Serie: Ladestation

Philipp Hochmair: "Das hat meinen Willen wachgerüttelt"

Ausnahmeschauspieler Philipp Hochmair, 49, kämpfte als Kind mit einer Leseschwäche. Wie er dieses Defizit zu nutzen verstand und sich als Außenseiter ein Gegenuniversum baute.

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Als Philipp Hochmair im Sommer 2018 von einem Tag auf den anderen für den erkrankten Tobias Moretti als Jedermann bei den Salzburger Festspielen einsprang, kam das einem Hochseilakt ohne Netz gleich: "Bevor ich damals die Bühne am Domplatz betreten habe, musste ich alles ausblenden, mich leer machen: die aufgeregten Bühnenarbeiter, die unruhigen Kollegen, die mir unverständliche szenische Anweisungen zuriefen, die Schneider, die hektisch an mir Maß nahmen, und vieles mehr. Die letzten zehn Minuten vor dem Auftritt habe ich versucht, in aller Ruhe in mich zu gehen und mir die beiden wichtigsten Fragen zu stellen: Warum bin ich hier? Und: Was erlebt dieser Mann jetzt? Um zu spüren, wo diese Reise hingehen soll. Zum Glück hatte ich in dieser gigantischen Maschinerie des Festivalbetriebs einen Anker, an dem ich mich in der Aufführung festhalten konnte: die Buhlschaft Steffi Reinsperger. Unsere Seelenverwandtschaft und natürlich auch die Tatsache, dass ich mit dem Text bereits wirklich vertraut war, waren meine Haltegriffe. Den 'Jedermann' hatte ich mir für mein Projekt 'Jedermann Reloaded' durch viele Auftritte mit meiner Band erkämpft."

Hochmair ist bekannt dafür, dass ihn widrige Umstände wie Unwetter oder Kurzschlüsse bei seinen Performances von Schiller, Goethes "Werther" und eben "Jedermann Reloaded" eher animieren: "Extremsituationen finde ich immer aufregend und inspirierend, mit Routine kann ich wenig anfangen." Sein Selbstvertrauen wurde aus zwei biografischen Strängen gebildet: "Meine Eltern brachten mir ein gesundes Desinteresse entgegen. Sie waren da, wenn ich sie brauchte, aber ließen mir von klein auf viel Freiheit. Das hat mir ein gewisses Grundvertrauen vermittelt, Dinge allein zu schaffen, und vielleicht auch die Angst genommen, dass ich scheitern könnte. Sie ermutigten mich schon früh, mich selbst zu organisieren. Ich erinnere mich, dass ich als Achtjähriger unbedingt an einem Sonntagmorgen, sehr zeitig, zu einem Pfadfindertreffen wollte. Da war es fast selbstverständlich, dass mir meine Eltern einen Fahrschein und einen Stadtplan in die Hand drückten, damit ich mir meinen Wunsch erfüllen konnte. Zum anderen hatte ich diese Leseschwäche, die mich sehr verwirrte. Im Deutschunterricht konnten auf einmal alle lesen - und ich konnte es als Einziger nicht. Das war so, als ob alle laufen konnten, und ich musste am Rand in einem Rollstuhl sitzen und zuschauen. So habe ich mich zumindest gefühlt. Weder die Lehrer noch meine Eltern wussten mit dem Problem umzugehen: Ich war auf mich allein gestellt. Hilfe bekam ich glücklicherweise von einem Klassenkameraden, der mir heimlich alles vorsagte, wenn ich aufgefordert wurde, vor den anderen laut zu lesen. Mit geschlossenen Augen habe ich seine Worte wiederholt. Dieses Konzept wurde akzeptiert."

"Dieser Drang, trotzdem nicht scheitern zu wollen und es mir und allen anderen zu beweisen, hat wohl in mir eine Kreativität wachgerufen, meinen Willen wachgerüttelt. Ich begriff, dass ich mir ein Ausstiegsszenario aus dieser normalen Welt, in der ich mich immer fremd fühlte, finden und mir ein Gegenuniversum bauen musste. Ich wollte ausbrechen und mich, allen Widrigkeiten zum Trotz, nicht unterkriegen lassen. Irgendwann, in den Ausläufern meiner Kindheit, sah ich im Fernsehen einen Film, in dem Klaus Kinski und Romy Schneider spielten, und ich dachte mir: Ich bin hier nicht nur Zuschauer, ich will zu denen gehören, Teil dieser Familie sein, trage deren Blutgruppe. Und, das, das wird mein Ausstiegsszenario."

Philipp Hochmair, 49

war Ministrant und benutzte die leere Kirche, um seine Monologe für die Aufnahmsprüfung am Max Reinhardt Seminar zu üben. Der Pfarrer musste draußen bleiben. Der gebürtige Wiener war Ensemblemitglied am Burgtheater, am Hamburger Thalia Theater, ist der blinde Kommissar in der ORF/ARD-Serie "Blind ermittelt", Romy-Preisträger ("Die Wannsee-Konferenz") und gestaltete mit seiner Band Elektrohand Gottes ein Performance-Genre, in dem "Jedermann" und Schiller-Gedichte zu einem Rockkonzert werden.

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort