Hunter S. Thompson: Der schreibende Rockstar

Der 2005 verstorbene Rabiatreporter Hunter S. Thompson galt als Rockstar unter Amerikas Autoren. Seine wichtigsten Schriften erscheinen nun erstmals auf Deutsch.

Als die Macher einer populären TV-Talkshow Hunter S. Thompson einladen wollten, stellte der Reporter Bedingungen: Er nehme nur teil, so der bereits damals legendäre troublemaker, wenn die Gesprächsrunde in freier Natur stattfinde und diverse Schnellfeuerwaffen zur Verfügung stünden. Die 1997 ausgestrahlte Sendung mit dem schießwütigen Stargast ging in die Geschichte der „Conan O’Brien“-Show als jene Ausgabe ein, in der mit Gewehren auf 50 Meter Entfernung Teddybären zerfetzt wurden.

Angst und Abscheu
Die öffentliche Erregungsfigur, die Thompson (1937–2005) nie müde wurde zu verkörpern, ist längst Teil der amerikanischen Folklore. Das Phänomen HST, so das selbst gewählte Akronym des Autors, fasziniert bis heute durch seine schrillen Oberflächenreize: Thompsons Eskapaden standen häufig in Zusammenhang mit PS-Monstern von Motorrädern, großkalibrigen Waffen, Sprengstoff, Drogen. Der Flirt mit dem Desaster schlug Thompson, der sich nach eigener Zählung 13-mal in Situationen befand, in denen er fast gestorben wäre, früh in seinen Bann; die Wendung „Angst und Abscheu“ („Fear and Loathing“), die in vielen seiner journalistischen Texte auftauchte, wurde zum geflügelten Wort.

Es ist kein Zufall, dass sich Richard Nixon den Publizisten zu einem seiner Lieblingsfeinde erkor: Der Autor verkörpere die „dunkle, bestechliche und unheilbar gewalttätige Seite des amerikanischen Charakters“, ließ der damalige US-Präsident wissen.

Den Verlust des amerikanischen Traums beschrieb Thompson in seinen Artikeln für das Magazin „Rolling Stone“. Die Publikation von „Die Rolling-Stone-Jahre“, der Sammlung von Thompsons zwischen 1970 und 2004 dort erschienenen Arbeiten, schließt nun die letzte Lücke in der deutschsprachigen Rezeption der Schriften des Reporters.

Gonzo: eine radikale Abschweifung
In seinen „Rolling Stone“-Berichten über Rassenunruhen und Präsidentschaftswahlkämpfe, Kriegsschauplätze und Scheidungsprozesse brachte der selbst ernannte Doktor des Pressewesens auch jene Form des tagesaktuellen Schreibens zur Vollendung, die Thompson als „Gonzo“ bezeichnete – und die das Genre des Journalismus mit den Mitteln radikaler Abschweifung und Ich-Perspektive revolutionierte. Bereits 1979 wies „Webster’s Dictionary“ den Begriff „Gonzo“ als „bizarre, hemmungslose Form von subjektivem Journalismus“ aus. „Gonzo ist das, was ich mache“ – so vermied Thompson, ein gewiefter Mythomane seiner selbst, jede Definition seines Reportagestils.

Mehrere Biografien sind über Thompson erschienen, mehrere Hollywood-Filme entstanden auf Grundlage seiner Bücher (zuletzt: „Rum Diary“, 2011), und in einer Comic-Reihe trieb er als „Uncle Duke“ sein Unwesen. Thompson ließ seine Selbstinszenierung als paranoider Drogenfresser und maulflinker Alkoholiker verlässlich aus dem Ruder laufen – es ist schwer zu sagen, was an all den Geschichten dran ist, die von ihm kursieren. Thompsons Aktionismus ist Legende: Der Autor, der zumeist Khaki-Shorts und Safarijacke trug, soll auf seine Mitmenschen bisweilen mit Injektionsspritzen, Elektroschockern, Golfschlägern, Schrotflinten oder Reizgas losgegangen sein.

Hunter S. Thompson trat ab, wie er die meiste Zeit gelebt hatte – mit Getöse. Am Morgen des 20. Februar 2005 steckte er sich den Lauf einer 45er in den Mund und drückte ab. Seine Asche wurde wunschgemäß in alle Winde verstreut: Freunde stellten eine 47 Meter hohe Kanone in den Garten seines Anwesens, der so genannten „Owl Farm“ südlich von Aspen. Die sterblichen Überreste des Schriftstellers wurden in 34 Feuerwerkskörper verpackt und in den Abendhimmel geschossen.

Gesamtwerk nun auf Deutsch: König des Irrsinns

Den verkaufsfördernden Zusammenhang von Literatur und angewandter Exzentrik hatte Hunter S. Thompson früh erkannt. Heyne und Tiamat, die deutschen Stammverlage des Autors, operieren ebenfalls gern mit Attributen wie „Großer Gonzo“, „Amerikas oberster Irrer“, „König des Irrsinns“. Angenehmer Nebeneffekt der PR-Initiativen: Auf Deutsch liegt das Gesamtwerk des journalistischen Grenzgängers nun nahezu komplett vor, darunter die frühe Rockergang-Reportage „Hell’s Angels“ (1966; dt. 2004), der in exotischen Gefilden angesiedelte, lange verschollen geglaubte Jugendroman „Rum Diary“ (dt. 2005) und die autobiografische Schrift „Königreich der Angst“ (2003; dt. 2006). Der Band „Kingdom of Gonzo“ wiederum versammelt Interviews mit Thompson, die Dokumentation „Angst und Abscheu“ nähert sich der Biografie des Autors.