1.Weltkrieg: Propagandamalerei im Schützengraben

1.Weltkrieg: Propagandamalerei im Schützengraben

Hunderte Künstler arbeiteten im Ersten Weltkrieg an der Front. Das Ziel: gemalte Propaganda für Gott, Kaiser und Vaterland. Ein bisher unterbe-lichtetes Kapitel der heimischen Kunstgeschichte wird nun in mehreren Ausstellungen thematisiert.

Als die Schlacht beendet war und Leichen das Feld übersäten, betrat der Künstler den Kriegsschauplatz. Er skizzierte das grauenhafte Szenario. In seinem Atelier schuf er aus diesen Zeichnungen später monumentale Gemälde. In seinen „Notizen zum Krieg“ schrieb er: „Ich besuchte die Totenfelder und malte manches im Vorfelde unter Gefahren.“ An der italienischen Front, wo er 1916 über Monate hinweg künstlerisch arbeitete, habe er „manches Erhabene und manches Traurige (unter anderem eine Füsilierung)“ beobachtet. Weiters erinnerte er sich: „Was die Begeisterung vermag, sah ich damals an mir, als ich an der Serradafront im Vorfelde hinter einer kleinen Schutzwand, die mir der Kommandant der dortigen Stellung bauen ließ, zwei Stunden malte. Ich arbeitete, während geschossen wurde, ohne dass mir eine Gefahr zu Bewusstsein kam.“
Die Werke des Osttiroler Malers Albin Egger-Lienz zählen heute zu den Ikonen der österreichischen Kriegs- oder, je nach Betrachtungsweise, Antikriegskunst. Seine „Notizen zum Krieg“ zählen zu den wenigen publizierten schriftlichen Erinnerungen jener Maler, die im Ersten Weltkrieg die Ereignisse an der Front dokumentieren und – selbstverständlich propagandistisch – künstlerisch übersetzen sollten. Gemeinsam mit Bildhauern und Fotografen bildeten sie die „Kunstgruppe“ des k. u. k. Kriegspressequartiers (KPQ). Auf den Listen der sogenannten „Kriegsmaler“ finden sich die Namen zahlreicher noch heute bekannter Künstler: Neben Egger-Lienz verpflichteten sich etwa Oskar Kokoschka, Oskar Laske, Anton Faistauer, Anton Kolig, Ludwig Heinrich Jungnickel, Klemens Brosch sowie der während des NS-Regimes überaus erfolgreiche Ferdinand Andri zum Dienst an Zeichenstift und Pinsel.

Unterbelichtet
Dennoch gehört das Kapitel zu den unterbelichteten Flecken der heimischen Kunstgeschichte. Immerhin: Einige aktuellen Ausstellungen des Gedenkjahres streifen es nun. So präsentiert die Egger-Lienz-Ausstellung, die dieser Tage im Wiener Belvedere eröffnet, nur einige Werke aus dem Frontschaffen des Künstlers; das Leopold Museum thematisiert die Kriegsmaler ab Mai am Rande, ebenso das Salzburg Museum sowie eine Schau zum KPQ im Palais Porcia. Und das Heeresgeschichtliche Museum gibt ab Juni ebenfalls einen Einblick in die Thematik (siehe Infobox am Ende).

