Vom Fressen

Jahrzehntelang standen Belletristik und Wirtschaft einander argwöhnisch gegenüber. Seit Ausbruch der Finanzkrise bestimmen ökonomische Fragen den literarischen Großraum.

Zu Beginn versprüht der Bankberater ungebremsten Optimismus. Mit Immobilien liege man eigentlich nie falsch, so der Finanzfachmann: „Alles kommt und geht, Immobilien bleiben.“ Die Einschätzung markiert den Anfang vom Ende. Auf den letzten Seiten des unlängst erschienenen Romans „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ des Berliner Schriftstellers Tilman Ramm­stedt, 37, finden sich die Protagonisten in bizarrer Kulisse wieder: Zerbeult, zerkratzt, durch Schusswaffen verletzt und mit einem verreckten Hund über der Schulter, versuchen der Erzähler und sein Kompagnon, ein Loch mit bloßen Händen in die Erde zu graben.
„Bankberater“ im Titel eines Romans mit wechselnden Erzählebenen und extravagantem Personal – Hollywood-Raubein Bruce Willis, an den sich der Autor hier ausdrücklich wendet, in der Rolle seines Lebens! – hätte wohl bis vor Kurzem noch jeder Lektor mit halbwegs wachem Geschäftssinn gestrichen. „Wirtschaft präsentierte sich in Prosa und Poesie als schwarzes Loch“, resümiert Ernst-Wilhelm Händler, der Doyen des deutschsprachigen Wirtschaftsromans (siehe Interview). Seit einiger Zeit sorgen programmatische, um Finanzwelt und Gewinnmargen kreisende Romantitel allerdings für erhöhte Aufmerksamkeit: „Kapital“ und „Geld!“ sind diese Bücher überschrieben – auch hinter Headlines wie „Frühling der Barbaren“ und „Gibraltar“ verbergen sich explizit literarisierte Wirtschaftsschwerpunkte.

Vernachlässigtes Terrain
Das Stichwort „Wirtschaft“ sucht man in den meisten deutschsprachigen Literaturlexika bis heute vergebens – allenfalls finden sich vereinzelte Querverweise auf Kanonisiertes wie Thomas Manns Gesellschaftsepos „Buddenbrooks“ (1901), in dem eine Dynastie durch riskante Finanzgeschäfte zugrunde geht, und Balzacs „Comédie Humaine“, in der sich alles ums Geld dreht und „Ihre Hoheit, Madame la Banque“ eine zentrale Rolle spielt. Voltaire, einem der ersten Großverdiener der Literaturgeschichte, wird das Zitat zugemessen, dass es leichter sei, über Geld zu schreiben, als es zu machen.

Spätestens seit dem Finanz-Crash 2008 wagt sich die Literatur auf das von ihr seit Jahrzehnten schnöde vernachlässigte Terrain zurück. Die vor dem Hintergrund von Geldwucher und ökonomischem Katzenjammer angesiedelten aktuellen Werke entsprechen zaghaften Versuchen, den Themenkreis Wirtschaft in die Welt des Narrativen zu integrieren – mal als Sinnbild für undurchschaubare Bedrohung, mal als Instrument der Annäherung an virulente Staatsschuldenkrisen. Oder, wie im Fall von Rammstedt, als Begleiterscheinung des vollends Grotesken. „Literatur ist gefräßig“, so der Erzähler im Gespräch mit profil. „Sie verleibt sich jedes Thema ein, das sich zu sehr aufdrängt. Die Ökonomie ist allerdings noch viel gefräßiger. Sie hat sich längst alle gesellschaftlichen, politischen, emotionalen und rationalen Bereiche einverleibt – und das ist ein viel ergiebigeres Thema der Literatur als jede Wirtschaftskrise.“
In den neuen Romanen* von John Lanchester („Kapital“), Peter Rosei („Geld!“), dem Schweizer Debütanten Jonas Lüscher („Frühling der Barbaren“), Sascha Reh („Gibraltar“) und Altmeister Rainald Goetz („Johann Holtrop“) schlittert Großbritannien in den Staatsbankrott, schrammt ein traditionsreiches Bankhaus an der Insolvenz vorbei, sucht ein Spekulant Zuflucht in einer südspanischen Investitionsruine. Es sind Geschichten, in denen sich ökonomische und soziale Aspekte unentwirrbar mischen; in denen – wie in den episch anmutenden Darstellungen des britischen Romanciers Lanchester und des jungen Berliners Sascha Reh – die vielschichtigen Verschränkungen von ­lokaler und internationaler Finanzwirtschaft mit Ethnografenblick untersucht werden. Einzig Rainald ­Goetz wagt sich an die fiktionalisierte Biografie eines einst allmächtigen Vorstandsvorsitzenden, den der Autor im Zeitalter einer dunkel und zusammenhanglos erfahrenen Wirklichkeit exemplarisch unter einem unaufhörlichen Schwall der auktorialen Beschimpfungen und Hasstiraden scheitern lässt.

