© Kevin Mazur/Getty Images for Universal Music Group

Gesellschaft
02/15/2022

Kanye West: Der geniale Patient

Die irrationalen Verhaltensweisen von West sind oft befremdend. In der Musikbranche gilt der Hiphop-Künstler, der an einer bipolaren Störung leidet, ungeachtet dessen als Genie. Eine Ferndiagnose.

von Angelika Hager

Er habe das Wort "Gangsterleben" (thug life) über seinem Nabel tätowiert, gelte als "Mister Narcissist", habe aber die Nase von "Beratung" gestrichen voll: "Ich verhandle nicht mit Therapeuten." Jetzt habe "Ye", so sein Künstlername seit 2018, "vier Kids", die ihr Leben vor der Kamera verbracht haben und die er für begrenzte fünf Stunden beobachten dürfe, sei aber "ein Vater ohne Sorgerecht". Deswegen habe er das Haus nebenan gekauft. Aber was bedeute es überhaupt, reich zu sein? "When you give them everything, they want more."

Der Songtext von "Eazy", jener Single in Kollaboration mit dem Rapper The Game, die im Jänner nach der bei West üblichen Ankündigungs- und Verschiebungschoreografie erschien, ist eine von Selbstmitleid und Größenwahn durchdrungene Zustandsbeschreibung, in der auch der neue Mann im Leben seiner Noch-Ehefrau Kim Kardashian, der Komiker Pete Davidson ("Who?"), als vernachlässigbare Figur beschrieben wird. Auch die inzwischen nicht mehr ganz so neue Neue, Julia Fox, bekommt eine Erwähnung als "my new b**h bad, illuminati-mad". Das begleitende symbolstarke Foto zu "Eazy" auf Wests Instagram-Profil: ein gehäuteter Affe, ein Sujet, wie es die Tierrechtsorganisation PETA benutzt, um Tierversuche anzuklagen.

Dass "Donda 2", der zweite Teil des im August veröffentlichten zehnten Studio-Albums "Donda" (der Vorname seiner 2007 verstorbenen Mutter, pechschwarzes Cover) am 22. Februar publiziert wird, will man noch nicht so recht glauben. Verschobene Erscheinungsdaten gehören zum West-Vibe. Die dreiteilige Netflix-Doku "Jeen-yuhys" (ein Wortspiel mit dem englischen Wort genius) sollte eigentlich nächste Woche auf Netflix Streaming-Premiere feiern, doch bei West weiß man das nie. Die Bedeutung seines Künstlernamen "Ye" erklärte West in einem Radiointerview als jenes Wort, das in der Bibel am häufigsten vorkomme und gleichbedeutend mit "Du" sei: "Denn ihr seid ich, und ich bin wir." Ende Jänner ließ er seine elf Millionen Follower wissen, dass sich der Streaming-Dienst Netflix schon einmal warm anziehen könne: "Ich sage das ein allerletztes Mal höflich: Ich muss das letzte Wort beim Schnitt dieser Doku haben, ehe sie auf Netflix geht. Öffnet sofort den Schneideraum, damit ich Kontrolle über mein eigenes Image habe." Als Erscheinungsdatum ist der 16. Februar noch immer geplant.

Im bereits erschienenen Trailer sieht man den jungen Kanye West, der im Gegensatz zu vielen Hiphop-Künstlern nicht in tristen Zimmer-Küche-Kabinett-Verhältnissen bei brennenden Ölfässern groß geworden ist, sondern von einer hoch reputierten Professorin von Anglistik allein erzogen wurde, anlässlich der Frage eines Freundes "Wer glaubst du, wer du bist, dass du dich ein Genie nennen kannst?" noch schüchtern lächeln. Wenig später wird er im Off den Satz über seine Genie-Initiation sagen: "Es war, als ob Gott sagen würde: Ich bin dabei, dir die Welt zu reichen, aber sei dir bewusst, dass ich sie dir auch jeden Moment wieder wegnehmen kann."