Dabei hätte das Phänomen eingehendere wissenschaftliche Untersuchungen verdient. Schließlich wurden damals, einzigartig in der österreichischen Geschichte, Maler zu propagandistischen Zwecken und generalstabsmäßig organisiert ins Feld geschickt. Zwar nahm die Fotografie, die der Malerei gerade Konkurrenz machte, im KPQ ebenfalls eine bedeutende Rolle ein. Doch ganz offensichtlich zählte man dennoch auf die erhöhte PR-Wirkung des herkömmlichen Tafelbildes: Immerhin entsandte das KPQ im Verlauf des Krieges rund 600 Maler an die Front. Generalmajor Max Ritter von Hoen, Kommandant des KPQ, begründete 1915 die Existenz der „Kunstgruppe“ in einem Katalogvorwort wie folgt: „Hilflos steht das auf weit kleinere Verhältnisse geschulte Verständnis den allseits einstürmenden, übermächtigen Eindrücken gegenüber und sucht nach Formen, welche die Wucht des Erlebens dem menschlichen Geiste fassbar machen. Wer anders könnte zu dieser Aufgabe berufen sein als die Kunst?“ Etwas nüchterner nimmt sich jene Anweisung aus, die vom k. u. k. Armeeoberkommando (AOK) an die Kunstgruppe erteilt wurde: „Die bildliche Berichterstattung im Kriege bezweckt für die Gegenwart eine wirksame Propaganda im In- und Auslande, um die Leistungen unserer Wehrmacht in das rechte Licht zu rücken.“

Zudem wurde angeordnet, dass die Maler eine schwarz-gelbe Armbinde mit dem Aufdruck „Kunst“ erhalten sollten – und dass sie, die wohl wesentlichere Bestimmung, „ausdrücklich vom Frontdienst“ enthoben werden sollten. Kein Wunder, dass sich Künstler um eine Mitgliedschaft in der Kunstgruppe rissen – konnten sie so doch dem Dienst an der Waffe entgehen. Und nicht nur das: Sie durften zwischendurch sogar zur „Heimarbeit“ nach Hause – dann werkten sie bis zu zwei Monate lang an ihren Gemälden. Bis ins Jahr 1916, als der Personalstand eingeschränkt wurde, bewarben sich selbst völlig unqualifizierte Männer für die begehrten Posten – und erhielten sie auch, so sie nur von der richtigen Person protegiert wurden. „Die Kriegsmaler waren keinen großen Gefahren ausgesetzt. Man konnte davon ausgehen, dass man als solcher den Krieg überlebte“, erzählt der Historiker Walter F. Kalina. Er arbeitet im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der Frontkünstler. Da die Maler der Kunstgruppe Teile ihrer Produktion ebendort abliefern sollten, besitzt das Museum im Arsenal heute den größten Bestand davon – weitere Arbeiten der Kriegsmaler wurden seinerzeit in gigantischen Ausstellungen präsentiert und verkauft; andere konnten die Künstler selbst behalten.

In den Restaurierwerkstätten des HGM herrscht derzeit Hochbetrieb, da zahlreiche andere Häuser hier Werke für ihre Weltkriegsausstellungen ausleihen. Während Restauratoren in weißen Kitteln durch die Räume huschen und sich konzentriert über großformatige Leinwände beugen, führt Kalina eine kleine Auswahl von Gemälden vor, die Eindrücke von der Front vermitteln. Auf einem Bild des heute unbekannten Richard Benno Adam beobachten österreichische und preußische Offiziere ein Gefecht, das in weiter Ferne nur zu erahnen ist. Hinter dem Feldmarschall, der durch ein Fernglas blickt, sitzt der Künstler selbst und zeichnet in seinen Skizzenblock. Würden nicht Rauchschwaden den Horizont vernebeln, man könnte die Szenerie fast für einen entspannten Sonntagsausflug halten. Es verwundert nicht, dass die Künstler bei jenen, die sie begleiteten und deren Kampf sie verherrlichen sollten, nicht unbedingt auf Gegenliebe stießen. Karikaturen aus der Zeit verhöhnen sie als distinguierte, weltabgewandte Herren, die in völliger Ignoranz gegenüber den erschöpften und verwundeten Soldaten vor sich hin pinseln. „Die Kriegsmaler waren alles andere als gern gesehen. Sie galten als Drückeberger und wurden argwöhnisch beäugt“, weiß Kalina.

