Widerstand und Abscheu: Ein Besuch bei Pussy Riot

Widerstand und Abscheu: Ein Besuch bei Pussy Riot

Im Westen gelten sie als radikal-schickes Symbol für Widerstandsgeist gegen die Willkürherrschaft von Wladimir Putin. In ihrer Heimat Russland schlagen ihnen vor allem Abscheu und Verachtung entgegen: ein Besuch bei Pussy Riot – und am Schauplatz ihres berühmtesten Auftritts.

So also sieht in Russland ein Staatsfeind aus: mädchenhaft, zerbrechlich, verwundbar. Katja Samutsewitsch ist eine kleine Person, und wenn sie ihr kindliches Lächeln zeigt, dann entblößt sie eine Zahnlücke im linken Oberkiefer. Sie sitzt in einem McDonald’s-Restaurant im Moskauer Vorort Krasnogorsk, die Hände umklammern einen Pappbecher mit Kaffee, der langsam kalt wird.

Wissen Sie, wie es in russischen Straflagern zugeht, Katja Samutsewitsch?
„In unseren Gefängniskolonien hat sich seit Sowjetzeiten leider wenig geändert. Es gibt kein heißes Wasser. Privatkleidung ist verboten, alle müssen Häftlingskluft tragen. Es gibt keine Medizin. Wenn du krank wirst, hast du Pech gehabt. Wenn du dir nicht selber helfen kannst, dann stirbst du eben. Manche Gefängnisse sind schlimmer als andere, in manchen ist es immer noch so wie zu Stalins Zeiten.“

Acht Monate hat Samutsewitsch in Untersuchungshaft verbracht und wäre beinahe in einem derartigen Lager gelandet – für ein Vergehen, bei dem weder jemand verletzt wurde, noch materieller Schaden entstanden ist

+++Lesen Sie hier das Interview mit Katja Samutsewitsch+++

Mutter Maria, erlöse uns von Putin!"
Im vergangenen Februar hatten fünf junge Frauen in bunten Sturmhauben den Altarraum der Erlöser-Kathedrale in Moskau zur Bühne für die Aufführung eines „Punkgebets“ gemacht. „Mutter Maria, erlöse uns von Putin!“, hieß es darin. Der Auftritt dauerte lediglich 41 Sekunden – denn bevor die Musikerinnen, Mitglieder der Künstlergruppe Pussy Riot, das Lied beenden konnten, wurden sie verhaftet.

Die 30-jährige Katja Samutsewitsch hatte an der Aktion nicht teilgenommen, weil sie zu spät in die Kirche gekommen war. Dennoch stand sie wenig später mit zwei weiteren Pussy-Riot-Frauen – Nadeschda Tolokonnikowa, 23, und Maria Aljochina, 24 – vor Gericht.
Im vergangenen August wurden die drei wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Tolokonnikowa und Aljochina sitzen die Strafe gegenwärtig ab.
Samutsewitsch wurde in einem Berufungsverfahren überraschend freigesprochen, weil ihr eine direkte Beteiligung nicht nachgewiesen werden konnte. Nach weiteren Pussy-Riot-Aktivistinnen wird immer noch gefahndet, zwei haben sich inzwischen in den Westen geflüchtet. Auftritt, Prozess und Verurteilung machten die anarcho-feministischen Künstlerinnen weltberühmt.

Symbol für Widerstandsgeist
Im Westen gelten sie inzwischen als Symbol für Widerstandsgeist gegen den Kreml, wo Wladimir Putin längst nicht mehr als „lupenreiner Demokrat“ (der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2004) regiert, sondern als Autokrat an der Schwelle zum Diktator. Mehr noch: Sie werden in populären amerikanischen TV-Serien zitiert, als Vorbild für den friedlichen und kreativen Kampf gegen Korruption herangezogen – und dienen sogar als Stilikonen, mit denen ungefragt Merchandising-Geschäftemacherei betrieben wird.

+++ Mehr über die Geschäftemacherei mit Pussy-Riot-Merchandising +++

In ihrer Heimat jedoch schlägt ihnen Ablehnung und Verachtung entgegen. Und zwar beileibe nicht nur von den Anhängern des Systems Putin. Die Erlöser-Kathedrale, der Tatort des „Punkgebets“, neun Monate nach dem Auftritt. „So geht’s nicht!”, sagt Lisa Lubimowa und wackelt mit dem rechten Zeigefinger, als würde sie mit einem Kleinkind schimpfen. Dort, wo sich die fünf Pussy Riots im Februar ihre Wut von der Seele schrien, ist es dämmrig und still. Altardienerinnen mit gehäkelten Schultertüchern huschen durch den Kirchenraum, um das Messing der Kerzenständer zu polieren.

