Thomas Bernhard: Wie wird sein Werk verwaltet?

Vor 50 Jahren erschien mit Thomas Bernhards Roman "Frost“ ein Schlüsselwerk der österreichischen Nachkriegsmoderne. Der streitbare Schriftsteller ist seit seinem frühen Tod 1989 als Klassiker kanonisiert. Aber wie wird sein Werk verwaltet? Eine Bernhard-Recherche in Straßenbahnen, Archiven und Stiftungsbüros.

Das Vehikel aus Stahl und Plastik, das in Thomas Bernhards Schreiben Spuren hinterlassen hat, ruckelt von Station zu Station, passiert Haltestellen mit Namen wie "Grüner Wald“ und "Rosenkranz“. Es herrscht aufgeräumte Stimmung in der Lokalbahn mit den rot-gelben Polsterbezügen. "Ernst, lasst uns eh aussteigen?“ Zwei Ortsansässige, die Sonnenbrillen mit untertassengroßen Gläsern tragen, treiben mit dem Chauffeur vor dem nächsten Halt Scherze. Spaß muss sein, auch wenn niemand lacht.

Vor wenigen Jahren war die Straßenbahn in Gmunden, mit acht Haltepunkten eine der kürzesten der Welt, von der Einstellung bedroht, nicht zum ersten Mal in ihrer 100-jährigen Geschichte. Gut möglich, dass Thomas Bernhard mit seinem letzten zu Lebzeiten publizierten Text zum Erhalt des Zuckelzugs beigetragen hat. Mitte Januar 1989 ließ der Schriftsteller, wie immer gut verborgen hinter der Maske der Ironie, die Leserschaft der "Salzkammergut-Zeitung“ in einer Zuschrift wissen, dass er jedes Mal, wenn er aus dem Ausland zurückkomme, in "eine der allerschönsten Gegenden der Welt“ heimkehre: "Gerade diese Straßenbahn ist eines der markantesten Wahrzeichen der Stadt, und ich benütze sie regelmäßig mit dem größten Vergnügen.“ Die Tram am Traunsee sei nicht nur "der Zeit gemäß, sondern dazu auch noch weit voraus“, schrieb Bernhard im Leserbrief.

Vorausblickend hatte sich Bernhard, der am 12. Februar 1989, erst 58-jährig, nach jahrelanger schwerer Krankheit in seiner kleinen Wohnung in Gmunden starb, in seinem letzten Willen über den Tod hinaus perfekt inszeniert. Er legte den Bannstrahl des Vergessens über Person und Werk: Keines seiner Worte, "weder aus dem von mir selbst bei Lebzeit veröffentlichten noch aus dem nach meinem Tod gleichwo immer noch vorhandenen Nachlass“, so Bernhard kurz vor seinem Ableben, dürfe im Rahmen der Gültigkeit des gesetzlichen Urheberrechts, also bis 2056, innerhalb der Grenzen Österreichs veröffentlicht werden. Seit 1989 sind dennoch über 20 Bernhard-Bücher erschienen, darunter die nahezu abgeschlossene Werkausgabe sowie im Nachlass entdeckte Texte wie "Meine Preise“ (2009), Bernhards gesammelte Scheltreden anlässlich zahlreicher Auszeichnungen.

Es scheint fast so, als wollten die Nachlassverwalter die Nichtachtung von Bernhards letztem Wunsch mit mustergültigen Buchausgaben samt hochprofessionellem Internet-Auftritt kompensieren. Zwar gibt es Postkarten, die Bernhards ehemalige Häuser zeigen, die in jahrelanger Arbeit vom Autor selbst renovierten Trutzburgen in Ottnang, am Grasberg und in Ohlsdorf, 15 Fahrminuten vom Gmundner Gemeindezentrum entfernt. Vor einigen Jahren erschien zudem Bernhards wuchtige Künstlersaga "Alte Meister“ als publikumswirksamer Comic-Roman, sogar ein "Thomas-Bernhard-Weg“ rund um Ohlsdorf wurde 2008 eröffnet. Der weitaus überwiegende Teil des Bernhard-Business wird allerdings bis heute von der Herausgabe fachkundig kommentierter Texte des Schriftstellers selbst bestimmt.

"Argumente eines Winterspaziergängers“
, die jüngste der postumen Bernhard-Publikationen, fügt sich da formidabel ein. Zum 50-jährigen Erscheinen von Bernhards Romanerstling "Frost“ präsentiert der Band zwei Vorstufen zu jenem Schlüsselwerk der heimischen Nachkriegsmoderne, in dem der Maler Strauch, weitschweifige Wortkaskaden und Schimpfkanonaden abfeuernd, durch die verschneite Umgebung eines Salzburger Dorfs stapft, begleitet und beobachtet von einem Medizinstudenten: die Erforschung einer schleichenden Geisteszerrüttung am lebenden Subjekt. "Argumente eines Winterspaziergängers“ zeigt, dass Bernhard, dieser grandiose Stilisierungsspezialist, nicht von Beginn an jene überlebensgroße Künstlerfigur war, als die er sich später gern darstellte.

