Elizabeth T. Spira: "Ich bin politisch total unkorrekt“

Elizabeth T. Spira: "Ich bin politisch total unkorrekt“

Elizabeth T. Spira ist mit 76 Jahren gestorben. In ihren Filmen legte sie die österreichische Seele gnadenlos offen: Im profil-Interview 2014 sprach Spira über die Vorteile von Vorurteilen und das Unangenehme am Philosemitismus.

Dieses Interview erschien erstmals im profil Nr. 21/2014 vom 19.05.2014. Elizabeth T. Spira ist im Alter von 76 Jahren gestorben.

profil: Sie stammen aus einer zutiefst kommunistischen Familie, sind jüdischer Abstammung und eine Frau. Ein Eldorado für Vorurteile.
Toni Spira: Eigentlich hatte ich selten Probleme. Ich habe mir nämlich schon als Kind geschworen, nie Opfer zu sein. Meine Mutter hat immer gesagt: "Pass auf, wenn dir wer blöd kommt, dann haust du den ganz einfach.“

profil: Und? Haben Sie schon einmal zugeschlagen?
Spira: Ja. Ich war mit einer kommunistischen Jugendgruppe auf einer Skihütte, und dort hat irgendeiner die übliche "Saujuden“-Bemerkung fallen lassen. Ich habe einen Sessel genommen und so damit auf den eingedroschen, dass ich dem Mann die Nase gebrochen habe. Ich bin ja eine, die gern streitet. Mein Mann und alle meine Ex-Partner können das bezeugen. Harmonie ist mir langweilig. Ich provoziere gerne. Erregung tut mir gut.

profil: In Österreichs liberaler Elite, die nicht in Ihren Sendungen vorkommt, existiert eine Art Philosemitismus. Wie finden Sie diese Form der Übervorsichtigkeit?
Spira: Das ist mir noch unangenehmer als Antisemitismus. Weil man ahnt, der oder die hat ein schlechtes Gewissen und kommt wahrscheinlich aus einer Nazi-Familie. Das ist, wie wenn die Leute zu den kleinen Negerlein lieb sind und ihnen die Köpfe streicheln.

profil: Aus den "Alltagsgeschichten“ dampfte verlässlich der braune Dunst. Wie prototypisch für Österreich ist diese xenophobe, rassistische, antisemitische Enge?
Spira: Ich mache seit zehn Jahren keine "Alltagsgeschichten“ mehr, sie werden nur dauernd wiederholt. Inzwischen hat sich schon einiges geändert. Hoffe ich. Die Hardcore-Nazis sterben aus. Und die Leute reisen ja mehr. Selbst der Nazi aus meiner Mittelschulklasse fährt im Urlaub in die Türkei, weil es dort billig ist. Aber eines ist sicher: Wenn es in Österreich kriselt, dann geht’s ung’schaut nach rechts. Und das ist kein Vorurteil. Oder doch?

profil: Haben Sie schon einmal einen netten Nazi getroffen?
Spira: Nette nicht, aber fesche, solche, wo ich mir gedacht hab: Das ist aber sehr schade. In den sogenannten ‚besseren Kreisen‘ gibt es ja auch wohlerzogene Nazis, aber nett? Brr …


Ich liebe Vorurteile. Sie erleichtern einem das Leben.

profil: Fragen wir nach Ihren Vorurteilen.
Spira: Ich liebe Vorurteile. Sie erleichtern einem das Leben. Jeder Mensch braucht Vorurteile, um leben zu können. Man kann ja nicht über alles unentwegt philosophieren. Im Norden ist es kalt, dort sind die Menschen groß, bleich, knochig und einsilbig. Im Süden ist es wärmer, die Menschen sind dort kleiner, hübscher und lebenslustiger. Und nein, die meisten Kärntner sind nicht nett. Und wenn ich einen mit einem Kampfhund sehe, denke ich mir: Arschloch! Vor der Adoption meiner Tochter habe ich der zuständigen Stelle gesagt: "Bitte nur kein blondes Kind!“

profil: Wie sehen Sie Strache-Wähler?
Spira: Na ja, bei den traurigen Alternativen - Eugen Freund, Faymann, ganz zu schweigen von der ÖVP - kann man nachvollziehen, dass man den hübschen Strache wählt, der die Gesellschaft und die Problemlösungen sehr einfach und drastisch sieht und erklärt. "Österreich zuerst“ ist eine vorurteilsbeladene, dumme Option. Aber sie wirkt. Jemand, der nicht aus einem deklariert antifaschistischen Elternhaus kommt und sich nicht für Politik interessiert, sieht den und denkt sich: "Na, der ist für einen Aufreger gut.“

profil: Ist man automatisch ein Antisemit, wenn man über Israel schimpft?
Spira: Nein, ist man nicht. Mir passt vieles in Israel auch nicht. Aber die israelische Politik mit den Nazis zu vergleichen, wie das manchmal passiert, ist ein No-Go. Das geht gar nicht.


Alles, was so national daherkommt, ist mir zutiefst suspekt.

profil: Was denken Sie, wenn Sie einen Menschen im Lodenmantel sehen?
Spira: Da geh ich ein bisschen auf Distanz und denk mir: "Hast du keinen anderen Mantel?“ Meine gute Freundin Barbara Coudenhove, eine Aristokratin, trägt ja auch so was Lodiges. Doch es gibt ja noch viel schreckliche Kleidung: Dirndln, Knickerbocker …

profil: Sie meinen Lederhosen.
Spira: Ja, also dieses herausgeputzte Österreich, mit den aufgeblähten Blusen und den Jopperln, das mag ich nicht. Alles, was so national daherkommt, ist mir zutiefst suspekt.

profil: Was denken Sie, wenn Sie eine mit Goldschmuck und Vuitton-Taschen behängte Osteuropäerin sehen?
Spira: Ganz klar: Entweder Prostituierte oder sie hat einen reichen Mann. Ich war vor ein paar Jahren in Odessa und und hab mir gedacht: Na, so viele Huren kann es doch gar nicht geben. Und jetzt sage ich etwas völlig Unkorrektes: Die "Ostweiber“ sind ja alle so aufgetakelt.

profil: Welche Vorurteile sollte man bei der Partnerwahl möglichst loszuwerden versuchen?
Spira: Frauen sagen immer automatisch, ihr Traummann muss größer sein als sie. Dann antworte ich: "Wenn man richtig verwöhnt werden will, muss man sich einen Kleinen suchen, die müssen sich ja Mühe geben, weil sie immer Angst haben, dass du sie wegen einem Größeren verlässt.“

profil: Beeinflusst die ethnische Herkunft Publikumsreaktionen?
Spira: Und wie! Einmal hatten wir einen sehr gut aussehenden Perser, um die 40, der war Tanzlehrer, Akademiker und kein Muslim, was er in der Sendung auch sagte. Normalerweise bekommen junge Männer hunderte Briefe. Der Perser war aber nicht zum Anbringen. Auch Frauen aus Ex-Jugoslawien sind schwierig zu vermitteln.

profil: Gibt es ein Vorurteil, das Sie überwunden haben?
Spira: Früher habe ich Deutsche nicht gemocht, vor allem wegen des Zweiten Weltkrieges. Aber dann hab ich rausgefunden, dass die Österreicher viel ärger sind. Inzwischen bewundere ich die Deutschen, weil sie so effizient und klar sind. Sie sind auch viel korrekter als die Österreicher im Umgang mit dem Nationalsozialismus. Aber beim Fußballspielen, da gönne ich ihnen jede Niederlage. Weil sie solche Streber und so von Ehrgeiz zerfressen sind.

Elizabeth T. Spira wurde 1942 als Tochter von Wiener Emigranten in Glasgow geboren. Nach dem Studium ging sie 1972 zu profil, wechselte dann zum ORF. Vor 28 Jahren begann Spira mit den "Alltagsgeschichten“ die österreichische Seele zu dokumentieren und zu sezieren. Die "Alltagsgeschichten“ hatten ein Millionenpublikum. Spiras Partnervermittlungs-Sendung "Liebesg’schichten und Heiratssachen“, seit 1997 unverrückbarer Teil der ORF-Identität, knüpfte an diesen Erfolg an.