August Zirner: "Versuchte Auslöschung"

Ella Zirner-Zwieback, 1878-1970. Mondän, modebewusst: Die Chefin jenes Wiener Kaufhauses anno 1927, das im März 1938 die Nazis übernahmen.

Ella Zirner-Zwieback, 1878-1970. Mondän, modebewusst: Die Chefin jenes Wiener Kaufhauses anno 1927, das im März 1938 die Nazis übernahmen.

Der Schauspieler August Zirner über die Enteignung des Geschäfts seiner Großmutter -und die fehlende Erinnerungskultur.

Am 12. Juni 2018, genau 80 Jahre und drei Monate nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, sitze ich auf einer Bank und betrachte die Immobilie Kärntner Straße 11-15, Ecke Weihburggasse in Wien. Das imposante Gebäude, auf das ich blicke, war vor 80 Jahren bekannt unter dem Namen "Maison Zwieback"; es war das Kaufhaus, das meiner Großmutter Ella Zirner-Zwieback gehörte, nachdem sie es von ihrem Vater geerbt hatte. Das "Maison Zwieback" zählte zu den elegantesten Warenhäusern seiner Zeit. Da, wo sich einst die beeindruckende, von dem Architekten Friedrich Ohmann entworfene Eingangstür befand, gelangt man nun in einen riesigen Apple- Store. Hinter den früheren Fensterläden befinden sich heute Souvenirläden. Der eine heißt "Mostly Mozart", der andere "Klimt-Impressionen", hier wird touristischer Kitsch verkauft -und dazwischen befindet sich das Café Sluka.

Ich schreibe als Enkel, als Stellvertreter meiner Großmutter und hoffentlich auch als Stellvertreter weiterer missachteter, nicht beachteter Geschichten und Menschen, die immer noch ringen mit der Frage: Wie konnte das geschehen? 1922 erschien der Roman "Die Stadt ohne Juden" des Wieners Hugo Bettauer; darin entwarf er eine düstere Zukunftsvision, von der er wohl selbst nicht dachte, dass sie 16 Jahre später Wirklichkeit werden würde. Im selben Jahr beauftragte meine Großmutter Ella Zirner, geborene Zwieback, den Architekten Ohmann mit dem Entwurf eines Kaffeehauses in der Weihburggasse 4 in der Wiener Innenstadt.

Als geschäftsfördernde Maßnahme wollte sie von dem Warenhaus in der Kärntner Straße 11-15 einen Verbindungsgang bauen lassen zu den hinteren Räumen der Weihburggasse 4. Dort sollte, während die Frauen einkauften, sich die männliche Kundschaft mit anderen Dingen beschäftigen können. Das war eine ihrer vielen klugen und vorausschauenden Ideen. Das Café war ausgesprochen stilvoll, großzügig und elegant gestaltet. Auf den Säulen stand in Stein gemeißelt der Name "Zwieback". In einem der Räume befand sich ein Brunnen mit einer Statue der wasserspendenden Rebecca. Meine einzige deutliche Erinnerung an meine Großmutter muss wohl aus dem Jahre 1961 sein, da war ich fünf: Ich erinnere mich, wie eine ältere Dame mich leicht verführerisch anlächelte. Was ging in ihr vor? Wollte sie mich womöglich für "ihre Sache" gewinnen? Welche Sache? - Ein Unrecht, von dem ich damals noch gar nichts wusste? Vielleicht lächelte sie, weil sie wollte, dass ich mich um die Familiengeschichte kümmere.

Sie war mondän und modebewusst, eine begnadete Pianistin. Als fortschrittlich denkende Frau förderte sie sogar einen Frauenfußballverein. Anfang der 1930er-Jahre verpachtete Ella das Kaffeehaus an einen Grafen Pálffy, der dort das Restaurant "Drei Husaren" eröffnete. Der Gastraum wurde durch eingesetzte Wände verkleinert und eine niedrigere Decke eingezogen. So verschwand das schöne Jugendstilcafé hinter den Wandverkleidungen des Restaurants und wurde vergessen.

1938 verschwand auch Ella -aber anders als den meisten österreichischen Juden gelang ihr zusammen mit ihrem Sohn, meinem Vater, die Flucht nach Amerika, die ihr Überleben sicherte.

