Niki Lauda: "Ich hatte Todesvisionen"

Niki Lauda am 16. Mai 1975 anl. des GP von Belgien in Zolder.

Niki Lauda am 16. Mai 1975 anl. des GP von Belgien in Zolder.

Niki Lauda feiert seinen 70er. Im profil-Gespräch erzählte er 2013, warum in der Formel 1 heute Charismatiker fehlen, wie er seine Panikattacken überwand und warum unser Politsystem "ein völliger Blödsinn" ist.

Dieses Interview erschien im profil Nr. 35/2013 vom 26.08.2013

profil: Haben Sie sich Ihren Unfall auf dem Nürburgring 1976 auf YouTube schon öfter angesehen?
Niki Lauda: Nein. Ich habe mir den Unfall einmal angeschaut, um genau herauszufinden, wie es dazu kam. Ich habe ja keine Erinnerung daran, und ich war insofern beruhigt, als ich keinen Fehler gemacht habe. Es war ein technischer Defekt, die Radaufhängung ist gebrochen. Schlimm war es, als meine vierjährigen Kinder das brennende Auto auf einem Laptop zufällig gesehen haben. Die haben dann ängstlich gefragt: "Papi, Papi, was ist da?“ Ich habe ihnen einfach erklärt: "Da war Feuer, und Feuer ist gefährlich. Aber ich bin hier, also kein Problem.“

profil: Sie wirken prinzipiell eher wie ein Teflon-Typ, aber die Art, wie die Presse damals mit Ihrem entstellten Gesicht umging, scheint Sie doch sehr gekränkt zu haben.
Lauda: Das waren harte Zeiten. Die "Bild“-Zeitung hat damals geschrieben: "Wie kann der Mann ohne Gesicht weiterleben?“ Ein Reporter fragte, ob die Marlene jetzt die Scheidung einreichen wird. Ich konnte nicht verstehen, wie man so pietätlos mit mir umgehen konnte. Ich war ja noch immer da und machte das Gleiche wie davor. Erst als ich in "Rush“ gesehen habe, wie Daniel Brühl (der Lauda im Film darstellt, Anm.) in Monza aussieht, konnte ich die Reaktionen der Menschen nachempfinden. Ich habe mich erstmals mit den Augen der anderen gesehen. Damals war es mir völlig unverständlich, dass mich alle entweder anstarrten oder mir nicht in die Augen sehen konnten.


profil: Die Konkurrenzschlacht mit James Hunt, der Feuerunfall, Ihr Überlebenskampf und das legendäre Comeback in Monza, nur 42 Tage nach Ihrem Überlebenskampf - das alles passierte 1976 und wird in "Rush“ erzählt. Warum haben Sie sich eigentlich bei Arturio Merzario, dem italienischen Rennfahrer, der Ihren Sicherheitsgurt geöffnet und Sie aus dem Feuer gerettet hatte, nicht bei Ihrem Comeback in Monza bedankt?
Lauda: Da habe ich einen schweren Fehler gemacht. Er hat sich zu Recht darüber aufgeregt. Später habe ich das natürlich nachgeholt, ihn bei Rennen besucht und ihm meine Rolex geschenkt. Aber ich stand damals in Monza unter einem irrsinnigen Druck. Mir ist das Blut vom Schädel geronnen, weil der Druck vom Helm auf die transplantierte Haut zu groß war. Bei Ferrari verdonnerte man mich zu einem fünfstündigen "medical check“, der Enzo (Ferrari, Seniorchef des gleichnamigen Rennstalls, Anm.) wollte eigentlich verhindern, dass ich fahre. Seiner Ansicht nach war es besser, den Titel durch einen Unfall zu verlieren als durch ein misslungenes Comeback. Und statt den Druck auf mich zu reduzieren, haben sie noch meinen Erzfeind Carlos Reutemann als dritten Ferrari-Piloten eingesetzt, was eigentlich vertragswidrig war. In all dem Chaos habe ich mich am Freitag ins Auto gesetzt und konnte plötzlich nicht mehr fahren. Ich hatte Todesvisionen, dass ich von einer Leitplanke durchbohrt werde, und bin gerade einmal in den zweiten Gang gekommen. Die volle Panikattacke. Ich habe mir einfach nur in die Hosen gemacht.

Niki Lauda am 16. Mai 1975 anl. des GP von Belgien in Zolder.

Niki Lauda am 16. Mai 1975 anl. des GP von Belgien in Zolder.

profil: Der französische Pilot François Cevert starb 1973 in den USA tatsächlich durch eine Leitplanke.
Lauda: Ich bin damals stehen geblieben und habe gesehen, wie er regelrecht gepfählt wurde.

profil: Kriegt man ein solches Bild je wieder aus dem Kopf?
Lauda: Nein. Aber eine Stunde, nachdem die Rennstrecke nach diesem Unfall wieder geöffnet wurde, habe ich mich ins Auto gesetzt und bin die schnellste Runde gefahren.


Ich habe sicherlich 20 tödliche Unfälle miterlebt. Nur so nimmst du dir die Angst und behältst dein Risikoverhalten.

profil: Weil Sie ein harter Hund sind?
Lauda: Nein, weil ich mich nach solchen Tragödien immer zu Rationalisierungen gezwungen habe. Ich habe den tödlichen Fehler, den ein Pilot gemacht hat, analysiert und ihn dann bewusst vermieden. Wir haben doch jedes Jahr mindestens einen verloren. Ich habe sicherlich 20 tödliche Unfälle miterlebt. Nur so nimmst du dir die Angst und behältst dein Risikoverhalten. Ohne diese strategische Analyse kann man nicht mit 300 Stundenkilometern auf fünf Millimeter an die Leitplanke fahren, sondern maximal auf einen Meter.

profil: Wie haben Sie die damaligen Angstzustände überwunden?
Lauda: Indem ich mich am nächsten Tag beim Training völlig vom Druck befreit habe. Ich habe mich gezwungen, nicht auf meine Zeit oder die der anderen zu schauen und so zu tun, als ob gar kein Grand Prix auf dem Plan stünde. Dann habe ich mich in mein Auto gesetzt, ein bisserl "Brummbrumm“ gemacht und mich langsam mit dem Gerät seelisch wieder vereinigt. Und dann war ich schneller als die Depperten, die nicht im Spital waren.

profil: Die Frauen und Freundinnen der Rennfahrer hatten immer ein schwarzes Kleid im Gepäck.
Lauda: Das stimmt. Irgendein Begräbnis gab es immer irgendwo.

profil: Hatte man da nie das Gefühl, eine Schachfigur in einem voyeuristischen Spektakel zu sein?
Lauda: Null. Es war meine freie Entscheidung. Und es war ein geiles Gefühl. Aber wir hatten den Tod immer vor Augen. Doch diese Panikgefühle von Monza hatte ich nie wieder - weil ich davor und danach wusste: Nicht das Auto fährt mich, sondern ich fahre das Auto. Ich bin schon angstfrei auf die Welt gekommen.

profil: Wirkt sich diese Todesnähe auch auf das Sexualverhalten aus?
Lauda: Natürlich. Wenn du das Gefühl hast, es könnte morgen aus sein, gehst du auch damit anders um. Und die Frauen im Formel-1-Zirkus waren relativ flexibel.


Heute fliegt maximal ein Radl. Das ist natürlich prinzipiell zu begrüßen, aber dementsprechend sind auch die Persönlichkeiten der Piloten.

profil: Verglichen mit den Tragödien von damals ist die Formel 1 heute eigentlich recht langweilig.
Lauda: Das stimmt. Heute fliegt maximal ein Radl. Das ist natürlich prinzipiell zu begrüßen, aber dementsprechend sind auch die Persönlichkeiten der Piloten. Charismatiker wie damals gibt es heute kaum noch, die sind alle sehr proper und brav. Denen bleibt ja auch kaum Zeit, sich zu entwickeln. Die fahren mit zehn Jahren Go-Kart und sind mit 18 in der Formel 1.

