Wilderer von Annaberg: Das Doppelleben des Alois Huber

Wilderer von Annaberg: Das Doppelleben des Alois Huber

Waidmanns Unheil: Das Doppelleben des Alois Huber, der in seinem Dorf als "netter Kerl“ galt.

Im Gasthof "Jägerhof“ in Anzendorf, nur vier Kilometer von seinem Haus in Großpriel bei Melk entfernt, war Alois Huber ein gern gesehener Gast. Hier traf sich der 55-jährige Transportunternehmer oft mehrmals in der Woche mit seinen Jagdfreunden. Auch am vergangenen Mittwoch sitzt die Jägerrunde abends am Stammtisch. Fassungslos besprechen die Männer den Amoklauf. "Der Lois war so ein netter Mann, immer hilfsbereit“, sagt einer von ihnen, der anonym bleiben möchte: "Dem hätte jeder hier seine Kinder anvertraut.“

„Der Lois ist sicher kein Mörder”
Herbert Huthansl, ein Pensionist aus dem benachbarten Ort Schallaburg, nennt Huber "meinen besten Freund“. Man ging gemeinsam auf Pirsch, unternahm Motorradausflüge oder traf sich beim Schützenverein Melk. "Der Lois ist sicher kein Mörder“, meint er: "Aber er hatte mir erst vor 14 Tagen gestanden, dass er psychische Probleme hat. Er war wohl schizophren, vielleicht hat er deshalb zu wildern begonnen.“

Doppelleben

Von Hubers Doppelleben - tagsüber braver Fuhrunternehmer und hilfsbereiter Kumpel, aber nachts immer öfter schießwütiger Wilderer, der 100 verschiedene Gewehre samt Trophäen in einem geheimen Kellerabteil hortete - ahnte niemand etwas.

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Huber lebte nach dem Krebstod seiner Ehefrau vor 18 Jahren allein in seinem Haus, nur seine Eltern wohnten bis vor Kurzem nebenan im Vierkanthof. Der Kontakt zu seiner Schwester und seinem Bruder soll nicht besonders eng gewesen sein.

Jagd auch im Urlaub
Huber galt als wohlhabend. Sein Fuhrunternehmen bestand aber nur aus zwei Lastwagen mit einem Angestellten. Meist setzte er sich selbst hinters Steuer, oft zum Holztransport in die Wälder, bis nach Annaberg. Der Jagd widmete er sich auch im Urlaub. Er reiste für Abschüsse oft nach Ungarn, einmal bis nach Kamtschatka. Doch in letzter Zeit unternahm Huber keine Fernreisen mehr, weil er - wie Freunde erzählen - seine geliebte Schäferhündin nicht mehr alleinlassen wollte.

Huthansl kritisiert den Polizeieinsatz in Annaberg: "Ein Mensch, der psychisch krank ist und so in die Enge getrieben wird, der dreht leicht durch.“ Man hätte Huber doch auch später in seinem Haus festnehmen können. "Er war keine Bestie, wie er jetzt dargestellt wird.“

Als ihn am Dienstag vergangener Woche um kurz nach sieben Uhr früh sein Freund am Handy anrief, dachte Huthansl zunächst, dieser werde ihm den geplanten und legalen Abschuss eines Hirschen auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig melden.

Doch Alois Huber war die Nacht zuvor nicht im Waldviertel, sondern in den Wäldern bei Annaberg im südlichen Niederösterreich unterwegs gewesen. Mindestens zehn ausgewachsene Hirsche muss er dort seit acht Jahren erlegt haben, meist in der Brunftzeit im September, immer bei Nacht und mit Vorliebe auf einer Wiese auf der Landesstraße 101. In der Regel schnitt er den toten Tieren die Köpfe samt Geweih ab und ließ die Kadaver liegen. Bei zwei Hirschen, erzählt der Forstmeister des Stiftes Lilienfeld, Franz Scheibenreif, seien auch Filetstücke und die zwei Schlögel herausgeschnitten worden. Den Schaden fürs Stift durch zehn getötete kapitale Hirsche beziffert er mit 100.000 Euro. Das hätte Huber maximal drei Jahre Gefängnis eingebracht. Als Unbescholtener und bei Schadensgutmachung wäre er wohl mit einer bedingten Strafe davongekommen.