In einem Kapitel mit der Überschrift "Loden, die große Mode" beschreibt Hugo Bettauer in seinem Roman nicht nur das "Maison Zwieback", sondern auch das leer stehende Café. Er lässt den Geschäftsführer Habietnik prophetisch sagen: "Flanell und Loden, die große Pariser Mode! Sie, wenn das die Frau Ella Zwieback, die jetzt in Brüssel lebt, erfährt, so glaubt sie, dass wir in Wien alle zusammen verrückt geworden sind!" Und dann sagt er: "Und die Konditorei verwandeln wir langsam, aber sicher in eine Stehbierhalle mit heißen Würsteln."


"Ich schreibe als Stellvertreter meiner Großmutter, aber auch stellvertretend für jene, die mit der Frage ringen: Wie konnte das geschehen?" (August Zirner)

Eine Stehbierhalle wurde es aber nicht, sondern eben das Restaurant "Drei Husaren". 1938, nach dem "Anschluss", wurde meine Großmutter genötigt, ihre Konzession (für ein Speiselokal) niederzulegen - zugunsten von Otto Horcher, einem Berliner Gastronom und Caterer von beispielsweise Hermann Göring. Die Zentralsparkasse Österreich hatte ihm sogar abgeraten, Ella für die Konzession etwas zu bezahlen. Warum auch, sie hätte als Jüdin 1938 ja ohnehin nichts mehr einfordern können. So hat Ella die Konzession weder verkauft, noch hat es später eine entsprechende Vereinbarung gegeben.

Als ich mich 2010 zu einem Interview mit profil-Redakteur Stefan Grissemann in den "Drei Husaren" verabredete, las ich in der Speisekarte eine kleine Chronik des Restaurants, darin stand: "und 1938 übernahm Otto Horcher freundlicherweise den Betrieb". Ich konnte kaum fassen, dass dieser Satz unwidersprochen so dastand. Aber so war es. Kein Wort über die Gründerin, Eigentümerin, Initiatorin. Kein Hinweis auf ihren Namen oder ihr Schicksal.

Im profil-Gespräch ging es daher um ungeklärtes Eigentum und darum, warum ich überhaupt etwas über die Geschichte des Kaufhauses und des Kaffeehauses wissen wollte, obwohl ich doch kein Geld zu erwarten hätte. Ich habe geantwortet, mir gehe es um den Respekt vor der Geschichte meiner Familie. Skurrilerweise war drei Tage nach diesem Gespräch das Restaurant insolvent, und im Fenster der Eingangstür konnte man lesen: "Wegen Wasserrohrbruchs bleiben die ,Drei Husaren' bis auf weiteres geschlossen." Ich dachte damals: seltsam, dass die nicht vergossenen Tränen über die verleugnete Geschichte, dass also die Trauerarbeit nun von den Wasserrohren übernommen worden war. Ein Jahr später wurde ich von einer Archäologin angerufen, die mir erzählte, dass bei Restaurierungsarbeiten hinter den Wänden des Restaurants die Wandverkleidungen des "Café Zwieback" wieder zum Vorschein gekommen seien. Über die Friedrich Ohmann Stiftung konnten wir Entwürfe und Briefe einsehen, die bei der weiteren Restaurierung des Cafés hätten hilfreich sein können.

Im Gespräch mit dem beauftragten Architekten, der nun das Restaurant umbauen sollte, fragte ich, ob die schönen Jugendstil-Schriftzeichen, die den Namen "Zwieback" bildeten, erhalten bleiben würden. Ich bekam zur Antwort: Nein, die möchte der heutige Eigentümer nicht! Allerdings würde man sehr viel Geld und Mühe darauf verwenden, um die Webart der Stoffe auf den Sitzgelegenheiten getreu den Entwürfen Ohmanns nachweben zu lassen. Mich hat die Äußerung damals gekränkt, vielleicht stellvertretend für meine Großmutter, aber ich dachte mir: Na ja, Zwieback ist ein trockenes Gebäck und regt nicht unbedingt zum Kuchenessen an. So habe ich das damals hingenommen. Diese erste Kränkung hätte mir aber schon klar machen müssen, dass der "heutige Eigentümer" wohl doch eine Art Auslöschung der Erinnerung betreiben wollte. Die ursprüngliche Auftraggeberin des Café-Baus, die Eigentümerin der Konzession, der allein es erlaubt war, ein Speiselokal zu betreiben, war Ella Zirner-Zwieback, und ihre Spuren, ihre Geschichte sollten nun ausgelöscht werden. Dafür musste auch ihr Name von den Wänden des Cafés verschwinden.

