Rudolfsheim-Fünfhaus ist das härteste Pflaster im Wahlkampf

Arme & Ausländer, ­Prostituierte & Punks: In Rudolfsheim-Fünfhaus verdichten sich alle Probleme der Stadt – und die Möglichkeiten.

Im Stiegenhaus stehen riesige Männerschuhe. Aus der Wohnung dringt kein Laut. Als die Tür leise aufgeht, blickt Birgit Hebein, grüne Spitzenkandidatin des Bezirks für die kommende Gemeinderatswahl am 10. Oktober, in das herb-schöne Gesicht einer blonden Frau Mitte 40, die ein wenig missmutig schaut, so, als hätte sie jemand anderen erwartet. Probleme mit Prostituierten? Kopfschütteln. Ein groß gewachsenes, ungeschminktes Mädchen taucht im Türrahmen auf, vielleicht ihre Tochter. Nein, nichts Besonderes: „Die sind einfach da.“ Birgit Hebein streckt den Frauen einen Folder entgegen: „Heißes Eisen: Prostitution.“

Klinkenputzen ist aufregender, als hinter einem ­Infotisch auf Passanten zu lauern. Man weiß nie, was als Nächstes passiert: Der smarte 30-Jährige im Dachgeschoß zuckt mit den Schultern und verschwindet gleich wieder in seinem loftartigen Ausbau. Einen Wohnblock weiter schnarrt eine ärmliche alte Frau, die seit 2003 die Staatsbürgerschaft besitzt, sie „chörre und sähe nichts von diesen Sachen“. Ihre Wohnung ist winzig. Ein paar Türen weiter öffnet ein Kerl mit quadratischem Oberkörper die Tür. Typ: unspaßiger Türsteher einer Großdisco am Rande der Stadt. Als er den Mund aufmacht, wirkt er wie ein akademisch gebildeter Soziologe: Er sei gegen den Straßenstrich, weil die Sicherheit der Frauen dort nicht gewährleistet sei: „Welche Lösungen haben die Grünen?“

Rudolfsheim-Fünfhaus ist mit 3,92 Quadratkilometer Fläche nicht das wichtigste Pflaster im Wiener Wahlkampf, aber eines der härtesten. „Hier verdichten sich sämtliche Probleme der Stadt, aber auch alle Möglichkeiten“, konstatiert Birgit Hebein. Die Fakten geben ihr Recht: In keinem anderen Bezirk leben so viele Arme wie hier. Das Durchschnittseinkommen ist mit 15.800 Euro pro Kopf das niedrigste aller Wiener Bezirke. Die Bewohner von Rudolfsheim-Fünfhaus sterben durchschnittlich mit 78,9 Jahren, früher als überall sonst in Wien. An kaum einem zweiten Ort stehen die Prostituierten so dicht gedrängt auf der Straße. Manchmal zählt die Polizei bis zu 400 Gunstgewerblerinnen an einem Tag. In keiner anderen Gegend der Stadt gibt es so ­viele Substandardwohnungen. Ein Zehntel aller Wettlokale Wiens drängt sich im 15. Bezirk. Und nirgends ist der Ausländer­anteil höher: Jeder dritte Bewohner von Rudolfsheim-Fünfhaus besitzt keinen österreichischen Pass, fast jeder zweite ist entweder selbst zugewandert oder das Kind von Migranten.

Das erzeugt jede Menge Spannungen.
Die SPÖ, die hier mit absoluter Mehrheit regiert, hält sie mit Mieterversammlungen, interreligiösen Plattformen, Grätzelfesten und schulischen Integrationsprojekten in Schach. Sie setzt aber zunehmend auch darauf, dass der Bezirk zum urbanen Hoffnungsgebiet avanciert. Künstler, Kulturschaffende, Kreative zogen in den vergangenen Jahren vermehrt zu, gefolgt von jungen Mittelstandsfamilien. Rund um die Riesenbaustelle Westbahnhof sollen künftig 265 geförderte Wohnungen entstehen, dazu ein Studentenheim für 200 Leute. Dutzende neue Kulturvereine und Initiativen beleben das Grätzel: In der Herklotzgasse arbeiten Sozialforscher und Historiker die jüdische Vergangenheit auf. Um die Ecke eröffnete mit dem „Salon 5/Brick 5“ eine Stätte für frisches, junges Theater. Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal (SPÖ) versprüht die Zuversicht des Aufbruchs: „Wir werden zu einer Alternative für hippe Innenstadtbezirke.“

Die Erfahrung hatte gezeigt, dass die FPÖ in Bezirken mit vergleichsweise geringen Ausländeranteilen punktete, etwa in ­Floridsdorf oder Simmering, sowie in den großen Gemeindebauten von Favoriten. ­Daraus zogen die Grünen in Rudolfsheim-Fünfhaus ihre Schlüsse, sagt Hebein: „Wir haben angefangen, auf Probleme zuzugehen, heiße Eisen anzupacken.“ Die Mühe machte sich bezahlt: Bei der vergangenen Gemeinderatswahl kamen sie auf Platz zwei. Die Freiheitlichen blieben mit 337 Stimmen Abstand knapp dahinter. Bei der Nationalratswahl drei Jahre später schafften die Grünen aus dem 15. Bezirk als einzige in Wien ein Wählerplus.

