Zeltlager und Revolte

Die Proteste in Israel gegen die hohen Lebenskosten sind zu einer Massenbewegung angeschwollen. profil sprach mit Aktivisten über ­ihren Alltag und ihren Zorn auf die Regierung.

Uri Avnery ist 87 Jahre alt, er kämpft seit Jahrzehnten erfolglos für den Frieden in Nahost. Dennoch sitzt er am späten Abend beim Interview mit dem Zeltstadt-Sender „Volksstimme“ auf dem Gehsteig des Rothschild-Boulevards in Tel Aviv und strahlt: „Wie es mir geht? Großartig!“ Denn endlich sei „der Damm gebrochen. Die jahrelang angestaute Frustration bricht sich Bahn.“

Avnery ist der Mick Jagger der Revolutions-Rockoper dieses israelischen Sommers. Seit dem 14. Juli sind überall in den Städten Zeltlager entstanden – ein Symbol dafür, dass sich viele Israelis die Mietpreise für ihre Wohnungen nicht mehr leisten können. 300.000 Menschen haben Anfang August in Tel Aviv demonstriert. In Israel ist eine soziale Revolution im Gange, die das Land auch politisch zu verändern verspricht.

Die israelische Rechtsregierung ignoriert die Proteste weitgehend. Regierungschef Benjamin Netanjahu hat „weder einen Plan für innenpolitische Reformen noch eine Vision, wie der Konflikt mit den Palästinensern gelöst werden könnte“, meint Avnery.

Netanjahu kämpft an verschiedenen Fronten
– nicht so sehr jedoch für die Erneuerung von Friedensverhandlungen: Er wirft seine Diplomaten lieber in die Schlacht gegen die am 20. September anstehende Unabhängigkeitserklärung der Palästinenser bei den Vereinten Nationen. Ein Terroranschlag an der ägyptisch-israelischen Grenze am vergangenen Donnerstag kostete acht Israelis das Leben und erinnerte daran, dass es ohne Friedensverhandlungen nicht weitergehen kann. Die Antwort der israelischen Regierung aber bleibt monoton: Gegengewalt, militärische Vergeltungsschläge im Gazastreifen.

Unter den Aktivisten der sozialen Revolution macht sich angesichts der Gewalteskalation Unsicherheit breit. Die großen Demonstrationen für Samstag wurden abgesagt. Jeden Abend aber diskutieren, malen, musizieren weiterhin Tausende Leute auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv – dem Zentrum der Sozialrevolte. In den Debatten wird nicht, wie sonst in Israel üblich, nur aufeinander eingeschrien. Die Aktivisten wackeln lautlos mit beiden Händen, um Zustimmung zu signalisieren. Auch politisch soll niemand ausgegrenzt werden. Heikle Themen wie die israelische Besatzung, die Kluft zwischen orthodoxen und nicht religiösen Juden und der wachsende Einfluss der rechtsextremen russischen Politiker wurden bisher strikt ausgespart. Die Kerngruppe sind Bürgerkinder mit sozialdemokratischen, linksliberalen Ansichten. Bisher liegt der Fokus auf Sozialreformen und friedlichem Aktivismus.

Nach einem Monat erlahmt allerdings langsam die Lust, im Dreck der Großstadt zu zelten. Sexualdelikte und Diebstahl werden zwar von einer selbst geschaffenen Zeltpolizei unter Kontrolle gehalten, doch wenn Anfang September Schule und Universitäten wieder ihre Tore öffnen, müssen neue Proteststrategien her. Für den 3. September ist eine Großdemonstration mit einer Million Menschen geplant. Der arabische Frühling ist in einen israelischen Sommer übergegangen. profil stellt die Aktivisten der sozialen Revolution vor. Ihnen allen steht ein heißer Herbst bevor.

