T. C. Boyle: „Ich bin vom Tod besessen“

T. C. Boyle - T. C. Boyle: „Ich bin vom Tod besessen“

Der Wiener Literaturherbst ist dem US-Schriftsteller T. C. Boyle gewidmet: Ende August erscheint „San Miguel“, der neue Boyle-Roman, in deutscher Übersetzung.

Im September wird die Stadt Wien 100.000 Gratisexemplare von Boyles sozialkritischem Werk „América“ unters Volk bringen. Ein Gespräch über das Versagen von Politik und Finanzwirtschaft, den lieben Gott als Osterhasen und das Urinieren auf Komposthaufen.

profil: Ihr neuer Roman „San Miguel“, dessen Handlung auf einer kleinen kalifornischen Insel in den 1880er- und den 1930er-Jahren spielt, ist kürzlich in den USA erschienen. San Miguel nennen sich zahllose Städte in Südamerika. Versuchen Sie mit der Wahl des Titels Ihre ohnehin gigantische Leserschaft nochmals zu vergrößern?
Boyle: Keineswegs. Der Roman ist nach einem Eiland benannt, das Teil einer Inselgruppe vor der Küste der kalifornischen Stadt Santa Barbara ist. Bereits mein vorhergehender Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (2011) war ebendort, auf Santa Cruz, der Insel des Heiligen Kreuzes, angesiedelt. Entdeckt wurden die von Wasser umsäumten Flecken übrigens von Juan Rodriguez Cabrillo, einem Portugiesen, der für Spanien segelte. Cabrillo war Katholik. Wie jeder Seekapitän, der damals auf der iberischen Halbinsel lebte und nicht verbrannt am Marterpfahl enden wollte, weihte auch er seine überseeischen Entdeckungen der Kirche. Viele Kanalinseln vor der Küste Kaliforniens tragen deshalb heute Namen wie Santa Rosa, Santa Barbara, San Clemente, Santa Catalina.

profil: Papst Franziskus dürfte über einen Roman, der den Namen eines Erzengels trägt, auch erfreut sein. Hat er sich bereits bei Ihnen gemeldet?
Boyle: Nicht dass ich wüsste. Ich würde ihm aber sagen, falls er zuhörte: Entspann dich! Machen wir uns gemeinsam stark für eine Familienplanung, die diesen Namen verdient, besonders in der so genannten Dritten Welt, wo Frauen nach wie vor als Gebärmaschinen betrachtet werden. Erheben wir unser Wort! Hören wir endlich damit auf, die Vergangenheit zu verklären, jene Zeiten, in denen unterschiedliche Konfessionen die Menschen zur Gründung großer Familien förmlich animierten, um sich so gewaltige Anhängerscharen und letztlich schlagkräftigere Heere zu schaffen. Genug damit.

profil: Sie selbst stammen aus einer sehr katholischen Familie. Haben Sie mit dem Glauben inzwischen gebrochen?
Boyle: Den Dogmen der organisierten Religion schwor ich schon vor Jahrzehnten ab. Ich glaube nicht mehr an den dreieinigen Gott im Himmel, der alljährlich zur Osterzeit am Kreuz sein Leben aushaucht und als Hase wiederkehrt. Von Nikolaus und den anderen mythologischen Figuren meiner Kindheit habe ich mich ebenfalls längst befreit.

profil: Ist der Papst für Sie eine Respektsperson?
Boyle: Für Päpste, Rabbis, Mullahs und andere selbsternannte Lichtgestalten empfinde ich schiere Gleichgültigkeit – solange diese Herren der Frau das Recht auf den eigenen Körper in einer ohnehin katastrophal überbevölkerten Welt verweigern.

