Faktencheck

Wie Konsumenten mit „klimapositiven“ Produkten in die Irre geführt werden

Immer mehr Produkte und Unternehmen schmücken sich mit der Bezeichnung „klimapositiv“. Oft werden Konsumenten in die Irre geführt, denn die PR-Versprechen lassen sich nicht genau überprüfen.

Drucken

Schriftgröße

Label: KLIMAPOSITIV

Unternehmen wie „all i need"-Eistee, „Tirol Milch" oder „Hipp" schmücken sich mit dieser Bezeichnung.

Unbelegt

Was haben ein österreichischer Eistee-Hersteller, Babybrei aus der Schweiz, ein Friseursalon aus Wien, eine Tiroler Molkerei und ein Lagerhaus in Amstetten gemeinsam? Sie alle bezeichnen sich als „klimapositiv“. Soll heißen: Mit ihnen soll mehr Treibhausgas eingespart werden als bei der Herstellung oder am Firmenstandort verursacht wird. Das Signal: Je mehr Eistee der Marke „all i need“ wir trinken, je mehr „Hipp“-Babybrei - Geschmack „Mango-Chutney mit Bulgur und Bio-Hähnchen“ - wir Kindern verfüttern und je öfter wir uns bei „Sturmayr“ am Graben Haare schneiden lassen, desto eher schützen wir das Klima. Seriöses Versprechen oder Etikettenschwindel? Ein Faktencheck.

„Klimaneutral können viele, Tirol Milch ist klimapositiv!“, schreibt der Konzern „Berglandmilch“ in einer Presseaussendung. Kann das sein? Die Herstellung von Milchprodukten verlangt dem Klima einiges ab: Kühe müssen gefüttert werden, produzieren Methan. Milch muss erhitzt und verpackt und schließlich in Supermärkte gebracht werden, oft mit LKW, die mit fossiler Energie betrieben werden. Wie soll dabei mehr CO2 eingespart werden, als bei Produktion und Transport entsteht? Wie kann eine positive Klimabilanz herauskommen? Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) mahnt bei derartigen Labels zur Vorsicht. Wissenschafter und Klimaschutzorganisationen kritisieren: Mit der Bezeichnung „klimapositiv“ werde „viel Schindluder“ betrieben. Was hat es damit auf sich?

Hinter dem Label „klimapositiv“ steckt, dass „klimaneutral“ nicht reichen wird, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie im Pariser Klimaabkommen festgehalten.  Das haben auch Firmen für sich entdeckt: Um ihren Treibhausgasausstoß wettzumachen, zahlen sie für Klimaschutzprojekte – investieren in Aufforstung im Amazonas, saubere Koch-Öfen in Afrika oder Solaranlagen in Asien, kaufen also sogenannte Emissionszertifikate. Die Umweltprojekte werden von Unternehmen mit klingenden Namen wie „Fokus Zukunft“, „Team Climate“ oder „Cut climate change“ betreut, die CO2-Kompensation weiterverkaufen. Zum Beispiel an Tirol Milch: Knapp 100.000 Euro hat das Unternehmen für 2400 Tonnen eingespartes  CO2 durch Unterstützung eines Windkraftprojekts in China und eines Wasserkraftwerks in Indien ausgegeben, erklärt Geschäftsführer Josef Braunshofer. Um die Molkerei Wörgl - also nicht die Milch, die wir im Supermarkt kaufen können - für zwei Jahre als „klimapositiv“ bezeichnen zu dürfen. Auch das Lagerhaus in Amstetten, der Friseursalon „Sturmayr“, „Hipp“ und der Eisteehersteller „all i need“ rechnen ihre „Klimapositivität“ auf solchen Zertifikaten. Das Problem: Jedes Produkt kann so theoretisch „klimapositiv“ werden, selbst wenn Herstellung oder Transport klimaschädlich bleiben. Wie soll man da als Konsument den Überblick darüber behalten, wer es ernst meint?

