Die Monarchie geht unter

Vor einhundert Jahren versank der vermeintlich unsinkbare Luxusliner Titanic im Nordatlantik. Unter den mehr als zweitausend Menschen an Bord waren auch zahlreiche Passagiere aus dem damaligen Österreich-Ungarn. profil hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht. Zu entdecken sind faszinierende Geschichten vom Überleben und vom verzweifelten Abschiednehmen.

Die abgetragenen Lederschuhe der vierjährigen Luise Gretchen Kink, in der Panik auf dem sinkenden Schiff knapp nach Mitternacht des 15. April 1912 eilends geschnürt: An der Hand ihres Vaters, eines Auswanderers aus der Steiermark, schaffte es das Mädchen von der dritten Klasse tief unten im Schiffsbauch ans Oberdeck – und in ein Rettungsboot.

Eine zerschlissene Rettungsweste: Den einzigen österreichischen Steward an Bord der Titanic hat sie nicht gerettet. Heinrich Wittmann ist wie Hunderte andere nach dem Untergang der Titanic im eisigen Wasser hilflos erfroren. Auf den nur halb vollen Rettungsbooten hatte man die Lichter gelöscht, an denen sich die verzweifelt auf dem Meer treibenden Menschen hätten orientieren können – aus Angst, sie könnten die Boote zum Kippen bringen. In Wittmanns Jacke steckten noch die Schlüssel der Erste-Klasse-Kabinen, die er betreut hatte.

Der Brillantschmuck von Charlotte Wardle Cardeza: Die extravagante amerikanische Globetrotterin erregte damit im Wiener Ringstraßenhotel Bristol Aufsehen, bevor sie mit Sohn, Zofe und Sekretär in einer der Luxussuiten auf der Titanic eincheckte. Die Juwelen wurden bei einer Expedition zum Schiffswrack in mehr als 3800 Meter Tiefe gefunden, sie befanden sich im Lederbeutel eines Passagiers der ersten Klasse, er hatte sie im Chaos der letzten Stunden offensichtlich gestohlen. Sie werden Anfang April bei der spektakulären Titanic-Auktion Tausender geborgener Artefakte in New York versteigert.

Jedes Stück von der Titanic erzählt eine eigene Geschichte. In Nordamerika galt das Interesse vor allem den Multimillionären an Bord des Luxusschiffs. Dass der Industriemagnat Benjamin Guggenheim seine Mätresse in einem Rettungsboot unterbrachte und sich dann von seinem Butler Abendgarderobe reichen ließ, um „als Gentleman unterzugehen“, fand in der Neuen Welt Bewunderung – als leuch­tendes Beispiel eines vergehenden galanten Heldentums.

In Großbritannien wurde das Ende des stolzen Dampfschiffs mit dem Untergang des Edwardianismus gleichgesetzt – jener beinharten Klassengesellschaft des britischen Empire, deren Spitze ihren Luxus und das selbstverständliche Bewusstsein der eigenen Überlegenheit auf dem Promenadendeck zur Schau trug, die aber auch bis ins Unterdeck reichte, wo die stolzen schottischen Bergleute mit den Skandinaviern kein Wort wechselten, weil diese in den Minen Nordamerikas traditionell nur die Loren beluden.

Die Geschichte der gut fünfzig Menschen aus Österreich-Ungarn, die mit der Titanic reisten, ist eine Geschichte von Auswanderern. Sie bildeten einen Mikrokosmos, ein Spiegelbild der k. u. k. Donaumonarchie. Ein jüdischer Auswanderer der ersten Stunde, der in der Neuen Welt bereits einen Namen und ein Vermögen hatte. Ein Österreicher, der in Westeuropa das Geld für den großen Sprung zusammengespart hatte. Ungarn, Bosnier, Kroaten , Böhmen, die für die Schiffspassage unter großer Entbehrung den Wert mehrerer Monatslöhne zusammengelegt hatten. Sie waren keine Celebrities, deren Schicksal nach der Katastrophe zur Sensation getaugt hätte, weshalb sich die „Neue Freie Presse“ auch lieber der amerikanischen Millionärsfamilie Cardeza zuwandte, die damals zu den besten Kreisen der Wiener Gesellschaft zählte.

Die Wiener Diplomatie brauchte eine ganze Weile, bis sie aktiv wurde. Erst vier Tage nach dem Untergang telegrafierte k. u. k. Generalkonsul Gustav Graf Sizzo-Noris aus London: „Schiffsliste … enthält zirka 50 Personen mit kroatischen Namen, die als Dritte-Klasse-Passagiere eingeschifft waren.“

In den Ländern der Donaumonarchie und in der damaligen Kaiserstadt Wien waren Armut und Arbeitslosigkeit weit verbreitet, es herrschte zunehmende Unsicherheit. Zum Zeitpunkt der Titanic-Katastrophe hatte der Weg des Kontinents in den Ersten Weltkrieg längst begonnen. Vor allem am Balkan spitzte sich die Lage zu: Zu seinem Namenstag am 4. Oktober 1908 hatte Kaiser Franz Joseph die von Österreich-Ungarn verwalteten (aber dem Osmanischen Reich zugerechneten) Provinzen Bosnien und Herzegowina per Dekret annektiert. Die politisch und wirtschaftlich geschwächte Doppelmonarchie wollte Stärke demonstrieren – und riskierte schwere diplomatische Spannungen mit Großbritannien, Russland und Serbien, die sie am Ende nur dank der Rückendeckung durch das Deutsche Reich überstand. Die politischen Allianzen verfestigten sich, der Weltkrieg rückte mit den Balkankriegen 1912/1913 in greifbare Nähe: Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland kämpften protegiert von Russland zunächst gegen das Osmanische Reich, danach um die gewonnenen Gebiete gegeneinander.

Die Neue Welt dagegen, das gelobte Land Amerika, versprach Arbeit, Sicherheit, Freiheit und eine Möglichkeit, jene daheim zu unterstützen. Die Emigranten, die sich im April 1912 auf der Titanic einschifften, waren auf der Suche nach einem neuen, besseren, friedlicheren Leben. Viele von ihnen verloren es schon auf der Überfahrt.

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Mathilde Françoise Weisz war mit sich zufrieden. Nach dem Diner hatte die passionierte Sängerin im Speisesalon der zweiten Klasse das melancholische irische Volkslied „The Last Rose of Summer“ vorgetragen, nun wollte sie an Deck der Titanic den kristallklaren Sternenhimmel dieser winterlichen Sonntagnacht genießen. Es war überraschend kühl, Mathilde Weisz sagte, sie fühle sich unheimlich. „Ich nehme an, wir sind im Eis“, meinte ihr Mann.

Das Paar wollte nach Montreal, Kanada, wo der 36-jährige Leopold Weisz bereits einen hervorragenden Ruf als Steinmetz hatte: Von ihm stammt der Fries auf dem örtlichen Museum of Fine Arts, der Bauboom in Quebec versprach ihm weitere Aufträge. Weisz kam aus einer ungarisch-jüdischen Familie. Als diese 1889 nach Wien auswanderte, gab sein Vater als Beruf Handfertigung von Schuhen an. Die beiden Töchter lernten Schneiderei, Sohn Leopold hatte es an die Bromsgrove Guild of Arts in England gezogen. Dort hatte er auch seine Frau, sie war gebürtige Belgierin, kennen gelernt.
Die Nacht des 14. April 1912 sollte für die beiden ihre letzte gemeinsame sein. Als sie in ihre Zweite-Klasse-Kabine zurückkehrten, spürten sie ein Zittern durch das Schiff laufen. Über den Horror der folgenden Stunden hat Mathilde Weisz nie gesprochen. Nach der Order, Frauen und Kinder zuerst, war wohl auch Leopold Weisz der Platz in einem Rettungsboot verwehrt worden. Titanic-Überlebende erinnerten sich an die Verzweiflungsschreie seiner Frau „Mon pauvre Leopold“ im Morgengrauen des nächsten Tages: An Bord des Ozeandampfers Carpathia, der die Schiffbrüchigen aufgenommen hatte, suchte die 37-Jährige rastlos nach ihrem Mann.

