Missbrauch: Die katholische Kirche steckt in der größten Krise ihrer Geschichte

Der Skandal um tausendfachen Missbrauch von Jugendlichen durch Priester stürzt die katholische Kirche in Österreich und weltweit in ihre bisher schlimmste Krise. Kardinal Schönborn hat wenig Handlungsspielraum für Reformen, weil er als entscheidungsschwach gilt und sich nicht mit dem Papst anlegen will.

Es war ein Festakt, wie ihn der Kardinal schätzt. Zum 135-jährigen Jubiläum der Gründung des Hauses der Barm­herzigkeit in Wien-Ottakring hielt Erzbischof Christoph Schönborn am vergangenen Donnerstagabend eine Ansprache mit Segnung. In der ersten Reihe saßen unter den Ehrengästen Bundespräsident Heinz Fischer, der Schriftsteller Michael Köhlmeier als Festredner und der Wiener Bürgermeister Michael Häupl.
Der 65-Jährige, seit 1995 Erzbischof von Wien und seit 1998 Kardinal, zitierte aus der katholischen Soziallehre und warnte vor Einsparungen im Sozialsystem zulasten der Ärmsten. „Das Wachstum der Wirtschaft ist nicht mehr das einzige Modell. Es geht auch um das Wachstum der Barmherzigkeit“, mahnte Schönborn.

Das aktuelle Hauptthema der katholischen Kirche, das Bekanntwerden neuer Fälle von Missbrauch von Jugendlichen durch Priester, blieb nicht lange ausgespart. Nach der Feier lobte Bürgermeister Häupl das Krisenmanagement des Kardinals. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wenn heute noch jemand wie Hans Hermann Groer Oberhaupt der Katholiken wäre.“ Schönborn habe mit seiner Kritik an der FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz Courage bewiesen. „Seine klaren Worte zum NS-Verbotsgesetz waren richtig und wichtig“, so Häupl, der auch einige Schuljahre in katholischen Internaten in Niederösterreich verbracht hat. „Ich wurde zum Glück nie sexuell belästigt oder verprügelt“, erinnerte sich Häupl. Ein Hauptproblem der Kirche sei das gestörte Verhältnis zur Sexualität. „Hier hat sich die Kirche mit ihren lustfeindlichen Regeln völlig von den Gläubigen entfernt“, dozierte der Bürgermeister.

Schönborn, Maturajahrgang 1963 , erinnerte sich im Smalltalk an seine Schulzeit an einem staatlichen Gymnasium in Bludenz. „Körperliche Züchtigungen waren damals erlaubte Erziehungsmethoden. Lehrer haben Schüler damals regelmäßig verprügelt, Gott sei Dank nicht mich.“
Das Oberhaupt der katholischen Kirche in Österreich mit Wurzeln im Hochadel gestand im kleinen Kreis ein, dass er derzeit die schwierigste Periode in seiner Amtszeit durchmache. „Wir erleben derzeit eine sehr ernste Krise der Kirche.“

Fast täglich werden neue Übergriffe auf Zöglinge bekannt. Und aus allen Diözesen kommen Meldungen von rasant steigenden Kirchenaustritten.
Das heurige Jahr könnte daher zum „annus horribilis“ für die katholische Kirche in Österreich werden. Gleich in Massen laufen die Schäfchen den Seelsorge-Hirten davon. Ein neuer Rekord von über 80.000 Austritten wird für dieses Jahr vorausgesagt, was die bisherigen Wellen im Zuge der Affäre um Kardinal Groer 1995 oder im Vorjahr rund um die Beinahe-Bestellung des umstrittenen Pfarrers Gerhard Wagner zum neuen Linzer Bischof weit übersteigen könnte (siehe Grafik). Gemäß profil-Umfrage gaben 45 Prozent der Österreicher an, ihr Vertrauen in die Kirche sei durch die Skandalwelle erschüttert (Seite 15). Und laut „Standard“ plant der Verein „Opfer kirchlicher Gewalt“ Klagen gegen die Kirche mit Entschädigungsforderungen bis zu 80.000 Euro pro Opfer.