profil: Sie waren 34, als Sie Ihren ersten Roman veröffentlichten. Seit damals punkten Sie innerhalb und außerhalb der Literaturwelt mit fantastischen Beliebtheitswerten.
Boyle: Wäre das wahr, müsste ich ziemlich glücklich sein, oder? Jeder mag mich? Was für eine Vorstellung! Wie kommt es dann, dass ich so viele Feinde habe, Gegner und Kritiker in Truppenstärke? Wollte jemand ein Land erobern, müsste er den Anti-Boyle-Kämpfern nur Gewehre in die Hand drücken – und los ging’s.

profil: Von vielen derjenigen, die bei Ihnen studieren, werden Sie als langjähriger Professor an der University of Southern California sicher bewundert. Schmeichelt das Ihrer Eitelkeit?
Boyle: Schriftsteller sind Sklaven der Eitelkeit. Ich selbst versuche diese Tatsache immer wieder in Relation zu setzen, indem ich beispielsweise mit Frau Boyle gemeinsam Hausputz mache: Sie ist die Meisterin, ich ihr Knecht.

profil: Was ist Ihnen wichtiger: Kritik oder Lob?
Boyle: Jeder von uns – egal ob er als Minenarbeiter, Labortechniker, Rockstar, Müllmann oder Schriftsteller arbeitet – ist absolut darauf angewiesen, für gute Leistungen gelobt zu werden. Kritik ist der Stachel im Fleisch, selbst wenn diese gut gemeint sein sollte, selbst wenn sie wahr ist.

profil: Schließt das die professionalisierte Literaturkritik ein?
Boyle: Literarische Kritik stellt den Sonderfall dar. Diese ist oft von außerliterarischen Faktoren wie Eifersucht, mangelndem Esprit und dem Wunsch, sich auf Kosten der Künstler einen Namen zu machen, motiviert.

profil: Ihre Bücher haben Millionen von Lesern. Wäre es Ihnen auch ohne dieses Wissen so leicht möglich, sich für die tägliche Schreibroutine zu motivieren?
Boyle: Diese Frage würde ich gern mit Ja beantworten, genauso wie ich mir manchmal vorstelle, dass ich in Momenten der Krise und Gefahr tapfer reagierte. Aber ich weiß es schlicht nicht. Eine große Leserschaft stellt einen natürlich zufrieden – die Vorstellung, dass Menschen begierig darauf sind, zu lesen, was ich schreibe, ist zweifellos unübertrefflich. Mich tröstet der Gedanke, dass ich mutmaßlich auch ohne jede öffentliche Anerkennung weiter geschrieben hätte. Es wäre aber wohl ein trostloses und entmutigendes Leben und Arbeiten gewesen, eines ohne jede Eitelkeit.

profil: Sie gelten als Popstar unter den amerikanischen Autoren. Müssen Sie sich gelegentlich mit Stalkern herumschlagen?
Boyle: Ich hatte mit obsessiv veranlagten Fans einige Begegnungen, die, sagen wir mal, interessant verliefen. Meistens sind die gelegentlichen Treffen mit meinen Lesern aufbauend und lohnend, wobei sich als bevorzugter Versammlungsort meine Homepage erwiesen hat. Viele Prominente haben nicht zu Unrecht das Gefühl, ständig verfolgt zu werden. Das kann mir nicht passieren. Ich lebe in einer kleinen Stadt mit 10.000 Einwohnern, einigen Kinos und dem einen oder anderen traditionellen Musikschuppen. Die letzte größere Aufregung fand hier statt, als die kanadische Sängerin Avril Lavigne auf einem Privatanwesen heiratete. Sehr wenige Schriftstellerkollegen haben sich hierher verirrt. Gerade wundere ich mich darüber, warum das wohl so ist?

