Frank Stronach: In neuer Autobiografie feiert er sich als One-Man-Wunder

Frank Stronach: In neuer Autobiografie feiert er sich als One-Man-Wunder

In seiner neuen Autobiografie feiert sich Frank Stronach wie gewohnt als One-Man-Wunder. Mitstreiter, Helfer und Retter in der Not verschweigt er.

Ein stiller Kommunist, wie Frank Stronachs Vater einer war, wird das berühmte Gedicht Bertolt Brechts aus den 1930er-Jahren – „Fragen eines lesenden Arbeiters“ – vermutlich gekannt haben: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen.“ In Frank Stronachs Autobiografie steht immer nur er selbst.

Schon vor einem halben Jahr, zu den Landtagswahlen in Niederösterreich, Kärnten und Salzburg, waren unter dem Titel „Franks Welt“ im Ueberreuter Verlag alte Stronach-Kolumnen aus der „Kronen Zeitung“ neu aufgelegt und bei Veranstaltungen tausendfach verschenkt worden. Stronachs Ideen künden von der Feindschaft gegenüber allen staatlichen Institutionen und dem eigenen Heilsversprechen. Sie münden in der sumpfigen Allgemeinheit eines alten Herrn, der es schwer gehabt hat und will, dass sich auch die Jugend von heute durchbeißt. Rechtzeitig zu den Parlamentswahlen im Herbst wird nun eine Autobiografie von Frank Stronach auf den Markt geworfen. „Frank Stronach. Der Magna Mann“ ist im Verlag edition a erschienen. 10.000 Stück hat Stronach fürs Erste bestellt und bezahlt. Und wieder hören wir die Geschichte seines kometenhaften Aufstiegs, von seinem Fleiß und seinem Hausverstand, von seinen ersten Jahren in Kanada, als er Hunger litt, weil er nicht gleich eine Arbeit fand, wie demütigend das war und dass er sich damals geschworen habe, nie wieder zu buckeln, und heute sein Vermögen einsetze, um „die Ketten der Dominierung“ zu lösen und eine geistige Revolution zu entfachen. Der Autor ist hingerissen von seiner Biografie und seiner Mission.

Immerhin: Er hat sich aus eigener Kraft aus dem Barackenlager bei Weiz in die „Forbes“-Liste emporgearbeitet. Er müsste nichts beschönigen. Er könnte all jenen die Ehre geben, die ihm dabei geholfen haben: Freunden, die mit ihm das Abenteuer wagten; Politikern, die seine Unternehmungen aus Steuermitteln förderten; Politikern, die zu seinen Gunsten intervenierten, als ihm das Wasser bis zum Halse stand; Politikern, die einem vorteilhaften Deal wohlwollend gegenüberstanden.
Stronachs nie gesättigtes Verlangen nach Anerkennung lässt das nicht zu.
Zum einen sind da die Kränkungen, die Stronach in jungen Jahren offenbar zugefügt wurden: brutale Lehrer in der Schule, Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz. Warum hielt es den 20-Jährigen nur ein Jahr in der Schweizer Fremde? Welcher „verantwortungsvolle Posten in Graz“ war ihm danach in Aussicht gestellt und dann doch verweigert worden? Und warum wollte ihn die ELIN in Weiz nicht mehr? Stronach schweigt darüber. Wenn er heute bei Wahlveranstaltungen von älteren Herrschaften auf Jugendfreunde angesprochen wird, versteinert sein Gesicht, und er schaut, dass er wegkommt.

Dauerbrenner Auswanderung
Ein Dauerbrenner hingegen ist die Geschichte seiner Auswanderung nach Kanada im Jahr 1954. Er erzählt sie, als ob er sich damals als 21-Jähriger mutterseelenallein, ohne eine vertraute Seele, auf den Weg gemacht hätte. Mit ihm auf dem Überseedampfer war jedoch sein Freund Toni Czapka aus der ELIN, der vier Jahre älter war als Stronach und erfahrener. Bei Czapkas Eltern in Graz waren die jungen Männer noch feierlich verabschiedet worden, ehe sie den Zug nach Rotterdam nahmen. In Stronachs Darstellung taucht Czapka erst in Kanada auf – als Hilfesuchender, der eines Tages an Stronachs Tür klopft. Stronach verschweigt, dass Czapka von Anfang an sein Kompagnon war, dem die Hälfte des 1957 gegründeten Unternehmens, einer Werkzeugmacherei in einer gemieteten Garage, gehörte. Er erzählt, dass ihm Czapka Geld geborgt habe. In keiner Magna-Chronik wird der Freund genannt. Auch seinen Stiefbruder Hans Adelmann erwähnt Stronach mit keinem Wort, obwohl er Hans brieflich um dessen Ersparnisse angeschnorrt und ihn überredet hatte, 1958 ebenfalls nach Kanada auszuwandern. Die Zusammenarbeit der Brüder war nicht von Dauer. Stronach war ebenso hart zu anderen wie zu sich selbst. Die Geschichte Adelmanns als eines glücklichen Aussteigers und Konsumverweigerers ist unter dem Titel „einfacher leben“ ebenfalls bei edition a erschienen.

Am Rande erwähnt Stronach in seiner Autobiografie dann doch den Amerikaner Burt Pabst, ein „Marketing-Talent“, der „bei mir zu arbeiten begann“. In Wahrheit war Pabst ein Werkzeugkonstrukteur, der bei General Motors und Ford gearbeitet hatte, die Welt der Autozulieferer kannte, als dritter Partner in das Unternehmen einstieg und einen Auftrag für 300.000 Aufhängungen für Sonnenblenden bei GM an Land zog. Das war der Wendepunkt. Von Pabst stammte später auch die Idee, die Magna-Produktionen in kleinen, wendigen Einheiten zu organisieren. Anfang der 1980er-Jahre stieg Pabst aus dem Magna-Konzern aus. Von da an kontrollierte die Familie Stronach allein den Konzern. Das kanadische Zwei-Klassen-Aktienstimmrecht machte das möglich. Pabst hatte seine B-Anteile mit 500-fachem Stimmrecht an Stronach verkauft, Czapka hatte diese besonderen Aktien zuerst gar nicht und dann nur für wenige Jahre bekommen.

Stronachs Nähe zur Politik
Vieles, was Stronach nicht preisgibt, erfährt man in der bereits 2004 erschienenen, scharfsinnigen Biografie von Norbert Mappes-Niediek („Let’s be Frank“, Campus Verlag). Vor einem halben Jahr hat der Journalist Wolfgang Fürweger die fehlenden Jahre bis 2012 aufgearbeitet („Frank Stronach“, Ueberreuter-Verlag).

Auf seinen Geschäfts- und Machtinstinkt konnte sich Stronach im Grunde immer verlassen. Ende der 1980er-Jahre, als die Autoindustrie in Übersee ihren Höhepunkt überschritten hatte, begann er Unternehmen in Europa einzukaufen. Magna hatte bis dahin rasant expandiert. Stronach hatte liberale und konservative Parteien in Kanada gesponsert. Ihm gehörten Rennpferde, Rennställe, Haubenrestaurants und Villenanlagen im schlechten Stil der Neureichen. Nun wollte er auch Medien besitzen und ein politisches Amt. Beim Versuch, 1988 Premierminister zu werden, scheiterte er. Kaum zwei Jahre später stand Magna mit einer Milliarde kanadischer Dollars in der Kreide, Kredite wurden fällig gestellt. Magna war pleite. Als Magna-Aktien um 95 Prozent gefallen, also wertlos geworden waren, sollte Stronach entlassen werden. Da griff ein Freund Stronachs, der ehemalige kanadische Handelsminister Ed Lumley, der bei Magna im Aufsichtsrat saß, zum Telefonhörer und sorgte dafür, dass die Bank den Kredit stundete.
Auch in Österreich machte sich Stronachs Nähe zur Politik bezahlt. Die damals noch staatliche Voest übernahm in den Krisenjahren vorübergehend den Hälfte-Anteil an fünf europäischen Magna-Werken, um Magna zu retten. 1993, als das Geschäft wieder florierte, kaufte Stronach die Anteile zurück.

1998 übernahm Stronach die traditionsreiche Steyr-Daimler-Puch AG, Österreichs einzigen Fahrzeughersteller. Im Aufsichtsrat von Magna International saß damals mit Franz Vranitzky ein ehemaliger sozialdemokratischer Bundeskanzler sowie dessen Parteifreund Gerhard Randa, Chef der Bank-Austria-Creditanstalt, die Mehrheitsanteile an Steyr-Daimler-Puch hielt. In späteren Jahren, als Stronach dutzendweise Politiker aus allen Lagern – die Grünen ausgenommen – direkt bei Magna beschäftigte, zum Teil unter skurrilen Bezeichnungen (Mathias Reichhold, Ex-FPÖ-Minister und Landwirt, wurde „Weltraumbeauftragter“) lukrierte Stronach ebenfalls Vorteile: bei Betriebsansiedlungen, der Bereitstellung von Infrastruktur, bei Eurofighter-Gegengeschäften oder beim Kauf von Schloss Reifnitz am Wörthersee.

Es ist bizarr, dass ausgerechnet Stronach heute gegen den Staat herzieht. Aber es ist auch ein Wesenszug des Populismus, in seiner Propaganda auf Legenden zu setzen, die Menschen gern glauben wollen.
Nach Buchautor Fürweger und einer parlamentarischen Anfrage der Grünen wurden Stronachs Unternehmen in den vergangenen Jahren allein aus steirischen Landesmitteln mit 47,8 Millionen Euro gefördert; dazu kamen 30 Millionen Euro, teilweise aus Brüssel, 20 Millionen Euro vom Bund, weitere 100 Millionen Euro in Form von geförderten Krediten und einige Millionen Euro aus den Töpfen der Arbeitsmarktpolitik.

Stronach selbst sagt in seiner Autobiografie: „Ich habe nie etwas genommen, sondern immer nur gegeben.“