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Bernhard Pörksen: "Wir leiden an einer Überdosis Weltgeschehen"
03/03/2020

Bernhard Pörksen: „Wir leiden an einer Überdosis Weltgeschehen“

Der Medienwissenschafter beobachtet die Verbreitung des Coronavirus in der Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Sein Befund: Vernetzung heißt Verstörung.

von Edith Meinhart

profil: Kriegen Sie eigentlich Angst, wenn Sie unter Hashtags wie Covid-19 oder CoronavirusOutbreak die sozialen Plattformen verfolgen? Pörksen: Absolut. In der Erregungsarena der Gegenwart tummeln sich ja ganz unterschiedliche Player: Jene, die seriös informieren, Experten, Wissenschafter, Vertreter der Gesundheitsbehörden, klassische Medien, aber auch Verschwörungstheoretiker, Empörungsjunkies und Panikmacher. profil: Was löst eine Epidemie wie Covid-19 in der Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters aus? Pörksen: Wir sehen, dass die weltweite Vernetzung zu einer globalen Infektionsangst, einem Gefühl des totalen Verstörtseins führt. Das Mantra der Netzutopien ist gründlich diskreditiert. Vor 30 Jahren, da waren wir uns sicher: Mehr Information macht uns automatisch mündiger. Heute müssen wir anerkennen: Mehr Information erhöht die Chancen effektiver Desinformation.

profil: In aufgeregten Zeiten scheint das doppelt zu gelten. Warum? Pörksen: Wir sind gewissheitsbedürftige Wesen und greifen in Zeiten der gefühlten Gefahr auf das zurück, was wir glauben oder glauben wollen: China hat in Labors Viren produziert und fahrlässig entgleiten lassen; Bill Gates will mit der Pandemie Geld verdienen; die klassischen Medien verschweigen die Wahrheit. Es ist beunruhigend und zugleich faszinierend, zu beobachten, wie sich rund um solche Corona-Pseudowahrheiten diverse Selbstbestätigungsmilieus gruppieren. profil: Man könnte sich kopfschüttelnd abwenden, würden falsche Informationen nicht zu 70 Prozent häufiger geteilt werden als korrekte. Was folgt daraus? Pörksen: Dass wir eine neue Aufklärung brauchen, die nicht mehr die Philosophie als Leitdisziplin begreift, sondern Medienanalyse und Kommunikationspsychologie zusammendenkt. Das ist das, was der Psychologe Friedemann Schulz von Thun und ich in unserem neuen Buch versuchen. Gerade rund um die Coronavirus-Panik wird das Netz zu einem riesenhaften Labor, in dem die Gesetze der medialen Transformation und der allgemeinen menschlichen Psychologie auf fatale Weise zusammenwirken.

Aufklärung hat nur eine Chance, wenn Psychologie und Medienanalyse zusammenkommen.

profil: Inwiefern? Pörksen: Die neue Informationsverbreitung trifft gleichsam auf den Menschen alten Typs, der begrenzte Möglichkeiten der Verarbeitung hat, unter Hochgeschwindigkeits- und Angstbedingungen auf Vorurteilsmuster zurückgreift und selbst im ehrlichen Bemühen, andere zu warnen, den Extremismus der Erregung weiter verstärkt. profil: Ihr Co-Autor verfasste im Jahr 1981 ein Standardwerk, das fast so heißt wie ihr jetziges gemeinsames Buch: Miteinander reden. Was ist nun Neues herausgekommen? Pörksen: Wir zeigen: Aufklärung hat nur eine Chance, wenn Psychologie und Medienanalyse zusammenkommen. Uns treibt die Idee um, dass wir aus dem Miteinander-Reden auf der Mikroebene verbissener Ehepaare oder Teams, die nicht mehr funktionieren, etwas für die Entgiftung der öffentlichen Kommunikation lernen können. Und: Friedemann Schulz von Thun und ich führen vor, dass in einer Zeit, in der große und kleine Ideologien und religiöse Deutungen in radikaler Unmittelbarkeit aufeinanderprallen, respektvolle Konfrontation eine Zukunftstugend ist: sich nicht wegducken, sondern sagen, was zu sagen ist, ohne die Abwertungsspirale zu bedienen.