profil: Statt Tragödien gibt es heute maximal Liebesdramen. Waren Sie peinlich berührt, als Ihr Schützling, der Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton, seinen Sieg in Budapest seiner On-and-off-Liebe Nicole Scherzinger gewidmet hat?
Lauda: Dazu sage ich jetzt besser nichts.

profil: Der liest das ohnehin nicht.
Lauda: Da wäre ich mir nicht so sicher. Aber diese immer wieder nicht sehr stabile Beziehung des Lewis mit dem Fräulein Scherzinger beeinflusst sein Fahrverhalten null. Im Gegenteil: Als er in Budapest dieses sehr schwierige Rennen gewonnen hat, war es gerade wieder einmal aus. Wie der Stand der Dinge aktuell ist, werde ich in Spa erfahren.

profil: Wahrscheinlich sind Sie nicht gerade der ideale Berater bei Liebeskummer.
Lauda: Hallo? Ich bin der absolut ideale Berater. Na, Entschuldigung, es hat doch kaum jemand so viel Erfahrung wie ich.

profil: Sie wirken nicht gerade wie einer, der in Herzensangelegenheiten sehr leidensfähig ist.
Lauda: Blödsinn. Auch ich war schon am Boden zerstört, weil ich verlassen wurde.

profil: Und wie sah dann Ihre Bewältigungsstrategie aus?
Lauda: Ich habe mir einen Rückeroberungsplan gemacht: nicht jammern und im Eck winseln, sondern immer wieder Kontakt halten, dabei sehr gut drauf sein und immer wieder betonen, wie super es einem gerade geht. Das hat zumindest einmal funktioniert. So kam sie zurück.

profil: Im Film "Rush“ ist James Hunt der manische Womanizer.
Lauda: Ja, der James lebte Rock ’n’ Roll.

profil: Er starb mit nur 45 Jahren. Nach dem Ende seiner Formel-1-Karriere war er in die Drogen abgerutscht. Hatten Sie in diesen Jahren noch Kontakt?
Lauda: Ja, ich habe ihn immer wieder besucht und ihm auch Geld geliehen, damit er wieder auf die Beine kommt. Der Bernie (Ecclestone, Anm.) und einige andere haben das auch gemacht. Ich habe ihm gut zugeredet, dass er sein Leben wieder in den Griff kriegt. Das schien dann auch eine Zeitlang zu klappen. Ein Jahr vor seinem Tod hatte er wieder einen Kommentatoren-Job bei der BBC. Dann ist er gestorben, weil ihn irgendein depperter Arzt falsch behandelt hat.

profil: Sie hatten was zu verschenken? Das widerspricht Ihrem Geiz-Mythos.
Lauda: Der ein völliger Blödsinn ist. Ich habe immer wieder Leuten Geld geborgt, aber natürlich nie was zurückbekommen. Dann habe ich damit aufgehört. Nach unserem Gespräch gehe ich übrigens ein Geschenk kaufen. Die Birgit und ich haben kommenden Sonntag Hochzeitstag. Der Marlene waren Hochzeitstage immer wurscht, der Birgit nicht. Sie ist Skorpion. Da legt man sich besser nicht an.

profil: Wie hat Ihre Frau reagiert, als sie "Rush“ gesehen hat?
Lauda: Ich glaube, sie hat erst jetzt richtig realisiert, dass ich schon einmal tot und wieder lebendig war, ehe sie überhaupt auf die Welt gekommen ist.


Wenn man sich mit Dingen wie Stolz aufhält, hat man schon verloren.

profil: Gibt es da auch Gefühle wie Stolz, wenn man dieses Irrsinnsjahr 1976 auf der Leinwand sieht?
Lauda: Null Stolz. Wenn man sich mit Dingen wie Stolz aufhält, hat man schon verloren. Denn in der Zeit, in der man sich auf die Schulter klopft, wird man schon von fünf anderen überholt. Selbst wenn ich mit Kopfweh in der Früh nach einem Sieg aufgewacht bin, habe ich mir sofort gesagt: "Wie kann ich beim nächsten Mal noch mehr herausholen?“ Das gilt natürlich nicht nur bei Rennen, sondern bei allen anderen Dingen auch.

