Rauchbomben und Ohrfeigen: Die Klarsfelds blicken in die Vergangenheit

Beate und Serge Klarsfeld Mitte Oktober in ihrem Archiv in Paris.

Beate und Serge Klarsfeld Mitte Oktober in ihrem Archiv in Paris.

Seit 50 Jahren widmen sich Beate und Serge Klarsfeld der Verfolgung ehemaliger Nazis. Ein Besuch im Pariser Archiv der legendären Verbrecherjäger.

Serge Klarsfeld ist ein rundlicher Mann von freundlich gedimmter Autorität, der Fragen mit einem Hochziehen der Augenbrauen quittiert. Er wirkt nicht so, als ließe er schnell Nähe zu. Nach einem prüfenden Blick, wie weit sein Gegenüber ihm in der Erzählung von Massenmord und Verbrechen zu folgen bereit ist, verliert sich Klarsfeld, 80, im Labyrinth seiner Erinnerungen.

Der rote Faden seines Lebens wird am 30. September 1943 in Nizza durchschnitten. An diesem Tag besetzen Gestapomänner das Haus in der Rue d’Italie, in das Serges Familie geflohen war. Stockwerk für Stockwerk wird durchsucht, an jede Tür geklopft. Gebrüllte Befehle. Schreie aus den umliegenden Wohnungen. Serge, seine Schwester und Mutter verbergen sich in einem präparierten Einbauschrank mit doppelter Rückwand. Ein Gestapobeamter öffnet eine Schranktür. Gefrorener Augenblick. "Noch 70 Jahre später höre ich das Geräusch der Kleiderbügel, die über die Stange gleiten“, sagt Serge Klarsfeld. Der Vater Arno wird von den NS-Männern abgeführt und bald darauf in Auschwitz ermordet.


Von fast der Hälfte der 11.000 aus Frankreich deportierten Kinder spürte Klarsfeld Fotos auf.

Serge Klarsfeld erzählt von den durchgehungerten Tagen und Nächten und der Angst, davon, wie die Zeit wie im Nebel verging. Er erzählt von dem "entscheidenden Schock“, als er 1965 zum ersten Mal Auschwitz besuchte. Seit damals widmet sich Klarsfeld gemeinsam mit seiner Frau Beate, 76, der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Frankreich. Das ist ihr Ziel, ihr Antrieb, bis heute. Die Klarsfelds sind nicht zu einem Denkmal ihrer selbst erstarrt; das wäre so ziemlich das Letzte, was sie wollten.

Der soeben publizierte Band "Erinnerungen“, von Serge und Beate in Co-Autorenschaft geschrieben, erzählt auf mehr als 600 Seiten von ihren Kämpfen, präzis und nüchtern. Sie machen aus ihrer Arbeit keine Heldengeschichte. Der Anwalt und Historiker Serge Klarsfeld hat früh begriffen, dass große Worte nicht an das Grauen heranreichen. Individualisierung war seine wissenschaftliche Methode: Von fast der Hälfte der 11.000 aus Frankreich deportierten Kinder spürte Klarsfeld Fotos auf. Den späten Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus haben die Klarsfelds entscheidend mitgeprägt. Aktionismus, illegale Aktionen, Entführungs- und fingierte Mordversuche waren die öffentlichkeitswirksame Art, auf ihre praktische Erinnerungsarbeit hinzuweisen. "Hätten wir es nicht getan, hätte es niemand getan“, sagt Beate.

Die Klarsfelds arbeiten in einer Pariser Parterrewohnung im 8. Arrondissement, in ihrem Archiv, in dem man sie vor lauter Büchern, Aktenstapeln und Papierbergen fast nicht findet. Die zwei Hunde, die durch die Räume streifen, bellen, sobald die Türglocke in der Rue la Boétie anschlägt. In mehrere Hinweisschilder, die zeigen, wer in diesem Haus wohnt und arbeitet, ist der Name "Klarsfeld“ gestanzt. Die gelben, blauen, roten Mappen, irgendwie auf die Regale gestapelt oder übereinandergeworfen, sind an den schmalen Rücken mit schwer entzifferbarer Handschrift beschrieben, als wäre wenig Zeit gewesen.


Ich beschloss damals, Menschen nach ihrem Leben und ihrem Mut zu beurteilen, nicht nach ihrer Nationalität

Die Personen- und Ortsnamen erzählen die kurze Geschichte eines langen Jahrhunderts der Gewalt: Auschwitz, Mauthausen, Adolf Eichmann, Alois Brunner. Und Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon“, der 1944 mit einer Unterschrift 44 jüdische Kinder in den Tod schickte und der nach jahrelangem Kampf der Klarsfelds 1987 vor Gericht gestellt und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen wurde.

Auf dem Schreibtisch mit den zwei Telefonen liegt eine gelbe Mappe, mit der Notiz "Marlene D.“ auf dem Deckel; ein Packen Klarsichthüllen mit dünnem Briefpapier ragt aus dem Aktenstück. Der erste Kontakt mit Marlene Dietrich war eine Postkarte, welche die Schauspielerin an Beate sandte: "Liebe, liebe Frau Klarsfeld, ich schreibe Ihnen, um Ihnen zu sagen, dass ich Sie bewundere und aus tiefstem Herzen liebe, und ich bin sicher, Sie wissen, warum.“ Klarsfeld war eine der wenigen Telefonfreundinnen von Dietrich.

Die Geschichte ihres Kennenlernens haben die Klarfelds schon oft erzählt. Es ist eine Geschichte in schnell wechselnden Bildern. Wie Serge die junge Frau im taillierten blauen Kleid auf dem Bahnsteig der Pariser Métro-Station Porte de Saint-Cloud ansprach, an dem Tag, als Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst in Argentinien gekidnappt wurde; wie er an der Station Sèvres-Babylone mit ihrer Telefonnummer in der Tasche ausstieg; wie sie drei Tage später im Kino "Sonntags ... nie!“ sahen. "Mit Melina Mercouri“, sagt Beate.

Die Details dieser Tage im Mai 1960 sind ihr wichtig. Wie die politisch unbedarfte Beate, die als Au-pair in Paris war, auf Serge traf; wie die Deutsche, die in der Schule so gut wie nichts über die NS-Verbrechen gelernt hatte, den Juden kennenlernte, dessen Vater von den Nazis ermordet worden war und der durch die Lektüre der Schriften der Widerstandsgruppe "Weiße Rose“ früh sensibilisiert war, nicht alle Deutschen als Täter zu sehen. "Ich beschloss damals, Menschen nach ihrem Leben und ihrem Mut zu beurteilen, nicht nach ihrer Nationalität“, sagt er heute.


Deutschland liefert die NS-Verbrecher nicht aus.

An einer Stelle nur widersprechen sich die Erinnerungen. Es ist ein wenig Koketterie dabei. Beate glaubt, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie setzt dabei das Gesicht auf, das man bei Menschen findet, die ihre Biografie im Rückblick sortiert haben. Serge spricht von Neugier. Bald schreiben sie einander Liebesbriefe, in denen Wichtiges im unaufgeregten Klang des Beiläufigen mitgeteilt wird. "Mein kleines Kätzchen, es ist Viertel vor neun, und ich beginne jeden Morgen damit, den Briefkasten zu beobachten“, notiert Beate in einem Brief an Serge: "Du fragst mich, was ich von dir halte. Ich liebe dich zu sehr, um neutral zu sein. Möchtest du wirklich berühmt werden, deine Spuren hinterlassen und unvergessen bleiben? Man muss doch zuerst daran denken, etwas Schönes zu erschaffen, Dinge, die den anderen nutzen. Wenn dir das gelingt, wirst du automatisch sehr berühmt.“

Eine Pointe schließt die Geschichte ihrer ersten Begegnung. "Wir wohnen noch heute im selben Viertel, direkt an der Porte de Saint-Cloud“, sagt Beate Klarsfeld, hellgrüner Rollkragenpullover, dezenter Schmuck, klarer Blick, verschnupfte Nase, ein Gesicht, in dem Schalk, Schmerz und Schrecken nebeneinander existieren. "Würden wir in unserer Wohnung ein Loch bohren, wir fielen genau auf den Bahnsteig, an dem wir uns begegnet sind.“

Es ist die Kulisse der Nachkriegsbundesrepublik, vor der Beate ihr neues Leben aufführt. Damals ist die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich kompliziert, es gibt jede Menge juristisches Kleingedrucktes und noch mehr Differenzen über den Umgang mit den ehemaligen NS-Parteigängern. Frankreich verurteilt die Täter in Abwesenheit zu langen Haftstrafen, zum Tod - Deutschland liefert die NS-Verbrecher nicht aus. Es ist die Stunde der Klarsfelds. Sie agitieren gegen das skandalöse Anti-Auslieferungsgesetz, organisieren Demonstrationen und werden zum Gravitationszentrum einer wechselnd großen Gruppe von Gedenkaktivisten. Dann passiert die Sache mit der Ohrfeige.


Klarsfeld gab den Ermordeten in seinen Büchern ihre Geschichten zurück.

Beate Klarsfeld hat auch diese Geschichte schon oft erzählt. Sie lässt in der Exegese ihres Handelns auch fast 50 Jahre danach nicht so etwas wie Distanz aufschimmern. Nicht nur Worte, immer Taten, so könnte das heimliche Motto ihres Lebens lauten. "Ich bin immer aktiv gewesen“, schreibt sie in "Erinnerungen“. Am 7. November 1968 ohrfeigt die damals 29-jährige Beate den deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen verheimlichter NS-Vergangenheit auf der Abschlusssitzung des CDU-Parteitags.

An der Ohrfeige entzündet sich ein öffentlicher Disput zwischen Heinrich Böll und Günter Grass. Klarsfeld spricht von moralischer Notwehr, der Staatsanwalt von Gewalt. Gewalt sei, postuliert Klarsfeld, der deutschen Gesellschaft einen Nazikanzler aufzuzwingen. Weitere Sätze, die sie seit Jahrzehnten wiederholt: "Gewalt darf nur als letztes Mittel und nur gegen Schuldige angewandt werden.“ - "Auf den Skandal des Faschismus war mit Skandalisierung zu antworten.“ Und, immer wieder: "Es geht um Gerechtigkeit, nicht um Rache.“ Die Kiesinger-Affäre macht sie über Nacht international bekannt.

Sie nimmt eine Schallplatte mit dem Titel "Der Fall K. - Geschichte einer Ohrfeige“ auf. Im September 1969 kandidiert sie gegen Kiesinger bei der Bundestagswahl. "Klarsfelderitis“ sei wohl ein in der Bundesrepublik auftretendes Phänomen weiblicher Schizophrenie, schreibt ein rechtes Hetzblatt. Eine Karikatur aus dieser Zeit zeigt Kiesinger als Haken schlagenden Hasen, dahinter das Stachelschwein Beate, dem Politiker auf der Spur.

Zu welchem Zeitpunkt die Suche der Klarsfelds nach den NS-Schreibtischtätern abgeschlossen war und die Erinnerungsarbeit an den Holocaust in Frankreich eingesetzt hat, lässt sich heute nicht mehr genau feststellen. Die Fahndung nach den Tätern und das Opfergedenken gingen ineinander über. Serge schrieb Standardwerke über die "Endlösung“ in Frankreich, hielt die Erinnerung an die 80.000 aus dem Land deportierten Juden wach. Die Nazis waren darum bemüht, Menschen zu Nummern zu machen, die in den Gaskammern ausgelöscht wurden. Klarsfeld gab den Ermordeten in seinen Büchern ihre Geschichten zurück.


Beate Klarsfeld nahm in vielen Verhörräumen Platz, war oft im Gefängnis.

In "Erinnerungen“ schreibt Serge Klarsfeld: "Ein Mann, der seine Eltern nie kennengelernt hatte, weil er bei ihrer Deportation zu jung war, schrieb mir eines Tages, er habe in seiner Kindheit keine andere Möglichkeit gefunden, mit seinen Eltern in Kontakt zu kommen, als so lange wie möglich die Luft anzuhalten, fast bis zum Ersticken, und sich vorzustellen, er sei bei ihnen gewesen, als sie vergast wurden.“

Den Prozess um den früheren SS-Mann Oskar Gröning, der von 1942 bis 1944 im Verwaltungsapparat von Auschwitz-Birkenau tätig gewesen war und über den im Juli 2015 eine Freiheitsstrafe von vier Jahren verhängt wurde, beurteilt Serge Klarsfeld differenziert: "Die Nachkriegsgeneration geht so weit, eine Ausweitung der Schuldfähigkeit zu fordern, damit auch diejenigen vor Gericht kommen, die wie Gröning moralisch schuldig sind. Ich persönlich finde diese Auslegung zu weit gehend.“ Für die Klarsfelds, die sich seit geraumer Zeit verstärkt dem Kampf gegen das Erstarken der politischen Rechten in Frankreich widmen, erzählt alles Vergangene auch etwas über die Gegenwart.

Die Extreme ihres Lebens scheinen Beate nicht zu beeindrucken. Keine Posen, kein Händeringen. Beate Klarsfeld sitzt einfach da, erzählt. Beate Klarsfeld nahm in vielen Verhörräumen Platz, war oft im Gefängnis. Eine "Kriminelle“, wie sie mit der Andeutung eines Lächelns sagt. Sie wurde mit Einreiseverboten belegt und organisierte Hungerstreiks. In Argentinien, Paraguay, Bolivien und Chile demonstrierte sie gegen die rechtsextremen Diktaturen, in den Ländern des damaligen Ostblocks, in Beirut und Damaskus gegen den Antisemitismus.

In Österreich werden die Klarsfelds 1986 aktiv. In "Erinnerungen“ klingt ihr Engagement gegen Kurt Waldheim und dessen Lüge über seine militärische NS-Vergangenheit vielleicht eine Spur zu exklusiv. Die Klarsfelds sind damals bei Weitem nicht die Einzigen, die die Affäre vorantreiben. "In Österreich waren wir mit mehr antisemitischen Äußerungen konfrontiert als sonst“, erinnert sie sich. Auf den Aktionismus der Klarsfelds ist Verlass: Die Visite Waldheims im Vatikan soll 1987 durch das Aufsteigen schwarzer Rauchsäulen gestört werden. Die Rauchbombe zündet jedoch bereits im Zimmer.


Auf meinen Reisen verfolgte mich stets die Frage, ob meine Männer noch saubere Wäsche hatten, zumal sie von Natur aus ziemlich nachlässig sind.

Die Feuerwehr rückt an, um den Brand im Herzen Roms zu löschen. Das Ziel ist, Aufmerksamkeit zu generieren, so oder so. Im Frühjahr 1988 planen die NS-Aufdecker eine weitere Aktion. In einer Uniform, die auch Waldheim während des Kriegs getragen hatte, taucht Arno, der 1965 geborene Sohn der Klarsfelds, vor der apostolischen Nuntiatur in der Wiener Theresianumgasse auf - und wird umgehend verhaftet. In "Erinnerungen“ schreibt Beate Klarsfeld: "Ein Polizist traktierte Arno mit Fußtritten. Ich stand auf und ohrfeigte den Polizisten.“

Es setzt Drohungen per Telefon und Brief. Der Anrufbeantworter, sagt Beate, sei oft voll gewesen. Eine Bombe mit Zeitzünder, die zu früh explodiert, zerstört 1979 ihr Auto in der Tiefgarage. Ein Sprengstoffpäckchen wird an ihre Adresse geliefert und von der Polizei entschärft. 500 Gramm Dynamit, 300 Gramm Tapeziernägel. Bis heute gibt Beate Klarsfeld als Beruf "Hausfrau“ an. In "Erinnerungen“ schreibt sie in seltsamer Offenheit: "Auf meinen Reisen verfolgte mich stets die Frage, ob meine Männer noch saubere Wäsche hatten, zumal sie von Natur aus ziemlich nachlässig sind.“

Sie agiert wie eine 68erin, ohne eine zu sein. Man muss Beate Klarsfeld gegenüber sitzen, um die Wandlung von der im Kern biederen Ehefrau zur radikalen Politperformerin glauben zu können. 2012 lässt sie sich als Kandidatin für das deutsche Bundespräsidentenamt aufstellen, im Juli dieses Jahres werden Beate und Serge mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. In der Rue la Boétie ist gerade auch die Bestätigung via E-Mail eingetroffen, dass die Klarsfelds zu Unesco-Ehrenbotschaftern für das Andenken an die Opfer des Holocausts ernannt wurden.

Serge Klarsfeld hat sich sein Leben lang mit dem Tod beschäftigt. Macht ihm das Sterben Angst? Klarsfeld reißt die Augen hinter seiner Brille auf und formt mit dem Mund einen Kreis. "Fragen nach Gott und Tod habe ich mir nie gestellt. Man kann es natürlich pessimistisch betrachten: Man selber stirbt, die Kinder sterben, der Hund. Ich neige zum Optimismus.“

INFOBOX

Beate und Serge Klarsfeld: Erinnerungen. Aus dem Französischen von Anna Schade, Andrea Stephani und Helmut Reuter. Piper, 624 S., EUR 28,80