Mittelstadtrauschen: Margarita Kinstners Überraschungsbestseller

Eine Kindergartenpäda­gogin schickt ihr ­Romanmanuskript aufs Geratewohl an einen ­Verlag. ­Inzwischen ist ­„Mittelstadtrauschen“ ­erschienen. Die Geschichte eines Überraschungs­bestsellers.

Am Mittwoch vergangener Woche spaziert Margarita Kinstner in ein anderes Leben. Sie hat einen Termin in ihrem Verlag, in einen schwarzen Mantel gehüllt schreitet die Autorin die Wiener Argentinierstraße entlang. Seit drei Jahren arbeitet sie als Sprechstundenhilfe in einer HNO-Praxis nahe der Oper, in einem, wie sie sagt, „fabelhaften Brotberuf“. Ende des Jahres wird sie ihre Arbeit kündigen, um sich 2014 ganz dem Schreiben zu widmen. Sie ist auf dem Weg, den Vertrag für ihren zweiten Roman zu unterzeichnen.
Den Takt der Schritte synchronisiert sie mit den Stationen ihres Schreibens. Sie spricht über kleine Literaturzeitungen und -initiativen, als ob man diese kennen müsste. Sie sagt: „GRAUKO“, „Und Radieschen“, „Margas Magazin“. Man muss sie nicht auf die kuriosen Namen ansprechen, sie kommt von allein darauf zu sprechen. Es braucht einige Zeit, bis klar wird, was gemeint ist. „GRAUKO“ ist das Akronym für „Grazer Autorinnen und Autoren Kollektiv“, eine Art Selbsthilfegruppe, in der sich Debütanten gegenseitig kritisieren und motivieren. Kinstner ist seit einigen Jahren Mitglied der Gruppe. Daneben arbeitet sie bei der Literaturzeitschrift „Und Radieschen“ mit. Vor einem Jahr gründete sie „Margas Magazin“. In der Publikation mit der großen Schrift ermuntert sie Vorschulkinder zum Dichten. „Ich erfinde wahnsinnig gerne Geschichten“, schreibt die Kindergartenpädagogin in der ersten Nummer des Magazins. „Und vielleicht hast du ja selbst bald Lust, eine eigene kleine Geschichte zu erfinden? Das ist gar nicht so schwer.“ Mit der großen Literaturwelt ist Kinstner, 37, offenbar noch nicht so vertraut. Auf Höhe des ORF-Funkhauses fragt sie leicht irritiert: „Wie komme ich jetzt zum Verlag?“

Kein Plan B
In Zeiten von E- und Self-Publishing, Books on Demand und E-Books wirkt die Geschichte von Kinstners kürzlich publiziertem Debüt „Mittelstadtrauschen“ fast wie ein Anachronismus. Das traditionelle Verlags- und Buchhandelswesen ist von tiefgreifenden Veränderungen betroffen: Von den zehn meistverkauften deutschsprachigen Kindle-Büchern 2012 stammen laut Aussage des Internetgrossisten Amazon fünf von Kindle-Direct-Publishing-Autoren, die selbstständig auf einer dem hauseigenen Kindle-Shop angegliederten Plattform Selbstverfasstes publizierten. In den USA hat Amazon damit begonnen, sich die Backlists bestehender Buchverlage einzuverleiben, Apple, Barnes & Noble und Google stoßen, PR-mäßig unterstützt via Wikis, Blogs und Podcasts, aggressiv in den jungen E-Book-Markt vor, der den Reiz der materiellen Buchpräsenz durch teilweise günstigere Preise und ständige Verfügbarkeit zu verdrängen sucht. Einzig das Weihnachtsgeschäft, das Mitte November begonnen hat, rettet Verlagen und Buchhändlern alljährlich die Jahresbilanz.

