Londons Facelifting für die Olympischen Spiele

Zu den Olympischen Spielen verpassen Bürgermeister Boris Johnson, die Tory-Regierung und ambitionierte Sponsoren dem krisengeschüttelten London ein architektonisches Facelifting. Statt Pomp und Glamour dominiert ökologische Eleganz.

Leider besitzt der Orbit keine Rutsche. Das schwindelerregende Wahrzeichen der Londoner Olympics 2012 wurde vergangenen Freitag im Osten der britischen Hauptstadt der Presse vorgestellt. Die 115 Meter hohe rote Stahlkonstruktion sieht aus wie ein vertikal hochgezogener Darm. Oder eine aufgestellte Hochschaubahn. Hier wird jedoch nichts verdaut, und der Spaßeffekt ist auch eher gering. Besucher fahren allenfalls mit dem Lift zur Aussichtsplattform; wer will, kann maximal anschließend die Treppen hinunterlaufen.

Der Countdown zu den 30. Olympischen Sommerspielen hat begonnen. Von 27. Juli bis 18. August dauern die Wettkämpfe, von 29. August bis 9. September finden die Paralympics statt.

Der Olympische Park in Ostlondon steht fix und fertig im Mairegen. Im Pool wird bereits seit Monaten Probe geschwommen. Die acht Millionen Londoner meckern zwar über die unzähligen Baustellen und die daraus resultierenden Staus - doch die Stadt bekommt anlässlich von Olympia 2012 und dem 60. Thronjubiläum der Queen ein spektakuläres Facelifting. Die wichtigsten heimischen, aber auch internationalen Architekten drücken der Stadt den Stempel des 21. Jahrhunderts auf.

Die größte Herausforderung bei der Planung war jedoch nicht, ein olympisches Dorf in einer seit Jahrhunderten gewachsenen Stadt unterzubringen. Die Gegend um Stratford im tendenziell armen und unterentwickelten Osten bot sich als olympisches Entwicklungsfeld regelrecht an. Eines der Prestigeprojekte, Zaha Hadids wie eine Welle geschwungenes Aquazentrum, wurde bereits vor der Vergabe der Olympischen Spiele an London beschlossen. Denn die Stadt besaß bisher kein öffentliches Schwimmbad mit Bahnen von 50 Meter Länge.

Schwierig war im Vorfeld jedoch vor allem die finanzielle Lage. Großbritannien befindet sich wie der Rest Europas im Würgegriff der internationalen Finanzkrise. Die rechtsliberale Regierung hat das härteste Sparpaket seit Maggie Thatchers Zeiten verordnet, um die Schulden in den Griff zu bekommen. Deshalb hatten die olympischen Planer keinen Spielraum für Pomp und Glamour. Wenn viele Londoner fürchten müssen, sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten zu können, dürfen die Chefplaner der Olympischen Spiele nicht zu verschwenderische Sportpaläste bauen. "Austerity games” heißen die Spiele bereits leger im Volksmund, was so viel bedeutet wie Spar-Spiele.

Londons soeben wiedergewählter Bürgermeister Boris Johnson hatte deshalb intensiv bei Mäzenen um Unterstützung geworben und rechtzeitig Lakshmi Mittal in einer Garderobe beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos um seine Unterstützung gebeten. Der britisch-indische Stahlmagnat versprach die Finanzierung des neuen Olympia-Monuments. Knapp 25 Millionen Euro später steht der ArcelorMittal Orbit zeitgerecht zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2012 in einem extra designten Park.

"Es ging uns nicht in erster Linie darum zu sparen“, meint Ricky Burdett, Professor für urbane Planung an der London School of Economics, fast beleidigt. Burdett ist Chefberater für die Olympischen Spiele 2012 und für das Legacy-Park-Komitee, das sich um die "Nachhaltigkeit“ der teuren Sportstätten kümmert. "Wichtig war uns vor allem, wie die Gebäude nach den Spielen weiter genutzt werden. Das ist das eigentlich Neue an diesen Spielen.“

Im Gegensatz zu den Sommerspielen in Peking 2008, bei denen die chinesische Führung mit teurem, bombastischem Design neue Macht und Größe demonstrierte, gibt London sich weit weniger protzig, eher zurückhaltend elegant, aber ökologisch innovativ.

