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profil-Archiv
11/01/2021

Allerheiligen: Urnen auf dem Berg und die ewige Ruhe

Naturbestattungen schonen die Umwelt und sparen Kosten und Mühen. Eine Reportage über eine junge, aber prosperierende Branche.

Von Valentina Dirmaier

Diese Geschichte erschien im profil-Heft Nr. 44 vom 27. Oktober 2019.

Der Weg in die Endlichkeit hat die Nummer 404. Im Computer-Jargon ist 404 eine Fehlermeldung, eine Sackgasse. In Salzburg markiert die 404 den Steig zur ewigen Ruhe: Bei 1600 Meter Seehöhe breitet sich auf einem Seitenarm des Untersbergs der erste Bergfriedhof Österreichs aus.

Zwei Stunden dauert die Wanderung über die Alpenvereins-Route zur verlassenen Senneralm mit dem Vierkaser-Gipfel. Elisabeth Schlemper hat keine Eile. Vor dem Tod braucht niemand davonzulaufen. Mehr als 700 Höhenmeter liegen vor der jungen Frau mit Wollfilzjagdhut und weidegrüner Tarnkleidung. Seit eineinhalb Jahren geht sie den letzten Weg für Verstorbene. Jede Kehre ist der Jägerin vertraut, von Frühsommer bis Spätherbst wandert sie ihn mehrmals im Monat. Nervös ist sie nicht mehr. Aber immer angespannt. "Man darf sich keinen Fehler erlauben. Der Abschied eines Menschen ist für alle eine Ausnahmesituation und enorme Belastung." Heute ist keine Beisetzung, nur eine Besichtigung. Die verrottbare Überurne in ihrem 60-Liter-Rucksack ist leer.

Wir gehen zu zweit. Behutsam schreitet Elisabeth Schlemper über die vom Tau benetzten Baumwurzeln. Durch ein schattiges Kar zwischen Felswannen geht es steil bergauf. Die gelben Ahornblätter rascheln bei jedem Schritt. Die Stöcke klackern metallisch auf den Steinen. Die kalte Luft brennt in Nasen-und Lungenflügeln. In der letzten Kurve vor der Lichtung bricht die Sonne den Oktoberfrost. Das erste Drittel ist geschafft. Erste Verschnaufpause. Ein Schluck aus der Wasserflasche zum Konzert einer jungen Meise. Die Waldpädagogin lauscht. Vielleicht ist ein röhrender Hirsch im Gebiet. Nein, kein Glück. Weiter geht's. Elisabeth Schlemper arbeitet für Pax Natura. Das Unternehmen aus Großgmain bei Salzburg ist seit mehr als zehn Jahren im Sterbe- Geschäft. Maximilian Mayr-Melnhof war der Erste, der in Österreich Naturbestattungen anbot. Die Idee hatte sich der Nachkomme der Adelsdynastie vor 17 Jahren im Odenwald geliehen. In Deutschland wurden bereits die Modelle Ruheforst und Friedwald als Alternative zur herkömmlichen Friedhofsbestattung beworben.

Viele Schreiben und ein hohe nervliche Belastungsfähigkeit waren damals notwendig. Bis zur Bewilligung der ersten Flächen auf seinen Ländereien vergingen Jahre. Das hing mit dem Gesetz der Gerichte und dem Gesetz der Kirche zusammen. Bestattung ist rechtlich gesehen Sache der Länder und Gemeinden, trotzdem gilt hierzulande flächendeckend Friedhofszwang. Hinter der nicht unkomischen Formulierung versteckt sich der juristische Passus, dass ein Verstorbener in Sarg oder Urne auf einer gewidmeten Fläche beigesetzt werden muss. Maximilian Meyr-Melnhof, der kein Bestatter, sondern Bestandsgeber ist, hat vier solcher Flächen in Salzburg. Im Portfolio seiner Forstverwaltung sind die Paracelsus-Wiese am Untersberg-Massiv, darunter die Kastanienwiese nahe dem dottergelben Gutshof, die Wiese neben der Wallfahrtsbasilika Maria Plain und eben die Vierkaseralm gelistet. Die vier Areale sind für 99 Jahre zweckgewidmet. Ein Bestattungsplatz auf diesen Arealen kostet zwischen 1190 und 1490 Euro.

Die Alternative zum Friedhof trifft einen Zeitgeist und spricht ein breites Spektrum der Gesellschaft an - Naturfreunde, Bergliebhaber, Klimabewusste, Atheisten und natürlich auch Kostenbewusste, da eine klassische Bestattung neben einem Grabstein auch Kosten der Instandhaltung und Grabpflege nach sich zieht. Alleinstehende ohne Angehörige erleichtert ein unwiderruflicher Urnenplatz in der Natur; Gräber können bei Platzbedarf aufgelöst werden.

