© Lucas Hasselmann

Interview
10/07/2021

Autorin Katja Lewina: "Ich breche eine Lanze für kleine Penisse"

Die Bestsellerautorin Katja Lewina, 37, erforscht die Facetten moderner Erotik. In ihrem neuen Buch "Bock" widmet sie sich dem Kosmos männlicher Sexualität und den Ängsten des Mannes.

von Angelika Hager

Katja Lewina ist der Künstlerinnenname der in Moskau geborenen Slawistin und Mutter dreier Kinder, die sie mit ihrem Partner in Berlin großzieht. Lewina (sie beharrt auf ihre Anonymität) arbeitet als Journalistin für diverse Magazine und lebt selbst in einer offenen Beziehung. In ihrem neuem Buch "Bock" verarbeitet sie zahlreiche Interviews mit Männern zu den Themen "toxische Männlichkeit", Generation Porno, Impotenz oder den ewigen Orgasmus-Gap zwischen Männern und Frauen. Ihr Buch zur Sexualität aus weiblicher Sicht "Sie hat Bock" erschien 2020. Zurzeit arbeitet sie an einem Podcast mit Publikumsbeteiligung, Titel: "Schlachtfeld Liebe".


profil: Der alte, weiße, sexistisch denkende Mann ist das Feindbild der Generation Woke. Haben die jungen, weißen Männer dazugelernt?

Lewina: Es gibt natürlich viele Männer, nicht nur junge, sondern auch solche im mittleren Alter, die mit sich ins Gericht gehen, aktiv gegen ihren Sexismus vorgehen und ihre Gedanken kuratieren wollen. Dennoch existiert eine Schere zwischen dem Wollen und dem, was sie dann tatsächlich tun, wie viele Studien zeigen.

profil: In den Interviews, die Sie führten, ist oft die Rede von Potenzangst und der Sorge, dass der Penis nicht die entsprechende Größe besitzt.

Lewina: Die allermeisten Frauen haben überhaupt kein Problem mit der Größe. Ich breche eine Lanze für kleine Penisse. Ein Mann, der auch in der Lage ist, Frauen mit anderen Körperteilen zum Orgasmus zu bringen, ist wahrscheinlich der bessere Mann. Nur Männer werden leider von klein auf von den Männlichkeitsidealen um sie herum unter Druck gesetzt und können sich noch immer nicht von diesen alten Klischees befreien.

profil: Leben auch jüngere Männer noch immer in dem Glauben, dass Penetration die sexuelle Vollendung ist?

Lewina: Absolut, leider. Alle anderen sexuellen Aktivitäten empfindet der Mann häufig noch immer als Beiwerk, dessen man sich im Nachhinein nicht rühmen kann. Freuds These vom vaginalen Orgasmus als dem einzigen wahren Orgasmus hält sich leider bis heute.

profil: Die #MeToo-Bewegung hat viel Positives bewirkt, es geht aber auch in Richtung eines neuen Puritanismus. In Amerika unterzeichnen inzwischen manche Männer und Frauen vor dem ersten Date Verträge, wie weit sie gehen dürfen.

"Wenn beim Sex auch gesprochen würde, könnten sich alle viel ersparen"

Lewina: Tatsächlich? Das ist mir neu. Nennen wir es nicht Puritanismus, sondern Vorsicht. Und schaffen wir eine Stimmung, in der Sex einvernehmlich gelebt werden kann und in der dadurch Grenzüberschreitungen minimiert werden. Dafür gibt es ein ganz banales Mittel: Kommunikation. Viele leben noch in dem Klischee, dass Sex wortlos passieren sollte, nach der Methode: Man findet sich heiß und fällt dann übereinander her. Wenn dabei auch gesprochen würde, könnten sich alle viel ersparen.

profil: Sind Sie bei Ihren Interviews Männern begegnet, die Übergriffe von Frauen erlebt haben?

Lewina: Explizit darüber gesprochen hat nur ein Mann.

Ich bin mir aber sicher, dass viele Männer sich schon einmal überrumpelt gefühlt haben. Nur können sich die meisten das diffuse Unbehagen, das solche Grenzüberschreitungen mit sich bringen, nicht eingestehen und deswegen auch nicht artikulieren. Der Mann ist ja leider auch vom Klischee geprägt, dass er immer Sex wollen muss. Alles andere käme einer Form der Entmännlichung gleich. Auch davon haben sich viele noch nicht befreit.

profil: Allerdings gibt es auch eine Form der Genderfluidität, was die Selbstinszenierungen betrifft: Harry Styles posiert mit Federboa, Lars Eidinger spaziert wie viele andere Hipster mit lackierten Fingernägeln durch das Leben.

Lewina: Das finde ich begrüßenswert. In Berlin treffen sie Jungs, die sich wie Mädchen stylen, und umgekehrt. Und langsam wird diese Auflösung der Stereotypen auch in den Mainstream sickern. Das dauert natürlich.

profil: Im Gegenzug macht sich vor allem im Netz toxische Männlichkeit mit Dickpics und pathologischen wie frauenverachtenden Kommentaren breit. Wie kann man sich diese Schere erklären?

Lewina: Diese Grobschlächtigkeit hat immer existiert, durch das Netz kann man sie natürlich viel leichter und ungestraft ausleben. Wenn man sich die Incel-Bewegung ansieht, also jene Männer, die zu unfreiwilligem Zölibat (Anm.: Hybrid aus "involuntary" und "celibate") verdammt sind und ihr Leben total verkackt haben, projizieren die natürlich ihren Hass auf Frauen, um sich selbst zu erhöhen. Das sind Männer, die manchmal bei ihrer Mutti im Keller wohnen, es in der kapitalistischen Gesellschaft nicht geschafft haben und für die sich keiner interessiert. Die treten dann auf jene, die in ihrer Idee von Hierarchie unter ihnen stehen, und das sind Frauen.

profil: Liegt Monogamie in der Natur des Menschen? In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass sich das Konzept der Zweierbeziehung erst mit der Sesshaftigkeit des Menschen durchgesetzt hat, also evolutionsbiologisch betrachtet relativ jung ist.

Lewina: Ja, davor wurde in Gruppen gelebt und alles, inklusive der Sexualität, geteilt. Wer die Väter der Kinder waren, war da nie ganz klar. Dennoch leben die Menschen heute noch vorrangig nach dem Motto "Du und ich gegen den Rest der Welt". Und betrachten sexuelle Treue als das Wichtigste in einer Beziehung. Aber es lockern sich die Konzepte des Zusammenlebens: Es gibt Regenbogen- und Patchwork-Familien, offene Beziehungen.

profil: Leben Sie in einer solchen?

Lewina: Ja, seit sieben Jahren.

profil: Tritt da nie Eifersucht auf?

Lewina: Doch, klar, aber da lernt man eben auch, sich zurückzunehmen. Wir erzählen uns auch alles, andere Paare in polyamoren Beziehungen handhaben das anders. Eifersucht entsteht ja vor allem aus Verlustangst. In solchen offenen Konstellationen erkennt man sehr schnell, dass sexuelle Treue nicht das Wichtigste in einer Beziehung ist. Es passiert doch außerdem immer wieder einmal, dass man sich in jemand anderen verliebt, deswegen muss ja nicht gleich eine ganze Beziehung infrage gestellt werden.

Lesen Sie jetzt weiter:

Wie junge Autorinnen und ein Schriftsteller gegen alte, weiße Klischees ankämpfen. Zum Status quo von Sex, Liebe, Beziehungen und Feminismus. Die ganze Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 40/2021 - hier als E-Paper.

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