Russland: Das System Putin wankt, ein Generationenwechsel kündigt sich an

Dem Sommer der Waldbrände folgt der Herbst des Patriarchen: Das System Putin wankt, ein Generationenwechsel kündigt sich an – die kommende Ära in neun Porträts.

Seit 130 Jahren war kein russischer Sommer so heiß wie dieser: nicht nur klimatisch. Auch politisch hat sich die Lage in den vergangenen Wochen gehörig aufgeheizt. Die Wut der Bevölkerung entzündet sich an den Flächenbränden, deren die Regierung nicht Herr wird. Seit dem Amtsantritt von Wladimir Putin im Jahr 2000 gab es keine derart heftige Kritik an der Kreml-Führung mehr. Zwar nicht im staatlich gelenkten Fernsehen, wo die brennenden Wälder tunlichst verschwiegen werden, im Internet lassen die Russen aber sehr wohl Dampf ab – etwa auf der Website livejournal.ru: „Was bilden die Machthaber sich ein?“, schimpft dort zum Beispiel Blogger Pawel. „Glauben die, nur weil es im Fernsehen nicht gezeigt wird, lösen sich die Brände in Luft auf?“

Es knirscht im Gebälk des Putinismus.
Die Feuersbrunst im ausgedörrten Russland ist nur ein Grund für den Unmut. Der behäbige, korrupte Staatsapparat reagierte in diesem August wie immer zu langsam und tat zu wenig, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Das Machtduo Wladimir Putin und Dmitri Medwedew hat trotz Milliarden an Öleinnahmen die Infrastruktur des größten Landes der Welt immer noch nicht grundlegend modernisiert. Schwerindustrie, Bergbau, Armee, Straßen, Schienenverkehr, Schulen, Krankenhäuser – wo immer renoviert werden soll, verschwindet ein Gutteil der Staatsgelder in den Taschen korrupter Beamter und Geschäftsleute.

Selbst die genügsamen Russen werden der Kreml-Kleptokratie langsam überdrüssig. Vor allem die Jungen, die den Kommunismus nicht mehr erlebt haben, wollen sich nicht länger von ehemaligen Sowjetbürokraten sagen lassen, wo es langgeht.

Auch Putin bekommt sein Fett ab.
Nachdem der Premier zu PR-Zwecken als Co-Pilot eines Löschflugzeugs posiert und dabei angeblich zwei Feuerherde gelöscht hatte, hagelte es auf livejournal.ru Kritik: „Seit Wochen renne ich jeden Tag von Brand zu Brand und versuche zu helfen“, schrieb etwa die Studentin Marita. „Kein einziger Machthaber hat sich dort blicken lassen.“

Die Website koordiniert inzwischen eine Grassroots-Bewegung von freiwilligen Feuerlöschern. Hunderte melden sich täglich und werden in die Dörfer geschickt, die von den Feuern bedroht sind. Sveta Iwanikowa, die Managerin von livejournal.ru, ist in einer heiklen Position. Sie muss fürchten, dass diese „Arbeitsteilung“ den Regierenden ganz und gar nicht in den Kram passt.

Trotz des antidemokratischen Führungsstils von Wladimir Putin sind die Jungen heute mit mehr innerer Freiheit und äußerer Stabilität aufgewachsen als die Generationen davor.

In den Nischen des von Putin aufgebauten autoritären Staats blüht und gedeiht die Zivilgesellschaft. Die „neuen Russen“ entfalten ihre innovative Kraft mittlerweile überall: im Theater wie in Banken, in der Urbanität Moskaus und der Abgelegenheit Sibiriens. Sie kombinieren die klassischen russischen Tugenden – Disziplin, Kulturanspruch, Seelentiefe – mit der Sehnsucht nach individueller Freiheit und Wohlstand.