Muslime und Altchristen lehnen die Naturbestattung aufgrund der vorangehenden Verbrennung ab. Kritik der Kirche an der noch jungen Methode, so Maximilian Mayr-Melnhof, orte er nicht. Im Gegenteil, so "Baron Max", wie enge Mitarbeiter den strenggläubigen Forstverwalter und Landesjägermeister von Salzburg nennen. Pax Natura bewegt sich "im Rahmen der christlichen Vorgaben", so Mayr-Melnhof. Gemeint sind die im Februar dieses Jahres neu definierten Auflagen der österreichischen Bischofskonferenz. Dort steht, dass Feuer-und Naturbestattungen grundsätzlich zugelassen sind. Bedingungen werden aber gestellt: Die Beisetzungsorte müssen auffindbar und für die Allgemeinheit zugänglich sein. Mittlerweile hat die Kirche, offiziell, ihren Frieden mit der Konkurrenz in der Natur gefunden. Und den florierenden Wirtschaftszweig für sich entdeckt: Anfang Oktober wurde von der Erzdiözese Wien in Kirchberg am Wechsel der Klosterwald für Urnenbestattungen im Holz eröffnet.
 

Der Markt wächst. Ungefähr 30 Anbieter von Naturbestattungen gibt es, eine zentrale Verwaltung nicht. In Oberösterreich wird mit Donaubestattungen, in Tirol mit weiteren Almbestattungen geworben. Pax Natura expandierte ebenfalls jenseits der Landesgrenze: In Purkersdorf nahe Wien entstand 2016 ein Beisetzungsplatz. Im Raum Graz, Linz und im Bundesland Tirol sind weitere Standorte geplant, die Verfahren sind noch am Laufen. An die 2000 Plätze sind auf den Salzburger Flächen bereits belegt, so Karin Seewald, Geschäftsführerin von Pax Natura. Und es werden stetig mehr. Das konservative Salzburg hat das Projekt inzwischen geduldet. Es laufe sehr gut. Heuer zählte die Verwaltung 260 Beisetzungen. Die Plätze unter den Bäumen auf der Kastanienwiese -maximal zehn -sind alle besetzt oder vorbestellt. Lediglich im Grünen gibt es noch freie Parzellen. "Ein Umdenken ist erkennbar. Unsere Gesellschaft bricht mit alten Traditionen", findet Elisabeth Schlemper, bevor sie sich mit Stockeinsatz über die Felsvorsprünge hievt. Für die Angehörigen sei die Wanderung auf die Vierkaseralm selten ein Trauermarsch. Und auch kein Spaziergang. Die Anstrengung raubt vielen den Atem. Zuerst geht es durch die steile Schneise und später über felsige Bergrücken.

Nicht selten haben die Verstorbenen die Urnenbeisetzung detailiert im Vorfeld geregelt. Manche suchen sich bei Flächenbegehungen ihre letzte Ruhestätte aus, buchen und bezahlen. Beim Anstieg werden oft Anekdoten erzählt. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass vor der Beisetzung über das Erbe gestritten oder die Wanderung zum Wettlauf auserkoren wurde. "Leider gehen auch Menschen mit, denen jeglicher Respekt gegenüber den Toten fehlt", erklärt Seewald, die auch ausgebildete Mediatorin ist. Die Trauernden seien natürlich im Ausnahmezustand, durchleben die vielleicht schlimmsten Stunden ihres Lebens. Bewusst halte sie sich zurück. Mit Ausnahme, wenn es um Fauna und Flora geht. Wie in ihren Waldführungen mit Kindergartenkindern, will Elisabeth Schlemper auch sensibilisieren. Jeder Entdeckung wird Beachtung, mitunter eine Erklärung geschenkt: Hier das Trittsiegel einer Gams, dort die Losung eines Hirschs. Und schließlich der Holzstamm, an dem noch Gewebereste kleben. "Wenn die Menschen wüssten, wie selten man so ein Kambium (Anm.: die Ader des Baumes) sieht. Sie würden das Wunderbare daran erst dann begreifen."

Die Bäume machen jetzt den Latschen Platz und geben den Blick auf die bayerischen und österreichischen Ausläufer der Alpen frei. Noch gut 30 Minuten bis zum Ziel. Zeit, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Ihre Arbeit mache sie demütiger, sagt die Mutter zweier Töchter. "Es klingt abgedroschen, aber ich lebe seither bewusster und freue mich über die kleinen Dinge umso mehr."
 

