Viel Lärm um Sex

Die neue Sexualbroschüre des Bildungsministeriums erregt die Gemüter. Seit der Einführung des Sexkoffers 1989 treibt das Thema Aufklärung Kirche und Konservativen regelmäßig die Scham- und Zornesröte ins Gesicht.

Vergangene Woche ging wieder einmal das Abendland unter: ÖVP und FPÖ sahen die „Kernfamilie“ von „Ganz schön intim“, einer 150 Seiten langen Sexualerziehungsbroschüre für Lehrer, bedroht. Homo- und Heterosexualität würden darin „vollkommen gleichwertig“ dargestellt, beschwerten sie sich – „verstörte Kinder“ seien die Folge. „Homo- und Transsexualität werden auf dem Pausenhof diskutiert. Soll man die Kinder damit alleinlassen?“, entgegnet Josef Galley, Sprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Tatsächlich besteht laut Statistik Austria ein Viertel der Familien in Österreich nicht mehr aus Ehepaaren mit Kindern, sondern aus Alleinerziehenden, Lebensgemeinschaften und Patchwork­familien.

Die Broschüre ist für Lehrer gedacht, die sich aus Spielen, Texten und Übungsanleitungen Themen für ihre sechs- bis zwölfjährigen Schüler aussuchen können. Von Experten wurde die vom Verein Selbstlaut für das Unterrichtsministerium konzipierte Sexbroschüre durchwegs positiv aufgenommen. Kleine Fehler – beim Thema Leihmutterschaft wird etwa nicht darauf hingewiesen, dass diese in Österreich verboten ist – würden ausgebessert, versichert das Ministerium.

Beim Thema Sexualunterricht gehen Kirche und Konservative regelmäßig auf die Barrikaden. Den bisher größten Wirbel verursachte 1989 der Sexkoffer. Schon im Vorfeld gab es fünf Jahre lang Streit um den – harmlosen – Inhalt: eine Lehrerbroschüre mit Overhead-Folien für die Schüler. „Schweinerei“, „Perversität“, „Animation zum Geschlechtsverkehr“ zürnten FPÖ und ÖVP, die Bischöfe warnten vor dem Teufelszeug. Der damals frisch gewählte Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider wollte den Sexkoffer in den Schulen seines Bundeslands verbieten – er sei eine „Gefahr für die Kinder“. Die meisten Lehrer und Schüler teilten diese Auffassung nicht. Die erste Auflage des Sexkoffers war wenige Wochen nach Schulanfang vergriffen.

Der nächste Aufstand Mitte der 1990er-Jahre endete sogar mit einem Polizeieinsatz. Die Freiheitlichen hatten Anzeige gegen das Linzer Phönix-Theater erstattet, das in einer Theaterzeitung die Aufführung des Aufklärungsstücks „Was heißt hier Liebe?“ angekündigt hatte. In der Zeitung war ein Foto mit zwei nackten Kindern zu sehen. Obwohl das Bild aus einem im Buchhandel erhältlichen Aufklärungsbuch stammte, verfügte das Gericht die Beschlagnahme der Zeitung. Als die Polizei im Theater anrückte, waren von den 16.000 Exemplaren allerdings nur noch 190 Stück vorhanden, der Rest war bereits verteilt worden. Die Aufführung wurde ein Riesenerfolg, das Phönix-Theater muss­te wegen des Andrangs wochenlang Zusatzvorstellungen geben.

Die 2002 ausgegebene Unterrichtsbroschüre „Love, Sex and so“ rief Erzbischof Kurt Krenn auf den Plan. Die Aufklärungsunterlagen seien „eine ganz böse, dumme Sache“. Sie würden bestimmt nicht vom damals zuständigen Sozialminister Herbert Haupt (FPÖ) stammen, sondern „von irgendwelchen übrig gebliebenen klassenkämpferischen Menschen“, mokierte sich Krenn. Der Elternverband der höheren und mittleren Schulen befürchtete, das „Skandalheft“ werde unter den Jugendlichen ein „zügelloses Sexualleben“ auslösen.

Die Zahl der von der ÖVP diesmal ins Treffen geführten „besorgten Eltern“, angeführt von der Abtreibungsgegnerin Gudrun Kugler, dürfte nicht allzu groß sein. Die Facebook-Gruppe „Skandal im Bmukk“ zählte vergangene Woche gerade einmal 180 Mitglieder.