profil: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Kommunikation stimmig sein muss. Ist damit im politischen Wettstreit etwas zu gewinnen? Trump belegt doch das Gegenteil. Pörksen: Trump erscheint mir als eine Mischung aus Reality-TV-Star und Internet-Troll, der mit brachialer Gewalt, Drohungen und mafiös wirkender Form der Einschüchterung agiert – gewiss eine Horror- und Angstgestalt, die den drohenden Diskursruin symbolisiert. Doch eigentlich leben wir in drei Kommunikationswelten: Neben dem Hass, der Hetze, der Verwilderung von Debatten und entsetzlichen Attacken auf Minderheiten gibt es in manchen akademischen Milieus eine hypermoralische Betulichkeit, Empfindlichkeit und Ängstlichkeit. Und schließlich – das wäre die dritte Welt und die gute Nachricht – noch eine Sphäre der echten Wertschätzung. In Redaktionen und Schulen wird respektvoller gesprochen als vor 20 Jahren. Unser Punkt ist: Die gesellschaftliche Mitte darf in diesem Moment der Zeitgeschichte – in einer laufenden Kommunikationsrevolution mit offenem Ausgang – die Arena nicht den Lauten, Hassenden und Pöblern überlassen, sondern muss sich engagierter einmischen und hartnäckig um eine Sprache der Mäßigung und Abkühlung werben.

Die Unterscheidung zwischen real und digital wird hinfällig.

profil: Ansteckende Krankheiten scheinen – neben Terror, Umweltkrisen oder Fluchtbewegungen – besonders geeignet, einen Zustand kollektiver Erregung hervorzurufen. Können sich Medien und Politiker überhaupt entziehen? Pörksen: Sie müssen es jedenfalls versuchen, in einem möglichst wachen Bewusstsein der verschiedenen Dilemmata. Gerade in Zeiten einer globalen Infektionsangst gilt es zwei Gefahren zu vermeiden: die panikschürende Dramatisierung auf der einen Seite und die auf Beruhigung zielende Bagatellisierung auf der anderen. profil: Letztere birgt das Risiko, dass Menschen vermuten, ihnen würden Informationen vorenthalten. Pörksen: Das ist die Gefahr. Man könnte es ein Fake-Gefühl nennen, also der Eindruck, man sei Opfer einer Täuschung. Dann regiert die gefühlte Manipulation, der große Verdacht. Es gibt das berühmte Thomas-Theorem: „Wenn Menschen etwas als real definieren, sind die Folgen real.“ Ich würde ergänzen: „Wenn Menschen etwas als gefälscht definieren, können die Strategien der Aufklärung nicht mehr greifen.”

profil: China stellte Millionen Menschen unter Quarantäne, Präsident Xi verglich das Coronavirus mit dem „Teufel“. Treiben die sozialen Medien die Politik und umgekehrt? Hüpfen die Erregungsschübe zwischen den Welten hin und her? Pörksen: Absolut. Die Unterscheidung zwischen real und digital wird hinfällig. Und das neue Leitmedium ist das Wirkungsnetz, in dem ein Erregungsimpuls von Plattform zu Plattform, von Netzwerk zu Netzwerk springt. Selbst Zensur, wie sie in China praktiziert wird, schlägt um in Aufregung, Empörung und neue Panikschübe. Im Grunde spielt sich die Dynamik zwischen drei Polen ab: Kontrollversuch, Kontrollverlust und Kontrollverschiebung in Richtung globaler Plattformen. profil: Dazu kommt, dass wir alles gleichzeitig mitkriegen: den Bau neuer Krankenhäuser in China, abgeriegelte Ortschaften in Italien, sterbende Krankenschwestern im Iran. Fürchten wir uns deshalb zu viel? Pörksen: Unbedingt, Vernetzung heißt Verstörung. Wir leiden an einer Überdosis Weltgeschehen. Informationen ganz unterschiedlicher und mitunter beunruhigender Qualität erreichen uns in Echtzeit.