Wirtschaft sei, heißt es zuweilen, ein Abenteuer. „Das klingt mir zu heroisch, zu wettergegerbt“, weist Tilman Rammstedt die Möglichkeit zurück, den Bereich des Ökonomischen als genuinen Stoff zu fiktionalisieren. „Schon allein, weil beim Investmentbanking die Akteure meist gar kein persönliches Risiko eingehen, wie es sich für ein echtes Abenteuer gehört. Die ganzen Abenteuerbegrifflichkeiten an der Börse, von den ,nervösen Märkten‘ bis zum ,Crash‘ und den quasi-maritimen ,Kursschwankungen‘, sind aber bestimmt kein Zufall. Hier wird etwas romantisiert und naturalisiert, um eine fehlende Kontrolle zu beschönigen.“

"Schwarzes Loch“
Der deutsche Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler über die Finanzkrise als Literaturmode und seinen Ruf als Wirtschaftsromancier.

profil: Sie waren lange ­einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die sich für Wirtschaftsthemen interessierten. Seit Kurzem erscheinen nun gehäuft Romane zur Krise. Fürchten Sie um Ihr literarisches Alleinstellungsmerkmal?
Händler: Keineswegs. In der jüngeren Vergangenheit hat sich die Literatur so gut wie gar nicht mit ökonomischen Themen befasst: Wirtschaft präsentierte sich in Prosa und Poesie als schwarzes Loch. Von Konkurrenz kann in der Literatur sowieso keine Rede sein, weil jedes Buch anders ist. Im Übrigen schreibe ich meine Romane nicht des Geldes wegen.

profil: Sie gelten als Experte für Wirtschaftsliteratur. Stört Sie diese Zuschreibung?
Händler: Ich beschwere mich überhaupt nicht. Wirtschaft war einst fixer Bestandteil großer Romane. Wenn ich dazu beitragen kann, dass sich das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Literatur normalisiert – warum nicht?

profil: Weshalb blieben in der Literatur Wirtschaftsthemen in jüngerer Zeit so lange ausgespart?
Händler: In der großen Literatur der Vergangenheit war die Wirtschaft immer präsent. Die Figur des Arnheim in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ verkörpert etwa den bereits damals wachsenden Einfluss der Ökonomie sowohl auf den Bereich des Kognitiven als auch auf jenen des Emotionalen. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte die Wirtschaft der zunächst ungeordneten Umstände halber jedoch im deutschen Sprachraum zum literarischen Nullthema. Dazu kommt, dass bis vor wenigen Jahren die meisten Romanautoren und Lyriker automatisch politisch links waren und jede Form der Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus verweigerten. Jetzt findet allerdings ein Umdenken statt. Noch vor zwei Jahrzehnten hätte Rainald Goetz wohl nie daran gedacht, einen Wirtschaftsroman wie „Johann Holtrop“ zu schreiben.

profil: Lange hieß es, Wirtschaft sei kompliziert. Ist sie es?
Händler: Dieses Vorurteil wird durch junge Autoren entkräftet. Man muss nicht CEO sein, um über Ökonomisches schreiben zu können. Die Literatur versucht, die Krise aus anderer Perspektive zu verstehen. Das ist auch notwendig, weil sich die Betrachtungen des Feuilletons häufig in dem Thema Gier und böse Banker erschöpfen.

profil: Ihr geplanter Roman zur Finanzwelt wird nicht so schnell erscheinen. Weshalb?
Händler: Ich bin kein Autor für vorschnelle Aktualitäten. Nichts gegen jene Kollegen, die sich literarisch der gegenwärtigen Krise widmen – ich möchte außerdem den Eindruck vermeiden, ich sei in irgendeiner Form Nutznießer von Finanzklemmen und Staatensanierungen.

profil: Ist ein Ende der ­Finanzkrise in Sicht?
Händler: Krisen als anthropologische Konstanten hat es immer gegeben, und es wird sie weiter geben. Es wüten glücklicherweise in unseren Breiten nicht Pest und Kriege. Die Krisen der Gegenwart haben vornehmlich die Form der Wirtschaftskrise. Dem Himmel werden wir auf Erden nie nahe sein.

Zur Person
Ernst-Wilhelm Händler, 59, war bis 2001 Geschäftsführer eines metallverarbeitenden Unternehmens. Seitdem arbeitet er hauptberuflich als Immobilienentwickler. Seinem viel beachteten literarischen Großprojekt „Die Grammatik der vollkommenen Klarheit“, in dem sich die Bereiche Wirtschaft und Literatur eng verschränkt finden, entstammen unter anderem die Romane „Fall“ (1997) und „Wenn wir sterben“ (2002). 2013 erscheint im Frankfurter Fischer Verlag Händlers jüngster Roman „Der Überlebende“.