Gewissheit bekam sie nach zwei Wochen:
Leopold Weisz’ Leichnam wurde geborgen, nach Halifax gebracht und anhand des Monogramms „W. L.“ auf seinem Hemd identifiziert. Dass in seinem Mantel Gold im Wert von 15.000 Dollar eingenäht war, rettete seine Witwe davor, als mittellose Einwanderin abgeschoben zu werden. Mathilde Weisz ließ sich in Montreal nieder. Während des Ersten Weltkriegs trat sie bei Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten Belgiens auf und wurde von Belgiens König dafür mit einem hohen Orden ausgezeichnet.

Leopold Weisz’ Wiener Familie erhielt als Entschädigung für den Verlust ihres Sohnes Spenden aus englischen Hilfsfonds sowie 600 Dollar aus dem Vergleich mit der White Star Line. Weisz’ Schwestern Julie Weisz und Emma, verheiratete Posament, wurden nach Auskunft der Israelitischen Kultusgemeinde während des Nationalsozialismus nach Riga deportiert. Den Zug in die Vernichtung hatten sie im Jänner 1942 besteigen müssen, dreißig Jahre nach dem Untergang der Titanic.

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Auch unter den Crewmitgliedern der Titanic befand sich ein Österreicher: Heinrich Wittmann, geboren in Wien, lebte seit Längerem in Southampton, war dort verheiratet und Vater zweier Kinder. Auf der Titanic hatte er als Steward angeheuert. Dass der 34-Jährige für eine ganze Reihe von Erste-Klasse-Kabinen zuständig gewesen war, erschloss sich erst durch den Fund seines Leichnams: In Wittmanns Uniform steckte ein Schlüsselbund. Er war einer der letzten von insgesamt mehr als dreihundert Toten, die, zwischen verwaisten Rettungsbooten auf der trümmerübersäten Meeresoberfläche treibend, in den Tagen nach dem Untergang geborgen wurden. Als Erstes war aus Halifax, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia, ein Kabellegerschiff mit mehr als einhundert Särgen, Tonnen an Eis und Gewichten für Seebestattungen ausgelaufen. Die Mannschaft war auf das Schlimmste eingestellt. Überfordert mit den vielen Toten an der Unglücksstelle, rief man nach einem weiteren Schiff, doch dessen Auslaufen verzögerte sich, weil weitere Särge gezimmert werden mussten. 128 Opfer wurden auf See bestattet. Als die Schiffe nach Halifax zurückkehrten, zeigte sich der Untergang noch einmal in seinem ganzen Schrecken. Aus der „Nova Scotian Evening Mail“ vom 31. April 1912: „Die ersten Körper, die an Land getragen wurden, waren jene der Crew. Sie waren nicht einbalsamiert und auch nicht in Leichensäcke gehüllt (man hatte sie auf Eis gelagert) und boten einen grauenhaften Anblick, unmöglich, ihn zu beschreiben.“ Die Klassenordnung galt bis in den Tod: Opfer der zweiten und dritten Klasse wurden in Leichensäcke gehüllt, jene aus der ersten Klasse in Särgen an Land gebracht.

Steward Heinrich Wittmann wurde wie die Mehrzahl der geborgenen Titanic-Opfer auf dem Friedhof Fairview Lawn in Halifax bestattet. Die Gräber sind in Form eines Schiffsrumpfs angelegt, eine leer gebliebene Stelle symbolisiert den Riss, den der Eisberg geschlagen hatte. Ein Jahr nach Wittmanns Tod wurde in England die Unterstützung für seine Witwe und die beiden Kinder bestimmt: Sie sollte bis zum sechzehnten Lebensjahr der Kinder ausbezahlt werden und betrug etwa die Hälfte seines Gehalts von damals drei Pfund 15 Shilling. Von den aberwitzigen Summen, die einhundert Jahre nach dem Unglück für Titanic-Objekte bezahlt werden, konnte die Familie des Stewards aus Wien nicht einmal träumen. Ein Kabinenschlüssel aus der ersten Klasse erzielte vor Kurzem den Auktionspreis von 60.000 Pfund.

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Der dritte Wiener auf der Titanic hieß Wenzel Linhart, war 27 Jahre alt und von Beruf Bäcker und Gebäckausträger. Sein Meldezettel liegt noch im Wiener Stadtarchiv, Wenzel Linhart hatte sich am 7. April 1912 nach „unbekannt“ amtlich abgemeldet. Er war mit seiner Mutter aus Lhota in Böhmen in die Kaiserstadt gekommen, zusammen wohnten sie in einer kleinen Wohnung in der Leopoldstadt. Katerina Linhart war Witwe und nahm an, ihr einziger Sohn habe auf der Titanic Arbeit gefunden. Nach dem Schiffsuntergang fragte sie sich tapfer durch, Generalkonsul Alexander Nuber von Pereked berichtete Anfang Mai 1912 aus New York, die Frau habe sich nach ihrem als Steward eingeschifften Sohn erkundigt. Das Generalkonsulat in London musste jedoch vermelden, dass man für Linhart keine Entschädigungsklage nach dem „Workmen’s Compensation Act“ einbringen könne, denn er sei nur Passagier der dritten Klasse gewesen. In der Sammelklage in den USA wurden im Namen von Linharts Mutter dann 15.000 Dollar Entschädigung gefordert. Die letztlich ausgehandelte Vergleichssumme betrug 350 Dollar und sechs Cent. Zuzüglich der Spenden aus England errechnet sich die Gesamtsumme, mit der Wenzel Linharts Mutter für den Verlust ihres Sohnes entschädigt wurde, nach heutigem Wert auf 9025 Euro.

Der Leichnam des Bäckers aus Wien wurde geborgen und als „Body Nr. 298“ beschrieben: „Geschätztes Alter 32, Haare braun, leichter Bart. Kleidung: grauer Anzug, weißes Hemd mit großen roten und blauen Streifen. Effekten: Taschenbuch; Geldbörse; 220 Kronen und andere Münzen und Rechnungen. Keine besonderen Erkennungsmerkmale.“
Linharts Grab liegt auf dem Mount- Olivet-Friedhof in Halifax. Hier sind jene 19 Titanic-Opfer bestattet, von denen angenommen wurde, dass sie dem katholischen Glauben angehörten. Auf dem einfachen Granitquader, den die White Star Line später auf seinem Grab errichten ließ, stehen sein Name, sein Todesdatum 15. April 1912 und seine Fundnummer 298.

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Der Steirer Anton Kink, 29, war ein lebenslustiger und gewitzter Abenteurertyp. Seiner Unerschrockenheit ist es zuzuschreiben, dass seine kleine Familie eine der wenigen aus der dritten Klasse war, die sich von Bord der Titanic retten konnte.

Von den 708 Passagieren der dritten Klasse starben 528. Nach den US-Bestimmungen für „Emigrationsschiffe“ – und die Titanic zählte als solches – waren die Menschen im Zwischendeck völlig von der ersten und zweiten Klasse isoliert. Die Wege hinauf waren versperrt, manche der Gitter blieben bis zwanzig Minuten vor dem Untergang zu.

In die Kabine tief unter dem Schiffsbug, in der Kink mit seinem Bruder untergebracht war, sprudelte das eiskalte Meerwasser schon kurz nach der Kollision. Und während andere auf dem Zwischendeck mit den Brocken hantierten, welche die Titanic vom Eisberg geschrammt hatte, bahnten Kink und sein Bruder sich den weiten Weg nach hinten, ins Heck zu den Kabinen der Frauen. Sie weckten die kleine Luise, Kinks Frau sowie seine Schwester, schafften es irgendwie nach oben. Seit der Kollision waren bereits zwei Stunden vergangen, der Bug des Schiffs war tief eingesunken. Anton Kinks Frau und Kind fanden Platz in einem der letzten Rettungsboote, dem Notboot 2. Und obwohl es halb leer war, wurde er selbst von Besatzungsmännern abgedrängt, ließ sich in diesem Moment zwischen Leben und Tod aber nicht zurückhalten: „Meine Frau und mein Kind schrien gellend, ich dürfe nicht zurückbleiben. Ich duckte mich, zwängte mich durch die Crewmänner und sprang ins Boot, das schon hinuntergelassen wurde“ – so Kinks Erzählung, abgedruckt im „Milwaukee Journal“. Schwester und Bruder hatte er im Gedränge verloren. Wie viele Passagiere der dritten Klasse dürften sie im Schiff gefangen gewesen sein, als es tosend auseinanderbrach und unterging. Ihre Leichen wurden nie gefunden.

Die Geschichte des Steirers ist eine typische Auswanderergeschichte aus dem damaligen Österreich-Ungarn. Anton Kink floh schon als junger Mann aus den ärmlichen Verhältnissen im kleinen Mahrensdorf in der Oststeiermark, nahe der ungarischen Grenze, 1906 ging er als 23-Jähriger in die Schweiz. Dort fand er Arbeit. Zuerst als Kesselflicker, die folgende Anstellung als Magazineur in einem größeren Kaufhaus bedeutete einen Aufstieg. Nach dem Tod der Eltern kamen auch Kinks ledige Geschwister in die Schweiz: die 23 Jahre alte Maria, von Beruf Dienstmagd, und der 27-jährige Vinzenz, ein Pflasterer. Gemeinsam wollten sie nach Amerika, ein Onkel lebte in Milwaukee, Wisconsin, dem Ziel Zigtausender Emigranten aus der Donaumonarchie.

Am Ostersonntag, dem 8. April 1912
, bestieg die kleine Reisegruppe in Zürich den Schnellzug. Wie die meisten Emigranten aus dem Habsburgerreich, die sich auf der Titanic einschifften, hatten auch die Kinks ihre Tickets bei einer Auswanderungsagentur in der Schweiz gekauft, denn die White Star Line unterhielt in der damaligen Kaiserstadt Wien kein eigenes Büro. Zentrale biografische Daten der Menschen auf der Titanic sind inzwischen aus aller Welt zusammengetragen worden. Der Schweizer Titanic-Experte Günter Bäbler hat in seinem Buch „Reise auf der Titanic“ (Chronos Verlag, 1998) das Schicksal der Familie Kink und zahlreicher Schweizer auf dem Luxusdampfer im Detail nachgezeichnet. Den Auswanderern wurde von eidgenössischen Agenturen durch eifrige Unteragenten ein ganzes Paket angeboten: Die Büros kassierten auch die so genannte Kopfsteuer von zwanzig Franken, die Einwanderer in die USA zahlen mussten, organisierten die medizinische Untersuchung, Bahnkarten in die Häfen in Europa und für die Weiterfahrt in Amerika.

Anton Kink hatte sich vorab bestens informiert. Einen mitreisenden Freund machte er noch darauf aufmerksam, dass „auf dem Schiffe 100 Kilos“ Gepäck mitgenommen werden konnten und nicht nur fünfzig, wie es in seinem Vertrag mit der Agentur stand. Auch jenen Freund sollte er in den dramatischen Stunden bis zum Untergang aus den Augen verlieren, der Schweizer kam ums Leben.

Als die kleine Familie am Morgen des 15. April 1912 frierend und geschockt aus dem Rettungsboot auf den Dampfer Carpathia klettern konnte, der sich durch das Eis an die Unglücksstelle gekämpft hatte, hatte Anton Kink nichts in seinen Taschen als einige billige Schweizer Zigaretten. Die Carpathia brachte die 712 Überlebenden der Titanic durch raue See in drei Tage dauernder Fahrt nach New York. Geld für die Weiterreise erhielten die Kinks vom Onkel in Milwaukee. Dort angekommen, verließen den 29-jährigen Familienvater dann die Kräfte, er brach zusammen.

Von der Schweizer Auswanderungsagentur bekam der Österreicher 2200 Franken Schadenersatz für sein Gepäck und das seiner toten ­Geschwister. Neben verschiedenen Spenden aus britischen und US-Hilfsfonds drückte das k. u. k. Generalkonsulat Anton Kink aus der Amtskasse 145 Dollar in die Hand, die von ihm unterschriebene Quittung liegt im österreichischen Staatsarchiv. Für den Tod von Kinks Bruder meldete der k. u. k. Generalkonsul in New York bei der White Star Line eine Schadensforderung von 10.000 Dollar an, im Endeffekt zahlte das Unternehmen wenige hundert Dollar. Für den Tod der Schwester Maria Kink wurde eigenartigerweise keine Schadensforderung gestellt.

