Tschetschenien: Wie tickt der umstrittene Herrscher Ramsan Kadyrow?

In Wien wird er beschuldigt, einen politischen Mord in Auftrag gegeben zu haben. In seiner Heimat herrscht er nahezu unumschränkt und predigt eine eigenwillige Form des Islam: ein Besuch bei Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow.

Gleich neben dem Billardtisch ist die Waffenkammer. An den Wänden hängen Schaukästen mit alten Säbeln: eine Erinnerung an die jahrhundertealte Tradition des waghalsigen, unerbittlichen Kampfes gegen Feinde aller Art – und damit an den großen Stolz der Tschetschenen. Am Boden liegen Maschinengewehre. Sie wirken nicht wie Museumsstücke.

Willkommen bei Ramsan Kadyrow.
Der tschetschenische Präsident hat sich am Rande der Stadt Gudermes eine Residenz erbaut, die seinesgleichen im Kaukasus sucht. Goldene Bronzelöwen vor dem Tor, im Hintergrund zwei spitze Minarette der hauseigenen Moschee, drinnen eine wilde Mischung aus postsowjetischem Empirestil und tschetschenischer Folklore.

Am Montag vergangener Woche lud Kadyrow eine Gruppe von Moskauer Korrespondenten zu sich nach Hause ein – just zu jenem Zeitpunkt, zu dem in Wien schwere Vorwürfe gegen ihn ruchbar wurden. Die Stadtzeitung „Falter“ zitierte aus dem 214 Seiten langen Abschlussbericht des Wiener Landesamts für Verfassungsschutz (LVT). Darin wird Kadyrow beschuldigt, einen Mord befohlen zu haben. Und zwar an seinem ehemaligen Leibwächter Umar Israilow, 27, der am 13. Jänner 2009 in Wien-Floridsdorf erschossen wurde. Die Tat sei „von oberster Stelle (Kadyrow) angeordnet“ worden, heißt es in dem Bericht des LVT. Kadyrow wird zur „Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben“.

Die Staatsanwaltschaft geht zwar davon aus, dass Israilow „nur entführt“ werden sollte, wie Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, gegenüber dem „Standard“ sagte (siehe Kasten). Die Angelegenheit entwickelt sich aber dennoch definitiv zu einer Belastung der bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und der Russischen Föderation, zu der Tschetschenien gehört.

Der Beschuldigte selbst weist die Schuld am Tod seines 27-jährigen ehemaligen Bodyguards gegenüber profil weit von sich: „Das ist jetzt Mode, immer gleich Kadyrow zu beschuldigen!“ Zuerst kichert er noch über die Idee, er sei ein Mörder: „Selbst, wenn einer nur eine Kuh verliert, bin ich’s gewesen!“

Unschuldslamm.
„Natürlich kannte ich Israilow“, sinniert er dann, „und wir alle kennen seine Biografie: Er war ein Mörder, er hat dutzende Male Blutrache geübt. Und ich sage Ihnen was: Blutrache im Kaukasus – das ist kein Scherz und auch kein leeres Wort.“ Kadyrow wird emotional, seine Sätze verwickeln sich, ein leichtes Stottern macht sich bemerkbar. „So dumm, so grob, jemanden im Zentrum zu erschießen? Wozu brauche ich das?“, sagt er wegwerfend. Umgebracht habe er ihn nicht. Im Gegenteil: „Bevor er ermordet wurde, hat er mir über eine Person ausrichten lassen, dass er mit einer Gruppe von jungen Leuten nach Tschetschenien zurückkehren will. Offenbar wollte jemand verhindern, dass es dazu kommt. Der Mörder hoffte darauf, dass der Mord auf mich zurückfallen würde.“

Kadyrow, das Unschuldslamm:
Der Abschlussbericht des LVT sieht dies anders, dort heißt es, der Präsident hätte sogar einen eigenen „militärischen Nachrichtendienst“ errichtet, um Informationen über Exiltschetschenen zu sammeln.

Nicht nur die österreichische Regierung stört sich daran. Auch Kadyrows Schutzpatron Wladimir Putin stutzt. Präsident Dmitri Medwedew hält den selbstbewussten Statthalter im Nordkaukasus sowieso nicht für salonfähig. Im Jänner ernannte Medwedew den erfolgreichen Manager Alexander Khloponin zum Sondergesandten für den Nordkaukasus. Dieser wies Kadyrow bereits öffentlich in die Schranken: „Tschetschenien ist kein unabhängiger Staat.“

Die Achse Putin–Kadyrow aber wird nicht so schnell zusammenbrechen. Putin hat Ramsan Kadyrow gerade deshalb eingesetzt, weil er wusste, dass der ehemalige Boxer Gewalt als Mittel zum Zweck hemmungslos einsetzt.