Lisa Lubimowa könnte vom Alter her jederzeit bei Pussy Riot mitmachen. Aber das wäre ungefähr das Letzte, was sie jemals tun würde. Die junge Frau ist mit ihrer Mutter für ein Jobinterview aus dem 1500 Straßenkilometer entfernten Perm nach Moskau gekommen.
Klar, dass die beiden dabei auch die Erlöser-Kathedrale besuchen, um zu beten. Das Gotteshaus mit den schneeweißen Mauern und den goldenen Kuppeln liegt vor den Toren des Kreml und hat eine Geschichte, die mit dem Prädikat wechselhaft nur unzureichend beschrieben ist. In der Zarenzeit errichtet, wurde es unter Stalin in die Luft gejagt, um Platz für ein Schwimmbad zu machen – und unter Putin wieder in altem Glanz errichtet.

Die Kathedrale hat also symbolische Bedeutung, die über das rein Religiöse hin­ausgeht: Sie steht auch für die ebenfalls unter Putin neu aufgebaute Partnerschaft zwischen dem russischen Staat und der russisch-orthodoxen Kirche.

Die Verbindung war für beide Seiten von Vorteil. Dem Kreml brachte sie geistlichen Segen, dem Klerus im Gegenzug pekuniären. Im vergangenen Frühjahr wurde das anhand des Handgelenks von Patriarch Kyrill I. augenfällig: Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche war mit einer Breguet-Armbanduhr im Wert von 23.000 Euro fotografisch porträtiert worden.

Als die Kritik am Popen-Protz zu laut wurde, ließ Kyrill das teure Stück aus dem offiziellen Bild wegretuschieren. Das Photoshop-Kombinat vergaß allerdings, auch das Spiegelbild des Chronometers zu entfernen, das auf der blankpolierten Tischplatte schimmerte – sehr zum Gaudium der Öffentlichkeit.

"Verrottete Diktatoren"
Genau diesen Missstand – Prunksucht und Putin-Nähe – prangerte das „Punkgebet“ von Pussy Riot in der Erlöser-Kirche an: „Die Kirche lobt die verrotteten Diktatoren – Der Kreuzzug der schwarzen Limousinen“, heißt es im Text.

Mutter Juliania, Äbtin des Klosters „Zur Empfängnis“, des ältesten Frauenkonvents Moskaus, hat eine klare Meinung zu Pussy Riot: „Das ist doch in jedem Fall Blasphemie!“

Die Nonne hat seit Ende des Sowjetkommunismus vor zwanzig Jahren dafür gekämpft, dass das 1360 errichtete und unter den Kommunisten in eine Schule umgewandelte Kloster wieder aufgebaut wird. Heute führt sie Gäste mit dem Stolz der Hausherrin durch die soeben fertiggestellte Kirche und durch das Untergeschoß mit den neu restaurierten mittelalterlichen Mauern.

„Es ist ein Wunder der Muttergottes, die uns gute Menschen geschickt hat, diese Kirche wieder aufzubauen“, sagt Mutter Juliania bei Tee, Honig und trockenem Strudel, die in ihrer nach frischem Verputz riechenden Residenz gereicht werden. Die guten Menschen kamen in Person eines einzigen Oligarchen: Dmitri Rybolowjew, laut „Forbes“ sieben Milliarden Dollar schwer, Eigentümer einer Düngerfabrik in der Nähe von Perm. Er war mit einem Scheck angerückt, der groß genug schien, um selbst seine Sünden zu tilgen – unter anderem die vielen Sex-Orgien, die seine Frau zum Scheidungsrichter getrieben hatten, und den Mord, für den er unter Anklage gestellt wurde und einige Monate im Gefängnis saß.
Darüber spricht die freundliche Äbtin nicht – und auch über Pussy Riot eher ungern. „Die Ausfälle gegen unsere Kirchen sehen wir mit großem Schmerz“, sagt sie sanft. Als Racheengel will sie dennoch auch nicht erscheinen: „Ich kann nicht beurteilen, welche Strafe diese Frauen bekommen sollten. Über uns allen ist Gott.“

Und knapp unter Gott kommt auch schon Putin. Der ehemalige KGB-Offizier, dem in der Silvesternacht der Jahrtausendwende die Macht in die Hände fiel, befindet sich bereits in seiner dritten Amtszeit als Präsident. Gemäß Verfassung könnte er bis 2024 bleiben.