Ob die Nomenklatura rund um Putin und Medwedew diese Entwicklung bereits erkannt hat, ist unklar – im Staatsfernsehen wird sie natürlich nicht dokumentiert, und da die Demokratie weitgehend abgeschafft ist, wird sie sich auch noch nicht bei den nächsten Duma-Wahlen im Dezember 2011 niederschlagen. Doch inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr: Der Höhepunkt des Putinismus ist überschritten.

Die Zeit der steinreichen Oligarchen läuft ab. Früher oder später werden die Jungen Putin und seine KGB-Kumpane ins Ausgedinge schicken. Diese „neue Russen“ repräsentieren die kommende Generation – profil stellt neun von ihnen vor.


Das Buch „Die neuen Russen – Die ­Generation nach Putin“ (Picus Verlag, 161 Seiten, 19,90 Euro) von profil-Korrespondentin Tessa Szyszkowitz erscheint Ende August.

Alisa Prudnikowa, Kulturmanagerin
„Wie kann Müll Kunst sein?“
Alisa Prudnikowa stellt Jekaterinburg auf die Probe. Die Direktorin des Zentrums für zeitgenössische Kunst hat für diesen Herbst eine Industrie-Biennale angesetzt. Russische und internationale Künstler präsentieren industrielles Design, Architektur, Kunst. „Jeder Künstler bekommt eine Fabrik als Ausstellungsort“, sagt die 35-jährige Kulturmanagerin, die in der Industriestadt im Ural aufgewachsen ist. Seit sie an der Uni mit Dadaismus und Dekonstruktivismus in Berührung kam, kämpft sie gegen das lokale intellektuelle Klima an: „Die Leute fragen immer noch: ‚Wie kann Müll Kunst sein?‘“

Nino Bolotaschwili, Investmentbankerin

„Kein europäisches Niveau“
Ihre Karriere begann mit einem Missverständnis. Nino hatte sich bei einer russischen Bank als Analystin beworben. Die Bank aber wollte einen Mann. Ihr georgischer Vorname hatte ihr Geschlecht verschleiert. Die emanzipierte Frau und stolze Georgierin ließ sich das nicht bieten. Heute managt Nino Bolotaschwili eine Spezialsparte: Die Bankerin berät Kunden, die ihr Geld in Luxusgütern veranlagen wollen. Die russische Gesellschaft ist der 27-Jährigen mit Moskauer Wohnsitz viel zu konservativ: „Wo man hinschaut: Lethargie und Angst. Ich bezweifle, dass wir jemals europäisches Niveau erreichen.“

Lera Germanika, Filmemacherin

„Was kann ich dafür?“
Die 27-jährige Filmemacherin hat mit ihrer Fernsehserie „Schule“ die russische TV-Geschichte revolutioniert. Sie hat in ihrer Doku-Soap die Schule nicht als Ort hehren Lehrens und Lernens dargestellt. Bei Germanika dürfen auch Drogen, sexuelle Gewalt und Affären zwischen Lehrpersonal und Studierenden vorkommen. Die konservativen Russen waren entsetzt, der Chef der Kommunisten wollte die Serie verbieten lassen. „Was kann ich dafür? Die Manager vom ersten Kanal haben mich beauftragt“, grinst Frau Germanika. Das rüde Auftreten des gefeierten Jungstars ist Programm: Ihr hängt der Konformismus zum Hals heraus.

Ilja Jaschin, Politiker von „Solidarnost“

„Zynismus und Geld regieren Russland“
Im Parlament gibt es seit 2007 keine demokratische Opposition mehr. Trotzdem betreibt Ilja Jaschin seinen Job als machtloser Jungpolitiker mit tierischem Ernst und diebischem Vergnügen. Die Putin-Jugend hat ihn mit versteckter ­Kamera beim Sex mit einem „Model“ ­filmen lassen, um ihn lächerlich zu ­machen. „In Russland fördert so was meine Beliebtheit“, glaubt Ilja und bedauert: „Wir hätten die Chance auf eine aufgeklärte Gesellschaft. Stattdessen wollen alle wie zu Sowjetzeiten Karriere in der Einheitspartei machen.“

