Tarzan war die Schlimmste

Eine 70-jährige Frau sucht das Verlies ihrer Jugend. Nonnen hatten sie wochenlang hier eingesperrt, um sie zur Besinnung zu bringen.

Sie wollte an diesen finsteren Ort zurück. Erika Sommer* hat alles in ihrem Kopf durchgespielt. Sie würde das Kirchenschiff betreten, seitlich eine Treppe hinuntersteigen, muffigen Kellergeruch einatmen. Dann würde sie vor der Korrekturzelle stehen, wo sie wochenlang auf dem kalten Lehmboden saß. Sie hatte panische Angst, hierherzukommen, doch etwas in ihr sehnte sich auch danach. Vielleicht würde sie hier endlich weinen können, wie sie es nie konnte: „Einfach alles aus mir herausweinen.“

Vor zwei Wochen stand die zierliche 70-jährige Frau auf dem Grundstück des ehemaligen Erziehungsheims Wiener Neudorf. Es galt als übelste Anstalt für Mädchen, das, was Kaiserebersdorf für Burschen war. Nur wenig erinnerte sie hier noch an früher: Der Stacheldraht und die Glasscherben auf der Klostermauer sind verschwunden. Das Wirtschaftsgebäude, wo die Heimmädchen bis zum Umfallen arbeiteten, ist eine riesige Baustelle. In dem Gebäude, in dem die Schlafsäle lagen, ist heute die Polizei untergebracht. Vom Gotteshaus und dem Verlies im Keller blieb eine Ruine. Der Eingang ist mit Brettern zugenagelt.

Erika Sommer war die Jüngste von fünf Geschwistern, ein Sechsmonatskind, die Mutter verhöhnte sie als „aufgezogene Nachgeburt“. Als sie 17 war, nahm der betrunkene Vater ein Messer und versuchte, sie zu vergewaltigen. Sie wehrte sich. Er kam für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Die Familie hasste das Mädchen dafür. Es kam in ein Erziehungsheim in der Nähe von Wien, in die Obhut der Kongregation der Schwestern vom Guten Hirten.

Als Heimmädchen musste sie alles Persönliche ablegen. Sie wurde in karierte Kleider, Wollstrümpfe und zu große Schlapfen gesteckt. Richtige Schuhe gab es für ihre winzigen Füße nicht.

Die 17-Jährige war in einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen. Sie weigerte sich zu beten, nannte die Nonnen „Pinguine“, den Pfarrer „Tabernakelwanze“ und schlug zurück, wenn sie geprügelt wurde. Bald fiel sie einer grobschlächtigen Schwester in die Hände, die Erika Sommer bis heute „Tarzan“ nennt: „Sie war die Schlimmste von allen.“

Beim Mittagstisch riss das Mädchen der Schwester den Schleier herunter. Dafür musste sie „Ab in die Besinnung!“. Die Anwendung körperlicher Gewalt war älteren Zöglingen überlassen. Ein paar Mädchen zerrten sie zur Kirche. Dann wurde es finster und kalt. Zwei Tage lang. Erika Sommer kratzte sich die Fingernägel blutig, schrie und heulte. Das hohe Gewölbe der „Korrekturzelle“ – kurz „Kurrie“ – schluckte alles. Ohne Decke saß sie auf dem feuchten Kellerboden. In das winzige Verlies passte mit Mühe eine Matratze, die ihr am Abend gebracht und am Morgen weggenommen wurde. Eine Lücke, nicht größer als ein Ziegelstein, gab ein Stück Himmel frei: „So hab ich wenigstens gesehen, ob Tag war oder Nacht.“

Papa Ringel.
„Tarzan“ ließ sie fortan nicht mehr los. Einmal musste Erika Sommer mitten in der Nacht mit Fetzen und Kübel in ihrer Kemenate antreten, Boden putzen und Möbel abwischen. Danach sei es zum ersten sexuellen Übergriff gekommen, einem von mehreren: Die Schwester habe ihren Schwesternkittel hochgehoben und sich befriedigen lassen. Erika Sommer hatte gehofft, danach Ruhe vor der Schwester zu haben: „Sie wurde nur noch grauslicher.“

Dreimal versuchte Erika Sommer, sich das Leben zu nehmen. Beim ersten Mal schnitt sie mit einem Messer quer über ihren linken Unterarm. Als sie aus dem Krankenhaus zurückkam, lachte „Tarzan“ sie aus: „Du kannst dich nicht einmal umbringen.“ Beim nächsten Mal setzte sie das Messer dann schon der Länge nach an.

Einmal im Monat schaute der Psychiater Erwin Ringel nach den Heimmädchen in Wiener Neudorf. Erika Sommer nannte ihn „Papa Ringel“. „Du willst dir das Leben nehmen? Ich zeige dir Menschen, die wirklich krank sind“, sagte er. Sie plärrte: „Soll ich mich schlagen lassen? Die Schwester schlecken?“ Er steckte sie für zwei Wochen in den Kinderpavillon am Steinhof, wo sie sich, anders als die jungen Patienten, die, fest verschnürt in Leintücher, bewegungslos in ihren Gitterbetten saßen, frei bewegen durfte.

