© Wolfgang Paterno

Gesellschaft
02/05/2022

Ist Olympia überhaupt noch zeitgemäß, Frau Streeruwitz?

Die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz im Gespräch über Avatare, Kunstschnee und stotternde Skifahrer. [E-Paper]

von Wolfgang Paterno, Sebastian Hofer

profil: Frau Streeruwitz, in Peking hat sich für die Dauer der Winterspiele 2022 eine Sportblase festgesetzt, in der die Wettbewerbe stattfinden, hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt. Ist das Welttheater Sport nicht längst absurd geworden?
Streeruwitz: Es hat vor allem seine leibhaftigen Beobachter verloren. Als Zuschauerin der Fußball-EM in Wien 2008 erlebte ich einen Zustand von Teilnahme, nicht unähnlich einer Demonstration. Diese Identifikation mit einem Publikum gibt es in Peking nicht mehr. Der Sport wird auf eine seltsame Art freigestellt, erscheint wie ein Scherenschnitt. Eigentlich könnte man die Bewerbe auch gleich inszenieren.

profil: Eben wie ein Theaterstück?
Streeruwitz: Mich erinnert das an die Filme der „Hunger Games“-Science-Fiction-Reihe. Im Wintersport wurde mit den Parallelbewerben eine bestimmte Form der Aggression eingeführt – es wird  künstlich ein Duell inszeniert. In einer Situation, in der pandemiebedingt kein Mensch am Pistenrand steht und schreit, könnte man die Zweikämpfe gleich vorproduzieren wie einen Film. Die Regie übernimmt, der Zufall verschwindet. 

profil: Bis sich einer hinstellt und sagt: „Ätsch, alles nur inszeniert.“
Streeruwitz: In China gibt es einen gelenkten Boom des innerstaatlichen Skitourismus, der allein auf Kunstschnee basiert. Reines Theater im Sinne eines großen Quasi. Und der schönste Weg für eine Gesellschaft, auszusterben. Der Spaß des Zufalls, jegliches Abenteuer ist suspendiert. Dennoch gibt es bei Olympia diesen einen dramatischen Augenblick, in dem das Gewinnen stattfindet. 

Lesen Sie jetzt weiter:

Die ganze Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 6/2022 - hier als E-Paper.

Sie haben noch kein Abo? Testen Sie profil 4 Wochen kostenlos.