Epochaler Weltkriegsroman: Arno Geigers "Unter der Drachenwand"

Arno Geiger

Arno Geiger

Bücher dieser Art sind selten. Wolfgang Paterno über Arno Geigers neuen Roman "Unter der Drachenwand", der Geschichte greifbar macht.

Die Literatur über Leben und Leiden in Zeiten des Zweiten Weltkrieges füllt Bibliotheken. Das epidemische Grauen des Faschismus scheint mehr als 70 Jahre nach Kriegsende weitestgehend entziffert zu sein; zahllos die Augenzeugenberichte und Erinnerungen an das Hitler-Regime, das Millionen Leben zermalmte. In der Dokumentation des Überlebens und Erleidens nimmt auch die Weltkriegsprosa seit 1945 viel Raum ein - von Günter Grass über Uwe Timm und Ulla Hahn, von Heinrich Böll über Lothar-Günther Buchheim bis zum Feldzug-Folkloristen H. G. Konsalik.

"Unter der Drachenwand", das neue Buch von Arno Geiger, 49, gebührt jedoch ein besonderer Platz. Der Roman ist die überragende Vergegenwärtigung einer entschwundenen Epoche. Der Vorarlberger Schriftsteller erzählt darin von einem Jahr im Leben des Mittzwanzigers Veit Kolbe, eines Wiener Soldaten, der nach vier Jahren Kriegseinsatz und schwerer Verwundung -Oberkieferbruch, schwärender Oberschenkelriss, Händezittern -zur Erholung in die am gleichnamigen See gelegene Ortschaft Mondsee mit der titelgebenden Felsformation kommt. Kolbe ist kein Held. Hitlers Partei war ihm "Sinngebung", von dem "Gedanken, dass der F. ein großer Mann war", ist er nicht gänzlich frei. (Hitler geistert nur als F. - wie in "Führer" - durch den Roman.)

Kolbes Aufzeichnungen, die unter dem Titel "Unter der Drachenwand" versammelt sind, strotzen vor Jugendschwärmerei ("die in mir angelegte Fähigkeit, fast zu platzen vor Liebe") und berichten von makabren Geschehnissen: "Einmal in Russland fanden Kameraden und ich auf einer Wiese einen Totenkopf, ein beunruhigender Anblick, wir spielten mit dem Totenkopf Fußball, ich weiß auch nicht. Ich glaube, wir taten es aus Respektlosigkeit gegen den Tod, nicht aus Respektlosigkeit gegen den Toten. Der Tote hätten wir selber sein können. Wir traten den Totenkopf im hohen Bogen über die Wiese, und für einige Minuten gab der Krieg uns frei."

Überlebensgeschichte ohne aufgesetzte Spannungsmomente

In dem Bericht ist viel von frostklirrender Kälte, welche die Schreibtinte im Zimmer gefrieren lässt, und von Nebelfetzen die Rede, die der Seelandschaft - und Kolbes Seelenlandschaft - etwas Gespensterhaftes verleihen. Im Text selbst bringt Geiger kleine Störelemente in Form ungezählter Schrägstriche unter - eine runde, abgeschlossene Episode wird hier nicht erzählt.

"Unter der Drachenwand" ist Überlebensgeschichte inmitten provinzieller Ereignislosigkeit, ohne aufgesetzte Spannungsmomente; tagebuchartige Selbsterkundung eines derangierten Mitläufers, dem seine Lehrer Goethes Humanismus eingebläut haben und der auf dem Schlachtfeld unversehens mit Barbarei und Zivilisationsbruch konfrontiert wird - und sich dabei hilflos mit Denksprüchen aus Vaters.

Hauszitatenschatz zu helfen sucht: "Die Menschen straucheln nicht über Berge, sie stolpern über Steine." Geigers Roman verzichtet auf jedes aufgebauschte historische Dekorum und lässt seinen Stabsgefreiten auf Erholung die schwarzen Ausströmungen des Zeitalters registrieren, jenes Schattenheer der Verschwundenen, Untergetauchten, Widerständigen, Deserteure, Denunzianten, Fanatiker, Kriegstreiber.

