Blixa Bargeld: "Wie sollte ich denn sonst weiter provozieren?“

Blixa Bargeld

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Blixa Bargeld, Mastermind der Einstürzenden Neubauten, über Heiterkeit und die Schwierigkeit des Schreibens, über Guggings Art brut, schlechte Autobiografien und das Donaufestival, das er mit seiner Band nun bespielen wird.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Ein "Greatest Hits“-Album der legendären Noise-Truppe Einstürzende Neubauten, 37 Jahre nach Band-Gründung, das kann nur ironisch gemeint sein, oder?
Blixa Bargeld: Für uns ist diese Platte nur das Merchandise-Produkt zur Tour. Da versammelt sich einfach nur das, was wir auch tatsächlich spielen. Unsere größten Schläge sind eben jene, die wir in der aktuellen, seit 20 Jahren bestehenden Besetzung hervorgebracht haben und immer noch mit Freude spielen. Wir nennen sie einfach "Greatest Hits“. Die Arbeit, die wir zwischen 1980 und 1995 geleistet haben, spielt da sehr bewusst kaum eine Rolle.

profil: Wer bei den Neubauten überhaupt an "Greatest Hits“ denkt, meint wohl eher Songs wie "ZNS“ oder "Das letzte Biest am Himmel“. Langweilt Sie Ihre Arbeit aus den 1980er-Jahren?
BB: Wir spielen diese Sachen einfach nicht mehr. Ganz simpel. Die beiden genannten Stücke entstammen demselben Album, "Halber Mensch“ von 1985.Und das ging aus einer ganz anderen Besetzung der Band hervor. "ZNS“ haben wir kaum live gespielt, "Letztes Biest am Himmel“ dagegen bestimmt 20 Jahre lang. Inzwischen bevorzuge ich eben jene Stücke, die mit den Menschen, die da auf der Bühne stehen, persönlich verknüpft sind.

profil: Sie haben den strukturierten Lärm der Einstürzenden Neubauten 1981 als "moderne Folklore“ bezeichnet. Gilt das noch?
BB: Das können Sie halten, wie Sie wollen. Eigentlich dachte ich ja, wir spielen Liebeslieder. 1984 war es noch eine Provokation, zu behaupten, wir spielten Folklore. 2017 ist diese Behauptung schon fast wieder verständlich.

profil: Sind die Neubauten nicht mehr provokant? Ihr 2014 erschienenes Konzeptalbum zum Ersten Weltkrieg hat doch auch für Erstaunen gesorgt.
BB: Das war eine Auftragsarbeit. Nur mit dem Geld für die Kommission eines Bühnenwerks hätten wir dieses aber niemals finanzieren können. Wir waren gezwungen, dazu auch ein Album zu produzieren.

profil: Was ist am Krieg, an der Apokalypse so faszinierend?
BB: Es war ein Auftrag, von alleine hätte ich mich nicht damit beschäftigt. Und ich würde es auch nie wieder tun.


Wenn man den Witz bei uns übersehen will, kann man das wohl tun, aber in Wahrheit ist es ziemlich offensichtlich, dass da schon seit den frühen Jahren Humor drinsteckt.

profil: Wieso nicht?
BB: Ich musste mich über ein Jahr mit dem Thema auseinandersetzen. Das ist ja nun nicht grade erheiternd.

profil: Andererseits besitzt gerade "Lament“ einen ganz seltsamen Humor. Waren die Neubauten nicht immer schon ein heimliches heiteres Projekt?
BB: Da gebe ich Ihnen komplett recht. Wenn man den Witz bei uns übersehen will, kann man das wohl tun, aber in Wahrheit ist es ziemlich offensichtlich, dass da schon seit den frühen Jahren Humor drinsteckt.

profil: Es gibt ja auch Leute, die Elfriede Jelineks und Thomas Bernhards Schriften für todernst halten.
BB: Stimmt - und ich freue mich, mit diesen Leuten in einem Atemzug genannt zu werden.

profil: Sie sind ja nicht nur Musiker, sondern auch Autor.
BB: Ich wäre gerne einer. Aber mir fällt das Schreiben unendlich schwer. Es ist grauenvoll, ich brauche Monate für ein paar Zeilen. Manchmal kommen sie von selbst, aber darauf kann ich mich nicht verlassen. Bis jetzt hab ich es nicht geschafft, mich als Autor zu sehen. Mir fehlt dazu entweder die Disziplin, mich tatsächlich hinzusetzen und systematisch an etwas zu arbeiten, oder das Talent. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

profil: Was lesen Sie denn privat?
BB: Den üblichen Konsens des Abseitigen.