Gibt man Kanye West als Google Alert ein, wird man dieser Tage keine ruhige Minute verbringen. Durch die erratischen Verhaltenstrips des Noch-Ehemanns der öffentlichsten Frau der Welt Kim Kardashian (67 Millionen Follower auf Instagram) schnellen die Klicks auf allen Glamour- & -Drama-Medien in unermessliche Höhen. Eben noch mit der Neuen, Paula Fox, einer Ex-Domina und B-Schauspielerin, in Kriegerkostümierung in den selbst designeten "Yeezy-Boots" (West brilliert auch als Modevisionär) und Ganzkopf-Ledermaske auf den Pariser Modeschauen im iPhone- und Kameragewitter gestanden, scheint Ye "die Celebrity, die wir alle verdient haben" (so "Vanity Fair" über Fox), schon wieder auf der Nebenspur geparkt zu haben. Dabei hatte er ihr doch schon beim zweiten Date einen "Cinderella"-Moment der Extraklasse beschert, indem er ihr eine ganze Hotelsuite mit Designerkleidern vollstopfte. Und bei der Party zum 32. Geburtstag bekamen alle von Paula - "Ich habe schon mehrere Milliardäre gedatet" - Foxs Freundinnen eine Birkin Bag von Hermès (Minimum 8000 Euro das Stück) als Damenspende.

Aufruhr auf allen Klatschportalen, denn West wurde wenige Tage nach diesem Posting in Malibu bei einem Dinnerdate mit einer um 20 Jahre jüngeren Raubkopie von Kim Kardashian gesichtet. Die Lebensbestimmung dieser Chaney Jones scheint ähnlich ihrer Vorgängerin das Posieren in oft identischen Outfits auf Instagram zu sein, sogar die obligate schwarze Sonnenbrille ist dasselbe Modell, wie es Kim Kardashian zu tragen pflegt. Parallel zu dem EKG-gleichen Liebesleben eskaliert der Sorgerechtsstreit um die vier gemeinsamen Kinder North, 8, Saint, 6, Chicago, 3, und Psalm, 2, der vor allem von West auf Twitter und Instagram ausgetragen wird. "Da dies meine erste Scheidung ist", so West auf Instagram, "muss ich wissen, was ich dagegen tun kann, dass meine Tochter (North) gegen meinen Willen auf TikTok ist."

Letzte Eskalation von vergangener Woche: In einem Instagram-Posting schrieb West, dass die Mutter seiner Kinder ihn beschuldigt habe, auf sie einen Auftragskiller angesetzt zu haben: "Lasst mich das hier mal klarstellen. Ich bettle darum, zur Geburtstagsparty meiner Tochter gehen zu dürfen, und werde beschuldigt, Drogen zu nehmen Und jetzt werde ich beschuldigt, einen Anschlag auf sie verüben zu wollen." Später löschte er das Posting wieder. Kim Kardashian konterte, was aus dem Mund einer Frau, die mit ihrem Clan 14 Jahre und 20 Staffeln lang mit der Reality-Soap "Keeping Up With The Kardashians" ihr Familienleben zum öffentlichen Spielplatz machte, etwas paradox klingt: "Es ist ohnehin alles schmerzhaft genug, ich möchte die Angelegenheiten um meine Kinder privat halten." Sollte sich jemand deswegen Sorgen machen: Die Bling-Bling-Sippe hat eben mit dem Streaming-Dienst Hulu einen neuen Vertrag unterzeichnet.

Egal ob West den damaligen Präsidenten Donald Trump als Bruder bezeichnete und behauptete, dass von der Make-America-great-again-Kappe magische Kräfte auf ihn übergingen, er wenig später ankündigte, bei der Präsidentschaftswahl 2020 selbst kandidieren oder Wladmir Putin wegen einer geplanten Übersiedlung nach Russland treffen zu wollen: Kanye West, dessen Privatvermögen vom US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" auf 1,2 Milliarden Euro geschätzt wird, tut wirklich alles, um davon abzulenken, dass er in der Musikbranche und unter Kritikern als einer der einflussreichsten und innovativsten Musiker und Produzenten des letzten Jahrzehnts gilt.

Die Ursachen für Wests Impulskontrollverlust, seine radikalen Stimmungsschwankungen, seinen Größenwahn liegen in einer bipolaren Störung, die Kim Kardashian in einem "Vogue"-Interview 2019 erstmals ausführlich thematisierte. West selbst hatte damals schon einige Klinikaufenthalte hinter sich gebracht, die er offiziell mit Erschöpfungszuständen und Schlafstörungen begründete, die Diagnose hatte er bereits 2016 erhalten, sich aber geweigert, seine Krankheit mit Medikamenten zu bekämpfen, da er befürchtete, dadurch sein "Nia", so sein Begriff für Brillanz, zu schädigen. Auf seinem Album "Ye" bezeichnet er 2018 seine Störung kryptisch als "Superpower" und beschriftete das Plattencover mit dem Zitat "I hate being bipolar, it's awesome." Die amerikanische Psychiater-Vereinigung befürchtete, dass dadurch eine "psychische Krankheit verherrlicht werden könne, was gefährlich werden kann". Andererseits besteht bei Kanye Wests letzten Eskapaden auch die akute Gefahr, dass sein Zustand nicht ernst genommen wird, sondern ein psychisch Kranker nur belächelt oder mit Verachtung gestraft wird,

Eine Metaanalyse an 10.000 Patienten in 27 Studien ergab, dass manisch-depressiv Erkrankte im Schnitt sechs Jahre auf eine fachgerechte Diagnose warten müssen, aber dieser Zustand gleichzeitig auch eine Suizidgefahr bei 20 Prozent der Betroffenen hervorrufen kann.