"Weiße Elefanten“ sollten auf jeden Fall vermieden werden. Die Amerikaner Populous, die unter Mithilfe des Briten Peter Cook das Stadion entwarfen, legten es fast darauf an, ein Gegenmodell zum "Bird’s Nest“ von Peking 2008 zu gestalten. Das leichtarmige Gestell wirkt unfertig, als hielte es seine endgültige Gestalt noch unter einem Gerüst verborgen. Die Botschaft, die unter der Konstruktion verborgen liegt, lautet: "Funktionalität über alles!“

Die fast verspielt wirkende Basketballhalle von Sinclair Knight Merz ist überhaupt nur eine temporäre Struktur, weil die kricket- und fußballspielenden Briten allen Studien zufolge keine eigene Basketballhalle brauchen. Die Halle soll angeblich in Brasilien zu den Spielen in Rio 2016 wieder aufgebaut werden - zumindest behaupten die Planer, dass die Brasilianer Interesse angemeldet haben. Das Gebäude ist ganz nach den Bedürfnissen der baumlangen Basketballspieler konstruiert: Die Türrahmen sind 243 Zentimeter hoch, so wird die Gefahr von Kopfverletzungen gebannt.

Kritiker finden es trotzdem etwas schmerzhaft, dass rund 12,5 Milliarden Euro aus öffentlichen Geldern für Sportanlagen ausgegeben werden. Denn viele Briten wissen nicht, wie sie es angesichts des drastischen Sparpakets der konservativen Regierung jedes Mal bis zum Monatsende schaffen. Doch auch nicht beteiligte Architekten gestehen "London 2012“ zu, die Olympischen Spiele neu erfunden zu haben. "Die temporären Strukturen sind eine sehr gute Idee“, meint Hattie Hartman, deren Buch "London 2012 - Sustainable Design: Delivering a Games Legacy“ soeben erschienen ist. "Außerdem wird durch den olympischen Park einer der ärmsten Bezirke in London enorm aufgewertet.“ Das staatliche Budget für die Spiele wird durch private Sponsoren noch einmal um siebeneinhalb Milliarden Euro ergänzt. Im früher brachliegenden Stratford in Ostlondon ist neben dem Park Europas größtes Einkaufszentrum Westfield angesiedelt worden.

Nicht alle der neuen Sportanlagen sind grüne Effizienztempel für die ökonomischen Dürrejahre. Zaha Hadids Aquazentrum ist ein kostenintensives Prunkstück an stromlinienförmiger Eleganz. Der permanente Teil des Pools hat allein 310 Millionen Euro gekostet. Hadid ist eben auch die Ikone einer extravaganten Architektur der fetten Jahre. Später bekommen die armen Ostlondoner dann aber auch das eleganteste Olympische Becken der Welt.

Die Stars der britischen und internationalen Architektur- und Kunstszene sind aber auch deshalb zu London 2012 eingeladen worden, um den Glamourfaktor zu erhöhen. Als sehr innovativ erweisen sich ihre Designs allerdings nicht. "Die staatlich finanzierten Projekte haben ein striktes Zeit- und Finanzbudget, im Design wollte da niemand Risiken eingehen“, erläutert Hartman. Bei privaten Sponsoren wie dem Softdrinkgiganten Coca-Cola geht es dagegen oft mutiger und risikofreudiger zu: "Die arbeiten mit jungen, noch unbekannten Architekten, die mehr Abenteuerlust an den Tag legen.“

Knapp eine Million Touristen wird zu den Spielen erwartet; etwa acht Millionen Eintrittskarten liegen auf; 25.000 Sicherheitsleute werden im Dauereinsatz sein. Die Londoner selbst sind bereits jetzt in Panik vor der drohenden Menscheninvasion. Viele planen eine zeitgerechte Abreise, um den Olympics mit all ihren Widrigkeiten zu entgehen: Verkehrsstaus, Flughafenkollaps und endlose Schlangen an den Eingängen zum Olympia-Dorf. Empfohlen wird bereits jetzt, leere Flaschen mitzubringen, die man an Wasserbrunnen innerhalb des olympischen Parks auffüllen kann.

Die Architektur von London 2012 widerspiegelt nicht nur den Charakter der Spiele, die alle Kulturen und Hautfarben zum sportlichen Wettkampf zusammenbringen. Die neuen architektonischen Sensationen Londons wurden von Britanniens erfolgreichsten Immigranten geschaffen. Der aus Indien stammende Anish Kapoor oder die in Bagdad geborene Zaha Hadid symbolisieren auch die Diversität der britischen Gesellschaft sowie erfolgreiche Integration. Wobei auch angemerkt werden muss, dass Zaha Hadid im deutschsprachigen Raum ein weitaus größerer Star ist als in London. Ihr Aquazentrum ist das erste große Projekt der Architektin in ihrer Wahlheimat.

Ob die Hochschaubahn von Anish Kapoor alias ArcelorMittal Orbit die Herzen der Londoner erobern wird? Noch sieht es nicht danach aus. Aber es darf dezent daran erinnert werden, dass der französische Komponist Charles Gounod 1887 einen empörten Artikel gegen die Errichtung eines anderen Stahl-Riesenmonuments schrieb: "Wir protestieren gegen die Errichtung dieses nutzlosen und monströsen Eiffelturms.“

Der Brückenbauer Gustave Eiffel änderte daraufhin das Design und verpasste seinem Turm ein paar Schnörkel.