profil: Fünf Ihrer 15 Greatest Hits entstammen dem Album "Silence is Sexy“ (2000). Sieht so aus, als wäre das Ihre Lieblingsplatte?
BB: Nein, aber es war ein Doppelalbum, so gesehen ist das wieder halbwegs gerecht verteilt. Das verschwimmt ja auch: Viele Stücke haben eine Entwicklungszeit von mehreren Jahren, wurden irgendwann mal live begonnen, in ersten Versionen aufgenommen und mehrmals verändert. Bis die das dann auf eine Veröffentlichung schaffen, kann es dauern. Ich weiß oft selbst nicht immer gleich, auf welchem Album ein bestimmter Song erschienen ist. Weil ich mich eher daran erinnern kann, wann er als Idee in die Welt kam.

profil: Entstehen Ihre Texte zur Musik?
BB: Ja, immer erst in Zusammenhang mit einer bestimmten Musik. Ich greife zwar, seit ich einen Computer habe, also seit etwa 1992, auf den Fundus meiner Notizen zurück, aber in der Regel schreibe ich auf die Musik.


Ich arbeite gern mit Manipulatoren, die mit mir nichts zu tun haben. Ich mag es, wenn mit einem Text etwas passiert, worauf ich keinen Einfluss habe.

profil: Wie texten Sie denn? Zu festgesetzten Zeiten? Oder nur, wenn Sie grade Lust drauf haben?
BB: Meine Methode besteht aus zwei simplen Dingen: Ich habe immer mein Notizbuch dabei, in das ich täglich schreibe - und irgendwann setze ich mich an den Laptop, um die Notizen abzutippen. Die werden, nach Datum sortiert, in einen Ordner geschoben, und am Ende, wenn ich ein paar Hundert Seiten voll habe, beauftrage ich eine dieser Online-Druckereien damit, die Notizen und die daraus entstandenen Texte als Buch zu binden. Inzwischen halte ich bei Band 62.

profil: Sind das Einzelstücke?
BB: Klar. Nur für mich, zur Sicherheit, falls irgendwann meine Computerdaten nicht mehr zugänglich sein sollten. Ich weiß noch, dass die ersten Dinge, die ich geschrieben hatte, auf so einem Apple-Macintosh-eigenen Programm liefen - die kann ich heute nicht mehr öffnen. Zur Sicherheit hatte ich alles ausgedruckt.

profil: Und darauf greifen Sie zurück, wenn Ihnen gerade nichts einfällt?
BB: Ja, wenn ich neue Texte brauche, schau ich nach, was man aus den jahrzehntealten Notizen verwenden oder miteinander verbinden könnte. Ich arbeite also durchaus mit aleatorischen Mitteln. Es gibt übrigens eine schöne neue Website namens textmechanic.com, sie bietet Tools an, mit denen man auf Texte zugreifen und sie verändern kann - auf zufällige Wortabfolgen oder Serien, die nach bestimmten Mustern geordnet sind. Das mach ich mitunter gerne, auch mit Texten, die ich gar nicht selbst geschrieben habe, etwa mit Spam, den ich geschickt kriege. Den lade ich da rein und lass ihn bearbeiten; dabei kommt natürlich meistens nichts raus, aber die Ergebnisse sind erstens unterhaltsam - und zweitens ergibt sich manchmal unvermutet ein Satz, der als Kernzelle eines neuen Textes durchaus funktionieren kann. Ich arbeite gern mit Manipulatoren, die mit mir nichts zu tun haben. Ich mag es, wenn mit einem Text etwas passiert, worauf ich keinen Einfluss habe.

profil: Aber Sie halten die Einstürzenden Neubauten nicht für ein unpersönliches Projekt, oder?
BB: Nö. Aber um sich eine Tür aufzumachen, muss man manchmal erst eine schaffen. Das haben die Neubauten oft zuwege gebracht: Türen dort aufzumachen, wo vorher keine waren.

profil: Sie treten gelegentlich auch in Spielfilmen auf. Was bedeutet Ihnen denn das Kino?
BB: Ich bin mir über die Bandbreite meines schauspielerischen Könnens durchaus bewusst. Einen Schauspieler würde ich mich sicher nicht nennen. Ich kann sprechen, aber nicht gut spielen. Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle und an sich selbst ist mir wesensfremd. Das ist nicht mein Ding.

profil: Das Inszenieren dagegen schon?
BB: Ja, weil es sich nicht davon unterscheidet, was ich mit den Neubauten seit Jahrzehnten mache. Die Gruppe ist mein Instrument, um nachzudenken, und im Grunde ist alles, was ich tue, Regie zu führen. Ich reichere es eben um Gesang und Text an. Ich bin der singende Regisseur.

