Alterskrusten: Eva Menasses neuer Roman

In ihrem Roman „Quasikristalle“ entwirft die Wiener Autorin Eva Menasse die Chronik eines Frauenlebens. Das gewagte Erzählexperiment kann seine hohen Ansprüche jedoch nicht ganz einlösen.

Es zählt zu den anspruchsvolleren Aufgaben der Literatur, etablierte Prosaformen auf ihre Gegenwartstauglichkeit zu prüfen. Der französische Romancier Raymond Queneau inszenierte in „Stilübungen Autobus S“ (1947) 99 Variationen einer Anekdote über einen jungen Mann mit eigenwilligem Hutschmuck; in „Das Leben – Gebrauchsanweisung“ (1978) wiederum beschrieb der Pariser Prosaexzentriker Georges Perec die puzzleartigen Lebensläufe der ­fiktiven Bewohner eines Hauses mit 99 Zimmern – ein Kabinettstück des subversiven Witzes, das zahllose Geschichten generierte.

Wie tragfähig das Literaturmodell der multiplen Perspektivierung nach wie vor ist, zeigt die Wiener Schriftstellerin Eva Menasse, 42, in ihrem neuen Roman „Quasikristalle“, der aus 13 Blickwinkeln betrachteten Geschichte der Roxane Molin, in der die Autorin das langsame Gleiten ihrer Heldin durch die Zeit mit Finesse entfaltet: Roxane, die in diesem Buch der extravaganten Namen – Bernay, Ursina, Shanti, Smutny, Karimi – beharrlich Xane genannt wird, verbringt ihre Kindheit und Jugend in Wien, in adoleszenter Unbeschwertheit, mit altersadäquater Abenteuerlust (Haschisch!) und vereinzelten tragischen Eintrübungen: Xanes Freundin Claudia wird jäh aus ihrer Gemeinschaft gerissen, das beunruhigende Zeitkolorit – „Atomkraft, nein danke“ und „No future“, so die Parolen der Epoche – versteht Menasse mit wenigen Strichen zu skizzieren. Bald werden die ­Jugendlichen „alarmiert vom richtigen ­Leben“.

Existenz in Schwebe
Die ehemalige profil-Redakteurin und langjährige Kulturkorrespondentin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ debütierte 2005 als Romanautorin mit der Familiensaga „Vienna“, einem nahezu dokumentarisch anmutenden Buch über das Schicksal einer Wiener Familie mit jüdischen Wurzeln. In „Quasikristalle“ wählt Menasse ein konträres Poesieprogramm: Xanes Existenz wird in Schwebe gehalten, ihr Berufs- und Privatleben als Konstante umkreist, jedoch kaum je im Detail ausbuchstabiert – ein (Frauen-)Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts lässt sich, so die eigentliche Botschaft dieses Romans, einzig als mosaikartiges Flickwerk, zersplittert und fragmentiert, erzählen, von Ganzheit und Geschlossenheit keine Spur: ein Dasein innerer und äußerer Asymmetrie, vergleichbar dem aus der Naturwissenschaft bekannten Quasikristall und seiner ungleichmäßigen Struktur.

In zwölf Kapiteln wird Xanes Gegenwart indirekt beleuchtet, je nach Standpunkt: Der Verehrer, die Quartiergeber, der Arbeitskollege kommen ebenso zu Wort wie ihre Fertilitätsärztin und die Stieftochter. Der Lebensweg der Alltagsheroine muss sich dabei nicht zwangsweise zum Ganzen fügen, darf Gemengelage aus großen Fragen und kleinen Nöten, aus persönlichen Katastrophen und raren Glücksmomenten bleiben, mit gleichzeitig vernachlässigbarer Tendenz zur Typisierung von Xanes intellektuell geprägter Vita als erfolgreiche Filmemacherin. Als junge Frau stattet sie dem Gedenkort Auschwitz einen Besuch ab; der Versuch einer frühen Verlobung scheitert; dann der Umzug von Wien nach Berlin, die Flucht in die anonyme Weltstadt; die Ehe mit dem Wissenschafter Moritz, von Xane nur Mor gerufen; der lang ersehnte Nachwuchs, der sich mithilfe einer Expertin für künstliche Empfängnis einstellt; die Beinahe-­Affäre mit einem Politiker. Vermeintlich unzusammenhängende Eindrücke ergeben ein Gesamtbild, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Menasse verfolgt das Altwerden Xanes in all deren „Verkleidungen und Alterskrusten“.

Leben, festgefahren und fragil
Es sind die Kapitel sieben und zwölf, die Menasses narrativem Schwung indes negativen Drall verleihen, der sich in diesem Buch der absichtsvollen Vernetzung via Zersplitterung abträglich ausbreitet. Ziemlich genau in der Mitte von „Quasikristalle“ überlässt Menasse ihrer Protagonistin selbst das dichterische Feld. In Ich-Form übt sich diese seitenlang in Plauderei und Stammeln: Jedes Paradies werde irgendwann zum Käfig, meint Xane da – und ergeht sich nicht nur einmal in Plattitüden: „Das Leben ist gleichzeitig festgefahren und fragil, ein Fahrzeug, das in einer steilen Kurve hängen geblieben ist.“ An dieser Stelle kippt der Roman ins Gaghaft-Unverbindliche. Der vorletzte Abschnitt wirkt dagegen fast wie das Eingeständnis der Autorin, Plot und Personal des Romans wenig Vertrauen entgegenzubringen. Mit der Journalistin Shanti treibt die Schriftstellerin Spannung und Nervenkitzel künstlich hoch; denn Shanti versteckt sich als Folge ihrer brisanten Recherchen zu letaler Altenpflege und Pflegeheimmord vor der Welt – eine Episode, die mit Ingredienzien wie Spionageabwehr, Erpressung und klandestinen Parkgarage-Treffen wie ein unfreiwillig komischer Thriller wirkt. „Die Dinge sind meistens viel einfacher, als sie scheinen“, stellt Shanti fest. Das gilt auch für Xanes Lebensdramen.

Eva Menasse: Quasikristalle. Kiepenheuer & Witsch, 426 Seiten, EUR 20,60