profil: Als Autor mit Turnschuhen und Punk-Frisur sind Sie im Bildgedächtnis der Gegenwartsliteratur verankert. Wie wichtig nehmen Sie die Kontrolle über Ihr Image?
Boyle: Nicht sehr. Ich stolpere selten über mich selbst, da ich kaum fernsehe. Unvermutete Begegnungen können in diesem Zusammenhang aber unglaublich bereichernd wirken. Eines meiner Lieblingsprogramme im Radio ist „Selected Shorts“, bei dem Schauspieler wie Camryn Manheim, Elliott Gould, Jeff Goldblum, Bill Pullman oder „Selected“-Mastermind Isaiah Sheffer vor Live-Publikum literarische Geschichten lesen. Eines Abends fühlte ich mich wie vom Blitz getroffen: Die lesen ja eine meiner Erzählungen! Ein großartiger Schock! Man dreht mitten in der Nacht das Radio auf, aus dem Worte dringen, die geheimnisvoll vertraut wirken. Worte, die sich durch das Lesen in etwas unendlich Schönes verwandeln.

profil: Viele Autoren beabsichtigen, dass sich die einzelnen Teile ihres Werks irgendwann zu einem einzigen Buch fügen. In Ihren bislang 14 Romanen stellen Sie dagegen kaum Bezüge zwischen den Einzelarbeiten her. Warum nicht?
Boyle: Ich versuche als Künstler zu reifen. Ich mag meine frühen Arbeiten sehr, und ich hoffe, dass ich eines Tages wieder in die wilde und durchaus verworrene Stimmung geraten werde, in der „Wassermusik“ entstanden ist, mein vor über 30 Jahren publiziertes Erzähldebüt. In „San Miguel“ wagte ich für meine Verhältnisse etwas vollkommen Neues und Experimentelles: den geradlinig erzählten Historienroman bar jeder Ironie. Im Herbst erscheint in den USA übrigens ein neuer, knapp 1000 Seiten umfassender Band mit Erzählungen, der ebenfalls auf verschlungenen Wegen in meine Vergangenheit führt.

profil: Sie haben oft betont, wie wichtig Ihnen der künstlerische Reifungsprozess sei. Inwiefern sind Sie an „San Miguel“ gereift?
Boyle: Vielleicht glückten mir diesmal noch tiefsinnigere Beschreibungen von Charakteren und vom Alltagsleben, nahezu befreit von postmoderner Wortfeuerwerkerei. Ich hoffe, der Roman ist so ergreifend, wie er wahr ist. Aber keine Sorge: Die „Stories II“ werden 14 neue und zugleich vertraute Geschichten enthalten, die zwischen den Polen des Realistischen und des Absurden pendeln, sämtliche Zwischentöne einbegriffen.

profil: Autoren verbringen viel Zeit mit ihren Romanfiguren. Wie leben Sie mit Ihren fiktiven Charakteren?
Boyle: Meine Beziehungen zu den Figuren auf dem Papier entwickeln sich genauso wie jene, die ich zu Menschen knüpfe, die ich frisch kennen lerne und mit denen ich eine Menge Zeit verbringe: Ich bin überrascht, rätsle oft, bin irritiert, freue mich über unser Zusammensein.

profil: Kritiker fordern seit Langem den großen Roman zur Finanzkrise. Ist die globale Wirtschaftsmisere ein mögliches Thema für einen Ihrer nächsten Romane?
Boyle: Niemals. Ich verabscheue die Politik und die Finanzwelt, wobei Letztere im Grunde eine legalisierte Form des organisierten Raubs ist. Natürlich brauchen wir Banker, Börsen-Drahtzieher und andere Schwindler mit finanztechnischen Spezialbegabungen. Schweine brauchen wir bekanntlich auch, um unsere Würste mit Fleisch zu füllen.

profil: Im deutschsprachigen Raum wird Literatur gern in Verbindung mit Gesellschaftskritik gebracht. Wie definieren Sie Ihre Rolle?
Boyle: Meine Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft erschöpft sich in dem Umstand, dass ich, wie jeder in diesem Land, Steuern zahle. Es muss Aufgabe eines jeden von uns sein, Bewusstsein dafür zu entwickeln, wo die Verführungen durch Politik, Medien, Religionen lauern. Aufgabe des Künstlers ist es, Kunst zu gestalten, die sich kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzt. Das sollte Verpflichtung sein, nicht freie künstlerische Wahl.

profil: Handelt es sich dabei nicht auch um ein antiquiertes Bild: der Autor als sozialer Seismograf?
Boyle: Nein. Romane und Filme vermitteln nach wie vor die besten und tiefsten Einblicke in eine Gesellschaft, in jede nur denkbare historische Periode.

profil: Von 2003 bis 2011 war der gebürtige Grazer Arnold Schwarzenegger Gouverneur Ihres Heimatstaats Kalifornien. Sehnen Sie sich den „Gouvernator“ gelegentlich zurück?
Boyle: Ich vermisse Schwarzenegger, allein schon, weil durch ihn eine Art comichafter Flair nach Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, schwappte. Sein Nachfolger, den auch ich gewählt habe, der Demokrat Jerry Brown, wirkt natürlich viel weniger großspurig als Schwarzenegger. Brown ist ein Beamter, aber genau der Mann, den Kalifornien jetzt braucht, um das ausufernde Budgetdefizit zu konsolidieren. Endlich nimmt jemand die Zügel in die Hand.

profil: Eignete sich das Leben Schwarzeneggers nicht als idealer Romanstoff?
Boyle: Das fiktionalisierte Buch, das sich mit der Karriere und den Eskapaden von Arnolds Leben und Bilderbuchkarriere beschäftigt, überlasse ich gern anderen Autoren. Ich sitze außerdem über einem neuen Roman, der die Bereitwilligkeit Amerikas zu Gewalt und Aggression untersucht.

profil: Blicken Sie eigentlich optimistisch in die politische Zukunft Amerikas?
Boyle: Auf keinen Fall. Demokraten und Republikaner stehen einander unversöhnlich gegenüber, unfähig, auch die einfachsten Gesetzesbeschlüsse umzusetzen. Viele Politiker sind käuflich, abhängig von Lobbyisten und deren Sonderinteressen. Die Menschen, denen eingetrichtert wird, dass sie die amerikanische Nation bildeten, bleiben außen vor, werden in der Kälte stehen gelassen. Nicht selten suche ich Erlösung in kruden Vorstellungen: Lobbyisten sollten zu feiner Paste verrührt und an Polarbären verfüttert werden, die als Resultat der globalen Erderwärmung ohnehin bald ausgestorben sein werden. Es schadet nicht, wenn man auch eine Lastwagenladung Politiker in den Mix kippt.

profil: Betrachten Sie sich eigentlich als politischen Autor?
Boyle: Nein. Ich schreibe über das, was mich bewegt, und dazu zählt Politik mit Sicherheit nicht. Politik scheint heute – wie schon einst – das Private zu überlagern. Es geht aber nicht darum, wann und mit wem man Sex hat – wie noch in den 1970er-Jahren –, sondern welche Produkte man im Kaufhausregal ergattert. Heute scheint es wichtig zu sein, sich darüber Sorgen zu machen, woher die Tomaten im Burger stammen.

profil: Und: Ist es wichtig?
Boyle: Wir betreten jetzt grünes Territorium. Ich sehe mich tatsächlich als Grünen, ich bin der Sänger des Erledige-Deine-Einkäufe-ums-Eck-Mantras. Ich verstärke das leider immer noch geringe, doch ständig wachsende Bewusstsein, wie zerbrechlich unsere Erde ist, nach Kräften. Ich bin vernarrt in die Idee, wie verrückt oder unausführbar diese auch sein mag: Lass uns von der Straßenwalze des Kapitalismus abspringen und den Versuch der Nachhaltigkeit wagen, nicht nur was Nahrung und Energie betrifft!

profil: In Zeitungsartikeln ist bisweilen zu lesen, dass Sie gern auf Ihren Komposthaufen urinieren.
Boyle: Tja, die Antwort auf diese Frage dürfte vornehmlich für meinen Urologen von Interesse sein, aber es stimmt, ja. Um Wasser zu sparen und um die Kerntemperatur des Komposthaufens zu erhöhen, vollführe ich den Akt der Blasenentleerung tatsächlich regelmäßig im Schatten der Bäume, während der Kompost gemächlich vor sich hin dampft und mich in seine Duftwolke hüllt. Man nennt das auch Natur.

profil: Dabei sind Sie nicht als Autor bekannt, der zurückgezogen lebte. Bei Ihren Lesungen sind Parkett und Ränge regelmäßig bis auf den letzten Platz besetzt.
Boyle: Ich führe tatsächlich ein Leben in der Öffentlichkeit, bin Leadsänger meiner eigenen Rockband. Ich liebe es, auf offener Bühne die Sau raus zu lassen. Zugleich bin ich ziemlich gut darin, meine Lebens- und Arbeitszeit in einzelne Abschnitte zu gliedern, so dass ich immer auch Zeit für mich und meine Arbeit herausschlage.

profil: Wie geht diese Trennung zwischen Spaß und Arbeit konkret vor sich?
Boyle: Während ich auf der Bühne herumtobe, überkommt mich manchmal das übermächtige Verlangen, mich in den Tiefen der Wälder zu verbergen. Das ist wohl auch einer der Gründe, weshalb ich viel Zeit in einem eigens angemieteten Haus im Sequoia National Park verbringe, auf einem Hochplateau in rund 2000 Metern Seehöhe. Meist durchstreife ich allein die Wälder, grübelnd und vor mich hin murmelnd. Ich wäre jederzeit bereit, mich dabei von meiner Frau begleiten zu lassen. Sie aber bevorzugt die behagliche Couch.

profil: Sie gelten als disziplinierter Autor, der seine Bücher im Zwei-Jahres-Takt veröffentlicht. Schreiben Sie jeden Tag?
Boyle: Ich bin buchstäblich durchtränkt vom Zwang zur Arbeit. Schreiben ist für mich Obsession. Ich sitze sieben Tage pro Woche am Schreibtisch, aber nie zu den Bürozeiten, nicht von 9 bis 17 Uhr. Im Durchschnitt sind es drei bis vier Stunden, mit Ausnahme jener Zeiten, in denen ich mit der Arbeit an einem neuen Buch gerade beginne: Dann bewegt sich meine tägliche Schreibdauer zwischen wenigen Minuten und unendlich vielen Stunden. „San Miguel“ entstand, wie die meisten meiner bisherigen Romane, innerhalb eines Jahres, nach einer monatelangen Periode des Nachdenkens, Studierens und Recherchierens.

profil: Bereitet es Ihnen nach wie vor Freude, einen neuen Roman zu beginnen?
Boyle: Der Start ist immer schwierig, weil man nie weiß, wie das Resultat aussehen wird: Entsteht daraus ein fertiges Werk oder das Verlangen nach Selbstmord? Bereits der erste Satz jedes Romans ist von einer Art Geheimnis umweht, weil er aus dem Nirgendwo zu kommen scheint. Er flüstert in dein Ohr, du musst ihm folgen, bis zu seiner endgültigen Bestimmung. Man kann das romanlange Ausformulieren dieses Satzes Spaß nennen, oder auch Arbeit. Musiker spielen, Schriftsteller arbeiten.

profil: Wo liegt bei Ihnen die Schwelle zwischen Routine und Kunst?
Boyle: Routine zwingt einen, an der Tastatur des Computers zu sitzen und sich nach Erlösung zu sehnen. Kunst ist Erlösung. Manchmal erreicht man sein Ziel, oft nicht. Künstler sehnen sich nach jenem Zustand, den die Psychologen „Fluss“ nennen, der vom Unbewussten gelenkt wird.

profil: Was inspiriert Sie besonders zum Schreiben?
Boyle: Ich schließe keine Quelle der Inspiration aus. Zunehmend finde ich meine Themen und Sujets jedoch in allem, was mit Natur zusammenhängt – und mit der Rolle, die unsere eigene Spezies darin spielt, in ihrer natürlichen Ordnung und unnatürlichen Unordnung. Ich bin endlos fasziniert von der Beziehung zwischen Mensch, Natur und Tier, zwischen unserem intellektuellen, animalischen und spirituellen Sein.

profil: Der österreichische Autor Thomas Bernhard merkte einst an, dass ihm die Idee zu einem neuen Roman auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Badezimmer gekommen sei.
Boyle: Inspiration überfällt einen auf verwickelten Wegen, man kann ihr Erscheinen nicht voraussagen. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Auto saß, meine Frau neben mir, unsere damals noch kleinen Kinder auf dem Rücksitz, der Hund war auch mit an Bord. Wir waren gerade auf dem Weg zu einem Schwimmausflug zum herrlichen Kern River. Da wurde ich aus mir heraus regelrecht gezwungen, scharf zu bremsen, um mit zittriger Hand die letzten Worte des Romans „Der Samurai von Savannah“ zu notieren. Im größten Kinder-Chaos, während ich im Kopf gleichzeitig mindestens dreißig andere Dinge wälzte, flogen mir die perfekten Worte zu. Am folgenden Morgen, als ich das Manuskript zu Ende tippte, dauerte der Zustand der Überwältigung fort. Ich saß am Schreibtisch, und in meinem Kopf tobte der Tsunami der Synapsen.

profil: Als Literaturprofessor sind Sie mit den Werken Peter Handkes und Thomas Bernhards vertraut. Haben diese Autoren auch auf Ihr Schreiben Einfluss?
Boyle: Viele Arbeiten Handkes, Bernhards und vor allem Günter Grass’ kenne und schätze ich. „Die Blechtrommel“ studierte ich geradezu, als ich selbst ernsthaft zu schreiben angefangen habe. Die Bücher von Michel Houellebecq habe ich ebenfalls mit Genuss gelesen, obwohl wir uns zuweilen auf ähnlichem literarischem Terrain bewegen.

profil: Lyrik reizte Sie nie?
Boyle: Nein. Meine poetische Ader wurde früh von einem Mittelschullehrer gekappt, der uns Gedichte vortrug, in weihevoller Tonlage und priesterlicher Stimme. Als Leser – und nicht als Autor – begann ich mich erst später für die Gedichtform zu interessieren, als ich mich mit den großen englischen Dichter des 19. Jahrhunderts beschäftigte.

profil: Inzwischen sind Sie auch ein erklärter Fan des Internet.
Boyle: Das World Wide Web ist ein enorm wichtiges Hilfsmittel, die Enzyklopädie im Bücherregal nehme ich kaum noch in die Hand. Romanschreiber und Kurzgeschichtenerzähler sind immer wieder auf Informationssplitter, auf die Biografien bestimmter historischer Persönlichkeiten, auf Details diverser Fachgebiete angewiesen. Ich jedenfalls flüchte häufig während des Schreibens ins virtuelle Universum.

profil: In vielen Ihrer Romane befinden sich die Figuren ständig auf Reisen. Weshalb gönnen Sie Ihren Protagonisten so selten Ruhepausen?
Boyle: Ich schätze, das hängt mit dem peripatetischen Charakter Amerikas zusammen, dem rastlosen Hin und Her, wie das die Anhänger des Aristoteles einst vorgeführt haben. Das ist eine Vermutung, keine Begründung. Ich flüchte mich daher in die Generalisierung: Meine Figuren sind Unruhegeister, weil sie vor etwas auf der Flucht sind, weil ihnen irgendjemand oder irgendetwas nachstellt.