profil: Haben Sie nicht vor Jahren mal einen Theaterabend für die Salzburger Festspiele inszeniert?
BB: Das war die Idee des Schauspielers Thomas Thieme. Er hatte zwei Stücke inszeniert, an denen ich beteiligt war, und irgendwann fragte er mich, ob wir das nicht mal umdrehen wollten und ich ihn inszenieren könnte.

profil: Ihre gegenwärtige Tour läuft schon seit Januar?
BB: Na ja, sagen wir mal so: Was wir seit Januar spielen, unterscheidet sich null von dem, was wir in den letzten beiden Jahren gespielt haben.


Ich könnte ohne Weiteres damit leben, keine Platten mehr zu machen, aber nicht aufzutreten, würde mir schwer fallen.

profil: Beim Donaufestival spielen Sie das nun also erneut.
BB: Genau. Wieder mal in Krems! Im August 1993 traten wir als Headliner beim Zeitfluss-Festival auf, jener von Markus Hinterhäuser und Tomas Zierhofer-Kin initiierten Gegenveranstaltung zu den Salzburger Festspielen. Dann machte Zierhofer ewig das Donaufestival, ehe er nun die Wiener Festwochen übernommen hat. Und Hinterhäuser, der einst das Gegenfestival gemacht hat, macht jetzt das eigentliche Festival. Schon amüsant.

profil: So ist Österreichs kleine Kulturelite: Man könnte den Eindruck gewinnen, da seien bloß 20 Gestalten, die immerzu gegeneinander verschoben werden.
BB: Aber das ist auch typisch für jede Form von Kulturbetrieb. Die Antifestivals werden aufgesogen, die Gegen- wird zur Hochkultur.

profil: Macht Ihnen das Auftreten nach so vielen Jahren noch Spaß?
BB: Ungeheuer. Ich könnte ohne Weiteres damit leben, keine Platten mehr zu machen, aber nicht aufzutreten, würde mir schwer fallen.

profil: Das klingt, als wäre mit einem neuen Studioalbum der Neubauten nicht so bald zu rechnen.
BB: Im Moment wohl nicht, nein.

profil: Die Zeichnungen eines Österreichers, des Gugginger Psychiatriepatienten Oswald Tschirtner, gaben 1983 einem frühen Neubauten-Album seinen Titel: "Zeichnungen des Patienten O.T.“ Sind Sie an Art brut noch interessiert?
BB: Aber immer, natürlich. Die Tschirtner-Verbindung war purer Zufall, ich hatte den Mann in einem Suhrkamp-Buch entdeckt, als wir in Hamburg gerade ein Theaterstück probten. Bandkollege Marc Chung hatte wegen der unregelmäßigen Struktur der Musik eine Strichliste angefertigt, wann die Schläge zu kommen hatten und wann Pausen einzuhalten waren. Ich sagte zu ihm, seine Strichliste sähe aus wie die Zeichnungen des Patienten O.T., und das blieb dann kleben.

profil: Können Sie in der Rückschau rekonstruieren, wann das von Schmerz und Dissonanz geprägte ästhetische System der Neubauten in Wohlklang und Melancholie gekippt ist?
BB: Das System wäre mit den Begriffen Schmerz und Dissonanz ja nicht vollständig beschrieben. Schon auf dem ersten Album, das wir "Kollaps“ nannten, gibt es das Stück "Sehnsucht“, auf der Single "Kalte Sterne“ dann den Track "Schwarz“. Die Stille war immer ein Bestandteil dieser Band, Lärm allein war das nie.

profil: Nach "Kollaps“ kam "Die große Untergangsshow“, aber irgendwann wurde der Zusammenbruch doch abgesagt.
BB: "Die große Untergangsshow“ hieß ja auch "Das Festival der genialen Dilletanten“.

profil: Stilecht falsch geschrieben, genau.
BB: Da traten rund 40 verschiedene Musiker und Kollektive auf, das kann man nicht allein uns zuschreiben. Der Titel war allerdings von mir.

profil: Ihren Künstlernamen haben Sie einem kaum bekannten Dadaisten entlehnt, und einer Ihrer Songs, der sich nun auch auf "Greatest Hits“ findet, beschäftigt sich lustvoll mit dem klugen Nonsens des Dadaismus.
BB: Da sind Sie bei mir falsch. Genau wie die vielen anderen Journalisten aus aller Welt, die mir immer wieder die Frage nach meinem Verhältnis zu Dada stellen. Als wäre ich die große Koryphäe zum Thema. Ich bin kein Kunsthistoriker. Ich habe nur einen einzigen Text dazu verfasst, eben für den Song "Let’s Do It A Da Da“ - den ließ ich von einem Kunsthistoriker prüfen, Sie werden feststellen, dass es darin keine Fehler gibt. Das macht mich trotzdem nicht zu einem Dada-Experten.