Ramsan ist ein Kind des Krieges.
Er war 14 Jahre alt, als die Unabhängigkeit Tschetscheniens im Oktober 1991 ausgerufen wurde. Er war siebzehn, als Russland die deregulierte Republik wieder unter Kontrolle zu bringen versuchte und im Dezember 1994 einen „kurzen Krieg“ begann. Kadyrow junior war 22, als Wladimir Putin am 25. Dezember 1999 den Sturm auf Grosny befahl. Die russische Armee legte die Hauptstadt der Tschetschenen in Schutt und Asche.

Am 9. Mai 2004 schließlich war Ramsan Kadyrow gerade 27 Jahre alt, als sein Vater bei einem Bombenanschlag getötet wurde. Diesmal waren nicht die Russen die Täter. Kadyrow senior hatte die Seite gewechselt und kämpfte nun mit der russischen Armee gegen die aus dem Ruder gelaufenen islamistischen Rebellen unter der Führung von Schamil Bassajew. Für Ramsan war der Tod des Vaters nicht nur eine persönliche Katastrophe. Er war mit seinen Spezialtruppen, den „Kadyrowzi“, dafür zuständig, solche Attentate zu verhindern. Seine Sicherheitstruppen hatten versagt.

Die russische Menschenrechtsorganisation „Memorial“ gibt an, die Kadyrowzi seien bis heute für einen Großteil der Entführungen, Folterungen und Morde in Tschetschenien verantwortlich. Memorial stützt ihre Berichte auf akribisch dokumentierte Zeugenaussagen. Einige Mitarbeiter haben ihre Tätigkeit mit dem Tod bezahlt – auch Natalia Estemirowa, die im Juli 2009 in Grosny entführt und deren Leiche einen Tag später in Inguschetien gefunden wurde.

Trotz der horrenden Menschenrechtslage in Tschetschenien hat Putin mit Kadyrow junior – aus seiner Sicht – auf den richtigen Mann gesetzt: Die beiden haben den leidigen, blutigen, aufwändigen Kaukasuskonflikt „tschetschenisiert“. Die russische Armee konnte im Mai vor drei Jahren aus Tschetschenien abziehen. Kadyrows Schergen halten das Land ruhig. Die verbliebenen islamistisch-radikalen Rebellen sind aus Tschetschenien in die Nachbarrepubliken Dagestan und Inguschetien ausgewichen. So stammten auch die beiden Selbstmordattentäterinnen, die am 29. März 2010 in der Moskauer Metro zwei Bomben zündeten und 42 Menschen mit in den Tod rissen, aus einem Dorf in Dagestan. Und nicht – wie bisher üblich – aus Tschetschenien.

Aufbau.
Putin aber hat Kadyrow nicht nur wegen seiner gewalttätigen Seite vor drei Jahren auf den Präsidentensessel gesetzt. Der gut trainierte, gleichwohl rundliche Kleinpotentat baut sein Land effizient wieder auf. In Grosny verwendet Kadyrow die großzügigen Hilfsgelder aus Moskau nicht nur für dringend nötige neue Wohnblöcke. Er lässt anlässlich der Mai-Feiern im Zentrum von Grosny sogar Rasenziegel ausrollen. In großen roten Lettern, die nachts wie ein Brandmal über den großen Platz vor der neuen Moschee leuchten, steht: „Ramsan – Danke für Grosny.“

Die meisten Tschetschenen schimpfen über ihren Präsidenten – aber nur hinter vorgehaltener Hand. „Unsere Bezahlung ist schlecht, wir verdienen viel zu wenig. Wenn wir könnten, würden wir alle wegziehen“, meint Sina, die vor der Moschee Pflanzen eingräbt. Ihre Freundinnen Hedda und Samira nicken zustimmend. Sinas Bruder Adam lebt in Wien, er hat sich einen BMW gekauft. Die unabhängige Journalistin Hedda Saratowa meint: „Mit den hübschen Blumenrabatten streut Kadyrow seinen Besuchern Sand in die Augen. Wenn er die Straßen säubern kann, wieso kann er dann nicht auch mit der Gewalt aufräumen, die immer noch grassiert und die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken versetzt?“