Keine standardisierten Kriterien

Derzeit gar nicht, weil standardisierte, verbindliche und nachprüfbare Kriterien fehlen, betont das Umweltbundesamt. Klimaexperte Günther Lichtblau: „Aus Marketing-Sicht dürfen Unternehmen auf ihre Produkte schreiben was sie wollen, ohne dass ein geprüftes Zertifizierungssystem dahinterstehen muss. Und selbst dann ist für Konsumenten ohne Recherche völlig unklar, wie viel CO2 tatsächlich womit eingespart wird. Das kann schnell in Richtung Greenwashing gehen.“ Das beklagt auch der VKI: „Wir sind sehr skeptisch gegenüber der Verwendung von Begriffen wie ‚klimapositiv’ oder ‚klimaneutral‘“, sagt Greenwashing-Experte Christian Kornherr. Rechtliche Handhabe gegen derartige „oft an den Haaren herbei gezogene Bezeichnungen“ habe man kaum. Es gibt keine einheitlichen nationalen oder internationalen Regelungen. Auf EU-Ebene werden diese derzeit verhandelt, erklärt Kornherr. Ein Besuch im Drogeriemarkt macht deutlich, wie notwendig Vereinheitlichung wäre. Aktuell gibt es einen regelrechten Wildwuchs an Produkten mit Labels, die suggerieren: Mit dem Kauf von Duschgel, Tampons oder Zahnpasta wird die Erde geschont – von „klimaneutral“, „klimafreundlich“ und „klimapositiv“ ist alles dabei. Viele Käufer sind verunsichert, wie Statistiken des VKI-Greenwashing-Checks zeigen: Innerhalb der letzten sechs Monate bezogen sich rund 40 Prozent der eingegangenen Beschwerden auf solche Slogans. 

Zurück zu den Treibhausgas-Zertifikaten, mit denen Emissionen (über-)kompensiert werden: Wenn Nationalstaaten mit CO2 handeln, ist der Preis reglementiert. Anders bei privaten Unternehmen, kritisiert Günther Lichtblau vom Umweltbundesamt: „Die Zertifikate werden teils viel zu billig hergegeben – es besteht kein Anreiz, Emissionen einzusparen. Der Preis sollte sich zumindest am weltweiten CO2-Preis orientieren.“ Beim „klimapositiven“ Lagerhaus Amstetten war das jedenfalls nicht der Fall: Rund sieben Euro pro Tonne CO2 bezahlte man für die Unterstützung eines Windprojekts in China. Der Weltpreis liegt aktuell bei rund 70 Euro pro Tonne. Und auch, wie viel Geld tatsächlich bei den unterstützten Projekten ankommt, ist unklar. Anfang des Jahres hat das Schweizer Konsumentenmagazin „Saldo“ die Situation am Beispiel eines Anbieters analysiert. Nur rund ein Viertel des von den Zertifikatskäufern bezahlten Preises wurde tatsächlich für Projekte wie die Aufforstung von Wäldern verwendet.

Oft mangelnde Transparenz

Problematisch ist somit mangelnde Transparenz: Durch fehlende einheitliche Standards kann schwer nachgeprüft werden, wie viel CO2 durch die Unterstützung eines Klimaschutzprojektes tatsächlich eingespart wird. Aus Österreich ist sowohl für Konsumenten als auch für Unternehmen schwierig zu prüfen, ob ein Baum nachwächst, genug CO2 binden kann und ob er nicht einem Waldbrand zum Opfer fällt. Und: Ob Projekte nicht ohnehin realisiert worden wären – auch ohne die Anrechnung auf die Klimabilanz der zahlenden Firmen. Ein Beispiel des VKI zeigt: Das Energieunternehmen Verbund, dessen Gas als „klimaneutral“ beworben wird, führt ein Wasserkraftwerk in Albanien an, mit dem es seine Emissionen ausgleicht. Womöglich wäre das Kraftwerk ohnehin gebaut worden: Der Zuschlag zum Bau erfolgte  bereits viele Jahre vor dem „klimaneutral“-Claim. 

Während Tirol Milch oder das Lagerhaus Amstetten auf profil-Anfrage genau anführen, welche Projekte sie unterstützen, und inwiefern sie zunächst versuchen, CO2 einzusparen, kam von dem Friseur „Sturmayr“ keine Antwort. Inzwischen wurde sie nachgereicht - siehe Ergänzung unten. Der Eisteehersteller „all i need“, der zum deutschen Konzern „Capri Sun“ gehört, beantwortete auf profil-Anfrage nicht, wie viele Emissionen tatsächlich eingespart und wie viele durch Klimaschutzprojekte kompensiert werden. Dass sich der Getränkehersteller seinem Slogan besonders verpflichtet fühlt, kann anhand fehlender Details auf dessen Website bezweifelt werden: Dort finden sich lediglich generische Wohlfühlaufnahmen von saftig grünen Bäumen. Ob diese  tatsächlich den Wald in Mexiko und das Klimaschutzprojekt in Peru zeigen, die laut Angaben des Unternehmens für die „Klimapositivität“ sorgen sollen, bleibt offen. Die gleichen Fotos tauchen im Internet jedenfalls auch bei Reisetipps zu Thailand und Tourismusinfos zur Zentralafrikanischen Republik auf, wie eine einfache Google-Recherche zeigt.

Letztes Mittel CO2-Kompensierung

Grundsätzlich sollte die Kompensierung von CO2-Emissionen ohnehin stets „das letzte Mittel“ sein, erklärt Klimaökonom Karl Steininger vom Wegener Center in Graz: „Sich durch billige Zertifikate freizukaufen, ist keine Lösung. Das ist irreführend.“ Wirklich „klimapositiv“ könnten Unternehmen aus wissenschaftlicher Sicht nur agieren, wenn sie ein Äquivalent ihrer Treibhausgas-Emissionen - oder mehr - dauerhaft in natürlichen CO2-Speichern binden würden. Der Experte rechnet vor: „Wir müssen mindestens 90 Prozent unserer aktuellen Emissionen einsparen, die restlichen Treibhausgase können wir durch sinnvolle Lösungen binden. Sonst geht sich das mit den Pariser Klimazielen nicht aus.“ Was sinnvolle Lösungen sein können? In aller erster Linie nationale Maßnahmen, wie etwa der Aufbau von Humusböden in Österreich, die CO2 speichern, sagt Steininger.

Fazit

Für die Verbraucher ist es nahezu unmöglich zu überprüfen, ob Klimaversprechen glaubwürdig oder nur geschicktes Greenwashing sind. Auch wenn sich manche Unternehmen bemühen: Solange es keine international geltenden rechtlichen Standards gibt, ist das Label „klimapositiv“ insgesamt nicht verlässlich überprüfbar und daher als unbelegt zu beurteilen.

Redaktionelle Ergänzung: profil berichtete über Unternehmen, die sich als „klimapositiv“ bezeichnen. Die profil-Anfrage an den Friseurbetrieb Sturmayr war allerdings im Spam-Ordner gelandet und wurde daher binnen der Frist von 24 Stunden nicht beantwortet. Nun reichte Sturmayr seine Antworten ausführlich nach. So kommt das Unternehmen auf die Eigenbezeichnung „klimapositiv“: Abfallprodukte werden recycelt und alte Handtücher an die Caritas zur Zweitverwendung übergeben. Im Vorjahr investierte Sturmayr weiters 20.000 Euro in Nachhaltigkeit: 14.000 Euro wanderten in die insgesamt 17 Friseursalons, es wurden etwa wassersparende Duschköpfe angeschafft. Die restlichen 6000 Euro flossen in den Kauf von CO2-Zertifikaten – zur Kompensation jener Emissionen, die sich nicht einsparen lassen. Damit wurden Klimaschutzprojekte wie ein Wasserkraftwerk in Indonesien oder ein Wald in Deutschland finanziert. Die positive CO2-Bilanz ließ sich das Unternehmen laut Auskunft vom TÜV bescheinigen.

Katharina Zwins

Katharina Zwins

war Redakteurin bei profil und Mitbegründerin des Faktenchecks faktiv.