Kink pachtete eine kleine Farm außerhalb von Milwaukee, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ließ er sich scheiden, kehrte in die Steiermark zurück und heiratete wieder. 1924 wanderte er mit seiner neuen Familie nach Brasilien aus, konnte sich aber auch dort den Traum vom besseren Leben nicht erfüllen. 1939 kehrte er endgültig in die Steiermark zurück, wo er zwanzig Jahre später starb. Nach Aussagen einer Verwandten sprach er nur wenig über die Reise auf der Titanic. Seine erste Frau lebte bis zu ihrem Tod auf einer Farm in Wisconsin, weder sie noch seine Tochter Luise, die 1992 84-jährig starb, sollte Anton Kink je wiedersehen.

Kinks Enkelin Joan Randall lebt in Kalifornien. Die graue Wolldecke, in der ihre damals vierjährige Mutter im Rettungsboot eingewickelt war, und die kleinen braunen Lederschuhe wandern in Titanic-Ausstellungen um die Welt. Nach dem großen Schweigen in ihrer Familie setzt die heute 67-jährige Enkelin des steirischen Auswanderers die Puzzlesteine ihrer Familie zusammen. Lange überlegte sie, ob sie ihr Erspartes für ein neues Hausdach oder für die große Memorial-Cruise von New York zur Unglücksstelle der Titanic verwenden soll. Sie hat die Seereise gebucht und wird am 15. April Blumen ins Meer werfen.

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Die 39-jährige Tillie Taussig und ihr Mann Emil, 52, waren angesehene Mitglieder der New Yorker Gesellschaft. Regelmäßig berichtete die „New York Times“ über die Geschäfte der Familie und ihre fashionablen Hochzeiten. Die Titanic-Katastrophe kostete Emil Taussig das Leben – und seine Witwe war die erste Augenzeugin, die in der „New York Times“ mit schweren Vorwürfen gegen Kapitän Edward John Smith zitiert wurde: „Alle Frauen im Rettungsboot baten, man solle die leeren Plätze den Männern geben. Aber der Kapitän sagte, er erlaube es nicht.“

In der ersten Klasse, in der auch die Taussigs mit ihrer 18-jährigen Tochter Ruth gebucht waren, weigerten sich drei Frauen, ohne ihre Männer ins Rettungsboot zu steigen. Alle kamen ums Leben. Die bekannteste von ihnen war Ida Strauss, die mit ihrem Mann Isidor, dem Inhaber der Kaufhauskette Macy’s, an Bord geblieben war.

Auch Tillie Taussig weigerte sich, ohne ihren Mann von Bord zu gehen. Als zwei Crewleute sie von der Seite ihres Mannes rissen und über die Deckskante ins Rettungsboot fallen ließen, stieß sie einen „ungeheuren Schrei aus“. Im nächsten Moment wurde das halb leere Boot Nummer acht abgeseilt.

Emil Taussig war schon als Kind zu Beginn der großen Auswanderungswelle aus der Habsburgermonarchie nach Amerika gekommen: Sein Vater Solomon emigrierte mit seiner Familie um 1870 aus dem böhmischen Eisenbruck (Zeleny Brod) und brachte es in den USA mit der Herstellung von Kinderkleidung zu Wohlstand. Der Sohn wurde Präsident eines mittelgroßen Chemieunternehmens, er bezeichnete sich selbst stolz als „Pionier der Geruchsbekämpfung in WCs“. Tragische Ironie: Emil Taussig besaß auch Aktien jenes Unternehmens, dessen Rettungsboote an Bord der Titanic waren – und deren Benützung ihm auf Geheiß des Kapitäns verwehrt wurde, als es um Leben oder Tod ging.

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Das extravaganteste Paar auf der Titanic waren die 58-jährige Millionenerbin Charlotte Wardle Cardeza und ihr 36 Jahre alter Sohn Thomas ­Drake Martinez Cardeza aus Philadelphia. Die beiden hatten eine ihrer häufigen Afrikasafaris zwecks Großwildjagd hinter sich und waren danach zur Erholung im Ringstraßenhotel Bristol in Wien abgestiegen. Thomas Cardezas Frau Mary residierte häufig im Bristol, während ihr Mann sich auf seinem ungarischen Jagdgut aufhielt. „Missis Cardeza ist seit vielen Jahren in Österreich und Ungarn heimisch“, berichtete die „Neue Freie Presse“ nach der Schiffskatastrophe, sie warte in Wien verzweifelt auf Nachricht. Die Cardezas waren in Begleitung von Zofe und Sekretär auf der Titanic, der Transport allein ihrer gezählten vierzehn Schrankkoffer hatte selbst in der ersten Klasse für Aufsehen gesorgt, wo sie eine der beiden teuersten Suiten samt offenem Kamin und geräumiger Privatpromenade belegten.