Wenn ich das, was ich mit 21 auf der Bühne getan habe, heute versuchte, wäre das lächerlich.

profil: Eine gewisse Sprachbesessenheit kann man Ihnen schon nachsagen. Ihre Werke sind sogar oft multilingual.
BB: Das geht auf ein Engagement zurück, das uns mit der kanadischen Tanztheatertruppe zusammenbrachte. Wir mussten für La La La Human Steps eine Auftragskomposition herstellen, die nicht nur auf Deutsch verfasst sein sollte. Ich verlegte mich also auf mehrere Sprachen, mischte sogar sarkastisch ein bisschen Latein bei. Daraus entstand 1992 das Album "Tabula rasa“. Diese Polylingualität hat mich danach nicht mehr losgelassen, dies betreibe ich ja exzessiv auch mit Teho Teardo, da hab ich auch Italienisch noch mit drin. Aber ich begann ja schon 1983, mit Nick Cave zu spielen; damals war mein Englisch noch rudimentär. Ab meiner Zeit mit den Bad Seeds wurde Englisch immer mehr zu einem Teil meines täglichen Lebens.

profil: Sie haben doch auch in San Francisco gelebt, oder?
BB: Fast zehn Jahre lang sogar.

profil: Und jahrelang auch in Peking. Zur Zeit sind Sie aber nur noch in Berlin daheim?
BB: Meine Tochter geht hier zu Schule. Da ist man nicht mehr so beweglich wie früher.

profil: Arbeiten Sie eigentlich noch an Ihrer Autobiografie?
BB: Im Moment nicht. Die Sintflut an West-Berlin-Memoiren möchte ich erst an mir vorüberschwappen sehen, bevor ich mich in irgendeiner Form dazu äußere.

profil: Sie haben ohnehin angekündigt, dass Sie am liebsten die Hälfte einfach erfinden würden, weil nur so gute Memoiren entstehen können.
BB: Ja. Ich hab eine Zeit lang tatsächlich systematisch Künstlerautobiografien studiert; am übelsten sind jene - und das sind leider rund 50 Prozent aller Memoiren -, in denen der Autor von sich selbst als verkannter Künstler berichtet. Das ist die schlimmste Sorte. Es gibt viele Künstler, die ich bewundert hatte, deren Autobiografien mir dann aber Unwohlsein bereitet haben.

profil: Ihnen wurde der Verrat am Underground vorgeworfen, weil Sie sich für gutes Essen, Wein und feine Kleidung zu interessieren begonnen haben. Das ist noch immer so, oder?
BB: Natürlich, wie sollte ich denn sonst weiter provozieren? Es gibt die berühmte, tausendfach kolportierte Geschichte der Elektrifizierung Bob Dylans, der zufolge Pete Seeger unendlich sauer darüber war und Dylans Gitarrenkabel mit einer Axt durchtrennen wollte; nur stimmt diese Geschichte leider nicht. Seeger hat damals bloß den schlechten Sound beklagt. Man habe Dylans Worte nicht verstanden, das habe ihn wütend gemacht. Elektrische Gitarren gab es bei jenem Festival überall, das war schon damals nichts Neues. Kein Mensch regte sich über Bob Dylans E-Gitarre auf. Ich bin immer noch dieselbe Person wie vor 40 Jahren - und ich bin natürlich nicht mehr dieselbe Person wie vor 40 Jahren. Wenn ich das, was ich mit 21 auf der Bühne getan habe, heute versuchte, wäre das lächerlich.

profil: Wie ist denn Ihr Verhältnis zur Musikindustrie heute?
BB: Ich habe keines. Glücklicherweise. Nur der Kunstmarkt ist noch schlimmer. Der Musikmarkt nimmt in meinem täglichen Leben keinerlei Platz ein.

profil: Sie begreifen sich als völlig autonomen Musikarbeiter?
BB: Ich habe mit der Industrie so wenig zu tun, dass sie mich persönlich nicht mehr betrifft. Andere Leute kümmern sich um meine geschäftlichen Dinge, und nachdem ich ja auch keinen Plattenvertrag habe, bin ich keinem Unternehmen irgendetwas schuldig. Insofern kann ich machen, was ich will.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 17 vom 24.4.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.