Bisexualität: Pendler zwischen den Geschlechtern

„Ich bin bi“ ist ein Bekenntnis, das viele nur im engsten Freundes- und Familienkreis wagen. Warum Bisexualität weiter verbreitet ist als angenommen und in einer immer liberaler tickenden Gesellschaft dennoch oft ein Tabuthema bleibt.

Drucken

Schriftgröße

„Ist das grauslich!“, pflegte ihre Großmutter zu rufen, wenn sie mit der heute 36-jährigen Eva* in der TV-Serie „Lindenstraße“ über eine Kussszene zwischen zwei Frauen stolperte. Tatsächlich wusste Eva bereits damals, im Alter von zehn Jahren, dass sie sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt. Als erdrückendes Geheimnis hat sie ihre sexuelle Orientierung  nie empfunden. „Zwar hat mich meine  ansonsten gar nicht esoterische Mutter zu einer Pendlerin geschleppt“, erinnert sie sich, „weil sie hoffte, dass man mir das wegpendeln könnte, aber nach längerem Anlauf hat sie sich damit abgefunden.“ Heute lebt Eva zum zweiten Mal Familie: diesmal mit Mann und gemeinsamem Kind; ihre erste Beziehung mit einer Frau und einer von ihr adoptierten Tochter (die mithilfe eines Spenders aus einer Samenbank entstanden war) ging schief. 

Die laienhafte Annahme, dass bisexuelles Leben mit einer promiskuitiven Partnerwahl gleichzusetzen ist, sei eines von vielen Vorurteilen, die zu dem Thema immer noch gern kultiviert werden. „Ich lebe heute monogam, was sich natürlich auch wieder ändern könnte“, sagt Eva, „aber das ist jetzt einmal unsere Verabredung, genauso wie in der rein heterosexuellen Welt. Mein Mann und ich schauen manchmal denselben Frauen hinterher. Meine Ex-Frau ist, glaube ich, sogar erleichtert, dass ich wieder mit einem Mann zusammen bin. So bezieht sie es weniger auf sich, sondern kann  sich verklickern, dass ich ohnehin immer heterosexuell war. Ich finde es großartig, dass ich viel mehr Auswahl habe und mich in einen Menschen, egal welchen Geschlechts, verlieben kann.“

Tatsächlich ist unter der LGBTQ+-Bevölkerung, also jenen Menschen, die nicht heterosexuell leben, der mit Abstand größte Teil bisexuell. Exakte Zahlen  existieren nicht, da in Österreich bei der Erhebung von offiziellen Statistiken keine Fragen nach der sexuellen Orientierung erlaubt sind. Auch das international vorhandene Zahlenmaterial ist spärlich.  Eine europaweite Umfrage des Instituts Dalia Research  aus dem Jahr 2016 ergab, dass sich in Deutschland und Österreich ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Befragten zu einer „queeren“ Minderheit zugehörig fühlte, also sich entweder als  homosexuell, lesbisch, bisexuell oder trans bezeichnet. Im „queersten“ EU-Land Deutschland waren es laut dieser Studie  7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung, in Österreich 6,2 Prozent. Das katholisch geprägte  Spanien rangierte mit 6,9 Prozent auf Platz 2; das Schlusslicht markierte mit 1,8 Prozent wenig überraschend Ungarn, wo Menschen abseits der heterosexuellen Norm mit scharfen Restriktionen zu rechnen haben. 

Dass die Liberalisierung von sexuellen Normen sich besonders in der Generation Z niederschlägt, zeigen die Unterschiede von Umfragen des britischen Instituts YouGov aus den Jahren 2015 und 2019. Bei der jüngeren Studie hat sich der Anteil von jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren, die sich als bisexuell identifizierten, von zwei Prozent auf 16 Prozent der Befragten erhöht. Dennoch hat Bisexualität im Vergleich zur schwulen Kultur  nur wenig Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung. In der Pop- und Filmwelt sind es vor allem Frauen wie die Schauspielerinnen Megan Fox, Angelina Jolie oder „Stranger Things“-Darstellerin Shannon Purser, die sich als bisexuell outen. Bisexuelle Männer wie der Frontsänger der  Band Green Day Billie Joe Armstrong, der seine Identitätssuche in dem Song „Coming Clean“ verarbeitete, stellen einen weit geringeren Anteil. In Politik und Wirtschaft haben als bi geoutete Menschen Raritätswert. Die deutsche grüne Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang, 28, posiert deswegen häufig mit der Bi-Flagge in den Farben Rosa, Lila, Blau: „Bisexualität wird viel zu sehr verdrängt, und bisexuelle Menschen sind zwar kaum sichtbar, aber werden dennoch diskriminiert.“ [...]

Der bisexuelle Schick, der in Modemagazinen gerne als Stilelement eingesetzt wird, indem weibliche Models auf den Spuren der bisexuellen Überdiva Marlene Dietrich  in Herrenanzügen posieren und Männer mit blau lackierten Fingernägeln und runden Spitzenkrägen à la Harry Styles inszeniert werden, löst nicht nur Normdenken auf, sondern vermittelt „auch den Eindruck, dass Bisexualität etwas ist, was man sich an- und dann auch wieder ausziehen kann“, erklärt Julia Shaw. Die 35-jährige deutsch-kanadische Rechtspsychologin und Bestsellerautorin wehrt sich auch gegen das Etikett „schick“: „Meine Bisexualität ist keine Mode, kein Trend, sondern etwas, das meine Identität ausmacht.“ „Es geht hier um Lebensentwürfe, nicht um Klamotten oder Trends“, erklärt auch der 29-jährige Schauspieler Jonas*, den es immer wieder erstaunt, „dass sich manche Theaterintendanten leichter damit täten, wenn ich einfach nur schwul wäre. Bisexualität verunsichert viele weit mehr.“

Lesen Sie jetzt weiter:

Die ganze Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 35/2022 - hier als E-Paper.

Sie haben noch kein Abo? Testen Sie profil 4 Wochen kostenlos.

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort