Journalismus: Die vierte Säule der Demokratie und vier neue Feinde

Journalismus: Die vierte Säule der Demokratie und vier neue Feinde

Was wir für ein Bekenntnis der Eliten zu Qualitätsjournalismus halten, ist nur ein Lippenbekenntnis. Christian Rainer über die vierte Säule der Demokratie und vier neue Feinde.

Journalismus? Die vierte Gewalt im Staat! Das klingt gut. Aber bereits an diesem Punkt liegt ein Missverständnis vor. Gut klingt das nämlich vor allem in den Ohren der Medienmacher. Dass dieser harmonische Klang mehrheitsfähig ist, darf bezweifelt werden; und dass die Zuschreibung von staatlicher Verantwortung historisch durchgehend positiv konnotiert wäre, ist erst recht Unsinn. Vielmehr ist es doch so: Das Image der von uns verbreiteten Druckwerke ist in der breiten Masse der Bevölkerung zumindest verbesserungsfähig. Dort werden Journalisten zwar bisweilen wie Stars gefeiert, insgeheim jedoch als dünkelhafte und besserwisserische Zeitgenossen abgebucht. Die Spitzen von Politik und Wirtschaft mögen uns erst recht nicht. Hier stehen hinter einer vordergründigen Anbiederungsstrategie regelmäßig ganz andere Gefühle - im schlechteren Fall blanker Hass, im besseren die Frage, warum es Medien überhaupt geben muss. Die vierte Gewalt im Staat? Die wird von den Eliten folgerichtig auch gerne in weniger schmeichelhafter Form interpretiert: mit dem Verweis auf eine historische Entwicklung, in der die Gewalt der Zeitungen, Magazine, Fernseh- und Radiostationen oft in ihrer Ausübung bestand und nicht in ihrer Kontrolle.

Wir sind also ziemlich alleine in unserer Überzeugung, dass es uns geben muss. Jene Intellektuellen unter den Mächtigen, die uns für wichtig halten, sind rar gesät. Was wir für ein Bekenntnis der Eliten zu Qualitätsjournalismus halten, ist nur ein Lippenbekenntnis, genährt von der Erkenntnis, dass wir nun einmal existieren. Wir sind den Herren und Damen Ministern und Generaldirektoren ein unnotwendiges Übel, mit dem sie zu leben haben. Die wackelige Basis dieser Koexistenz: Friede durch wechselseitiges Belauern - das ist freilich eine Missinterpretation der Funktion von Journalismus, denn die Medien sollten die Mächtigen kontrollieren und nicht umgekehrt. Oder Friede durch Angst - auch das ist ein denkbar schlechter Zustand, denn das Verhältnis sollte von Respekt getragen werden und nicht von Terror.

Journalismus ist also nicht eine vierte Gewalt im Staat, aber unsere Arbeit ist die vierte Säule der Demokratie. Wir begleiten Gesetzgebung, Rechtswesen und Exekutive; wir machen Fehler öffentlich und prangern Missbrauch an. Diese Rolle erfüllen wir, indem wir recherchieren, investigieren, unsere Findungen publizieren, analysieren, fokussieren, interpretieren, kommentieren, hoffentlich auch karikieren. Es ist die Königsklasse der Medienarbeit, die sich in dieser Form wiederfindet und definiert, Magazine sind ein idealer Träger für diese Aufgaben.

Klingt gut. Ist aber komplexer. Wir recherchieren über die Mächtigen, aber das Recherchieren über die Mächtigen schätzen die Mächtigen nicht. Die Folge: Was wir tun, ist ständigem Angriff ausgesetzt, wir befinden uns in permanenter Verteidigungsstellung; Unabhängigkeit ist unsere Stärke, Misstrauen eine Sicherheitsmaßnahme, die öffentliche Erregung unsere Waffe. Das hat sich in Demokratien über lange Zeit bewährt; autoritäre Systeme wurden durch uns zu Demokratien.

Doch jetzt ist die Sache noch etwas schwieriger geworden. Vier Gründe.

Erstens. Die Krise der Printmedien fordert Opfer; Nachrichtenmedien sind besonders betroffen; investigativer Journalismus ist ein teures Unterfangen, lässt sich immer weniger kapitalisieren. Viele Printmedien verschwinden. Oft sind es die scheinbar stärksten Qualitätszeitungen und Magazine, die das Bröckeln von Auflagen und Werbegeld nicht überleben, jedenfalls nicht in der gewohnten Form. "Facts“, "FTD“, "Newsweek“. Wer überlebt, muss sparen. Der Löwenanteil unseres Aufwands sind Personalkosten. Daher entspricht der Schnitt ins Budget immer der Beschneidung von Redaktionen. Das erfahrene investigative Personal ist meist teuer, muss daher vorneweg über die Klinge springen.

Andererseits macht uns die Flaute auf dem Markt knieweich. Wir werden erpressbar. Ehe wir es uns versehen, nimmt unsere kritische Geschichte Rücksicht auf einen Werbekunden. Platz, der bisher für Investigatives reserviert war, weicht nun Advertorials. Sponsoringgeld verhindert objektive Darstellung. Die Angst vor dem teuren Rechtsstreit schiebt die heikle Aufdeckergeschichte auf die lange Bank, stößt sie aus dem Blatt.

Zweitens. Die Public-Relations-Abteilungen der Konzerne wuchern. Die Kommunikationsstellen der politischen Kasten schießen ins Kraut. Fette Lobbyistenverbände verbinden uns die Augen. Die Deutsche Bank beschäftigt mehr Kommunikatoren als die "Wirtschaftswoche“ Journalisten. Die österreichische Bundesregierung verfügt über mehr Pressesprecher als das profil über politische Redakteure. Gegenüber der geballten Kraft der Schönredner und Faktenverbieger fällt es immer schwerer, die Wahrheit zu finden.

Drittens. Die Online-Welt macht uns nicht nur ökonomisch zu schaffen. Heerscharen von Bloggern, Postern, Twitterern haben sich zu Medienmachern ernannt. Nicht immer gelingt es, unseren Lesern den Unterschied zwischen dem digitalen Mob und seriösem Journalismus zu erklären. Die Bedeutung von medialer Verantwortung löst sich auf im Meer der Bildschirmbuchstaben. Die Gatekeeper-Funktion der Redakteure wird durch eine Suchmaske ersetzt. Die Analyse des alten Zeitungshasen kommt nicht mehr an gegen den Google-Algorithmus.

Viertens. Weltpolitik. Der globale Siegeszug der demokratischen Rechtsform erweist sich als traurige Mär. Allenfalls setzt sich die Marktwirtschaft gegen zentrale Wirtschaftslenkung durch, aber das ist etwas anderes. Mit dieser Mär schwindet auch die Hoffnung, dass die freie Presse zur Grundausstattung jedes Staates wird, dass ein Recht auf Pressefreiheit genetisches Material jedes Bürgers ist. In China kapitulieren westliche Verleger längst vor der Zensur des unabhängigen Gedankens, auch Google und soziale Netzwerke sind in der Defensive. In Russland herrscht Meinungsoligarchie entlang der Vorgaben von putinscher Willkür. In der Türkei entwickelt sich eine vergleichbare Meinungsunterdrückungskultur. Und der Arabische Frühling brachte jeden Gedanken an einen freien Islam zum Welken.

Aussichten? Wolkig bis regnerisch mit einer 100-prozentigen Wahrscheinlichkeit von Gewitterstürmen. Wer da sein Dach nicht dichtet, wer auf Lehm gebaut hat, der ist verloren. Die Welt mit Journalismus ist ein fragiles Stückwerk, aber eine Welt ohne Medien ist keine. Das wissen nur die Medienmacher. Die Masse weiß es nicht. Die Mächtigen wollen es nicht wissen.

Wir müssen uns selber retten, wie an jedem Tag seit Jahrhunderten, aber nun unter erschwerten Umständen.