Putin der "Stagnator
Die Begeisterung für ihn erlahmt jedoch. Wurde er anfangs als „Stabilisator“ wahrgenommen, der das chaotisch verlaufene Demokratie-Experiment unter seinem Vorgänger Boris Jelzin in geordnete Bahnen zurücklenkte, gilt er inzwischen als „Stagnator“. Die Kleptokratie des Kreml ärgert das Volk zunehmend, die Herrscherattitüde und Prasserei der Elite ebenfalls.

Genau dorthin zielen auch die am Rande der Albernheit entlangschrammenden Auftritte von Pussy Riot: auf den Kern des Putinismus, der aus Materialismus, Machismus und Machtmissbrauch besteht. So wie dieser Staat, in dem letztlich ein einziger Mann das Sagen über Justiz, Parlament, Massenmedien und Großindustrie hat, gegen eine wehrlose Frauengruppe vorgeht, dekuvriert er gleichzeitig seine ganze Unmenschlichkeit.

„Beim Punk-Gebet ging es nicht nur um den Auftritt in der Kirche“, sagt Pussy-­Riot-Kuratorin Tatjana Wolkowa. „Der Witz ist, dass ein Video davon ins Netz geht und Reaktionen hervorruft, die wieder in die nächste Performance einfließen.“

Der Auftritt in der Erlöser-Kathedrale sei nur der erste Akt der Kunstaktion gewesen. Selbst die Inhaftierung der Frauen ist Teil der Inszenierung, wenn auch weder geplant noch erwünscht – vor allem nicht in dieser Länge und Härte. „Der Staat ist vollwertiger Teilnehmer der Aktion“, meint Wolkowa. „Seine Reaktion ist genauso wichtig wie die Aktion von Pussy Riot selbst.“
In der enorm konservativen russischen Gesellschaft stößt dieser anarchistische Ansatz allerdings auf ebenso wenig Verständnis. Die große Mehrheit ist der Meinung, dass derart provokative Aktionen bestraft werden müssen. Freiheit der Kunst und politische Pluralität zählen in Russland immer noch weniger als Ruhe, Stabilität und ein gefüllter Kühlschrank.
Die jungen Anarcho-Frauen werden vielleicht auf lange Sicht mit ihrem radikalen Antikorruptionismus einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch derzeit sind sie in Russland eine Minderheit.

Am Donnerstag der Vorwoche hob sich der Vorhang zum nächsten Akt des Pussy-Riot-Schauspiels. Ein Moskauer Gericht verfügte, das „extremistische“ Video von der Aktion in der Erlöser-Kathedrale, das bisher zweieinhalb Millionen Mal angeklickt wurde, müsse von allen Webseiten gelöscht werden.

„Das Regime wird zusehends repressiver“, meint Wolkowa. „Seiner Natur nach ist es nicht auszuschließen, dass sich Putin wie Stalin entwickelt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Durch den Zugang zum Internet ist es nicht mehr so einfach, abgeschottete Diktaturen zu errichten.“
Währenddessen sitzt Katja Samutsewitsch vor ihrem kalten Kaffee und denkt an ihre Künstlerkolleginnen: Nadeschda Tolokonnikova im Straflager Nr. 14 in der Republik Mordwinien im Ural, wie sie Knöpfe an Häftlingsuniformen näht. Ihr erster Arbeitstag war der 7. November, ihr 23. Geburtstag. Und Maria Aljochina in der Strafkolonie Nr. 28 in Beresniki, seit Wochen in Isolationshaft. Sie hatte um eine Einzelzelle angesucht, weil sie von Zellengenossinnen belästigt worden war.

Katja Samutsewitsch weiß: Sie würde sofort wieder verhaftet, wenn sie eine Bühne betritt – und dann wegen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen unweigerlich in einem ähnlichen Lager enden.
Aufgeben will sie trotzdem nicht, sagt die kleine Frau mit dem kindlichen Lächeln: „Wir werden uns etwas einfallen lassen. Denn das Wichtigste ist jetzt erst einmal, für Nadeschda und Maria zu kämpfen. Dafür, dass sie freigelassen werden. Dafür, dass niemand ihr Schicksal vergisst.“