profil: Nerven Sie Ihre Schützlinge im Mercedes-Team, Lewis Hamilton und Nico Rosberg, nicht mit dieser Geisteshaltung?
Lauda: Nein, überhaupt nicht. Ich lebe Ihnen ja vor, dass ich mich nie auf Erfolgen ausruhe - im Gegensatz zu vielen abgehobenen Managern.

profil: Formel-1-Sieger waren früher fast mehr Götter als Popstars. Wie konnte man da nicht abheben?
Lauda: Ganz einfach: Ich war immer ein sehr erdbezogener Typ. Wenn du für Ferrari gewonnen hast, knieten in Italien die Frauen nieder und hielten dir ihre Kinder entgegen, damit du sie segnest. Völlig krank. Hast du verloren, warst du innerhalb kürzester Zeit wieder der größte Depp aller Zeiten. Wenn man dieses Prinzip kapiert hat, verliert man die Bodenhaftung nicht und bleibt auf der gesunden Seite. Mir geht es übrigens wirklich auf die Nerven, dass mich jeder kennt. Diese Mediengeilheit, die die Menschen heute treibt, ist mir völlig unverständlich. Man muss sich das einmal vorstellen: Nur weil eine junge Dame von einem Radiosprecher zu einem Fernsehsprecher wechselt, macht das in diesem Land Headlines! Völlig verrückt!

profil: Sie sind jetzt aber auch nicht wahnsinnig medienscheu. Egal ob Horoskope, Lieblingsspeisen oder Wahlprognosen: Sie geben prinzipiell überall Ihren Senf dazu.
Lauda: Das stimmt. Aber das habe ich stark reduziert. Ich habe da oft sehr viel Blödsinn gesagt. Da hätte ich mir einiges sparen können.

profil: Was zum Beispiel?
Lauda: Na ja, diese "Dancing Stars“-Diskussion.

profil: Sie meinen die "quotengeile Schwulennummer“?
Lauda: Genau die. Die wurde völlig missverstanden.

profil: Aber finden Sie nicht, dass ihre Kinder Mia und Max in einem gesellschaftspolitischen Klima aufwachsen sollten, in denen sie gleichgeschlechtlichen Paaren vorurteilsfrei begegnen?
Lauda: Natürlich. Ich bin prinzipiell der Meinung, dass jeder das Recht hat, so zu leben, wie er möchte. Aber nicht beim Tanzen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen - von mir aus auf RTL. Da ging es dem ORF doch nur um Quotengeilheit.

profil: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Bildungsauftrag, der auch gesellschaftspolitisch ist.
Lauda: Das ist jetzt aber bitte sehr weit hergeholt. Dass dieser Bildungsauftrag auch die Präsentationen von Pornoköniginnen beinhaltet, glaube ich nämlich auch nicht - obwohl die Dolly Buster sicherlich die intelligenteste Pornokönigin ist, die ich kenne. Und außerdem: Wenn schon zwei Männer miteinander tanzen, darf man die Lesben bei den "Dancing Stars“ nicht weglassen. Aber dieser ORF versendet ohnehin nur Schrott. Außer den Nachrichten, nach denen ich sowieso einschlafe, kann man alles vergessen. Ich habe mich gestern durch die Kanäle gezappt und bin dann bei einem Sender, der, glaube ich, Arte heißt, hängen geblieben.

profil: Sie mussten 64 Jahre alt werden, um Arte zu entdecken?
Lauda: Ja, das war meine Premiere. Sie haben den Tina-Turner-Film "What’s Love Got to Do with it?“ gezeigt - eine Wucht!

profil: Mussten Sie weinen?
Lauda: Ja, eigentlich ja, bei der Szene, wo die junge Tina in der Kirche singt.

profil: Weinen Sie auch, wenn Ihre Frau daneben sitzt?
Lauda: Eigentlich weine ich lieber allein. Die Birgit ist Skorpion. Da nützt es einem null, wenn man weint.

