Sigi Bergmann: aus dem Notizbuch eines Sportreporters

Opernsänger, TV-Legende und Halbwaise durch das NS-Regime: Sportreporter ­Sigi Bergmann blickt auf sein bewegtes Leben zurück.

Ein Blick auf die Anschlagtafel, und der Tag nimmt eine jähe Wendung. Vergangene Woche schlendert Sigi Bergmann in klobigen Turnschuhen den Säulengang vor der Stehplatzkasse der Wiener Staatsoper entlang. In einem Schaukasten entdeckt er die Ankündigung zu „Don Carlo“, einer seiner Lieblingsopern. Er beschließt, seine Pläne für den Tag zu ändern, und stellt sich für eine Opernkarte an. Boxen war Bergmanns Beruf, die Oper ist die Passion des ausgebildeten Sängers. Er sei, sagt Bergmann, ein „Kalb mit zwei Köpfen“, ein Boxkommentator, der Schubert singt, Verdi und Puccini liebt.

Die vielen Termine, mit krakeliger Schrift in seinen schwarzen Kalender notiert, müssen warten. Bergmann ist 75, seine Zeit als „Sport am Montag“-Moderator liegt lange zurück. Sein Terminkalender ist dennoch voll, seit er unlängst seine Lebenserinnerungen „Aus dem Notizbuch eines Sportreporters“ veröffentlicht hat. Für heute sind alle Termine abgesagt: „Don Carlo“.

Chaos im Alltag ist Sigi Bergmann vertraut. Praktisch unentwegt gräbt er in den vielen Taschen seiner Gore-Tex-Jacke, immer auf der Suche nach dem Handy, einem Bleistift, einem Fahrschein. „Ich war auch im Beruf ein Chaot – zum Glück mit toller Mannschaft“, sagt Bergmann. Viele helfende Hände seien dafür verantwortlich gewesen, dass er ab Februar 1975 den Großteil der insgesamt 819 ausgestrahlten „Sport am Montag“-Sendungen habe moderieren können. Bergmann pflegt ein Faible für Zahlen und Statistiken. Fakten bedeuten Sicherheit. Er ist jetzt in seinem Metier, sein langes Berufsleben hat er in Zahlen gegossen: 3306 Filme wurden in „Sport am Montag“ gezeigt, 93 verschiedene Sportarten vorgestellt; 17 Jahre und 48 Tage lang war der TV-Klassiker auf Sendung, bis zum 23. März 1992. In vielen davon war Bergmann in Pullover gewandet zu sehen, die bereits damals aus der Zeit gefallen waren. Er war bei 20 Olympischen Spielen, 3500 Boxveranstaltungen begleitete er im Fernsehen. Bei den Olympischen Sommerspielen in London 2012 kommentierte er für das ORF-Fernsehen 276 Kämpfe.

Der schrecklichste Tag seines Lebens, als seine Mutter von Nazi-Soldaten erschossen wurde, sagt Bergmann fast übergangslos, liege 24.000 Tage zurück. Die Ereignisse von damals hat er im „Notizbuch eines Sportreporters“ rekonstruiert. Es ist das erste Mal, dass er über den 17. April 1945 ausführlich spricht. 24.000 Tage reichen nicht aus, um das Damals vergessen zu machen. Im April 1945 flüchten die Bergmanns – Mutter Elisabeth, die Friseurin aus dem steirischen Vorau, Großmutter Wilhelmine und der damals siebenjährige Sigismund – vor den anrückenden Russen in die wenige Kilometer entfernte Gemeinde Schachen, in eine Dachkammer im Haus vom Roathofer-Bauern. An jenem Tag gerät das Gehöft im Morgengrauen in die Schusslinie von deutschen und russischen Truppen. Mutter, Sohn und Oma suchen Schutz in einer Scheune am Waldrand. Bergmann erinnert sich an ein „zitterndes Menschenknäuel“, daran, wie die Mutter ihn und die Großmutter umarmt habe. Eine verwirrte deutsche Kugel trifft die Mutter in die Bauchhöhle, binnen weniger Minuten verblutet sie, das Kind im rechten Arm. Jahrzehnte später macht sich Bergmann auf die Suche nach dem Sterbeort, auch dar-über schreibt er im „Notizbuch“. In Vorau trifft er einen Zeitzeugen. „Dieser hat meine Mutter eine Woche nach ihrem Tod auf der großen Wiese beim Roathofer gefunden“, sagt Bergmann. Der Helfer habe die bereits stark verweste Leiche in den Garten vor dem abgebrannten Bauernhof geschleppt und ihr ein Grab geschaufelt.

„Du hast meine Mutter erschossen!“
In der ersten Dezemberwoche 1945 wird Bergmann von Vorau nach Wien gebracht, zum Bruder der Mutter, dem späteren Wiener Weihbischof Josef Streidt. Bergmann verbringt viel Zeit im Erzbischöflichen Palais, vom Fenster seines Zimmers aus blickt er auf die Ruinen des Stephansdoms, auf die glaslosen gotischen Fensterbögen. In den Katakomben spielt er mit Totenschädeln, als Friedhofssänger begleitet er zahllose Begräbnisse. Der Vater kehrt zurück, als Bergmann neun ist. „Du hast meine Mutter erschossen!“, empfängt ihn der Sohn. Später, erinnert sich Bergmann, habe der Vater oft gesagt, er sei auf einen Satan hereingefallen.
„Der Tod hat mich nie erschreckt“, sagt Bergmann, bevor er sich auf den Weg in die Staatsoper macht. „Der Tod hat mir schon als Kind aus nächster Nähe ins Gesicht gegrinst. Ihn in meinem Alter verdrängen zu wollen, grenzt an Schwachsinn.“ Bergmann hat errechnet, dass er laut Statistik 77,7 Jahre alt werden müsste. Viele der über 1100 Tage, die ihm da noch bleiben, will er auf dem Stehplatz verbringen.

Sigi Bergmann: Aus dem Notizbuch eines Sportreporters. Seifert, 224 S., EUR 23,60