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Stav Schaffit, 26,
Revolutionsführerin und Journalistin aus Netanja

Stav Schaffit hat am 14. Juli das erste Zelt auf dem Rothschild-Boulevard aufgestellt, um gegen die hohen Mietpreise in Israel zu protestieren. „Zum ersten Mal seit 1948 bauen wir etwas auf, an dem alle teilhaben können“, sagt die 26-jährige Journalistin nicht ohne Stolz. „Bisher haben wir uns immer intern bekämpft. Heute stehen alle zusammen, es wird vielleicht ein langer Prozess, aber am Ende wird eine gerechtere Gesellschaft stehen.“

Stav stammt aus Netanja, einer Stadt im Norden von Tel Aviv, wo viele Einwanderer leben. Ihre Familie hat Wurzeln im Nahen Osten und in Osteuropa. Die rothaarige Revolutionsführerin arbeitet hauptberuflich als Journalistin bei der Internetpublikation „Xnet“, derzeit ist sie auf Revoltenkarenz. Ihren Master in Philosophie an der Tel Aviver Universität will sie fertig machen. Ob sie jetzt ganz in die Politik gehen wird? „Ich weiß nicht, ob ich jemals in der Knesset lande“, meint sie leicht abschätzig, „aber ich werde sicher immer politisch aktiv sein.“

Erel Margalit, 49,

Hightech-Millionär mit Polit-Ambition aus Jerusalem
Acht Männer in Jeans oder Shorts – das ist die Hightech-Elite Israels. Sie sitzen um einen weißen Holztisch am Rothschild-Boulevard und halten ein Nachmittags­gespräch ab: wie die Hightech-Industrie neue Jobs schaffen kann. Zusammengetrommelt hat die Runde Erel Margalit, Millionär aus Jerusalem, der selbst „86 Firmen gegründet hat“. Zu Beginn der Proteste fuhr der Gründer des Risikokapital­unternehmens Jerusalem Venture Partners mit einem Bus von Zeltstadt zu Zeltstadt. Der Manager setzte sich auf den Boden und hörte zu, was die Camper zu erzählen hatten: „Ich wollte wissen, was diese jungen Leute antreibt. Sie schreiben den sozialen Vertrag Israels neu.“ Aus purem Altruismus warf sich Margalit nicht in den Staub. Der erfolgreiche Geschäftsmann bewirbt sich für den Vorsitz der Arbeitspartei. Die linke Mitte in Israel ist verwaist, mit Ehud Barak als Verteidigungsminister in der Rechtskoalition ist die Sozialagenda in der Arbeitspartei endgültig verloren gegangen. „Es gibt derzeit zwei Visionen für Israel“, meint Neopolitiker Margalit: „Jene, in der das Land in Angst vor den bösen Nachbarn verharrt, und die andere, in der das kreative Potenzial genutzt wird, um Vermögen und Wohlfahrtsstaat zu vereinen.“

Itamar Levy, 62,

Psychoanalytiker aus Tel Aviv

Er findet eigentlich, dass diese Revolution der nächsten Generation gehört. Doch Itamar Levy zählt zum linken Lager in Israel. Er sagt, dass er nicht passiv bleiben könne, wenn in Tel Aviv endlich wieder Hoffnung auf politische Erneuerung bestehe. Als der Psychoanalytiker vor zwei Wochen gebeten wurde, im Zelt der Psychotherapeuten eine Rede zu halten, sagte er, ohne zu zögern, zu. Die israelischen Therapeuten haben auch ihren Platz am Rothschild-Boulevard. Sie fühlen sich vom Staat noch schlechter behandelt als die übrige Ärzteschaft. Die Seelendoktoren sind in einem Land, das sich seit seiner Gründung 1948 im Ausnahmezustand befindet, zwar enorm wichtig. Den Beamten im Gesundheitsministerium ist dies aber nicht immer klar. Also sprach der Psychoanalytiker zur Frage „Welche Rolle spielt das Unbewusste in dieser Revolution?“. Seine These: „Ihr habt Angst, zu gewinnen.“ Mitten im Sturm der Entrüstung fanden die meisten Zuhörer dann, dass sie tatsächlich ständig Angst davor hatten, nicht genug Kraft für eine Konfrontation mit der ­Regierung zu haben. Inzwischen gibt es jeden Abend um 19.30 Uhr einen Traum-Workshop am Rothschild-Boulevard Ecke Bezalel-Jaffe-Straße. Wer will, kann sich seine Träume von Profis analysieren ­lassen.