2017 passierte das historisch Wunderbare! Die Betreiber des Wien Museums informierten mich, dass bei einer Inventur eine Statue gefunden worden sei, die bis 1938 im Besitz meiner Großmutter gewesen war -und die nun mein Eigentum sei. Es war die Statue der Rebecca. Da der neue Eigentümer des Hauses in der Weihburggasse 4 zugleich die Renovierung des Kaffeehauses in die Wege geleitet hatte und sich als historisch interessierter Mensch präsentierte, bot ich ihm die Statue an, damit sie dort wieder bei einem Brunnen und in ihrer alten Umgebung stehen könne. Wir einigten uns auf einen Kaufpreis, allerdings stand im Vertrag dann ein geringerer Betrag als der ursprünglich verabredete. Auf meine Nachfrage antwortete man mir, man hätte sich an eine andere Summe erinnert. Auf meine Erwiderung "Tja, so ist das mit der Erinnerungskultur" riefen wir uns dann das ursprünglich Vereinbarte zurück ins Gedächtnis. Verbunden war dies mit der gegenseitigen Absichtserklärung, über die Geschichte und den Werdegang des Kaffeehauses eine kleine Chronik zu verfassen.

2018 wurde es wiedereröffnet, es heißt nun "Café Sluka", wahlweise auch "Café Drei Husaren". Alle Spuren, die auf Ella Zirner-Zwieback hätten hinweisen können, sind inzwischen verschwunden. Selbst die Rebecca scheint zu streiken - seit Monaten ist die Pumpe, die zu dem Krug der wasserspendenden Figur führt, defekt. Offenbar sind die Wasserleitungen in der Weihburggasse 4 geschichtsbewusster als der neue Besitzer. Warum? Vielleicht hat er doch Angst, dass ich Anspruch auf eine Konzession erheben könnte, die meiner Großmutter gestohlen und nie restituiert wurde? Vielleicht ist aber auch ein Name wie "Zwieback" doch zu jüdisch? Es ist ein seltsames Gefühl, als erwachsener Mann ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass man auch Enkelkind ist. Umso mehr hoffe ich, dass das Lächeln meiner Großmutter irgendwann eingelöst werden wird. Ich bin neugierig, ob meine Kinder oder Enkelkinder eines Tages mit weiteren "verschwundenen" Gegenständen aus dem Eigentum ihrer Ur-beziehungsweise Ur-Urgroßmutter konfrontiert werden. In jedem Fall aber werden sie dann wissen, wer sie war -und welche Spuren sie in Wien hinterlassen hat.

August Zirners Text, hier sanft überarbeitet, entstammt folgender Neuerscheinung: Barbara Schieb, Jutta Hercher (Hrsg.): 1938. Warum wir heute genau hinschauen müssen. Elisabeth Sandmann Verlag, 208 S., EUR 25,80

Barbara Schieb, Jutta Hercher (Hrsg.): 1938. Warum wir heute genau hinschauen müssen. Elisabeth Sandmann Verlag

Barbara Schieb, Jutta Hercher (Hrsg.): 1938. Warum wir heute genau hinschauen müssen. Elisabeth Sandmann Verlag

August Zirner, 62,

wurde in den USA geboren, nachdem seine österreichisch-jüdische Familie 1938 Wien verlassen musste. Anfang der 1970er-Jahre kehrte er zurück und besuchte das Max Reinhardt Seminar. Es folgten Engagements an deutschen Bühnen, acht Jahre lang war er Mitglied der Münchner Kammerspiele. In über 140 Filmen hat Zirner gespielt, tragende Rollen etwa in Florian Flickers "Suzie Washington" (1998) und Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" (2007), und auch als Musiker ist er mit diversen Programmen unterwegs -zurzeit mit seiner theatralisch-musikalischen Fassung des "Frankenstein". Das Foto oben entstand 2010, im Hintergrund das insolvente Restaurant "Drei Husaren"; diesen Ort bewirtschaftete einst die Unternehmerin Ella Zirner-Zwieback.