profil: Können Sie nachvollziehen, wenn Autoren behaupten, das Schreiben bereite ihnen zuweilen quälende Schwierigkeiten?
Boyle: Schreiben ist immer Kampf. Als Erstes ist die Anstrengung des Beginns zu meistern, und dann muss man hoffen, dass man das Unbewusste irgendwie anzapfen, die flüchtige Vision oder Idee, die sich vor einem aufgetan hat, künstlerisch ausgestalten kann. Gelingt einem dies, gibt es kaum ein ekstatischeres Gefühl als Schreiben.

profil: Viele amerikanische Autoren pflegen eine für europäische Schriftsteller ungewohnt nahe Beziehung zu ihren Literaturagenten – Dienstleister, die Texte an Verlage vermitteln und sich um die Rechte der Literaten kümmern. Ist das bei Ihnen auch so?
Boyle: Mein Agent Georges Borchardt ist von dem guten Dutzend wichtiger Menschen in meinen Leben einer der wichtigsten überhaupt, er ist der wunderbarste Kerl, der je auf diesem Planeten gelebt hat. Georges wurde 1928 in Berlin geboren, versteckte sich vor den Nazis in Aix-en-Provence, nachdem ein großer Teil seiner Familie in deutschen Konzentrationslagern umgebracht worden war. 1947 emigrierte er nach New York. Durch Georges lernte Amerika die Werke Roland Barthes’, Marguerite Duras’, Michel Foucaults und Jean-Paul Sartres kennen, er war auch der Erste, der Samuel Beckett in den USA bekannt machte. Georges vertritt mich seit meinen Studententagen. Mittlerweile schulde ich ihm Universen voll von Dankbarkeit. Wir sind regelmäßig in Kontakt, ganz besonders gern, wenn gute Nachrichten auszutauschen sind. Wir sehen uns einige Male im Jahr, wenn ich in New York bin oder er die Ostküste besucht. Kürzlich organisierte er die Hochzeit meines Sohns in New Jersey. Man sieht: Er ist mein Vertrauter, fast eine Art Vater. Georges mag es aber nicht, wenn ich ihn so nenne. Großer Bruder ist ihm lieber. Er meint, man müsse den Altersunterschied nicht mutwillig herausstreichen.

profil: Der 1988 verstorbene Autor Raymond Carver, der als Neubegründer der modernen amerikanischen Short Story gilt, meinte einst, dass Schriftsteller auf leicht durchschaubare Tricks beim Schreiben verzichten sollten. Stimmen Sie ihm zu?
Boyle: Ray war ein guter Freund von mir und einer der wichtigsten Autoren Amerikas. Ich verweigere mich keineswegs neuen Ideen und versuche, mein Arbeit in immer andere, überraschende Richtungen zu lenken, egal ob das von irgendwelchen Tricks abhängt. Im Mittelpunkt muss stets die Kunst der Geschichte an und für sich stehen. Erzählungen müssen einen packen, unterhalten, auf welcher Ebene auch immer – Plot, Charakter, Idee, Schönheit und Neuheit der Sprache. Es muss sich auszahlen zu lesen. Da helfen keine Kniffe, das ist die wahre Kunst des Schreibens. Ray war darin ein Ass.

profil: Nixon wurde wiedergewählt, als Sie Ihre ersten Texte veröffentlichten. Es könnte sein, dass einer Ihrer nächsten Romane bereits unter dem Label „T. C. Boyles Spätwerk“ veröffentlicht wird. Machen Sie sich darauf schon gefasst?
Boyle: Im Englischen gibt es für die höfliche altersgemäße Umschreibung von Schriftstellern den Ausdruck: „einer unserer jüngeren Autoren“. Zu Beginn meiner Karriere war ich, entsprechend meinem tatsächlichen Alter, ein junger Autor. Dann avancierte ich für viele Jahre zu einem jüngeren Schriftsteller. Jünger als wer? Tolstoi? Inzwischen sind – nicht aus Höflichkeit, sondern aus offensichtlichen Gründen – keine Altersumschreibungen mehr notwendig. Ich bin alt. Alt, alt, alt.

