Harte Landung: Der düstere Roman "Still" von Krimiautor Thomas Raab

Harte Landung: Der düstere Roman "Still" von Krimiautor Thomas Raab

Thomas Raab zählt zu Österreichs erfolgreichsten Krimiautoren. In seinem neuen Roman löst er sich erstmals von seiner Bestsellerserie und bleibt dem Genre doch vage verbunden. "Still“ erzählt die Chronik eines Massenmords.

Der Schriftsteller Thomas Raab, ein großer, gerader Mann mit grauem Bart, stapft durch eine Winterlandschaft am Rande Wiens. Eine Frau mit aufgemalten Augenbrauen und Wanderstöcken glaubt, in ihm Christian Clerici zu erkennen.

Raab, 1970 in Wien geboren, ist allerdings ein Autor mit Faible für die große und kleine Bühne. Er unterrichtete Mathematik und Sport an einem Wiener Gymnasium, tingelte als Entertainer am Piano durch die Provinz und arbeitete als Korrepetitor an Musicalhäusern. 2007 veröffentlichte er sein erstes Buch, den Kriminalroman "Der Metzger muss nachsitzen“; bislang sind sechs Bände der Reihe um Willibald Adrian Metzger, den verbrechensaffinen Restaurator mit Rotweinvorliebe, erschienen. Unter den mehr als 100 Krimiautoren Österreichs, die sich auf der Plattform AIEP versammeln, ist Raab einer der bekanntesten. Von seinen Metzger-Büchern hat er über 250.000 Stück verkauft. Im Februar zeigen ORF und ARD die ersten beiden Folgen einer neuen TV-Adaption mit Robert Palfrader als Metzger. Weitere Krimiverfilmungen sind geplant.

Klassische Unterhaltungslektüre
Raab läuft langsam über die Schneedecke. Er hat sich nicht nur an diesem Donnerstagmorgen auf glattes Terrain begeben. Mit "Still“ hat er soeben auch seinen ersten Roman abseits des Krimigenres veröffentlicht. Er sei froh, sagt er, dass sein Verlag nicht darauf bestehe, die "Metzgerei auszuschlachten“. Man muss sich Raabs Gesicht unterhalb der grauen Wollmütze zufrieden grinsend vorstellen, wenn er so einen Satz sagt.

"Still“ ist als klassische Unterhaltungslektüre konzipiert. Die Sätze abgezirkelt, die Narration durchgehend linear angelegt. Das Buch ist von inflationär vielen Spannungsbögen möbliert, arbeitet mit einer gehörigen Prise Kolportage, einem sich überschlagenden Plot und flacher Psychologisierung. Es bedarf keiner großen Fantasie, sich vorzustellen, dass der Roman seinen Weg an die Spitze der Bestsellerlisten finden wird. Der Roman kann nicht verleugnen, dass er entlang von Longsellern wie "Schlafes Bruder“ und "Das Parfum“ erzählt ist.

Das heilige Monster in Raabs Roman hört auf den Namen Karl Heidemann: Der Protagonist gibt dem Schrecken dieser im ausgehenden 20. Jahrhundert angesiedelten Erzählung ein Gesicht. Heidemann ist ein von übersteigertem Hörvermögen gemarterter Fettwanst, der so gut wie nie spricht - und eine bluttriefende Spur durch die fiktive Provinz zieht, in einem Dorf am Ende aller Straßen. Karl metzelt Menschenmengen und filetiert Herzen aus Brustkörben. Er stromert als Wolfskind durch Wälder und verliebt sich in Marie. Er entdeckt als stimmloser Forrest Gump die Marathondistanz, tritt in ein Kloster ein und entpuppt sich als Freund der Tiere: ein gottloser Franz von Assisi mit Hang zum Massenmord.

Freundlicher Pragmatiker
Was den dramaturgischen Rahmen der Erzählung betrifft, mutet Raab seinem Roman einiges zu: Geburt und Tod, Gott und Teufel, Superheld und Superekel. Heidemanns Treiben orchestriert der Autor mit Appellen, die nicht selten unfreiwillig komisch klingen: "Die Wahrheit ist hungrig, frisst sich nimmersatt durch die Verborgenheit, bis sie sich unerwartet irgendwann herausbeißt ans Licht wie ein fetter Wurm, zu Boden plumpst, träge, unbeweglich liegen bleibt, vor aller Augen.“ In nicht wenigen Passagen fliegen die Metaphern Raab um die Ohren, wie dem Zauberlehrling der Besen.

Auf dem Weg durch den Schnee präsentiert sich Raab dagegen als freundlicher Pragmatiker. Er spricht voller Anerkennung über Wolf Haas und Daniel Glattauer - und legt Wert darauf, in einer ganz anderen, weniger populären Liga zu spielen. Es sei ihm nicht daran gelegen, Bücher zu schreiben, die in der Literaturwelt wie Nachschlagewerke behandelt werden. Aus dem Schreiben macht er kein Geheimnis. Es geht ums Handwerk und nicht um Selbstqual. Um die vielen Stunden vor dem Computer im Keller seines Gartenhauses im 13. Wiener Bezirk. Es hat etwas ganz Altmodisches, wie er über seine Arbeit als Autor spricht. Er sagt, man könne ihn durchaus als "Langweiler“ bezeichnen. Er erzählt viel von seiner Familie und von dem Glück, von vielen Menschen gelesen zu werden. "Es ist doch eine Gnade, wenn Papier, das von einem selbst beschrieben wurde, in die Hände anderer gerät, und diesen auch noch gefällt.“ Er könne sich, sagt Raab, gerade keinen anderen Beruf vorstellen, auch wenn er manchmal von einem Leben als Buchhändler träume. Raabs Handy läutet, auf dem Display ein Foto seiner beiden Töchter. Die Familie und der Schreibkeller rufen.

Thomas Raab: Still. Droemer, 358 S., EUR 20,60

Foto: Philipp Horak für profil