„Liebe ist mächtiger als der Sexualtrieb“

Helen Fisher: „Liebe ist mächtiger als der Sexualtrieb“

Interview. US-Forscherin Helen Fisher über die Gehirnchemie der Liebe

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Interview: Elisabeth Schneyder

profil: Was passiert im Gehirn, wenn wir uns verlieben?
Fisher: Eine ganze Menge, wie Studien und Messungen von Gehirnaktivitäten belegen. Die Basis dazu lautet, vereinfacht ausgedrückt: Aktivität in einem winzigen Areal, das Ventrales Tegmentum genannt wird und in dem das Belohnungssystem sitzt, sorgt dafür, dass Dopamin in viele andere Hirnregionen gesendet wird.

profil: Wir sind somit der Hirnchemie ausgeliefert?
Fisher: Dopamin ist ein mächtiges Stimulans. Es ist verbunden mit Begehren, Obsession, fokussiertem Wollen, Motivation und Euphorie. Und schon sehnen wir uns nach der betreffenden Person, können kaum an etwas anderes denken, warten sehnsüchtig auf einen Anruf. Alles, was mit dieser Person verbunden ist, wird bedeutsam und wichtig, zum Beispiel sogar dieses eine von vielen Autos auf einem Parkplatz, weil es dem Menschen gehört, mit dem man eine emotionale Bindung herbeisehnt.

profil: Wie lang hält dieser Zustand an? Oder anders gesagt: Wie lange ist die ­Halbwertszeit von Liebe und Liebesbeziehung?
Fisher: Dazu gibt es wenige fundierte Studien. Das können ein paar Monate genauso gut sein wie 20 Jahre. Die sogenannte „Singles in America“-Studie zum Beispiel ergab, dass es sich in der Regel um zwei bis fünf Jahre handelt.

profil: Das klingt aber nicht sehr ermutigend.
Fisher: Eine italienische Studie kam überhaupt nur auf etwa ein Jahr. Und viele Teenager haben natürlich bereits erlebt, dass es sich beim Verliebtheitsrausch auch einfach nur um ein paar Tage handeln kann.

profil: Laut verbreiteter Ansicht ist dauerhafte romantische Liebe ohnehin nur ein Hirngespinst. Sie haben dagegen neurologische Studien durchgeführt, deren Resultat darauf hindeutet, dass ein solches Phänomen doch existiert. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?
Fisher: Wir haben frisch Verliebten und glücklichen Langzeitpaaren Fotos der jeweiligen geliebten Partner vorgelegt, mittels Hirnscans die Gehirnaktivität gemessen und verglichen. Dabei zeigten sich auffallend gleiche Aktivitätsmuster.

profil: Es besteht kein Unterschied in der Hirnchemie Frisch- und Langzeit-Verliebter?
Fisher: Einen kleinen Unterschied haben wir schon gefunden. Denn interessanterweise zeigt sich, dass bei frisch Verliebten Aufregung, Unruhe und Angst aktiviert sind, während bei glücklichen Langzeit-Liierten Hirnaktivität in Verbindung mit Ruhe und Wohlgefühl messbar ist. Bei romantischer Liebe in späteren Phasen wiederum zeigt sich eine Beteiligung von opioid- und serotoninreichen neuronalen Regionen, die bei noch junger romantischer Liebe nicht gegeben ist. Diese Systeme haben die Kapazität, Aufregung und Schmerz zu beeinflussen, und sind übrigens auch zentraler Angriffspunkt für Therapien gegen Depression, Angst- oder Zwangsstörungen. Bei Langzeitverliebten ersetzt diese Ruhe die Aufregung der ersten Phase.

profil: Können Sie mit den Mitteln Ihres Faches auch erklären, wie aus aufgeregter Verliebtheit eine erfüllende Langzeitliebe wird?
Fisher: Forschungsergebnisse legen nahe, dass dauerhafte romantische Liebe mit ehelicher respektive partnerschaftlicher Zufriedenheit assoziiert ist. Unsere aktuelle Studie erweitert dieses Wissen: Verbunden mit Engagement, sexuellem Interesse und weniger Aufmerksamkeit für ­etwaige alternative Partner, kann romantische Liebe die Paarbindung durch ständige Belohnung fördern und festigen. Beziehungsarbeit ist also wichtig. Natürlich können auch starke, solide Liebesbeziehungen ihre Höhen und Tiefen haben, in denen der Funke des intensiven Gefühls nur noch latent vorhanden ist.

profil: Sie haben einmal gesagt, dass wiederkehrende Trennungen und Affären die Liebe am Leben halten. Wie dürfen wir das verstehen?
Fisher: Der Grund dafür ist, dass auf diese Weise das Verlangen wieder geschürt und um die Beziehung gekämpft wird. Denn was wir begehren, aber nicht haben können oder zu verlieren drohen, schürt das Verlangen. Von Beginn an einen Partner zu suchen, den man auf lange Sicht interessant findet, und sich um diese Beziehung zu bemühen, ist aber natürlich der sinnvollere, lebbarere Weg.

profil: Was führt eigentlich dazu, dass wir uns in bestimmte Menschen verlieben, in andere aber nicht, obwohl sie einander in Bezug auf Bildung, Sozialstatus oder Aussehen gleichen?

Fisher: Die Hirnchemie spielt dabei eine Rolle. Wir haben in Tests und Befragungen festgestellt, dass die Hormone Testosteron und Östrogen sowie die Botenstoffe Dopamin, Oxytocin und Serotonin die Persönlichkeit beeinflussen, und daraus Grundtypen abgeleitet: testosterongesteuerte Direktoren, von Östrogen und Oxytocin gelenkte Vermittler, durch Dopamin beflügelte Entdecker und serotoningelenkte Baumeister.

profil: So einfach ist das? Klingt ein wenig unromantisch.
Fisher: Jede Paarung wird unterschiedliche Freuden und Probleme haben. Entdecker können gut mit Entdeckern, Baumeister gut mit ihresgleichen, auch Vermittler und Direktoren passen beispielsweise gut zusammen. Aber abenteuerlustige Entdecker und bodenständige Baumeister vertragen sich eher nicht.

profil: Das erinnert mehr an Beziehungsberatung als an Wissenschaft.
Fisher: Wir haben tatsächlich auch einen Test erstellt, der auf Basis dieser Erkenntnisse hilft, passende Partner zu finden. Die Ergebnisse sind sehr erfreulich. Natürlich existieren viele Mischtypen, und auch Kindheit und Erziehung spielen eine Rolle. Aber: Es gibt biologische Muster der menschlichen Persönlichkeit. Und es lohnt sich, diese zu kennen.

profil: Lässt sich Liebe steuern?
Fisher: Verliebte können nicht einfach aufhören zu lieben. Die Sucht lässt sich nicht steuern, Liebesentzug ist schrecklich und wie eine Abhängigkeit zu sehen. Verliebtheit wirkt wie eine Droge auf das Dopaminsystem. Romantische Liebe ist ungeheuer stark. Man kann das Gefühl nicht abstellen. Kaum jemand würde beispielsweise einen anderen töten, weil dieser nicht mit ihm ins Bett will. Zurückgewiesene Liebe hingegen ist Grund für zahllose Tötungsdelikte. Auch nach Zurückweisung sind dieselben Gehirnregionen aktiv wie bei romantischer Liebe. Kurzum: die Hölle! Es wäre herrlich, wenn man dieser bewusst entfliehen könnte, aber es geht nicht.

profil: Wie würden Sie Liebe eigentlich definieren?
Fisher: Sie ist eher ein Trieb als eine Emotion. Romantische Liebe ist viel mächtiger als der Sexualtrieb. Sie beginnt damit, dass man einen anderen Menschen als einzigartig empfindet. Im Liebesrausch führt der kleinste Widerstand zur Verzweiflung. Körperliche Trennung oder soziale Barrieren steigern das Begehren. Viele sind bereit, ihre Gewohnheiten und Überzeugungen für diese eine spezielle Person über Bord zu werfen, sogar für diesen geliebten Menschen zu sterben. Diese Passion kommt aus primitiven Gehirnzentren für Wollen und Begehren. Sie ist ein Trieb – der Trieb, den großartigsten Lohn des Lebens zu erreichen: einen idealen Paarungsgefährten.

profil: Also letztlich doch auf einen profanen Zweck gerichtet?
Fisher: Der Kern der menschlichen romantischen Liebe ist die profunde Präferenz für ein spezielles Individuum. Sie ist weniger eine Emotion als ein Fortpflanzungstrieb. Eine Sucht. Eine wundervolle Sucht, wenn alles gut läuft. Aber eine entsetzliche, wenn sie nicht erwidert wird.

profil: Was ist für Sie das Faszinierende an der Liebesforschung?
Fisher: Seit Jahrhunderten wird sie besungen, beschrieben, wird aus Liebe getanzt, getötet und gelitten. Wir haben in einer großen Studentenumfrage festgestellt: 90 Prozent der Befragten haben schon einmal jemanden abgewiesen, der sie wirklich geliebt hat, und ebenso sind 90 Prozent schon einmal von einem geliebten Menschen abgewiesen worden. Also: Niemand bleibt verschont. Wie viele haben schon aus Liebe gelitten? Und wie viele tanzen in diesem Moment gerade aus Liebe vor Glück?

profil: Bei all diesen Erkenntnissen: Haben Ihnen persönlich die vielen Jahre der Liebesforschung die Liebe verdorben?
Fisher: Kaum. Auch wenn man genau weiß, was alles in einem Schokokuchen drinsteckt, greift man immer wieder zu und macht dieselben Fehler immer wieder.

Zur Person
Helen Fisher, 68, gilt als eine der weltweit renommiertesten Expertinnen im ­Bereich Liebe und Sex. Die Amerikanerin ist Anthropologin sowie Mitglied des „Center for ­Human Evolution Studies“ und forscht an der Rutgers University in New Brunswick im Bundesstaat New Jersey. Fisher ist ­Autorin zahlreicher Fach- und populärwissenschaftlicher Bücher, darunter „Die vier T­ypen der Liebe: Wer zu wem passt und warum“ und „Warum wie lieben: die ­Chemie der Leidenschaft“. Weitere Informationen: www.helenfisher.com

Hintergrund

Verliebte Gehirne
Im Rahmen der Studie „Neural correlates of long-term intense romantic love“ verglich ein Forscherteam um die Wissenschafterin Helen Fisher die Gehirne von Menschen, die in einer dauerhaften funktionierenden Beziehung leben. Die Scans oben zeigen die Anregung spezieller Gehirnareale, die mit Liebesbeziehungen verknüpft zu sein scheinen: Auf den Bildern A und B sind Belohnungszentren des Gehirns aktiv, unter anderem das so genannte Ventrale Tegmentum (VTA), das auch bei frisch Verliebten von Bedeutung ist. Eine Rolle spielt dabei der GehirnBotenstoff Dopamin, der Emotionen wie das Begehren steuert. Die beiden Aufnahmen in der unteren Reihe stammen von Studienteilnehmern in einer Langzeitbeziehung: Die Bilder C und D zeigen die Aktivität von Gehirnzentren, die durch Faktoren wie die Dauer eine Ehe oder soliden Beziehung sowie durch intensive Bindung beeinflusst ­werden können.