Unter besonders herausragenden Künstlern und Kreativen scheint die bipolare Störung erstaunlich häufig aufzutreten: Robert Schumann, die Dichterin Sylvia Plath, Virginia Woolf, Amy Winehouse, Britney Spears, Kurt Cobain, Janis Joplin, Vincent van Gogh - die Liste bahnbrechender Künstler ist lang. Christian Simhandl, Gründer der österreichischen Gesellschaft für bipolare Erkrankungen, zu profil: "Wenn Künstler ihre manischen Phasen zu nutzen verstehen und damit umzugehen gelernt haben, kann das durchaus produktiven Einfluss auf ihre Kreativität haben. Das haben schon die antiken Philosophen Aristoteles und Plato erkannt."

Auch Kanye West dürfte, zumindest über lange Strecken seines Lebens, über diese Fertigkeit verfügt haben. Denn seine künstlerische Biografie liest sich wie ein Hiphop-Märchen. Aufgewachsen ohne seinen Vater Ray West, der ein Mitglied der Black-Panther-Bewegung und einer der ersten schwarzen Fotojournalisten war (die Eltern ließen sich, als er drei war, scheiden), begann der College-Abbrecher nach erstem Produzieren in der Rapper-Subkultur von Chicago um die Jahrtausendwende mit Alicia Keys, Legend und Jay-Z zu arbeiten und war maßgeblich am Erfolg von Jay-Zs Album "The Blueprint" beteiligt. Ein Autounfall, der ihn mit einem dreifachen Kieferbruch außer Gefecht setzte, war der Auslöser für seine erste Solo-Single "Through the Wire", wo er noch völlig verdrahtet im Kieferbereich seinen Unfall rappend verarbeitete und auf Anhieb auf Platz 15 der Charts landete.

Auch seinen Schulabbruch wusste er kreativ zu nutzen. Auf seinem Debütalbum "The College Dropout" 2003 verarbeitete er die traumatisierende Wirkung des Schulsystems und landete auf Anhieb auf Platz 2 der US-Billboard-Charts. Der Grammy für das beste Rap-Album folgte, inzwischen ist er neben Jay-Z der erfolgreichste Hiphop-Künstler: 21 Grammies und 75 Nominierungen. West hat allein in den USA rund 60 Millionen Downloads und verkaufte Tonträger zu verbuchen; das Musikmagazin "Rolling Stone" attestierte ihm, dass er den Hiphop "emotionalisierte" und "eine Abkehr vom Gangsta-Rap initiierte und damit zum einflussreichsten Musiker des vergangenen Jahrzehnts avancierte". Auch unter jungen Musikern gilt West als Galionsfigur. Der österreichische Rapper Jérémie Machto (Künstlername JerMc), Betreiber des eigenen Labels "Heiße Luft", bezeichnet West als "große Galionsfigur von bislang nie dagewesener Wortgewalt, dessen virtuoser Umgang mit Samples" auf diesem Niveau in der internationalen Szene bislang unerreicht blieb: "West ist eben extrem, aber er spielt auch mit dem Image des Outsiders, inklusive seiner toxischen Männlichkeit, und des Nerds, das er schon von Jugend auf kultiviert hat."

"Am Ende zählt für mich nur die Musik, mit dem anderen Zeugs beschäftige ich mich gar nicht", sagt der in L.A. lebende Österreicher Jakob Rabitsch, 30, der bereits zwei Grammy-Nominierungen als Produzent des Rappers 6lack verbuchen kann. Und vielleicht ist es für Künstler in psychischen Extremsituation tatsächlich so, wie der ebenfalls bipolar erkrankte Jahrhundertmaler Vincent van Gogh in einem Brief an seinen Bruder beschrieb: "Die Normalität ist eine gepflasterte Straße, man kann gut darauf gehen. Allerdings wachsen auch keine Blumen auf ihr."