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Gesellschaft
02/10/2022

"Ist Olympia überhaupt noch zeitgemäß, Frau Streeruwitz?"

Die Olympischen Winterspiele werden noch bis zum 20. Februar in Peking ausgetragen. Das Thema Sport begleitet die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz seit Jahrzehnten. Ein Gespräch über Avatare und Kunstschnee, stotternde Skifahrer und gepflegte Zähne.

von Sebastian Hofer, Wolfgang Paterno

profil: Frau Streeruwitz, in Peking hat sich für die Dauer der Winterspiele 2022 eine Sportblase festgesetzt, in der die Wettbewerbe stattfinden, hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt. Ist das Welttheater Sport nicht längst absurd geworden?

Streeruwitz: Es hat vor allem seine leibhaftigen Beobachter verloren. Als Zuschauerin der Fußball-EM in Wien 2008 erlebte ich einen Zustand von Teilnahme, nicht unähnlich einer Demonstration. Diese Identifikation mit einem Publikum gibt es in Peking nicht mehr. Der Sport wird auf eine seltsame Art freigestellt, erscheint wie ein Scherenschnitt. Eigentlich könnte man die Bewerbe auch gleich inszenieren.

profil: Eben wie ein Theaterstück?

Streeruwitz: Mich erinnert das an die Filme der "Hunger Games"-Science-Fiction-Reihe. Im Wintersport wurde mit den Parallelbewerben eine bestimmte Form der Aggression eingeführt - es wird künstlich ein Duell inszeniert. In einer Situation, in der pandemiebedingt kein Mensch am Pistenrand steht und schreit, könnte man die Zweikämpfe gleich vorproduzieren wie einen Film. Die Regie übernimmt, der Zufall verschwindet.

profil: Bis sich einer hinstellt und sagt: "Ätsch, alles nur inszeniert."

Streeruwitz: In China gibt es einen gelenkten Boom des innerstaatlichen Skitourismus, der allein auf Kunstschnee basiert. Reines Theater im Sinne eines großen Quasi. Und der schönste Weg für eine Gesellschaft, auszusterben. Der Spaß des Zufalls, jegliches Abenteuer ist suspendiert. Dennoch gibt es bei Olympia diesen einen dramatischen Augenblick, in dem das Gewinnen stattfindet. Darin steckt die Unmittelbarkeit, die Theater hätte, wenn es ein Theater wäre. Für diese Unmittelbarkeit ist aber der Zuschauer, die Zuschauerin vor Ort wichtig, die bezeugt, dass alles gerade genau so geschieht. Denn Filme, das wissen schon meine Enkel, sind gemacht. Olympia in Peking wird zu nichts Gutem führen.

profil: Warum nicht?

Dass die Sportler und Sportlerinnen das machen, ist in diesem großen Falschen zwar auch falsch, aber verständlich. Sie müssen die Spiele ernst nehmen. Es gibt keinen ironischen Olympiasieg.

Streeruwitz: Weil ich fürchte, dass sich alle Chinesen dieses Ereignis von Staats wegen anschauen müssen. Kriegen das eineinhalb Milliarden auf ihre Handys gespielt? Wer sich der Zwangsbetrachtung verweigert - wird derjenige behördlich registriert und darf nicht mehr mit dem Bus fahren? Das wäre ja im Grunde das, was herauskommen müsste in einem solchen Erziehungsstaat.

profil: Wie passt das zum olympischen Gedanken vom friedlichen Wettbewerb der Völkergemeinschaft?

Streeruwitz: Die Verlogenheit der Teilnehmenden ist evident und nachvollziehbar. Es ist einzusehen, dass jemand, der all dieses Training auf sich nimmt, ein derartiges Ziel benötigt. Es geht um den Auftritt. Dass die Sportler und Sportlerinnen das machen, ist in diesem großen Falschen zwar auch falsch, aber verständlich. Sie müssen die Spiele ernst nehmen. Es gibt keinen ironischen Olympiasieg.

profil: Aber es gibt zynische Funktionäre und Trainer.

Streeruwitz: Der Trainer ist wie der katholische Priester im Besitz der Person - dass er übergriffig wird, ist in dieser Konstellation geradezu logisch. Das sind eben grundfalsche Verhältnisse. Natürlich wäre es netter, gäbe es nicht diese gnadenlose Auslese und wären wir alle ein bisschen dabei. Dass es mutmaßlich eine weltbeste Person im Eisstockschießen gibt, ist im Grunde absurd.

profil: Bleibt Sport dessen ungeachtet nicht eine der letzten gemeinschaftsstiftenden Erfahrungen?

Streeruwitz: Wir finden uns zusammen, indem wir beobachten, wie sich die Athletinnen und Athleten gegenseitig besiegen. Das sind "Hunger Games".Der Traum von der vollkommenen Verfügbarkeit des Körperlichen wird ausgelebt. Bei den Leichtathleten und Leichtathletinnen sind dann noch für alle sichtbar schöne Menschen unterwegs, die all das erfüllen, wovon geträumt werden kann.

profil: Wintersportler sind dagegen eingepackt, oft unter Helmen versteckt.

Streeruwitz: Lindsey Vonn war stets hervorragend geschminkt. Wenn ich mich an frühe Fernsehbilder erinnere, an stotternde Skifahrer, die keine ordentlichen Zähne hatten, dann sehe ich den Verlauf dieser Professionalisierung. Sportler und Sportlerinnen werden immer schneller, schöner, professioneller. Immer weiter und weiter. Das ist die Steigerung, an der wir langsam zugrunde gehen.

profil: Wobei der Körper in etlichen Disziplinen tatsächlich in tödliche Gefahr gerät.

Streeruwitz: Es ist schlicht zirkusreif.

profil: Haben Sie einen Lieblingsartisten in diesem Zirkus?

Streeruwitz: Ich hasse den Zirkus. Ich habe ihn immer gehasst. Und ich habe auch das Fernsehen aufgegeben. Deswegen geht es mir gut. Ein weiterer Zwang ist weggefallen. Allerdings werde ich mich deswegen wahrscheinlich noch weiter radikalisieren.

profil: Weshalb radikalisiert Sie der Fernsehverzicht?

Streeruwitz: Beim altmodischen Fernsehen warst du ausgeliefert, beim Streaming musst du aussuchen und finden. Das spürt auch die Politik: Dass Leute bestimmte Dinge nicht mehr einfach hinnehmen, dass sie andere Dinge suchen oder nicht finden. Das ist zugleich Selbstermächtigung und völlig oberflächlich. Auf YouTube kann ich, wenn mir das Skispringen zu langweilig wird, zur Siegerehrung vorspulen.

profil: Interessiert Sie Skispringen denn?

Streeruwitz: Skispringen hat viele meiner Einsamkeiten begleitet. Das lief immer Samstag- oder Sonntagnachmittag, ich hatte sehr viel Hausarrest und sah mir das eben an. Ich suchte es mir nicht aus, fand es im Programm und entwickelte eine gewisse Expertise.

profil: Wären Sie bei Olympia in China gern als Zuschauerin vor Ort?

Streeruwitz: Automaten würden es viel besser machen, was übrigens längst für uns alle gilt. Genau deswegen sollte man hinfahren, bevor sich endgültig Roboter unterschiedlicher Nationen matchen. Olympia ist gegenwärtig gerade noch ein Naturereignis, bei dem Menschen auf Skiern irgendeinen Hügel herunterrasen oder von einer Schanze hüpfen. Dem Auftritt der Person wohnt aber bereits ein historisches Moment inne: Menschen sind unzuverlässigen Körpern und Launen ausgeliefert. Es geht nicht immer nur bergauf. Alles hochgradig lästig! Her mit den Robotern! Bald wird es nur noch Metasport geben. Metairgendwas.

An Olympia ist alles zerstörerisch. Es ist alles so falsch, man möchte schreien.

profil: Muss man sich ein Meta-Olympia als Maschinentreffen vorstellen?

Streeruwitz: Chinesische Oligarchen dürfen derzeit wegen Covid nicht nach Kitzbühel fahren. Deshalb müssen sie in China in Skihallen auf Kunstschnee herumrutschen. Sind diese Wirtschaftsmagnaten noch Personen - oder bereits Avatare?

profil: Noch für jedes Olympia wurden Milliardensummen aufgewendet, um für einen kurzen Zeitraum ein Sportfest zu veranstalten. Ist das überhaupt noch zeitgemäß?

Streeruwitz: An Olympia ist alles zerstörerisch. Es ist alles so falsch, man möchte schreien. Es stimmt nichts daran, keinen Moment lang. Es sollten keine Wohnblöcke hingeklotzt werden für Athletinnen und Athleten, die später als Sozialwohnungen dienen. Warum braucht es dazu Olympia? Was für die Oper recht ist, ist für den industriellen Sport billig: Wer's haben will, muss es sich selber machen. Es sollte nicht unsere dringlichste Aufgabe sein, Sport und Oper aus Steuergeld zu finanzieren.

profil: Woran denken Sie, wenn Sie den Wahlspruch "Dabeisein ist alles" hören?

Streeruwitz: Wir sehen immer nur Siegerinnen und Sieger. Die vielen Gescheiterten kultivieren derweil ein Mindset, das ihnen hilft, ihre Niederlagen zu verarbeiten - und den faulen Triumph des Dabeigewesen-Seins vorgaukelt. Muss sich die Welt notwendigerweise alle zwei Jahre darüber versichern, welche Person auf Skiern am hurtigsten einen Hügel runterrast, 100 Meter am schnellsten hinter sich bringt? Dieses ständige Messen von Spitzenleistungen auf zwei Beinen! Letzten Endes ist dies reiner Nationalismus, der längst überholt sein sollte. Wir wissen inzwischen auch, dass einer soliden Mehrheit Olympia völlig egal ist. Was kümmert es einen Inder, wer Favorit in der lächerlich umraunten "Königsdiziplin" Herrenabfahrt ist?

profil: Die Skination Österreich verliert bekanntlich zusehends an globaler Reputation.