Das Hecheln eines Bergläufers durchbricht das Gespräch. Spätestens am Ende von 404, an der Abbiegung zur Vierkaseralm, neben der verfallenen Hütte und dem Käsekeller im Berg, trennen sich die Wege von Sportler und Trauergesellschaft. Die einen wollen zum Hirschanger oder Ochsenkopf hinauf, die anderen gehen hinüber zur Alm und nehmen für immer Abschied. Was dann folge, sei der offizielle Part, erzählt Elisabeth. Aber zuerst muss die Trauergesellschaft ankommen. Physisch und psychisch. Beim 360-Grad- Panorama mit dem Hochthron über Salzburg, dahinter dem Schafberg, der Seenplatte Richtung Oberösterreich, dem Hochstaufen über Bad Reichenhall und der Reiter Alpe im Berchtesgadener Talkessel würden sich manche Zigaretten drehen oder mit Schnaps oder Bier auf den Verstorbenen trinken.

Dann wird gemeinsam ein Platz ausgesucht. Nahe dem Kreuz mit Blickrichtung Sonnenaufgang über den Dächern von Salzburg oder doch mehr Abendrot Richtung Alpen? Steht die Entscheidung fest, überprüft die Gruppe via GPS, ob der Platz nicht schon besetzt ist. Hat man sich geeinigt, schaufelt Elisabeth Schlemper, die sich als "Begleiterin" bezeichnet, ein etwa 70 Zentimeter großes Loch, in das die Urne gesenkt wird. Manchmal spreche dann ein Priester, manchmal ein Schamane, selten zupfe ein Musiker Gitarrensaiten. Erde drauf und noch die GPS- Daten aufnehmen. Die werden nach Vorschrift an ein elektronisches Datensystem verfüttert. Anhand der Koordinaten kann die Bestattungsstelle heute oder in 50 Jahren sofort gefunden werden. Suchende würden vermutlich nur noch einen kleinen Schamott ausgraben. Der feuerfeste Stein, eine Art Kennungsmarke, der Toten vor der Kremation beigelegt wird, ist das, was übrig bleibt. Die Aschekapsel und der Mantel -eine Urne aus Filz, gepresstem Holz oder Maisstärke - müssen biologisch abbaubar sein. Damit die Natur die tatsächliche Bestattung übernehmen könne. Am Berg gibt es, anders als auf den restlichen Bestattungsflächen, nicht einmal Namensschilder an einer Sammelstelle. Der Tote bleibt anonym.

Devotionalien wie Kerzen, Kreuze oder Statuen sind verboten. Kleine Steintürmchen und Rosenbouquets erinnern an den Abschied -bis der zu schmücken und am 1. November dort zu stehen, gibt es nicht. Auf der Vierkaseralm kommt neben Trauer auch Dankbarkeit auf. "Das macht diese Form nächste Wind kommt und Rehe die Blumen frühstücken. Die oftmals lästige Verpflichtung, ein Grab der Bestattung so besonders", sagt Elisabeth Schlemper. Für die Biologin und Wildtierökologin wird es die letzte Tour auf die Vierkaseralm gewesen sein. Mit dem ersten Schnee endet die heurige Saison. Wer im Winter das Zeitliche segnet, der muss warten: Die sterblichen Überreste werden beim Bestatter oder bei Pax Natura verwahrt.

Noch bevor die Sonne das Saalachtal in leuchtendes Orangerot taucht und schließlich hinter die Berggipfel sinkt, beginnt der Rückweg. Wieder über die 404. Meist in aller Stille.

Grundsätzlich gilt in Österreich "Friedhofszwang": Die physischen Reste eines Verstorbenen -der Sarg mit der Leiche oder die Urne mit der Asche -müssen an einem zweckgewidmeten Ort, traditionsgemäß dem Friedhof, aufbewahrt werden. Es ist in Österreich verboten, Urnen mit der Asche in privatem Rahmen aufzubewahren. Auch der alternativen Naturbestattung liegt (zwingend) eine Feuerbestattung zugrunde. Varianten sind die Baumbestattung der Urne wie bei Pax Natura, Wald der Ewigkeit und Naturbestattung Zadrobilek, um nur einige Anbieter zu nennen. Neben Bergbestattungen sind auch Almbestattungen im Angebot wie in Werfenweng (Bundesland Salzburg) oder Unschwarz bei Innsbruck. Seebestattungen werden in Österreich nicht vorgenommen. Flussbestattungen bereichern seit Neuestem das Spektrum der Alternativen. Luftbestattungen genauso wie Diamantbestattungen sind in Österreich - im Gegensatz zur Schweiz -nicht erlaubt. Bei allen Naturbestattungen muss die Urne biologisch abbaubar sein. Die Öffnung der Aschekapsel und das Verstreuen sind in Österreich nicht erlaubt. Von den Basisausgaben unterscheidet sich die traditionelle von der alternativen Bestattung nicht wesentlich. In beiden Fällen muss man mit circa 4500 Euro rechnen, denn es müssen Kremations- und Bestattungsgebühren entrichtet werden, doch die oft teuren Instandhaltungs-und Grabpflegegebühren entfallen bei Naturbestattungen.

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