Nun wollen die Freiheitlichen Terrain zurückgewinnen.
Der FPÖ-Klubobmann im Bezirk, Karl Schwing: „Die Stimmung ist für uns sehr gut.“ Laut einem eigens für den Bezirk erstellten Armutsreport wachsen 1368 Kinder in Familien auf, die von der Sozialhilfe leben. Von Armut betroffen sind zuerst Familien mit mehr als zwei Kindern, dann Alleinerzieherinnen, erst an dritter Stelle Migranten. „Trotzdem lehnt die FPÖ alles ab, was Schwachen zugutekommt“, sagt die Grüne Hebein.

FPÖ-Klubobmann Schwing arbeitet im Brotberuf als Kriminalbeamter, Spezialgebiet: Einbrüche. Bevor er über seinen Bezirk erzählt, lässt er sich einen Presseausweis zeigen: „Sie könnten ja irgendwer sein.“ Die meisten Leute seien zu gutgläubig, das mache es Kriminellen einfach. Schon ist er mitten im Thema: Von Trickdieben, die auf 30.000 Euro im Monat kämen, hüpft Schwing zur Bettel­mafia, deren Hintermänner in Rumänien in Schlössern residierten, und weiter zu den Prostituierten im Bezirk, die bei Weitem nicht die geschundenen Opfer seien, von denen NGOs gerne erzählten: „Die meisten stehen aus purer Gewinnsucht auf der Straße.“

Stramm rechts.
Drei P sind die Hauptzutaten für seine Schlechte-Laune-Kampagne: Prostituierte, Parkpickerl, „Pankahüttn“. Ende 2007 bekamen rund 30 Punks nach ein paar Hausbesetzungen von der Stadt ein Refugium im Bezirk. Seit bekannt wurde, dass die Stadt Wien für das baufällige Zinshaus in der Johnstraße 750.000 Euro bezahlt hatte, wird die FPÖ nicht müde, über die „extreme Verschwendung von Steuergeld“ herzuziehen: „Da hätte man gleich jedem Punker ein Hotel zahlen können.“

Personell setzt die FPÖ-Bezirkspartei auf stramme Rechte wie Dietbert Kowarik, Parteichef in Rudolfsheim-Fünfhaus. Er ist Mitglied der Olympia, jener Burschenschaft, die 2005 den britischen Holocaust-Leugner David Irving als Gastreferenten einlud. Kowariks linke Wange ist von einer Mensur sichtbar gezeichnet. Schwings Vize im FPÖ-Klub ist Martin Hobek, Historiker und Autor in den rechtsextremen Zeitschriften „Aula“ und „Eckartbote“.

Vor wenigen Wochen griff auch Schwing in die Tasten.
Seit Jahren schon umgarnt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache die ­Serben in Wien, eine der größten Zuwanderergruppen der Stadt. Die Bezirksblauen kopierten das Muster und formulierten eine spröde „Resolution Recht auf Heimat“, in der sie im „Rahmen des Heimatschutzes alle Tendenzen zurückweisen (…), die eine ­Änderung der Staats- bzw. Landesgrenzen aufgrund von geänderten ethnischen Bevölkerungsmehrheiten zum Ziel haben. Das Unrecht am serbischen Volk durch die Abspaltung des Kosovo darf sich in Österreich nicht wiederholen.“

Ansonsten halten sich die Blauen mit ewiggestrigen Untertönen und offener Hetze auf Bezirksebene zurück. Lukrativer scheint es, den Zorn von Anrainern des Straßenstrichs zu bündeln, die von knallenden Autotüren um ihren Schlaf gebracht werden. Oder den Grant von Eltern, die angeblich jeden Morgen gebrauchte Gummis aus Hauseingängen wegräumen. „Wir verstehen uns als Bürgerservice“, sagt Schwing.

Ob das Kalkül der Freiheitlichen aufgeht, wird sich am 10. Oktober bei der Gemeinderatswahl zeigen. Vergangene Woche blieb die Erregungskurve beim Thema Prostitution jedenfalls erstaunlich flach. Von den Bewohnern der Felberstraße, des berüchtigten Straßenstrichs hinter dem Westbahnhof, die vergangene Woche den grünen Besuchern die Tür aufmachten, wollte sich kaum jemand richtig echauffieren. Eine junge Frau meinte gar: „Mich stören? Ich bin froh, wenn auf der Straße etwas los ist, wenn ich am Abend spät heimkomme. Dann muss ich mich nicht fürchten.“