In Philadelphia wusste man bereits am Tag nach dem Schiffsuntergang von ihrer Rettung. Im lokalen „Evening Bulletin“ wurde auch gemutmaßt, wem Thomas Cardeza sein Überleben verdankte: „Freunde der Cardezas meinen, dass seine Mutter sich weigerte, ohne ihren Sohn ins Rettungsboot zu steigen, und dass der Kapitän der Titanic ihm erlaubte, mit ihr zu kommen.“

Direkt nach der Ankunft der Schiffbrüchigen in den USA drei Tage nach der ­Katastrophe brachte die „Washington Times“ Statements der illustren Passagiere. Thomas Cardeza verteidigte ­darin vehement den heftig kritisierten Präsidenten der White Star Line, ­Bruce Ismay: Dieser hatte sich im vorletzten Notboot gerettet, während noch 1500 Passagiere auf dem untergehenden Schiff um Hilfe schrien. Laut Cardeza wollte Ismay heldenhaft an Bord bleiben und keiner Frau den rettenden Platz wegnehmen. Der Präsident sei erst nach heftigem Drängen, mit ihm fühle man sich in dem wackeligen Klappboot sicherer, eingestiegen.

Er selbst sei vom untergehenden Schiff ins Wasser geschleudert worden und habe sich an ein Wrackstück geklammert. Der „Chicago American“ druckte eine Woche später eine gänzlich andere Version. Mit der Angabe „Wien, 25. April“ berichtete das Blatt von einem Brief, den Thomas Cardeza seiner Frau geschrieben hatte: „Madame Cardeza sagte, dass er durch Bestechung eines Matrosen zwei Uniformen bekam, eine selbst überstreifte und die andere seinem Sekretär gab. Als Crewmitglieder verkleidet gelangten die Männer in ein Rettungsboot.“

Von der White Star Line wurden in den USA insgesamt sechs Millionen Dollar Schadenersatz, vier Millionen davon für die 1500 Todesopfer, gefordert. Die Ansprüche der Cardezas beliefen sich auf annähernd 200.000 Dollar. Die „New York Times“ meldete süffisant, neben 14.000 Dollar für den berühmten Ring mit einem Burma-Rubin und zwei Diamanten seien auch 1,75 Dollar für ein Stück Seife aufgelistet worden.
Zwei Jahre nach dem Untergang der Titanic kam es in den USA zu einer Pauschaleinigung: Die Schifffahrtslinie löste alle Ansprüche mit 664.000 Dollar ab.

Thomas und Mary Cardeza blieben Österreich treu:
Anfang der dreißiger Jahre pachteten sie in Radmer, Steiermark, von den in Geldnöten steckenden Hohenbergs das ehemals kaiserliche Jagdschloss samt Jagdwäldern. Der Historiker Karlheinz Schober fand in der Pfarrchronik vermerkt, Madame Cardeza und „Herr Mister“ seien aus Dank für die Rettung von der Titanic katholisch geworden. Nun verkehrten wieder die Prinzen Liechtenstein im Schloss, Gäste aus Amerika brächten über den Ozean sogar ihr eigenes Auto mit, in Radmer beginne wieder der „Tanz ums Goldene Kalb“, schrieb der Pfarrer. Die Wiener „Reichspost“ war enthusiasmiert, das Paar wirke „ganz im Sinne des alten Kaisers … mildtätig und helfend“. Als Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernahm, mochten die Cardezas nicht mehr illustre Gäste spielen und verließen Österreich endgültig.

Mitarbeit: Sebastian Hofer

Link: Die kroatischen Passagiere auf der Titanic und das Vorgehen der k. u. k. Diplomatie.