Sveta Iwanikowa, Managerin der Website livejournal.ru

„Das Internet ist demokratisch“
Die 27-jährige Moskauerin sitzt auf einem heißen Stuhl. livejournal.ru hat diesen Sommer die Arbeit des Staatsfernsehens übernommen, das nur beiläufig über die Flächenbrände berichtet. In Blogs wird informiert und kritisiert. „Die User schreiben, was sie wollen, ich kann da nicht eingreifen“, sagt Sveta Iwanikowa. Sie ist nicht per se gegen Präsident und Premier – immerhin könne man „heute zum ersten Mal daran denken, Kinder in die russische Welt zu setzen“. Zensur hält sie für vorgestrig: „Das Internet ist demokratisch.“

Daria Chochlowa, Ballerina
„Wozu New York?“
Bisher verlief ihre Karriere steil. Mit 17 Jahren wurde die Ballerina ins Ensemble des Bolschoi-Theaters übernommen. In diesem Frühling tanzte sie die spanische Braut im „Schwanensee“. Für Daria aber ist das erst der Anfang. Sie will Primaballerina werden – und in Moskau bleiben. Chochlowa gehört zur ersten Generation russischer Künstler, die nicht mehr emigrieren müssen, um sich zu entfalten. Die Moskauer haben heute alle Chancen und Annehmlichkeiten. „Wozu New York? Mein Leben ist hier“, sagt sie. Starbuck’s gibt es schließlich auch um die Ecke vom Bolschoi-Theater.

Anna Sinjakina, Schauspielerin
„Ich vermisse mein Moskau“
Die 29-jährige Schauspielerin ist der Star der „Schule der dramatischen Kunst“. Auf der Bühne klettert sie als Dmitri Schostakowitsch auf einen Luster oder läuft als Sonja im „Onkel Wanja“ über ein Förderband. In der Realität aber findet sich die Verwandlungskünstlerin nur schwer zurecht. „Ich vermisse mein Moskau“, sagt Anna Sinjakina über ihre Heimatstadt, die sich so schnell verändert, dass sie von einem Tag auf den anderen kaum mehr wiederzuerkennen ist. „Wir müssen uns überlegen, welche Traditionen wir ins 21. Jahrhundert mitnehmen wollen“, überlegt sie. Tschechow zum Beispiel.

Ilja Barabanow, Vizechef von „The New Times“

„Wir drucken, wenn wir Zeugen haben“
Sein Vorbild ist Anna Politkowskaja. Als die regierungskritische Reporterin erschossen wurde, gründeten mutige Journalisten das Magazin „The New Times“. Auch Barabanow heuerte an. Inzwischen ist der 25-Jährige ­Vize-Chefredakteur und Experte für den Sicherheitsapparat und steht deshalb unter ­Beobachtung durch den Geheimdienst FSB. „Aber man lässt uns gewähren, damit der Druck im Kessel nicht zu hoch wird.“ Angst gesteht er sich nicht ein: „Wenn wir Zeugen und Beweise haben, dann drucken wir.“

Chaim Sokol, Künstler

„Tragödie Russland“
Seine Zinnwannen, in denen Miniaturwohnsilos wie Bauklötze für Schmuddelkinder stehen, drücken grenzenlose Depression aus. Der 35-jährige russische Jude sieht die Essenz der russischen Gesellschaftsmisere in der Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Seine Bottiche wurden im Frühling 2010 in der Kunstschau „Futurlogia“ in Moskau gemeinsam mit Werken der wichtigsten Vertreter der jungen Künstlergeneration gezeigt. In seiner Ausstellung „Dead letter mail“
in der Galerie Triumph wurde allerdings kein einziges Stück verkauft. Sokols Kunst braucht eine Gesellschaft, die ihren Schwächen ins Auge sehen will.