Haltestelle Kuferzeile.
Der Tramlenker wuchtet den Steuerknüppel in die Neunzig-Grad-Stellung, die Bahn bleibt stehen. Von hier aus ist das Thomas-Bernhard-Archiv, das 2001 eröffnete Zentrum der Bernhard-Forschung, in wenigen Gehminuten erreichbar, vorbei am Yachtclub, der in Goldschnörkelschrift sein 125-jähriges Bestehen annonciert, vorbei an einem burgähnlichen Bau, der einst die Hauptrolle in einer TV-Endlosserie spielte, vorbei an Anwesen, die sich unter hohen Bäumen ducken und auf deren Mauern große Schilder angebracht sind, die "Privatbesitz“ und "Betreten verboten“ signalisieren. Thomas Bernhard liebte die verschärfte Form des Landlebens.

Das Bernhard-Archiv ist in der Villa Stonborough-Wittgenstein untergebracht, einer ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger, die heute einen Steinwurf vom Kongresszentrum am See liegt, einer mittelschweren Bausünde des vergangenen Jahrhunderts mit angeschlossenem Café. In ihrer auf Funktion und Form reduzierten Anmutung wirkt die Dokumentensammlung dagegen wie von Bernhard selbst entworfen. In einem der karg eingerichteten Räume, einer Art Dauerschau, werden gescannte Manuskripte hinter Glas gezeigt, in chronologischer Entstehungsfolge. Das Gedicht "Die Königin der Städte“ ist ein Beispiel für Bernhards frühes Schreiben. "Du schönste Stadt am Salzachfluss, / Ich schloss dich in mein Herz, / Trotz täglich starkem Regenguss, / Und kindlich hartem Schmerz“, besingt er um 1948 Salzburg. Mit Bleistift hat der Schriftsteller Johannes Freumbichler, Bernhards Großvater und Künstlervorbild, handschriftlich die Beurteilung "Gut“ auf dem Blatt hinterlassen. "Bernhards literarische Äußerungen zu Salzburg haben sich später bekanntlich geändert“, kommentiert Martin Huber trocken.

Huber, Jahrgang 1963, zählt zu den führenden Bernhard-Spezialisten. Als Leiter des Archivs hat Huber jederzeit ungehindert Zugang zu jenem mannshohen Tresor mit den blauen Schachteln, in denen der gesamte Bernhard-Nachlass lagert. Den langen Schlüssel mit dem vielzackigen Bart trägt er immer bei sich. Im Karton "W1/1-W2/1“ sind die sechs Manuskriptmappen von "Frost“ untergebracht. Die rund 1500 Bücher aus Bernhards Privatbibliothek füllen die Wände eines Archivraums. Huber formuliert bedächtig, die markant schwarze Brille verleiht seinem Gesicht eine gewisse Strenge. "Vom Nestbeschmutzer zum Säulenheiligen“, so hat er sein geplantes Referat für eine Jubiläumsveranstaltung überschrieben. Er überlegt, den Titel umzuarbeiten. "Zu plakativ.“ Das Wort "naturgemäߓ verwendet Huber seit Jahren nicht mehr, zum "Kanonisierungsprozess“, zur "Klassikerwerdung“, zur "Popularisierung“ Bernhards kann er lange Monologe halten - die er mit dem Hinweis, keinesfalls in ein Monologisieren à la Bernhard verfallen zu wollen, beendet. Huber versteht sich nicht als bloßer Bewahrer einer heiklen literarischen Erbmasse, eher als Erforscher tausender Nachlassblätter, von denen ein gutes Drittel - darunter viele Gedichte aus der Frühzeit - bislang unveröffentlicht sind.

Alleinerbe dieses Gesamtwerks ist Bernhards Halbbruder Peter Fabjan. Der ehemalige Internist wohnt bis heute in Gmunden; er bestimmt, was mit der Dichter-Hinterlassenschaft passiert. 1998 wurde auf Fabjans Initiative die Thomas-Bernhard-Privatstiftung gegründet, die von einem abgelegenen Büro in der Wiener Blutgasse aus Anfragen verwaltet, Symposien organisiert, die Verbreitung des Werks im In-und Ausland fördert. Die ehemalige Diplomatin Marie-Christine Baratta-Dragono ist die Generalsekretärin der gemeinnützigen Einrichtung. In der Blutgasse arbeitet die Französin an einem Schreibtisch des Dichters, umgeben von Möbelstücken in dunklem Holz, die Bernhard selbst entworfen und in Auftrag gegeben hatte. "Die Sprengkraft vieler seiner Schriften hat sicher etwas nachgelassen“, sagt Baratta-Dragono, die Bernhard früh in französischer Übersetzung las: "Bernhard wird jedoch nie Konsensfigur sein.“ Sie nickt energisch, sie waltet ihres Amtes. Der Klassikerverehrung ist der Autor, der diese Art der Wertschätzung gern ins Lächerliche zog, gleichwohl ausgesetzt. Sein Werk wurde in 40 Sprachen übersetzt, die Verkäufe sind konstant hoch, auf vielen europäischen Bühnen wird er gespielt.

