch einen Schritt weiter: „Der Einsatz von Germanium in der Photovoltaik-Technologie kann nicht nachvollzogen werden.“

In einer von Rosenkranz selbst mitgeschickten Studie der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2020 ist schließlich angeführt, dass nur 0,3 Prozent aller 2017 hergestellten Photovoltaik-Anlagen weltweit auf einer Technologie aufbauen, die Germanium verwendet. Und: 2018 benötigte die gesamte EU 1,2 Tonnen Germanium für den Photovoltaik-Ausbau, heißt es. Rosenkranz rechnet jedoch mit der Annahme, dass Österreich allein fast fünfzig Mal so viel Germanium benötige - nämlich 48 Tonnen pro Jahr –, wie sein Pressesprecher gegenüber profil anführt. Rosenkranz liegt auch hier falsch. 
Womit der freiheitliche Hofburg-Kandidat freilich einen Punkt hat: Laut der Studie der Europäischen Kommission könnte der EU-Bedarf an Germanium für Photovoltaik bis 2050 drastisch steigen – aufgrund der fortschreitenden Dekarbonisierung. Experten fürchten allerdings auch in jenem Fall keine dramatischen Engpässe.

Schließlich zeigt eine einfache Rechnung, dass Rosenkranz‘ Ausführungen wenig plausibel scheinen – egal ob nun seltene Erden oder Germanium das Problem darstellen. Denn: 2021 wurden laut Zahlen der internationalen Energieagentur weltweit etwa 175 Gigawatt an Photovoltaik installiert. Laut Umweltministerium braucht es in Österreich bis 2030 einen Solarstrom-Zubau von etwa einem Gigawatt pro Jahr, was 0,6 Prozent der weltweiten jährlichen Installation entspricht. Wenn Österreich mit jenem geringen Anteil bereits 43 Prozent an seltenen Erden oder Germanium benötigen würde, bräuchte es für den globalen Photovoltaik-Zubau etwa 7500 (kein Tippfehler) Prozent dieser chemischen Elemente. Das scheint schwer möglich.

Seltene Erden bei Windkraft?

Von den seltenen Erden möchte der FPÖ-Kandidat jedoch nicht ganz abrücken. Gegenüber profil erklärt sein Sprecher, dass sich die Sorge um diese Elemente auf die Windkraft beziehe, „da diese für die Permanentmagneten benötigt werden“. Tatsächlich braucht es für besonders starke Magneten, die für gewisse Windräder verwendet werden, seltene Erden – vor allem das Metall Neodym. Der österreichische Interessensverband der Windkraft-Betreiber gibt jedoch Entwarnung: Neodym-Magneten seien aktuell nur in etwa zehn Prozent der rund 1300 Windräder in Österreich installiert. Sprecher Martin Jaksch-Fliegenschnee: „Sollte es am Markt einmal weniger seltene Erden geben, kann die Industrie sehr schnell reagieren und auf andere Technologien zurückgreifen.“

Fazit

Insgesamt ist die Aussage von Rosenkranz als falsch einzustufen. Für den geplanten Ausbau der Photovoltaik in Österreich bis 2030 bedarf es nicht 43 Produzent der Weltproduktion an seltenen Erden. Auch seinen weiteren Erklärungsversuchen – von Germanium bis Windkraft – fehlt es weitgehend an Tatsachensubstrat. 

Katharina Zwins

Katharina Zwins

ist Redakteurin bei profil und Mitbegründerin des Faktenchecks faktiv.