„Keine Studienausflüge mit Skizzenblock und Sonnenschirm“
Freilich: Nicht immer stellte sich das Künstlerdasein im Krieg so beschaulich dar wie auf dem Gemälde Adams. Die Kunsthistorikerin Liselotte Popelka, die sich als erste Wissenschafterin ernsthaft mit dem Thema befasste, verweist in einem Aufsatz auf die Einsätze im italienischen Gebirge, wo die Maler in 3000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel arbeiten mussten. Etwas dramatisch beschreibt sie deren Alltag: „Mit steifen Fingern zeichnen sie die Eisstollen, sind dabei, wie ihre Kameraden mit übermenschlicher Anstrengung Geschützrohre über steile Steinfelder und Schneerinnen schleppen oder mitten im Schneesturm Verwundete und Gefallene bergen.“ Kurz: „Das sind keine Studienausflüge mit Skizzenblock und Sonnenschirm – alle diese physischen Strapazen teilen die Künstler mit der kämpfenden Truppe, und was sie erleben, müssen sie künstlerisch umsetzen.“

Zunächst waren die Künstler gemeinsam mit den KPQ-Berichterstattern unterwegs. Dies führte allerdings zu beträchtlichen Spannungen. Generalmajor Hoen gesteht in seinem Katalogtext: „Es stellte sich bald heraus, dass zwischen den Interessen des Kriegsberichterstatters und des Künstlers eine unüberbrückbare Kluft gähnt. Ersterer hastet, um viel zu sehen und rasch wegen Weiterleitung des Berichtes heimzukehren, letzterer möchte längere Zeit verweilen und meist an Orten, die wohl ihm Anregungen bieten, für den Berichterstatter aber wenig Wert haben.“
Die Verpflichtungen der Künstler waren überschaubar: So sollten sie pro Woche an der Front eine Skizze, pro Monat Heimarbeit ein Gemälde anfertigen. Selbst das galt allerdings, wie es in der Anweisung des Armeeoberkommandos heißt, als „ungefähres Maߓ. Auch künstlerisch wurde ihnen erstaunlich wenig vorgeschrieben. So rief man sie bloß auf, „selbst bestrebt zu sein, malerisch wirksame und interessante Motive aus dem Leben des Krieges zu finden“. Darüber hinaus hielt man sie dazu an, „je nach künstlerischer Eigenart militärisch Nützliches zu schaffen“: Landschaftsmaler sollten etwa „Stellungen und Gefechtsfelder“ malen, „figurale Talente“ dagegen Kampfszenen, Porträtisten wiederum „Offiziere und Mannschaftspersonen“. Formal konnten die Kriegskünstler nach Gutdünken vorgehen. Maler mit Hang zur akademischen Steifheit beschäftigte man ebenso wie solche, die eine österreichische Spielart der Moderne vertraten und expressiv malten. So gleicht ihre Produktion – ganz im Gegensatz zur weitaus einheitlicheren NS-Propagandakunst – einem bunten Potpourri, in Stil und Komposition ebenso wie in der extrem variierenden künstlerischen Qualität.

Der Großteil der Kunstgruppe blieb über die Kriegsmalereiausstellungen hinaus völlig unbekannt. Einige erlangten zumindest in Österreich eine gewisse Prominenz; ihre Namen finden sich heute noch in den maßgeblichen Kunstlexika: Etwa Carl Fahringer, der von 1915 bis 1918 im Dienste von Gott, Kaiser und Vaterland stand und in postimpressionistischer Manier slowenische Hochgebirgsstellungen, Feldspitäler in Galizien, Marschkolonnen an der Südwestfront, Landsturmjäger und Zugsführer abbildete. Oder Stephanie Hollenstein, die einst, als „Stephan Hollenstein“ verkleidet, in den Krieg einrückte und, nachdem sie aufgeflogen war, als Kriegsmalerin tätig wurde. Spitalsszenen, Unterstände, Landschaften mit und ohne militärisches Gerät sowie Soldatenporträts gab sie in farbstarken Kompositionen, beeinflusst von Expressionisten und Fauvisten, wieder. Und Oskar Laske komponierte groß angelegte Landschaftsszenen mit vielen Figuren, die an die altmeisterliche niederländische Malerei denken lassen – so etwa seine „Erstürmung von Belgrad“.