profil: Sie sind vor Kurzem - anlässlich der Taufe Ihrer Zwillinge - wieder der römisch-katholischen Kirche beigetreten. Eigentlich wirken Sie wie ein Bilderbuch-Atheist.
Lauda: Die Kirche hat mich früher furchtbar mit ihren Steuereintreibungsmethoden geärgert, deswegen bin ich ausgetreten. Ich bin auch nicht gläubig in dem Sinn, dass ich glauben würde, dass der liebe Gott meine Probleme löst. Nur haben wir beide beschlossen, dass unsere Kinder getauft werden sollen, und ich dachte mir: Ganz oder gar nicht. Meinen entfernten Onkel, den Kardinal Schönborn, hat das sehr gefreut. Der hat mich sogar angerufen. Meine Mutter hat mich damals ja zum Ministrieren nach Pötzleinsdorf geschickt. Aber ich habe den Weihrauch schlecht vertragen und war deswegen nur ein einziges Mal dort. Ansonsten bin ich, wie im großbürgerlichen Milieu üblich, natürlich römisch-katholisch erzogen worden. Wenn ich einmal nicht so brav war, bin ich beichten gegangen.

profil: Wir zitieren jetzt Falco: "Das können Sie uns unter Wasser erzählen.“
Lauda: Naja, ich habe nach oben gesagt: "Lieber Gott, es tut mir leid!“ Und damit sozusagen den kurzen Dienstweg gewählt.


Man zweifelt stark an seiner Existenz, wenn von den zwei Maschinen, die man hat, eine hinunterkracht.

profil: Die sicherlich größte Tragödie Ihres Lebens war der Flugzeugabsturz der Lauda Air in Thailand 1991, bei dem 223 Menschen ums Leben kamen. Haben Sie da an Gott geglaubt?
Lauda: Man zweifelt stark an seiner Existenz, wenn von den zwei Maschinen, die man hat, eine hinunterkracht. Nein, dieses Unglück musste ich ganz mit mir allein ausmachen. Die acht Monate nach dem Absturz, in denen die Untersuchungen nach der Ursache des Unglücks durchgeführt wurden, waren die größte Hölle meines Lebens. Ich hätte mit der Airline sofort aufgehört, wenn wir nur die geringste Schuld für die Ursache des Absturzes getragen hätten. Danach stand aber einwandfrei fest, dass es sich um einen Konstruktionsfehler der Firma Boeing gehandelt hatte - mit der Konsequenz, dass alle Flugzeuge weltweit modifiziert wurden.

profil: Haben Sie noch manchmal Albträume von dem Unglück?
Lauda: Nein, aber die Bilder von dem zerfetzten Flugzeug und den Thais, die den Leichen die Ringe und Uhren von den Händen stahlen, werde ich nie vergessen. Als wir in einem Gemeinschaftsgrab 23 nicht mehr identifizierbare Leichen begruben, stand hinter mir ein kleines Mädchen an der Seite ihrer Großmutter, das Muscheln ins Grab warf. Es waren die Muscheln, die sie beim letzten Urlaub mit ihren beim Absturz verstorbenen Eltern gesammelt hatte. Das war schrecklich.

profil: Sie haben bei der letzten Nationalratswahl nicht gewählt. Wie halten Sie es diesmal?
Lauda: Na, genauso. Ich werde auch diesmal nicht wählen. Da geht doch bitte überhaupt nichts weiter. Alles vorhersehbar. Die einzige Überraschung war die Frau Lindner.

profil: Hat Sie das amüsiert?
Lauda: Da musste ich natürlich lachen. Aber prinzipiell geht mir dieses ganze System furchtbar auf die Nerven. Weil es völlig unbrauchbar ist. Koalitionen sind immer der größte Wahnsinn, bieten sie doch immer nur Kompromisslösungen. Ich kann weder mit der ÖVP noch mit der SPÖ irgendetwas anfangen. Die regieren völlig an den Menschen vorbei. Ich bin überzeugt, dass der Frust über die Politik in Österreich so weit geht, dass der Stronach zwölf bis 15 Prozent abstauben wird. Den Rest der Koalitionsfrustrierten wird der Strache abräumen. Das ist fürchterlich, aber nachvollziehbar.