Liat Revah, 23,

Nagelpflegerin im Salon „Bonita Belle“ aus Elat

Sie würde gerne im Zelt schlafen und den ganzen Tag demonstrieren, aber: „Das geht leider überhaupt nicht. Ich muss arbeiten, um meine Miete zu zahlen!“ Liat Revah sitzt auf der Ben-Jehuda-Straße im Schönheitssalon „Bonita Belle“ im Zentrum von Tel Aviv, nicht weit vom Strand und dem Luxushotel Hilton entfernt. Heute ist noch keine Kundschaft gekommen, also lackiert sich Liat erst mal die eigenen Nägel.

Jeden Tag kommt die 23-Jährige aus Holon nach Tel Aviv zur Arbeit. Holon ist ein Industriegebiet im Süden der israelischen Metropole. Für eine Zweizimmerwohnung zahlt Liat dort 3500 Schekel, das sind 700 Euro pro Monat. Ursprünglich stammt sie aus Elat, dem israelischen Badeort am Roten Meer. Ihre Mutter arbeitet dort als Kindermädchen. „Sie kann mich nicht unterstützen, sie hat selbst nicht genug Geld.“ Liat will auf der Designschule in Holon studieren. Dafür aber muss sie erst einmal Geld verdienen. Studieren ohne Nebenjob, „das können in Israel nur die Kinder der Rothschilds“, sagt sie. Die von der Regierung eingesetzte Kommission unter dem angesehenen Ökonomen Manuel Traijtenberg, die sich mit den Forderungen der Protestbewegung auseinandersetzen soll, hält Liat für einen Ablenkungsversuch: „Die werden lange nachdenken und vielleicht irgendwann Vorschläge machen.“ Dann lächelt sie und meint: „Aber so lange können wir nicht warten.“ Deshalb geht sie zumindest zu den großen Demonstrationen jeden Samstagabend.

Itai Gutler, 27,
Vorsitzender der Studenten der Hebräischen Universität in Jerusalem

Die Küche in der Zeltstadt am Pferdeplatz im Westjerusalemer Zentrum war nicht koscher, jetzt wird sie sowieso zugesperrt. „Die Küche zieht die Obdachlosen an, wir hatten sogar einen Pädophilen hier. Das können wir nicht brauchen. Hier im Camp kommen wir zum Diskutieren zusammen, zu Konzerten und Happenings“, meint Itai Gutler.

Der 27-jährige Führer der Jerusalemer Studenten gehört zu den Köpfen der Studentenrevolution. Da er Politologie und Businessmanagement studiert, ist er für seine Aufgabe als Oberaufseher der Zeltstadt gut ausgebildet. Außerdem aber müssen die Jungrevolutionäre jetzt entscheiden, wie die Proteste nach Schulbeginn am 1. September weitergehen sollen. Um Schwung in die Proteste zu bringen, führte Gutler die Aktivisten am vergangenen Dienstag erstmals bewusst in eine Prügelei mit der Polizei. Die Studenten versuchten vergeblich, ins Parlament einzudringen, in dem eine Debatte zu den Zeltstädten stattfand, um die Fahne der Studentenrevolution auf der Knesset zu hissen. „Das ist gut gelaufen“, freut er sich. „Es gibt ein Foto von mir, wo mich ein Polizist herumschleudert.“

Dass die Gewalt eskalieren könnte, fürchtet er nicht. „Die meisten von uns waren in Jugendbewegungen, wir wissen, wie man Gruppen lenkt.“ Was die israelische Revolte von den arabischen Protesten unterscheide, sei die Tatsache, dass „Netanjahu kein Diktator ist, den wir mit Gewalt stürzen müssen. Wir können diese Regierung abwählen, wir sind ja immer noch eine Demokratie."