Facebook, Google, Twitter & Co bekommen Angst vor ihrer Maschine, die sie erzeugt haben.

profil: Die Angst verändert unser Verhalten im Alltag: Menschen zucken in der U-Bahn zusammen, wenn jemand hustet oder sich ein Asiate neben sie setzt. Wie soll der Einzelne zwischen Hysterie und Gefahr unterscheiden? Pörksen: Das ist schwer möglich. Die Lösung, die mir vorschwebt, ist nicht perfekt, aber die einzige, die mir einfällt: Wir sind medienmächtig, denn wir haben die Möglichkeit, barrierefrei jede Menge Information, aber auch Gerüchte und Unsinn in die digitalen Erregungskreisläufe einzuspeisen. Aber wir sind noch nicht medienmündig. Die aktuell entstehende Panik zeigt die existenzielle Bildungsherausforderung: Wir müssen uns auf der Höhe der digitalen Zeit mit den Gesetzen der Verbreitung und menschlichen Verarbeitung von Information beschäftigen, schon in der Schule. profil: Im Netz findet sich alles nebeneinander: Nonsens neben Ratschlägen, Anleitungen für Hamsterkäufe und Werbung für Gesichtsmasken neben Updates der Corona-Toten. Was sieht da der Medienwissenschafter? Pörksen: Hier regiert eine wortlose Ideologie, die ich – Professoren lieben das Wortungetüm – die Gleichwertigkeitsdoktrin der Informationspräsentation nenne. Man tut so, als rivalisierten in der Timeline alle Informationen zu Recht auf einer Ebene. Interessant ist, dass in Zeiten der Coronavirus-Panik die Plattformen gegen ihre Doktrin angehen, indem sie seriöse Quellen wie das Robert Koch Institut bevorzugen, vor Falschnachrichten warnen und wissenschaftlich gesicherte Informationen höher ranken.

profil: Wie deuten Sie das? Pörksen: Facebook, Google, Twitter & Co bekommen Angst vor ihrer Maschine, die sie erzeugt haben, aber nicht kontrollieren können und deren Effekte sie selbst nicht begreifen. Natürlich ist es richtig, eine Weltpanik zu vermeiden. Nur ist dieses Vorgehen willkürlich. Hier werden private Einschätzungen von Plattformbetreibern zur offiziellen Politik. Darüber brauchen wir eine Debatte. Google, Facebook, Twitter & Co wechseln ja ständig die Posen. Einmal tun sie, als wären sie neutral, faktisch riesige Telefonleitungen, die Menschen um den Erdball verbinden. Andererseits löschen sie Brustwarzenbilder sofort. Holocaust-Leugner lässt man gewähren, Corona-Panikmacher eben nicht; und beim nächsten Attentat agieren die Schwachsinnigen und Extremisten wieder auf der gleichen Ebene mit den Ermittlern, seriösen Journalisten und klugen Analytikern eines medienmächtig gewordenen Publikums. Diese Willkür zeigt, wie wenig man die eigene publizistische Macht und Verantwortung begreift.

Zur Person

Der Ex-Journalist Bernhard Pörksen lehrt in Tübingen Medienwissenschaft. 2018 machte ihn das Buch „Die große Gereiztheit” über Deutschland hinaus bekannt. In seinem neuesten Werk, „Die Kunst des Miteinander-Redens”, analysiert er gemeinsam mit dem Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun den kommunikativen Klimawandel. Es ist soeben im Hanser Verlag erschienen.