Vor über zehn Jahren ließ Margarita Kinstner ihr erstes Manuskript einem Verlag zukommen – und erhielt eine Absage. Der Schock saß tief, sie gab das Schreiben auf, erst 2006 machte sie sich an ein neues Projekt. Ende 2011 besorgte sie sich großformatige Kuverts plus Briefmarken und schickte sechs heimischen Verlagen den neuen Text. Kinstner sagt über sich selbst, sie sei keine „Kontaktknüpferin“, aus dem zweiten Versuch, Schriftstellerin zu werden, machte sie keine große Sache. Sie warf die Umschläge in einen Briefkasten. Es gab keinen Plan B.

Im Deuticke Verlag landen jährlich 3000 unverlangt eingesandte Manuskripte. Eine Praktikantin zog Kinstners Text zufällig aus den aufgetürmten Stapeln, begann zu lesen und machte die Lektorin und die Verlagschefin darauf aufmerksam. Eine Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Kürzlich ist „Mittelstadtrauschen“ erschienen. Die Schauspielerin Andrea Sawatzki liest die Hörfassung des Romans, als „Buch der Woche“ wird die Lesung im Westdeutschen Rundfunk ausgestrahlt. Im WDR-Fernsehen wird das Buch hymnisch gelobt, in der „Neuen Zürcher Zeitung“ übellaunig kritisiert. Einen Tag lang schafft es „Mittelstadtrauschen“ auf Platz 39 der Amazon-Verkaufswertung, inzwischen hat es sich auf den respektablen 6000er-Rängen eingependelt. Die dritte Auflage ist in den Buchhandlungen, über 10.000 Exemplare wurden bis dato verkauft. In Deutschland ist das Buch ein kleiner Bestseller.

„Lagerfeuer im Bauch“
Die Autorin nimmt sich darin Großes vor: Sie berichtet von der Suche nach dem romantischen Gefühl, von der „brennenden, alles verzehrenden Liebe“. Vom ­„Lagerfeuer im Bauch“. When Boys Meet Girls: Die Lehrerin Marie verliebt sich in Jakob, einen Forscher, der im Untergrund wissenschaftliche Experimente mit Lichtteilchen durchführt. Student Gery
ist mit Versicherungsmathematikerin Sonja liiert. Eine alte Frau erinnert sich an ­ihren Jugendschwarm.

Es ist viel Selbstvertrauen erforderlich, um in einem Debüt gleich von den ganz großen Gefühlen zu erzählen, einem Sujet, an dem viele Autoren grandios gescheitert sind. Kinstner baut dem vor, indem sie ihr Thema ernst nimmt. Ihre Überlegungen zu Liebe und Leidenschaft sind in der urbanen Figurenaufstellung, die sich als Roman tarnt, an keiner Stelle von Zynismus und schwarzem Humor durchsetzt. Es ist wohl kein Zufall, dass eine der Protagonistinnen Konsalik liest, den Schutzpatron des trivialen Liebesromans, und dass Brücken wie jene am Wiener Westbahnhof als Begegnungsorte Hauptrollen spielen. Nicht selten überspannt Kinstner dabei den dramaturgischen Bogen, verfällt in Geplauder.

Sie sei nun ein „Küken in der Welt der verlegten Literatur“. Das sagt Kinstner tatsächlich so. Viele Sätze in „Mittelstadtrauschen“ ergehen sich in verblümter Lieblichkeit: „Die Sonne schummelt sich durch goldglänzende Blätter und kitzelt Marie in der Nase.“ Den „kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken“ hätte sie sich ebenfalls sparen können. Von Wien als Erzählort lässt sie sich wenigstens nicht einschüchtern.

„Mittelstadtrauschen“ ist kein Wien-Roman, obwohl Wien als Stadt der Kälte das Buch grundiert. In ihrem nächsten Buch, einem Generationenroman, will sie die Fehler von „Mittelstadtrauschen“ vermeiden. Kürzlich, so erzählt Margarita Kinstner, ehe sie ihr Ziel erreicht, habe sie ein Autor gerügt, weil sie sich nach wie vor als „HNO-Assistentin“ vorstelle. „Er hat mich ermuntert, Autorin zu sein.“

Margarita Kinstner: Mittelstadtrauschen. Deuticke, 288 Seiten, EUR 20,50

Foto: Florian Rainer