Wilderer von Annaberg
Er sei der Wilderer von Annaberg, beichtete Huber am Morgen nach seinem Amoklauf mit vier Toten per Handy seinem Jagdfreund. Er habe Polizisten erschossen und werde nicht ins Gefängnis gehen. Auch seine Lieblingshündin Burgi habe er bereits "erlöst“. Huthansl konnte nicht mehr antworten. Der Akku seines Handys war leer, und bei späteren Anrufen hob Huber nicht mehr ab. Nach stundenlanger Belagerung und Feuerwechseln mit der Polizei zog sich der Amokläufer in seinen Luftschutzbunker zurück, legte Feuer und schoss sich in den Kopf. Erst Stunden später fanden Cobra-Beamte die angekohlte Leiche hinter einer Geheimtür im Keller.

Einzelgänger
Huber galt vielen im Dorf als Einzelgänger. "Wir haben uns gegrüßt, aber mehr war da nicht“, erzählt eine Nachbarin. Seit dem Tod seiner Frau habe er immer verschlossener gewirkt. "Er war eigentlich ein netter Kerl“, sagt sein direkter Nachbar, der von ihm einige Agrarflächen gepachtet hatte. Auch er bittet, dass sein Name nicht genannt wird. Einmal habe ihn Huber in seinen selbst errichteten Neubau, den er gern "mein kleines Schloss“ nannte, geladen. "Er war ein geschickter Handwerker, der nicht nur seine LKW selbst repariert hat. Er hat auch sein Haus großteils selbst gebaut.“ Sein Stil sei nicht jedermanns Sache gewesen, "halt etwas pompös, im Ritterstil mit Zimmern mit Durchsicht bis zum Dach“. Stolz habe Huber auch seine Tiefgarage gezeigt, von der man über Stiegen in den Wohnbereich gelangt. Wie jetzt bekannt wurde, fuhr Huber von hier nachts mit seinem Pick-up-Geländewagen zu seinen Beutezügen los, immer mit gestohlenen Kennzeichen getarnt, immer in Begleitung der Schäferhündin Burgi.

Im Dorf fiel Huber nicht auf. Bei den jährlichen Sonnwendfesten war er dabei, da wird auch die kleine Kirche aufgesperrt. Huber hat selbst eine Kapelle auf seinem Grundstück gebaut, zur Erinnerung an seine verstorbene Frau, von der der Witwer die Urne sowie persönliche Kleidungsstücke und Schmuck in seiner Wohnung aufbewahrte.

Viel Abwechslung hat der 70 Einwohner zählende Flecken Großpriel, in dem vergangene Woche der mit 300 Polizisten und Panzern des Bundesheeres größte Einsatz der Exekutive stattfand, nicht zu bieten. Kein Geschäft, kein Gasthaus, nur einige Bauernhöfe und kleinere Wohnhäuser. Der Melktal-Radweg führt hier vorbei. Auf der Anschlagtafel wird für einen Tanzkurs in Melk und einen Mostheurigen geworben. Daneben hängt noch immer ein offizielles Schreiben des Bürgermeisters von Melk aus dem Jahr 2005 und ein Hinweis über die Bezahlung des diesjährigen "Pachtschillings“ nach dem Jagdgesetz.

Die Jagd gehört hier zum Alltag fast aller Männer. Im Nachbardorf Matzleinsdorf, an der Grenze von Hubers Jagdrevier, hat vor zwei Jahren ein Maskierter eine Messerattacke auf einen Jäger verübt. Der Täter wurde nie gefunden.

Eine Spur führt jetzt zu Alois Huber. Nun wird ermittelt, ob Huber auch für eine Reihe ungeklärter Einbrüche in verschiedenen Jagdhäusern im südlichen Niederösterreich verantwortlich war. Dabei wurden eine Vielzahl von Trophäen und Gewehre gestohlen.

Psychologische Tests für Jäger
Jetzt fordern Tierschutz- und Opferverbände die Einführung von psychologischen Tests für Jäger. Bisher mussten diese nur Fachkenntnisse bei der Jagdprüfung nachweisen. Dass Huber auch verbotene Nachtsichtgeräte verwendete, um kapitale Hirsche zu erlegen, halten seine Jagdfreunde für nicht verwerflich. Denn viele verwenden sie selbst. "Die Jagd mit Nachtsichtgeräten ist in Österreich zu Recht verboten“, sagt der Chef des niederösterreichischen Landesjagdverbands Peter Lebersorger: "Die Geräte werden mit dem Zusatz, Für die Jagd im Ausland‘ auch angeboten.“ Wie viele davon im Inland verkauft würden, wisse er nicht.

Mitarbeit: Sebastian Huber