Schande tilgen.
Von „Schatten, Schmerz und tiefer Trauer“ sprach Schönborn be­troffen am vorvergangenen Samstag bei einer Messfeier im Wiener Stephansdom. In einem Brief an kirchliche Mitarbeiter der Erzdiözese hatte er zuvor völlige Transparenz, Entschuldigung und Prävention gefordert, „um wenigstens ansatzweise die Schande des Missbrauchs in der Kirche zu tilgen“. „Die Opfer wurden und werden oft übersehen, ja womöglich noch irgendwie der Mitschuld verdächtigt. Es ist notwendig, hier wirklich die Opfer vor die Täter zu stellen, Schuld beim Namen zu nennen“, so der Kardinal.

Damit hat Schönborn selber eine Wandlung durchgemacht. Als profil 1995 die Übergriffe des Kardinals Hans Hermann Groer an einem Zögling aufdeckte, zählte Schönborn als Wiener Weihbischof zu den schärfsten Kritikern des Berichts. Erst später gestand er mit drei anderen Bischöfen ein, dass die Vorwürfe der Wahrheit entsprächen. Dennoch verweigerte Schönborn profil-Ansuchen um ein Interview noch lange mit der Begründung, dass er die „Angriffe auf meinen Amtsvorgänger“ nicht gutheißen könne.

Dabei setzte er als erster Bischof in seiner Wiener Diözese strenge Regeln zur Bekämpfung von Missbrauch durch. Zunächst wurde eine Ombudsstelle als Ansprechstelle für Missbrauchsopfer eingerichtet. Später wurde unter Beiziehung von Therapeuten und Psychologen ein „Screening“ für Priesteramtsanwärter eingeführt, um pädophile Neigungen aufzuspüren.
Doch die Maßnahmen blieben lückenhaft: Eine Kontrolle der bereits geweihten Priester gab es nicht, und die strengen Standards gelten vorerst nur in der Wiener Erzdiözese. Erst jetzt soll eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Wiener Generalvikars Franz Schuster die österreichweite Vernetzung der Ombudsstellen sicherstellen. So fehlen bisher auch Statistiken über Opfer, Täter und die Art von Missbräuchen.

Das größte Versäumnis:
Die von Weisungen durch Bischöfe unabhängigen Orden, welche die meisten kirchlichen Internatsschulen in Österreich betreiben, brauchten sich an die getroffenen Regelungen nicht zu halten. Sie bekommen ihre Weisungen direkt von den Ordensleitungen im Vatikan. Doch dort legte man lange Jahre keinen Wert auf Transparenz und Opferschutz. Erst die Sammelklagen in den USA, wo in der Folge auch Bischöfe zum Rücktritt gezwungen wurden, führten zur neuen Devise „Null Toleranz“ für Übergriffe auf schutzbefohlene Minderjährige. Papst Benedikt XVI. entschuldigte sich während seines Besuchs in den USA 2008 für die von kirchlichen Mitarbeitern verübten Straftaten. Dort kam es auch bereits zu hohen Entschädigungszahlungen, worauf einige Diözesen Konkurs anmelden mussten.

Von Irland aus schwappte die Welle der Schande bald auf ganz Europa über. Zu Jahresbeginn wurden Missbrauchsfälle an deutschen Internatsschulen bekannt. Vorwürfe richten sich auch gegen den Papst, der als Erzbischof von München einen des Missbrauchs überführten Priester bloß an einen anderen Ort versetzt haben soll.

Die Missstände in katholischen Internatsschulen setzten sich bis in die jüngste Zeit fort. Im Internat im Vorarlberger Zisterzienserkloster Mehrerau sollen Erzieher ihre Opfer mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht haben. Im oberösterreichischen Stift Kremsmünster hatten Erzieher lange Jahre ungestraft ein Terrorregime aufgezogen. Zöglinge berichten auf einer neu eingerichteten Homepage über perfide Machtrituale von Strafe und sexuellen Übergriffen. Zumeist suchten sich die Täter für Missbrauch unsichere Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten aus. Viele Opfer trauten sich nicht, ihre Eltern zu informieren, auch aus Angst, den Schulplatz zu verlieren. „Wer hätte uns damals wirklich geglaubt?“, fragt ein ehemaliger Zögling.