Streeruwitz: Österreich als Beispiel eines Armenhauskindes, das sich wieder in die erste Reihe vorarbeiten muss - das ist eine traurige Geschichte, fast so wie bei "Heidi". Im Grunde genommen findet im Skirennen die Exotisierung des österreichischen Bergmenschen statt, der auf natürliche Weise dieses Runterfahren besser beherrscht als alle anderen. In Österreich, diesem ehemaligen Jesuitenstaat, ist es enorm wichtig, dass man zum Skifahren in Sportgymnasien erzogen wird. Das ist hierzulande ein Bildungsweg - und zugleich Metapher für dieses Land: Es gibt einen Bildungsweg ins Verlieren. Immerhin sind wir vielleicht noch ein bisschen groß in China. Auf Kunstschnee.

profil: Die Leistungen der Sportlerinnen und Sportler ringen Ihnen keine Ehrfurcht ab?

Streeruwitz: Die Akteurinnen und Akteure in den olympischen Winter- und Sommersportarenen sind noch die rührendsten Erscheinungen dieses ganzen Zinnobers. Deren Ernsthaftigkeit ist nicht anzuzweifeln, ebenso wenig wie deren Einsatz und Hoffnung auf Erfolg.

profil: Das olympische Motto wurde unlängst offiziell ergänzt - es lautet nun "schneller, höher, stärker - gemeinsam".

Streeruwitz: Reine Augenauswischerei. Der cultural turn der 1990er-Jahre versprach Demokratisierung. Im Sport gibt es aber nach wie vor ausschließlich Sieger und Verlierer. Das Vergleichen ist die Krux. Anstatt miteinander glücklich zu werden, vergleichen wir. Sport, Kapitalismus und Nationalismus kennen nichts anderes als die Gegenüberstellung. Die Weltrettung, die offenkundig ansteht, kann aber nur stattfinden, wenn alle mitmachen. Niemand darf dabei gewinnen oder verlieren, weil das just der Punkt ist, an dem die Welt auseinanderbricht. Wenn wir uns diese Gewinnen-Verlieren-Politik nicht bald abgewöhnen, fliegt die Welt sowieso in die Luft.

profil: Sportreporter berichten gern von "Jahrhundertleistungen". Kann es das überhaupt geben?


Streeruwitz: Es ist eine traurige Geschichte steter Wiederholung. Es gibt einen Supertollen, auf den der nächste Supertolle folgt-und so weiter, ad infinitum. Eine unendliche Geschichte. Diese Schule der ewigen Ersetzbarkeit ist am Ende entwertend. Im ständigen Fluss kapitalistischer Dauersteigerung lässt das uns alle in diesem dauernden Ersetzen zurück. Ich finde die Idee eines olympischen Zufallsgenerators verführerisch: Alle vier Jahre werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Spiele per Losentscheid gewählt. Und dann fährt Erna W. aus Wien-Penzing gegen Francine B. aus Twin Falls, Idaho, um die Slalom-Medaillen.

profil: Betreiben Sie selbst auch Sport?

Streeruwitz: Ich gehe laufen, weiß aber zugleich, dass ich von Spitzenleistungen äonenweit entfernt bin. Ich lebe damit gut, auch im Wissen, dass sich der Schrecken ständig wiederholt: dieses langweilige Umziehen, der schleppende Weg zur Laufstrecke, die Mühsal der Anstrengung selbst. Ständig diese Frage: Warum machst du das? Während des Laufens aber kippt es, wird zur Freude. Bis zum nächsten Mal. Die klassische Teufel-Engel-Situation. Es ist eben so, das Leben. Und gemütlicher Sport? Einfach wunderbar. Ein schönes Tier zu sein, ist ein Vergnügen.

 

Marlene Streeruwitz, 71, lernte einst auf Schulskiwoche im Salzburgischen St. Johann im Pongau das Skifahren, als um die Ecke in Obertauern die Beatles die Schneeszenen für ihren Film "Help!" drehten. Zum Sport pflegt die Wiener Schriftstellerin und Dramatikerin, von der jüngst "Geschlecht. Zahl. Fall.",ein Band mit Vorlesungen, erschienen ist, seit je ein gespanntes Verhältnis: Bei zahllosen Endspielen der Champions League war sie live im Stadion, in vielen Essays und Romanen hat sie sich mit der Körperertüchtigung kritisch auseinandergesetzt.