Niki Lauda: Ein Gespräch über Todesvisionen, Liebe und Politik

Niki Lauda: Ein Gespräch über Todesvisionen, Liebe und Politik

Er ist neben Arnold Schwarzenegger der berühmteste lebende Österreicher: Mit 64 Jahren wird Niki Lauda zum Hollywood-Helden. Der Film „Rush“ zeigt die härteste Phase seiner Rennkarriere: das Duell mit James Hunt, den Beinahe-Tod in den Flammen und sein unfassbares Comeback in Monza. Im profil-Gespräch erzählt er, warum in der Formel 1 heute Charismatiker fehlen, wie er seine Panikattacken überwand und warum unser Politsystem „ein völliger Blödsinn“ ist.

profil: Haben Sie sich Ihren Unfall auf dem Nürburgring 1976 auf YouTube schon öfter angesehen?
Lauda: Nein. Ich habe mir den Unfall einmal angeschaut, um genau herauszufinden, wie es dazu kam. Ich habe ja keine Erinnerung daran, und ich war insofern beruhigt, als ich keinen Fehler gemacht habe. Es war ein technischer Defekt, die Radaufhängung ist gebrochen. Schlimm war es, als meine vierjährigen Kinder das brennende Auto auf einem Laptop zufällig gesehen haben. Die haben dann ängstlich gefragt: „Papi, Papi, was ist da?“ Ich habe ihnen einfach erklärt: „Da war Feuer, und Feuer ist gefährlich. Aber ich bin hier, also kein Problem.“

profil: Sie wirken prinzipiell eher wie ein Teflon-Typ, aber die Art, wie die Presse damals mit Ihrem entstellten Gesicht umging, scheint Sie doch sehr gekränkt zu haben.
Lauda: Das waren harte Zeiten. Die „Bild“-Zeitung hat damals geschrieben: „Wie kann der Mann ohne Gesicht weiterleben?“ Ein Reporter fragte, ob die Marlene jetzt die Scheidung einreichen wird. Ich konnte nicht verstehen, wie man so pietätlos mit mir umgehen konnte. Ich war ja noch immer da und machte das Gleiche wie davor. Erst als ich in „Rush“ gesehen habe, wie Daniel Brühl (der Lauda im Film darstellt, Anm.) in Monza aussieht, konnte ich die Reaktionen der Menschen nachempfinden. Ich habe mich erstmals mit den Augen der anderen gesehen. Damals war es mir völlig unverständlich, dass mich alle entweder anstarrten oder mir nicht in die Augen sehen konnten.

profil: Die Konkurrenzschlacht mit James Hunt, der Feuerunfall, Ihr Überlebenskampf und das legendäre Comeback in Monza, nur 42 Tage nach Ihrem Überlebenskampf – das alles passierte 1976 und wird in „Rush“ erzählt. Warum haben Sie sich eigentlich bei Arturio Merzario, dem italienischen Rennfahrer, der Ihren Sicherheitsgurt geöffnet und Sie aus dem Feuer gerettet hatte, nicht bei Ihrem Comeback inMonza bedankt?
Lauda: Da habe ich einen schweren Fehler gemacht. Er hat sich zu Recht darüber aufgeregt. Später habe ich das natürlich nachgeholt, ihn bei Rennen besucht und ihm meine Rolex geschenkt. Aber ich stand damals in Monza unter einem irrsinnigen Druck. Mir ist das Blut vom Schädel geronnen, weil der Druck vom Helm auf die transplantierte Haut zu groß war. Bei Ferrari verdonnerte man mich zu einem fünfstündigen „medical check“, der Enzo (Ferrari, Seniorchef des gleichnamigen Rennstalls, Anm.) wollte eigentlich verhindern, dass ich fahre. Seiner Ansicht nach war es besser, den Titel durch einen Unfall zu verlieren als durch einmisslungenes Comeback. Und statt den Druck auf mich zu reduzieren, haben sie noch meinen Erzfeind Carlos Reutemann als dritten Ferrari-Piloten eingesetzt, was eigentlich vertragswidrig war. In all dem Chaos habe ich mich am Freitag ins Auto gesetzt und konnte plötzlich nicht mehr fahren. Ich hatte Todesvisionen, dass ich von einer Leitplanke durchbohrt werde, und bin gerade einmal in den zweiten Gang gekommen. Die volle Panikattacke. Ich habe mir einfach nur in die Hosen gemacht.

profil: Der französische Pilot François Cevert starb 1973 in den USA tatsächlich durch eine Leitplanke.
Lauda: Ich bin damals stehen geblieben und habe gesehen, wie er regelrecht gepfählt wurde.

profil: Kriegt man ein solches Bild je wieder aus dem Kopf?
Lauda: Nein. Aber eine Stunde, nachdem die Rennstrecke nach diesem Unfall wieder geöffnet wurde, habe ich mich ins Auto gesetzt und bin die schnellste Runde gefahren.

profil: Weil Sie ein harter Hund sind?
Lauda: Nein, weil ich mich nach solchen Tragödien immer zu Rationalisierungen gezwungen habe. Ich habe den tödlichen Fehler, den ein Pilot gemacht hat, analysiert und ihn dann bewusst vermieden. Wir haben doch jedes Jahr mindestens einen verloren. Ich habe sicherlich 20 tödliche Unfälle miterlebt. Nur so nimmst du dir die Angst und behältst dein Risikoverhalten. Ohne diese strategische Analyse kann man nicht mit 300 Stundenkilometern auf fünf Millimeter an die Leitplanke fahren, sondern maximal auf einen Meter.

profil: Wie haben Sie die damaligen Angstzustände überwunden?
Lauda: Indem ich mich am nächsten Tag beim Training völlig vom Druck befreit habe. Ich habe mich gezwungen, nicht auf meine Zeit oder die der anderen zu schauen und so zu tun, als ob gar kein Grand Prix auf dem Plan stünde. Dann habe ich mich in mein Auto gesetzt, ein bisserl „Brummbrumm“ gemacht und mich langsam mit dem Gerät seelisch wieder vereinigt. Und dann war ich schneller als die Depperten, die nicht im Spital waren.

profil: Die Frauen und Freundinnen der Rennfahrer hatten immer ein schwarzes Kleid im Gepäck.
Lauda: Das stimmt. Irgendein Begräbnis gab es immer irgendwo.

profil: Hatte man da nie das Gefühl, eine Schachfigur in einem voyeuristischen Spektakel zu sein?
Lauda: Null. Es war meine freie Entscheidung. Und es war ein geiles Gefühl. Aber wir hatten den Tod immer vor Augen. Doch diese Panikgefühle von Monza hatte ich nie wieder – weil ich davor und danach wusste: Nicht das Auto fährt mich, sondern ich fahre das Auto. Ich bin schon angstfrei auf die Welt gekommen.

profil: Wirkt sich diese Todesnähe auch auf das Sexualverhalten aus?
Lauda: Natürlich. Wenn du das Gefühl hast, es könnte morgen aus sein, gehst du auch damit anders um. Und die Frauen im Formel-1-Zirkus waren relativ flexibel.

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Lesen Sie die Titelgeschichte von Angelika Hager und Sebastian Hofer in der aktuellenPrintausgabe oder in der profil-iPad-App.

Foto: Philipp Horak für profil