Krise als Chance.
Schönborn zeigte sich bisher gegenüber der gerade in Deutschland eingeführten Anzeigepflicht für Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen wie auch in Familien eher reserviert. Man müsse im Einzelfall entscheiden. So könnte eine Anzeige gegen einen Elternteil die gesamte Familie zerstören. Oft seien Therapie und psychologische Betreuung besser als der Weg zu Polizei oder Staatsanwalt.

Auch der Kardinal hielt es lange selber mit stiller Diplomatie gegenüber Opfern. So erhielt der von einem Priester missbrauchte Michael Tfirst von der Erzdiözese 3700 Euro, „aus Mitleid, weil er kein Geld mehr hatte und Kinder versorgen musste“, wie Schönborns Sprecher Erich Leitenberger betont. „Als Schweigegeld“, behauptet Tfirst, der auf einer eigenen Homepage der Kirchenleitung Vertuschung von Missbrauchsfällen vorwirft. Trotz seiner glaubwürdigen Betroffenheit für Opfer weist Schönborn eine Alleinschuld der Kirche zurück. Im Interview mit profil weist der Kardinal darauf hin, dass der Großteil der Missbrauchstäter schließlich „verheiratete Männer“ seien. Was wegen ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung allerdings wenig verwundert.

Seine Anhänger loben ihn dennoch für seine „Führungskraft und den ernsthaften Willen zur Aufarbeitung“, wie die Theologin Veronika Prüller von der Katholischen Frauenbewegung betont. „Die Krise ist eine große Chance für die Kirche, den Dialog mit den Opfern zu führen und endlich reinen Tisch zu machen.“

Doch Schönborn steht schon seit Jahren unter Beschuss aufmüpfiger Laienverbände und kritischer Seelsorger. So hätten die weit über 500.000 Unterschriften des „Kirchenvolksbegehrens“ nach der Groer-Affäre bei Schönborn kein Umdenken in dringenden Fragen wie Zölibat und Priestermangel, mehr Demokratie oder Aufwertung der Frauen als Seelsorgerinnen ausgelöst, klagt der Chef der Plattform „Wir sind Kirche“, Hans Peter Hurka. Nach einem ersten ­Dialog mit den Bischöfen seien weitere Treffen bisher stets verweigert worden. „Offenbar hat Schönborn dem Druck aus dem Vatikan nachgegeben“ (Hurka). Einige der Forderungen der Plattform wie Begrenzung der Macht der Bischöfe, Abschaffung des Pflichtzölibats und eine zeitgemäße Sexualmoral seien dem Kardinal wohl zu weit gegangen, so Hurka. Auch der jetzt versprochene neue Umgang mit den Opfern werde nur zu „besseren Lazaretten“ führen. „Die Probleme löst man nur mit der Zulassung von Laien zu Seelsorgern und mit der Abschaffung des Pflichtzölibats.“
Im Umgang mit Laien kommt es immer wieder zu Spannungen. Am vorvergangenen Wochenende wurde Schönborn bei der
2. Diözesanversammlung im Stephansdom zu seinem Versprechen, seine Kollegen im Vatikan über Forderungen der Laienverbände zu informieren, befragt. Schönborn erklärte knapp, dass seine Vorsprachen ergebnislos geblieben seien und er davon nichts halte. Am nächsten Tag entschuldigte er sich. Er habe die Gläubigen nicht beleidigen wollen und deshalb „schlecht geschlafen“.

Viele kritische Katholiken werfen dem Kardinal vor, Problemen aus dem Weg zu gehen. „Er ist oft entscheidungsschwach und umgibt sich gern mit Jasagern“, erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter der Erzdiözese. Als früherer Ordenspriester bei den Dominikanern agiere er oft noch als Mönch. So sei es bei Disputen üblich, dem Ordensbruder vor dem Schlafengehen wortlos einen Brief unter der Tür durchzuschieben.

