profil-Rückblick

Was heute angesichts von Internet-Kommunikation in Millisekunden möglich ist, war vor 30 Jahren ein unglaublicher Aufwand: Der Versand von Fotos um den Globus. Das durch die Grenzkontrollen nach Wien geschmuggelte “profil”-Foto wurde vom Wiener Vertreter der französischen Fotoagentur “Gamma” zunächst per Luftfracht nach Paris geschickt. Dort flog das Dia mit dem Überschall-Flugzeug “Concorde” nach New York weiter, um dort gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluss der internationalen “Time”-Ausgabe einzutreffen. Neben “Time” und “Paris Match” druckten auch andere Magazine wie “Stern” und “Espresso” das Foto ab.

Vor 30 Jahren walzte die polnische Armee die unabhängige Gewerkschaft „Solidarnosc“ nieder. Als einziger Journalist aus Österreich erlebte profil-Redakteur Otmar Lahodynsky damals die dramatischen Tage rund um die Einführung des Kriegsrechts mit. Eines seiner Fotos erschien auf den Titelblättern von „Time“ und „Paris Match“.

Es passierte in einer bitterkalten Nacht auf Sonntag. Auf Befehl von General Wojciech Jaruzelski, der Premierminister, Verteidigungsminister und Chef der polnischen KP war, rückten im ganzen Land Armeeeinheiten und Sonderpolizei aus. Die komplette Führung der „Solidarität“, darunter ihr Führer Lech Walesa, wurde in Internierungslager gebracht, tausende Oppositionelle landeten im Gefängnis. In einer Kohlenzeche bei Katowice leisteten Bergarbeiter Widerstand. Es kam zu neun Todesopfern.

In Polen herrschte fortan das Kriegsrecht, das alle von der „Solidarnosc“ erkämpften Freiheiten, darunter auch unabhängige Medien, jäh beenden sollte. Die Zensur wurde, auch für ausländische Korrespondenten, eingeführt. Nur im Untergrund wurden weiter Flugblätter und Schriften gedruckt.

Es war wohl das letzte Mal, das mitten in Europa ein ganzes Land von allen Kommunikationswegen abgeschnitten wurde. Alle Telefon- und Telexleitungen waren gekappt worden. Niemand durfte mehr einreisen. Meine Artikel und Fotos schmuggelte ich daher über Ausreisende außer Landes.

Ein Foto schoss ich vom Balkon eines Wohnhauses in der Nähe der Solidarnosc-Zentrale in der Mokotowska-Straße. Das Gebäude war von der Miliz durchsucht und verwüstet worden. Am frühen Morgen hatte ich dort noch die letzten Verlautbarungen der „Solidarnosc“ aus dem für profil-reservierten Hängeordner geholt. Dann riegelte die Sonderpolizei ZOMO die Straße ab. Davor versammelte sich eine ständig anwachsende Menschenmenge, die die polnische Nationalhymne „Noch ist Polen nicht verloren...“ anstimmte. Es war eine gespenstische Szene, die ich von oben mit meiner Kamera festhielt.

Polen versank für mehrere Jahre in eine tiefe, wirtschaftliche und gesellschaftliche Depression. Erst 1989, als die polnische KP keinen Ausweg mehr aus der Wirtschaftskrise wusste, wurde bei Verhandlungen mit der Opposition eine friedliche Teilung der politischen Macht ausgehandelt. Lech Walesa, der Friedensnobelpreisträger, wurde zum Staatspräsidenten gewählt.

Jaruzelski hatte sein Vorgehen stets damit verteidigt, dass er einen Einmarsch von Warschauer Pakt-Truppen verhindern wollte und der Einsatz der polnischen Armee das kleinere Übel gewesen sei. Gegen den krebskranken Politiker läuft noch immer ein Strafprozess.