Dennoch zollen selbst Kritiker Kadyrow einen gewissen Respekt, den auch sein Vater als religiöses Oberhaupt der Tschetschenen genossen hat. Die Kadyrows sind stolze Tschetschenen, die aber mit den Russen können. Und das hat sich nach 200 Jahren blutigen Konflikts bisher noch als das beste Rezept zum Überleben erwiesen. In den drei Jahren seiner Präsidentschaft hat Kadyrow den Tschetschenen zu mehr kultureller Autonomie verholfen als je irgendein Führer dieses unzähmbaren kaukasischen Bergvolkes vor ihm. Ohne dass er zum Dschihad gegen Moskau aufgerufen hätte.

„Tschetschenien ist Teil der russischen Föderation, unser Islam ist ein russischer Islam“, sagt er zu profil. Kadyrow trägt Vollbart – nicht so lang wie die Islamisten, aber dennoch als sichtbares religiöses Symbol.

Neo-Islam.
Wer also ist seine letzte Instanz? Allah oder Putin? Kadyrow untergräbt die Gesetze Russlands seit Amtsantritt permanent. Der traditionell gemäßigte tschetschenische Sufismus – eine mystische, naturverbundene Richtung des Islam – bekommt von seinen Gnaden einen schrillen, neoislamischen Anstrich. Mal ruft Kadyrow zur Polygamie des Mannes auf; mal müssen die Stewardessen bei Grosny Air ihre neckischen Fliegerkäppchen ablegen und werden dazu verdonnert, Kopftuch zu tragen. Auf den Straßen gibt es nur wenige Frauen, die ihr Haar nicht bedecken. Keine Frau hat Hosen an. Eine offene Debatte darüber gibt es nicht.

Besonders schmerzvoll für die russifizierte, urbanere Gesellschaft in Grosny ist das neue Alkoholverbot: Die Männer trinken ihren Cognac jetzt unter den Augen der Kadyrowzi aus Saftgläsern oder Teekannen. Kadyrow selbst, der als saufender und folternder Raufbold berüchtigt ist, philosophiert: „Ich bin Muselmane. Als tiefgläubiger Mann steht für mich die Scharia über dem russischen Gesetz.“ Trotzdem meint er, als Bürger der Russischen Föderation „deren Gesetzen folgen“ zu können.

Seine Schulbildung war dem Krieg zum Opfer gefallen.
Heute sucht Kadyrow im Islam, in der Tradition seines Volkes, in der moderneren Gesellschaft der Schutzmacht Russland nach Anhaltspunkten, auf welchen moralischen Stützen eine Gesellschaft stehen soll. Er greift immer wieder im Gespräch auf die heile Sowjetwelt seiner Kindheit zurück: „Meine Mutter hat mich gefüttert, ich habe Fußball gespielt und Obst gepflückt.“ Mehrfach kommt er auf seine persönliche Tragödie zu sprechen: „Ich bin jetzt 33. Ich habe alles verloren. Meine Klassenkameraden, meinen Vater.“ Was heute auf den Straßen Grosnys zu sehen ist, ist Ramsans Traum: „Unsere Republik wird die schönste sein, mit den schönsten Sportplätzen und Straßen.“

So begeistert ist er von seinem eigenen Werk, dass er seine Gäste am nächsten Tag noch einmal treffen will. Vor der Moschee bleibt sein Wagen mit quietschenden Reifen stehen, Ramsan springt vom Fahrersitz auf die Straße. Wieder trägt er einen selbst entworfenen Anzug. Diesmal ist sein Anzug grün, die Farbe der Armee. Aber auch des Islam. Passend zur Moschee. Bis auf angedeutete militärische Schulterstücke ist das Jackett zivil und leger. Nur das Innenfutter lässt erkennen, dass er seinen kleinen Luxus genießt: senfgelbe Seide mit einer Art kaukasischem Muster.

Er posiert für profil vor dem Gotteshaus, auf das er stolz ist, weil es keine größere Moschee in der Region gibt. Ramsan Kadyrow grinst bubenhaft, kokett. Er ist ganz Landesvater.

Hinter dieser PR-Fassade aber hat der Präsident Tschetscheniens noch ein anderes Gesicht. In der Nacht davor hat er eindringlich gesagt: „Wer die Feinde des Islam umbringt, der kommt ins Paradies.“