Genau dies tat Schönborn, als er 1999 seinem Generalvikar Helmut Schüller wortlos ein Kündigungsschreiben vor die Tür legte, statt mit ihm direkt zu reden. Er sei eben direkt vom Lehrstuhl auf den Bischofsstuhl gelangt und müsse noch lernen, bat Schönborn um Verständnis. Schüller ist heute Pfarrer in Niederösterreich und will zur Auseinandersetzung mit Schönborn nichts mehr sagen. Als Mitbegründer der „Pfarrerinitiative“ hat er dem Kardinal aber eine Reihe von Vorschlägen zur Vorlage im Vatikan präsentiert.

„Schönborn ist im Vatikan mit unseren Forderungen abgeblitzt“, weiß der ÖVP-Politiker Andreas Khol, der gemeinsam mit Mitstreitern eine „Laieninitiative“ gegründet hat. Radikale Reformen wie die Zulassung bewährter verheirateter Männer als Priester („viri probati“) seien nur im Rahmen von weltkirchlichen Entscheidungen durchführbar, erklärte Schönborn. „Eigentlich kann die Abschaffung des Zölibats nur ein Konzil beschließen“, so der Theologe Paul Zulehner. Einen entsprechenden Vorstoß habe aber eine Mehrheit von Kardinälen bereits vor Jahren abgelehnt.
In heiklen Glaubensfragen agiert Schönborn lieber im Stillen. So hat er ein „5-Punkte-Programm“ für Geschiedene und Wiederverheiratete eingeführt. Nach einem Gespräch kann der Priester die Zulassung zu den Sakramenten erlauben, was gegen die strengen Vatikanregeln verstößt.

Schönborn hat in die Lösung des Problems der Geschiedenen und Patchwork­familien einen persönlichen Schwerpunkt gelegt. Auch aus eigener Erfahrung. Seine drei Geschwister sind alle geschieden. Da in Wien drei von vier Ehen scheitern, will Schönborn auch im Modell verheirateter Priester keine echte Lösung erkennen.

Dass er inzwischen mehrere verheiratete Priester der griechisch-katholischen Kirche oder übergetretene Protestanten als Pfarrer einsetzte, hat wiederum verheiratete Priester, die wegen ihrer Ehe nicht mehr Pfarrer sein dürfen, verbittert. Herbert Bartl vom Verband „Priester ohne Amt“ fordert von Schönborn mehr Mut zu Reformen. „Die Kirchenleitung muss sich unbedingt ernsthaft der Zölibatsdebatte stellen, weil dort mindestens ebenso viel vertuscht wird wie bei den Missbrauchsfällen.“ Außerdem sollte auch in der Kirche die Gleichberechtigung hergestellt werden. „Frauen sind für alle Ämter in der Kirche geeignet“, so Bartl. „Zudem muss die Sexualität als Geschenk Gottes und nicht als Gefahr anerkannt werden.“ Sein Kollege Hans Chocholka ergänzt: „Auch die Machtstrukturen der Kirche müssen nach dem Vorbild der Heiligen Schrift in Richtung mehr Demokratie angepasst werden. Aber das wird noch lange dauern.“

Der Theologe Paul Zulehner empfiehlt
, „nicht alles auf die Goldwaage des Kirchenrechts zu legen“. Sonst würden sich nach einem Bonmot von Altbischof Stecher „nicht die Menschen von der Kirche, sondern die Kirche von den Menschen entfernen“. Schon Kardinal Franz König habe 1963 die Ostkirchen als Modell für die katholische Kirche im Hinblick auf erlaubte Lebensformen von Priestern bewertet.

„Man darf doch die Lebendigkeit der Kirche und des Glaubens nicht für ein niedriges Gut wie die Ehelosigkeit der Priester opfern“, meint Zulehner. „Wir würden uns auch so manche Probleme ersparen, wenn mehr Frauen in leitenden Funktionen der Kirche tätig wären.“