Das Furchtbare ist ja, dass in diesem gesamten Politsystem immer ein Haufen Leute darüber diskutiert, ob man eher nach links oder rechts fahren soll. So geht alles in die falsche Richtung

profil: Von seiner einzelkämpferischen Karrierebiografie her müsste Ihnen Frank Stronach doch gefallen.
Lauda: Der Mann ist einen beeindruckenden Weg gegangen. Doch diese Typen da rund um ihn sind doch auch alle völlig sinnlos. Und nur ein Tellerwäscher-Märchen reicht auch nicht aus, um brauchbare Politik für Österreich zu machen. Das Furchtbare ist ja, dass in diesem gesamten Politsystem immer ein Haufen Leute darüber diskutiert, ob man eher nach links oder rechts fahren soll. So geht alles in die falsche Richtung, und es kommt nahezu immer ein völliger Blödsinn raus.

profil: Diese Situation ist im Aufsichtsrat von Unternehmen aber auch nicht viel anders. Eine Erfahrung, die Sie selbst gemacht haben.
Lauda: Ich habe in Österreich immer viel umgerührt, besonders in der Luftfahrt. Mit meinem Job als Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Formel-1-Teams sehe ich wieder, wie es in einer brutal wettbewerbsorientierten Welt zugeht. Da stehen meine 600 Mitarbeiter und ich alle 14 Tage vor einem 600-Millionen-Publikum auf dem Präsentierteller. Während in Österreich jeder zufrieden ist, wenn man sich im EU-Vergleich im Mittelfeld befindet, ist es mir völlig wurscht, wer hinter mir liegt. Ich will nur wissen, wer vor mir ist und wie ich den dann überhole. Aber diesen Spirit kennt unsere Politik nicht. Denken wir nur an diese völlig idiotische Debatte um den Grand Prix in Spielberg. Ohne so ein Event ist das dort doch totes Gebiet. Ich würde allen Öko-Nörglern, die dort wohnen, an diesem Wochenende einen Urlaub inklusive Hotel zahlen. Aber maximal in Graz, das muss genügen.

profil: Sehr platte Frage: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Lauda: Dass ich mich intuitiv nahezu immer gegen den Mainstream entscheide. Wenn 99 Prozent der Leute sagen "Es geht in diese Richtung“, höre ich auf meine Intuition und mache das Gegenteil. Und liege damit in 99 Prozent der Fälle richtig.

profil: Sie waren 1986 im Personenkomitee des damaligen sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Steyrer. Waren Sie damals von einem größeren politischen Gestaltungswillen getragen?
Lauda: Nein, das war eine pure Trotz-Aktion gegen die ÖVP. Da hat der Mock eine wichtige Entscheidung bezüglich der Luftfahrt verschlafen, und deswegen bin ich dann mit dem Steyrer in der Straßenbahn gefahren. Ich war einfach nur sauer.

profil: Sind Sie altersmilde geworden?
Lauda: Null.

profil: Das heißt: Sie brauchen noch immer keine Freunde?
Lauda: Nein, ich bin autonom. Ich habe nicht dieses romantische Freundschaftskonzept. Mein einziger Freund ist meine Frau.

profil: Sie wurden ziemlich kühl und streng erzogen.
Lauda: Das ist richtig. Hier im Imperial ließ uns der Alte (Großvater Hans Lauda, Anm.) immer alle am 25. Dezember antreten. Und wenn mein Bruder und ich am Tisch ungefragt geredet haben, gab es einen Warnschuss, und dann mussten wir ab in die Küche zum Personal. Das war aber ohnehin die viel größere Hetz’.

profil: Sind Sie ein liebevoller Vater?
Lauda: Max und Mia hängen ständig auf mir drauf, wenn ich da bin - und ich bin viel mehr da als früher. In der Früh um fünf watscheln sie ins Schlafzimmer, und dann gehe ich mit ihnen runter, damit ihre Mutter weiterschlafen kann. Aber ich gehe jetzt nicht mit zum Babyschwimmen, wenn Sie so was meinen.

profil: Haben Sie Windeln gewechselt?
Lauda: Diese Art von Notfall hat sich nie ergeben. Der pure Zufall. Aber unter uns: Windelwechseln kann jeder Trottel.