Zurück im Heim, dachte sie nur noch an Flucht. Einmal hatte sie bereits versucht, über die Klostermauer zu entkommen. Der Ausbruchsversuch kostete sie 14 Tage in der „Kurrie“. Trotzdem wagte sie einen zweiten Ausbruch. Sie schlüpfte unter die Plane eines Lkw, der Anstaltswäsche ins Heim nach Kaiserebersdorf brachte, wickelte sich in Bettzeug ein und sprang in einem günstigen Moment von der Ladefläche. Wieder kam sie nicht weit. Wieder bekam sie 14 Tage. „Dieses Mal war mir das schon egal“, sagt sie. Sie habe in dem Kellerloch tagelang gesungen, geflucht, sich mit den Spinnen unterhalten. Als eine Schwester nachschaute, ob das Mädchen sich besonnen hatte, warf es mit dem Urinkübel nach ihr: „Ich kam eben nicht zur Besinnung.“

Kinderlos.
Das Verlies wurden zu einem Ort perverser Geborgenheit: „Hier gab es wenigstens keine Pinguine.“ Von der Kellerkälte entzündeten sich ihre Eierstöcke. Die Ärztin im Krankenhaus in Mödling konstatierte trocken: „Kinder wirst du keine mehr kriegen.“ Als Erika Sommer 19 war, sah sie kein Licht mehr. Sie zertrümmerte einen Badezimmerspiegel und schnitt sich mit der Glasscherbe die Schlagader auf. Noch heute sind an ihrem Hals die Narben zu sehen.

Niemand hatte ihr gesagt, ob und wann sie je entlassen würde. Es war an ihrem 20. Geburtstag: „Erika, bitte an die Pforte.“ Dort wartete ein Karton mit ihren privaten Sachen. Die Kleider passten noch. So stand sie auf der Straße. Ein Freund, den sie vor einigen Jahren kennen gelernt hatte, lud sie ins Auto. Er war in den Heimjahren ihre einzige Stütze gewesen, hatte Pakete und steigenweise Orangen geschickt. „Für mich war er der gute Engel. Ohne ihn gäbe es mich heute nicht mehr.“

Erika Sommer kam nie wieder nach Wiener Neudorf.
Bis vor zwei Wochen. Sie arbeitete in der Plastikschweißerei ihres Freundes, redete mit ihm über ihre Erlebnisse und lernte, mit den Folgen zu leben. Bis heute wird sie unter vielen Menschen leicht panisch. Sie meidet öffentliche Verkehrsmittel. Und wenn sie einmal im Jahr eine Runde am Christkindlmarkt dreht, klammert sie sich an ihren Mann. Er erledigt die meisten Einkäufe.

Vor sieben Jahren fuhr sie mit ihrem Mann nach Kreta. Er liebt alte, verfallene Klöster. Gemeinsam klapperten sie die Bergdörfer des Idagebirges ab. Erika Sommer hatte nach ihrer Entlassung alles Kirchliche gemieden. Sie betrat kein Kloster. Auf Kreta wollte ihr Mann, der bisher nie nachgefragt hatte, plötzlich den Grund wissen. Gemeinsam setzten sie sich auf einen Felsen. Je mehr Erika Sommer erzählte, umso stiller wurde er. Als sie ihren Kopf an ihn lehnen wollte, drehte er sich weg. Auf der Fahrt ins Hotel sprach er kein Wort. „Meine Ehe ist zerbrochen“, sagt sie. „Seither leben wir nebeneinander her.“

Schwarzes Loch.
Erika Sommer zog in die Küche, wo ein kleiner Ofen im Winter heizt. Sie räumte ihren PC in den winzigen Raum. Die meiste Zeit sitzt sie und qualmt eine Zigarette nach der anderen. Ihr Mann schlug sein Quartier im Wohnzimmer auf. Dort sitzt er jeden Abend stundenlang vor dem Fernseher. Sie hat zu diesem Zeitpunkt längst ein Rohypnol genommen und sich in ihr „schwarzes Loch“ zurückgezogen.

Nach der Klostertour in Kreta ließ Erika Sommer vor dem Schlafzimmerfenster Bretter anbringen und dunkle Stoffbahnen aufhängen. Es ist hier so finster wie in der „Kurrie“. Manchmal dachte sie daran, das Rohypnol abzusetzen, weniger zu trinken, eine Therapie zu machen. Inzwischen hat sie sich in ihrem „schwarzen Loch“ eingerichtet: „Hier kann mir nichts passieren.“

Niemand könne wiedergutmachen, was man ihr angetan habe, sagt sie. Sie habe drei Jahre ihres Lebens verloren, die in keinem Dokument aufscheinen und die ihr später bei der Pension fehlten. Vor zwei Wochen erklärte Erika Sommer vor der Ombudsstelle der Kirche: „Der Orden soll für diese Zeit bezahlen.“ Es sei ein „unangenehmes Gespräch“ gewesen. Ein paarmal habe sie geschluckt und ein bisschen geweint. So richtig geweint hat Erika Sommer wieder nicht.