Es ist der Blick in eine zerbombte, zerschossene, zerpflügte Welt. Krieg als umfassende Matrix, die fernab von Westund Ostfront alle Lebensbereiche durchflutet. Freundschaft, Liebe, Essen, Schlafen, selbst das Scheißen: Veit kotet in stickiger Sommerhitze im Schweinestall - und spricht mit den Tieren über das Wetter und den F.; Schaufensterpuppen haben Soldatenhaltung; Hakenkreuzwimpel wehen auf den Gräbern der Alten; Schnüre zum Hochbinden der Tomaten fehlen, weil aller Bindfaden für die Pakete an die Front benötigt wird. "In der Nacht träumte ich erstmals von Kartoffeln", schreibt Kolbe: "Früher waren meine Träume anspruchsvoller." Die Kinder schlagen mit den Köpfen im Schlaf gegen die Wand. Das Leben vergeht schnell, der Krieg langsam. Geiger erzählt vom scheinbar Marginalen und zielt ins Wesentliche. Er macht den Echoraum des Begriffs "Krieg" greifbar und vermittelt ein Wissen um die Gräuel der Vergangenheit, die kein Archiv preisgibt, und eine Form der Wahrheit, die tiefer reicht als bloße Faktenkenntnis und mehr offenbart als jede Museumspädagogik.

"Abgenagtes Stück Herz"

Kolbe liefert sich seinen Gespenstern mit kühler Grausamkeit aus. Er leidet an Traumata, für die es noch keine Namen gibt. Er gibt sich Rechenschaft für sein verplempertes Leben. Seine Echtzeit-Mitschrift gleicht einer Operation am offenen Herzen: "Es steckte in diesem Krieg auf immer mein Teil, etwas von mir gehörte auf immer dazu, und etwas vom Krieg gehörte auf immer zu mir." Er sei, schreibt Kolbe, ein "abgenagtes Stück Herz", ein "ausgesaugter Knochen":"Der Krieg nimmt einen mit wie Geröll im Fluss."

Die Bilder mischen sich zum widersprüchlichen Ganzen: Friedlich bewegt sich das Korn im Wind, während Partisanen vor der Grube aufgereiht werden, ihnen der Schweiß über das Gesicht rinnt; der Blutgeruch in der Metzgerei und das an S-Haken baumelnde Fleisch verursachen dem Soldaten Kolbe Übelkeit. "Und der Krieg rückte keinen Millimeter zur Seite", notiert er beim Anblick eines Bombengeschwaders: "Vom bloßen Zuschauen pumperte das Herz." Dann wieder: "Wären nicht die Überflüge gewesen, die mir alle paar Tage die widrigen Umstände unserer Zeit zu Bewusstsein brachten, hätte mich die Welt außerhalb von Mondsee gar nicht beschäftigt."

"Unter der Drachenwand" erzählt vom kleinen Leben in der großen Geschichte, die ineinander verwoben sind und zur Legende dieses Landes gehören. Der Roman ist nicht zufällig von Briefpassagen durchzogen: Briefe als die letzte Brücke zwischen Personen, deren Geflechte aus Familie und Bekanntschaft zerrissen sind. Briefe als das Allerprivateste, das Menschen kennen. "Tante Emma und Onkel Georg sind zu siebzehnt in einen Sarg gekommen, lauter Knochen der Hausgemeinschaft", informiert Kolbes zukünftige Schwiegermutter: "Vielleicht sind wir morgen nur noch Schutt und Asche, und alles Hoffen war umsonst." Der Panzergrenadier Kurt schreibt seiner Geliebten Nanni, die Kolbe in Mondsee kennenlernt: "Am Ende ist alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende."

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Hanser, 480 S., EUR 26,80