Die Bernhard-Prosawelt ist erforscht und ausgelotet, jeder Stein umgedreht. Übertreibungsspezialist. Komiker. Misanthrop. So oder so ähnlich lauten die Umschreibungen, mit denen Bernhard seit Jahren in Forschung und Medien bedacht wird. Ein Mann sitzt als stummer Beobachter im Ohrensessel ("Holzfällen“), ein Ich-Erzähler lebt abgeschieden auf einem Gehöft ("Beton“), ein anderer macht sich auf die verzweifelte Suche nach der "Neuen Zürcher Zeitung“ ("Wittgensteins Neffe“), und Fürst Saurau beklagt auf Burg Hochgobernitz seine Existenz ("Verstörung“): Bernhard breitete in seinen Büchern kaum je komplexe Fabeln aus. Als Virtuose einer Verfinsterungsprosa, die das Dasein zur Kenntlichkeit entstellt, operierte er mit einer Weltsicht, die keine Farben und Formen wahrnehmen ließ, einzig dem Gestus des Niederreißens und Niederredens verpflichtet scheint. Kunstwelt und Lebenswirklichkeit sind bei Bernhard bisweilen schwer zu unterscheiden. Im Zweifel gab Bernhard der Kunstwelt den Vorzug.

"Aufgeblasenes Nix!"

Etliche literaturwissenschaftliche Tiefenbohrungen sind indes noch ausständig. "Argumente eines Winterspaziergängers“ zeigt deutlich, dass dem Romandebüt zahllose, oft gescheiterte Schreibversuche vorausgingen. Ein ursprünglich mit "Frost“ überschriebenes Gedichte-Manuskript wurde von den Verlagen ebenso abgelehnt wie zwei Vorstufen des Romans. "Dreckroman! Mist! Wie kann so was passieren?“, ist als undatierte handschriftliche Notiz Bernhards auf einem der Archivblätter zu finden: "Aufgeblasenes Nix! Ja, du Idiot!“ Erste Entwurfstudien für Bernhards letzten Roman "Auslöschung“ (1986) finden sich auf der Bedienungsanleitung einer Waschmaschine. Auf einem Skizzenblatt für "Heldenplatz“ hat sich ein mit Kugelschreiber eingekreistes Zitat erhalten, um das herum der Autor offenbar sein Stück entwickelte: "Die Österreicher insgesamt als Masse / sind heute ein brutales und dummes Volk.“

Die Zukunft des Archivs ist vertraglich bis 2022 abgesichert. Noch im Vorjahr fanden um das Haus öffentlich ausgetragene Querelen statt, die freilich im Vergleich zu den medialen Hetzkampagnen, die 1988 Wochen vor Bernhards "Heldenplatz“-Premiere losgebrochen waren, wie kaum vernehmbares Echo wirkten. Schnell fand sich eine Lösung: Das Land Oberösterreich stellt nun die Liegenschaft unentgeltlich zur Verfügung. Die Privatstiftung, das Literaturarchiv Salzburg und das Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich teilen sich die Kosten des Forschungsbetriebs. "Wenn ich heute Studenten von den damaligen Geschehnissen rund um die Premiere von, Heldenplatz‘ erzähle, habe ich manchmal den Eindruck, für sie ist das ungefähr so, als ob ich ihnen vom Bau der Pyramiden berichte“, erklärt Martin Huber und rückt den Kulturkampf um Bernhards letztes Theaterstück ins Historische. "Ich dagegen meine mich beispielsweise an die Fotomontage des brennende Burgtheaters auf dem Cover der, Kronen Zeitung‘ zu erinnern, als wäre es gestern gewesen.“ Die Geschichten der vielen Bernhard-Eklats sind oft erzählt und variiert worden. 1955 fand das erste Gerichtsverfahren gegen Bernhard statt - wegen Ehrenbeleidigung; 1968 sorgte er mit seiner Rede zur Verleihung des österreichischen Staatspreises für Aufsehen: Es sei, behauptete er damals, alles lächerlich, wenn man an den Tod denke. 1972 folgte der sogenannte "Notlichtskandal“ bei der Aufführung von "Der Ignorant und der Wahnsinnige“, und 1984 wurde der Roman "Holzfällen“ vorübergehend beschlagnahmt. Bernhard war stets bestrebt, den engen Bezirk der Literatur zu verlassen und mit seinen Büchern gleichsam Außenwirkung zu erzielen, so oder so.

Vor mehr als 35 Jahren wurde Thomas Bernhard gefragt, wie er es denn mit der Ewigkeit halte. Für diese sei überhaupt nichts geschaffen, antwortete er kühl. "Vergänglichkeit ist auch etwas Schönes. Es gibt ja nichts Furchtbareres als ewig Bestehendes.“ Vielleicht, so rätselte der Autor damals, könnte seinem Werk jedoch Ewigkeit widerfahren. Er rechne einstweilen mit "mittlerer Ewigkeit“.