profil: Sie sind 64 Jahre alt. Macht man sich da mehr Gedanken über das Sterben?
Boyle: Wie wohl jeder, der über das nächste Essen, das nächste Glas, den nächsten Intimverkehr hinaus denkt, bin auch ich vom Tod besessen. Wie können rational denkende Wesen davon nicht gebannt sein? Angesichts unserer kommenden persönlichen Auslöschung zerfällt alles zu Nichts: Arbeit, Besitztum, Wissenschaft, Liebe, Poesie, Musik, Hypotheken.

profil: Klingt nach Resignation.
Boyle: Mein Körper funktioniert, ich bin gut in Form, habe noch Haare am Kopf und einige wenige Zähne. Seele und Geist sind dagegen uralt, verbittert und zuweilen zum Sterben depressiv. Literatur lautet der Ausweg, zumindest in jenen kostbar entschwindenden Momenten, in denen wir von ihr ergriffen sind.

Zur Person

Thomas Coraghessan Boyle, 64, zählt zu Amerikas bekanntesten und produktivsten Autoren der mittleren Generation. Der Schriftsteller galt lange als Enfant terrible der Literaturszene: Boyles Großeltern emigrierten aus Irland in den Großraum New York, sein Vater arbeitete als Schulbusfahrer, die Mutter als Sekretärin; beide Elternteile verstarben früh. In seiner Jugend trieb sich der Schriftsteller laut eigenen Angaben als Gelegenheitsfixer, Schulschwänzer und Punk herum. „Von dem Moment an, da ich meine Neigung und mein Talent fürs Schreiben erkannte, setzte ich alles daran, es zu meinem Lebensinhalt zu machen“, erinnerte er sich 2005 an die Zeit der Adoleszenz: „Schreiben wurde eine Obsession, die ich als Junkie niemals hätte ausleben können.“

1972 veröffentlichte Boyle, der damals auch seinen Mittelnamen John in Coraghessan, den Nachnamen eines entfernten Verwandten, änderte, seine erste Kurzgeschichte „The OD & Hepatitis RR or Bust“ in der angesehenen „North American Review“; sein Literaturstudium schloss er 1977 mit der Promotion in britischer Literatur des 19. Jahrhunderts ab, wobei er anstelle einer Dissertation eine Sammlung eigener Texte einreichte, die er später in dem Erzählband „Descent of Man“ (1979) veröffentlichte. 1981 erschien Boyles erster Roman, die parodistische Dickens-Hommage „Water Music“, die bereits von jener satirischen Handschrift geprägt war, die später zum Markenzeichen des Autors werden sollte. Seinen internationalen und kommerziellen Durchbruch erzielte Boyle mit seinem dritten Roman „World’s End“ (1987), der ein 300 Jahre umfassendes Panorama US-amerikanischer Historie entwarf. In seinem umfangreichen, inzwischen 14 Romane und etliche Kurzgeschichtenbände umfassenden Werk widmet sich Boyle, der seit Jahrzenten als ordentlicher Professor an der University of Southern California in Los Angeles „Creative Writing“ lehrt, mit Vorliebe gesellschaftspolitisch relevanten Themen: Drogenproblematik („Grün ist die Hoffnung“, 1984), Gesundheitskult („Willkommen in Wellville“, 1992), Psycho-analyse („Riven Rock“, 1998), Umweltschutz („Ein Freund der Erde“, 2000), Hippie-Kultur („Drop City“, 2003), Prüderie („Dr. Sex“, 2004) und Identitätssuche („Talk Talk“, 2006). Mitte September wird T. C. Boyle Wien einen Besuch abstatten. Im Rahmen der Gratisbuchaktion „Eine Stadt. Ein Buch“ erscheint sein 1995 publizierter Roman „América“, die tragikomische Geschichte der Begegnung eines illegalen Immigrantenehepaars mit einer saturierten US-Familie, in einer Auflage von 100.000 Exemplaren.