profil-Morgenpost: Im Wartesaal von Hoffnung und Verzweiflung

profil-Morgenpost: Im Wartesaal von Hoffnung und Verzweiflung

Guten Morgen!

Angelika Hager

Angelika Hager

Es war heuer das zweite Mal, dass die pensionierte Lehrerin Brigitta Scharinger einen selbst gebackenen Kuchen an die Arbeitsstelle ihrer seit Jänner 2018 vermissten Tochter Jennifer gebracht hat. Das sei in Jennifers Büro so Usus, hatte die Mutter profil-Autorin Britta Rotsch erklärt, deswegen backe sie „stellvertretend für meine Tochter”. Der Fall der zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 21-jährigen Angestellten ist längst aus den Medien verschwunden - ihre Mutter hat die Hoffnung, dass ihre Tochter noch lebt, lange aufrecht erhalten, aber dann doch aufgegeben. Auf eigene Faust zog Brigitta Scharinger dennoch mit Spaten und Schaufeln noch bis vor kurzem los, um die sterblichen Überreste ihrer Tochter zur letzten Ruhe betten zu können. Im jüngsten SMS, das sie Britta Rotsch schrieb, erklärte sie, dass sie nach zweijähriger Suche jetzt die Kräfte verlassen haben.

Der Verlust eines Kindes ist für Eltern die größte vorstellbare Tragödie. Die Ungewissheit über den Verbleib eines verschwundenen Kindes ein unvorstellbares Martyrium. Britta Rotsch erzählt vier Geschichten von Eltern, die lange im Wartesaal von Hoffnung und Verzweiflung saßen, durch Höllen gingen und in der Leere des Danachs versuchten, wieder Fuß zu fassen. Die Geschichten haben unterschiedliche Ausgänge, zwei davon „happy ends”. Es bedurfte großes Fingerspitzengefühls, das Vertrauen jener Menschen, die oft auch jeglichen Medienkontakt auf Grund traumatisierender Erfahrungen scheuten, zu gewinnen. Lesen Sie dazu die aktuelle Titelgeschichte „Ohne jede Spur”.

Gewohnt kampfeslustig zeigte sich die Komponistin Olga Neuwirth, die die erste Frau in der 150jährigen Geschichte der Staatsoper mit einem Kompositionsauftrag ist, im Interview mit Manuel Brug und Stefan Grissemann. Dieses somit auch gesellschaftspolitische Debut war dem britischen „Guardian” sogar eine Aufmachergeschichte im Kulturteil wert. Das lege, so Neuwirth „an den von Männern gesetzten Normen”. Deshalb habe sie die Romanvorlage von Virginia Woolfs „Orlando“ gewählt, denn dieser Stoff negiereNormen und Stereotypen. Neuwirth: „Opernhäuser sind so steif. Kein Wunder, dass Pierre Boulez schon vor 50 Jahren gesagt hat, man müsste sie in die Luft sprengen. Ich sage, man müsste sie gleich zweimal sprengen.” Ihrem Ruf über ihr impulsives Temperament wurde Neuwirth selbst vor dem profil-Duo gerecht, das auch einer Probe beiwohnen durfte.

Casino - the Sequel. Explosive Gedanken machen sich auch breit, wenn man die Fortsetzung des Job- und Korruptions-Roulette im Casino-Krimi nachliest. Ein Reporter-Team, bestehend aus Christina Hiptmayr, Stefan Melichar, Michael Nikbakhsh, Christina Pausackl und Jakob Winter, legt erneut geheime Gesprächsprotokolle offen und zeigt mit neuem Material (in Folge auf die letztwöchige Titelgeschichte), wie die Machtspitzen der ÖVP und FPÖ in nahezu höfischen Ränkespielen die Republik als Spieltisch benutzten.

Dass das Überleben in der Politik vor allem eine Teflonschicht um die eigene Psyche verlangt, schildert Christa Zöchling am Verhalten der - immer wieder noch-SPÖ-Parteivorsitzenden Pamela Rendi-Wagner, die die Hymne der britische Punkband The Clash "Should I stay or should I go?“ zur Zeit nachlebt. Ein Punk-Girl sei sie jedenfalls nie gewesen, nach eigenen Angaben eher „die Streberin mit den ordentlichen Heften und den guten Schulnoten.” Darin mag auch eine Erklärung liegen für ihr Durchhaltevermögen und ihre Disziplin, dass sie eisern festhält an ihrer Position und als SPÖ-Vorsitzende nicht zurücktritt. Einer ihrer Unterstützer, ein hochrangiger Gewerkschafter, der immer wieder eingesprungen sei, „um die Kastanien aus dem Feuer zu holen”, sagt heute, er sehe „sehr viel guten Willen, aber kein Können” . Eine Einschätzung, die übrigens auch der niederösterreichische SPÖ-Chef Franz Schnabl im Interview teilt.

Viel guten Willen und Können hat übrigens die profil-Redaktion auch in die aktuelle Ausgabe gelegt.

Spannende und aufwühlende Lektüre wünscht

Angelika Hager