In den Werken von Albin Egger-Lienz liegen Leid und Glorifizierung knapp nebeneinander. Wie er änderte auch Oskar Kokoschka seine Einstellung gegenüber dem Krieg in kürzester Zeit radikal: Zunächst empfand er ihn als Abenteuer und begeisterte sich dafür. Als er jedoch 1915 in der Ukraine schwer verwundet wurde, entwickelte er sich zum Pazifisten. Um nicht selbst an den Kämpfen teilnehmen zu müssen, schloss er sich der Kunstgruppe an und malte an der Isonzo-Front rund 30 Blätter – Landschaften, Truppen, Geschütze, zerstörte Dörfer. Seinen Eltern teilte er lapidar mit: „Habe schon 2 Blocks Zeichnungen voll, Pflicht ziemlich erfüllt, ruhiges Gewissen.“ In seinen Memoiren ließ er die damalige Arbeit als Kriegsmaler – sie dauerte nur wenige Monate – allerdings unter den Tisch fallen. Doch als Propagandakunst taugen seine offenbar eher lustlos gefertigten Zeichnungen ohnehin nicht. Ebenso wenig wie jenes Soldatenbildnis von Anton Kolig, das Kalina in der HGM-Werkstatt präsentiert. Der junge Mann, der auf dem Bild zu sehen ist, wirkt nicht nur eher desperat als heldenhaft, sondern weist auch keine besondere Auszeichnung auf. Dabei sollten die Maler bloß Offiziere abbilden. „Dieses Gemälde grenzt schon an Amtsmissbrauch“, meint Kalina.
Das HGM, dessen Kunstabteilung er leitet, dürfte um die 1600 Ölgemälde sowie zehntausende Zeichnungen aus der KPQ-Produktion aufbewahren. Genau weiß der Kustos über die Bestände allerdings noch nicht Bescheid: Das Personal ist knapp, und nur ein Bruchteil der Sammlung wurde bis dato digital erfasst. Auch im Kriegsarchiv, einer Unterabteilung des Staatsarchivs, hat sich wenig Material erhalten. „Eigentlich müssten rund 100 Kartons zu den Kriegsmalern vorhanden sein – es sind aber nur zehn bis 15“, bedauert Kalina. Doch er hegt die Hoffnung, dass mit dem Gedenkjahr auch dieses Thema wieder mehr in den Vordergrund rückt.
Derzeit sieht es allerdings nicht ganz danach aus. Die Kriegsmaler werden wohl weiterhin das vernachlässigte Kapitel, die Schmuddelkinder der heimischen Geschichtsschreibung bleiben. Zur Genieverherrlichung, wie sie von der Kunstgeschichte so gern betrieben wird, taugen die meisten von ihnen eben kaum.

Die Ausstellungen

1) „Totentanz. Albin Egger-Lienz und der Krieg“ , 7.3. bis 9.6., Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien. www.belvedere.at

2) „Trotzdem Kunst!“ , 9.5. bis 15.9., Leopold Museum, MuseumsQuartier, 1070 Wien. www.leopoldmuseum.org

3) „Krieg, Trauma, Kunst“ , 9.5. bis 28.9., Salzburg Museum, Mozartplatz 1, 5010 Salzburg. www.salzburgmuseum.at

4)„Extraausgabee –! Die Medien und der Krieg 1914–1918“ , 2.6. bis 31.10., Palais Porcia, Herrengasse 23, 1010 Wien.  www.oesta.gv.at

5) Neueröffnung Saalgruppe „Erster Weltkrieg“ , 28. 6., Heeresgeschichtliches Museum, Arsenal, Objekt 1, 1030 Wien 
www.hgm.or.at