Burgtheater-Ikone Elisabeth Orth: "Diven sind mir zu begrenzt"

"BITTE KEINEN PLÜSCH!": Elisabeth Orth in einer Damen-Garderobe des Burghteaters

"BITTE KEINEN PLÜSCH!": Elisabeth Orth in einer Damen-Garderobe des Burghteaters

Burgschauspielerin Elisabeth Orth über ihren anstehenden 80. Geburtstag, ihr politisches Engagement, Drogen und Nacktszenen auf der Bühne.

profil: Sie meinten gerade zu unserem Fotografen, Sie wollten "weder plüschig noch neckisch“ abgelichtet werden. Warum eigentlich nicht?
Elisabeth Orth: In den Herrengarderoben stehen Stühle, die mit rotem Plüsch überzogen sind - wie es sich für das Burgtheater gehört. Ich muss jedes Mal lachen, wenn ich meine Kollegen besuche. Wir Frauen haben schlichte Holzsessel, was mir viel lieber ist. Ich brauche keinen Plüsch. Und fürs Neckische bin ich nicht der Typ, das finde ich langweilig.

profil: Haben Sie Ihre Liebe zu Disziplin und Strenge von Ihrer Mutter Paula Wessely geerbt?
Orth: Diszipliniert war ich schon immer. Wenn man seinen Beruf ernst nimmt, erzieht er ohnehin dazu. Weil man sehr leicht in Richtung Drogen und Alkohol schlittern kann, oder man überschätzt sich durch frühe Erfolge und verliert den Boden unter den Füßen. Aber natürlich prägen einen die Eltern. Als mir Cornelius Obonya, mein Sohn, gestand, dass er zum Theater wolle, habe ich reagiert wie meine Eltern bei mir: Er solle doch lieber etwas Anständiges machen. Meine Ansprache war allerdings wesentlich kürzer als die meiner Eltern.

profil: In den wilden Jahren um 1968 waren Drogen in Mode. Sie kamen nie in Versuchung, welche zu nehmen?
Orth: Ich hatte keine Sehnsucht danach. Sie wurden mir in der Kollegenschaft angeboten, aber ich sah die grauslichen Effekte am Bahnhof Zoo in Berlin. Durch einen goldenen Schuss auf einem öffentlichen Klo wollte ich nicht enden.

profil: Ihre Mutter setzte sich dafür ein, dass Sie und Ihre Schwestern Christiane und Maresa Hörbiger "normale“ Berufe erlernen. Haben Sie das als emanzipatorisch wahrgenommen?
Orth: Es war eine Selbstverständlichkeit. Bei uns zu Hause gab es keine Wahl. Arbeiten zu gehen war auch für Mädchen vollkommen normal.

profil: War es schwierig, sich aus den Schatten Ihrer berühmten Eltern - Paula Wessely und Attila Hörbiger - zu befreien?
Orth: Das war in den engen Wiener Verhältnissen gerade am Anfang nicht schön. Für alle drei Schwestern nicht. Es gab immer diese Vorurteile, wir wären nur "Prominententöchterln“. Ich habe mich umbenannt: Orth ist der Familienname meiner Großmutter mütterlicherseits, und dann ging ich als junge Schauspielerin nach Deutschland. Auszubrechen wäre daheim viel schwieriger gewesen. Damals war Wien ohnehin keine schöne Stadt, der heute sanierte Spittelberg war wie ein Rattenloch, eine verwahrloste, aufgegebene Gegend. Die Stadt hat sich zum Glück sehr verändert.


Die Zeit in Deutschland war lebenswichtig für mich. Österreich war in den 1950er-Jahren politisch beklemmend, das Gegenteil von befreiend oder revolutionär.

profil: Wann haben Sie begonnen, sich für Politik zu interessieren?
Orth: Erst unter dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt. Ich hatte Freunde, die im Umkreis der NS-Widerstandsgruppe "Weiße Rose“ gewesen waren.

profil: Im Elternhaus war die NS-Vergangenheit nie ein Thema?
Orth: Kaum, auch deshalb war es gut, ins Ausland zu gehen. Die Zeit in Deutschland war lebenswichtig für mich. Österreich war in den 1950er-Jahren politisch beklemmend, das Gegenteil von befreiend oder revolutionär. Ich kam in München in Freundeskreise, die mich sehr "angeturnt“ haben, wie man heute sagen würde.

profil: Ich nehme an, in der Schule wurde auch nicht viel über den Nationalsozialismus geredet?
Orth: Gar nicht. Ich hatte später eine jüdische Freundin, die meinte: "Wo bist du denn aufgewachsen? Du weißt ja gar nichts.“ Dann haben wir Filme gesehen, ich habe mir Bücher ausgeliehen. Ich war auf der Jagd nach Geschichtswissen. Damals wurde ich politisiert. Ich kann mich noch gut erinnern, als John F. Kennedy 1963 erschossen wurde. Ich stand auf der Bühne des Münchner Residenztheaters, wir waren geschockt und wollten abbrechen. Wir spielten ausgerechnet den "Eingebildeten Kranken“, eine Komödie. Aber es war niemand erreichbar, und wir mussten weitermachen.

profil: Sie haben Ihre Mutter, die im NS-Propagandafilm "Heimkehr“ mitwirkte, nie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert?
Orth: Ich wusste, sie würde mir ausweichen. Deshalb habe ich es bleiben lassen. Sie hat zum Glück später mit André Heller über ihre Rolle im Nationalsozialismus geredet. Das war sehr wichtig. Es hat sie aber auch viel Nerven gekostet.

profil: Die 1970er-Jahre waren geprägt von Attentaten der RAF und den Kämpfen in Nordirland. Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Terror?
Orth: Er rückt näher, scheint schon direkt vor der Haustür stattzufinden. Der Terror vervielfältigt sich auf unheimliche Weise. Man weiß nicht, wie man reagieren soll: Spielen wir weiter Insel der Seligen oder ist der nächste Silvesterpfad schon unter Beschuss?

profil: Hatten Sie nach den Anschlägen in Paris Angst, das Burgtheater könnte auch ein Ziel werden?
Orth: Natürlich ist man vor einem Anschlag nirgendwo sicher. Wenn ich mir diese Angst aber ständig vor Augen halte, kann ich nicht mehr Theater spielen. Und damit hätte der IS gewonnen. Und das darf nicht sein.

profil: Sind Sie nie furchtsam?
Orth: Manchmal im Kleinen, weil ich kein Training für Streitkultur habe. Aber ich stelle mich bei Kundgebungen gern auf den Stephansplatz und äußere mich laut und deutlich, wenn ich finde, dass politisch etwas falsch läuft - etwa, als es im Jahr 2000 eine Koalition zwischen Schwarz und Blau gab. Zivilcourage ist mir wichtig.


Ich glaube nicht, dass Europa so schnell zerbricht, wie gewisse Menschen das gerne hätten. Sollte das Projekt trotzdem scheitern, wüsste ich nicht, woran ich noch glauben sollte.

profil: Waren Sie auch dabei, als im Dezember 1984 die Hainburger Au besetzt wurde?
Orth: Ja, ich habe die Menschen bewundert, die da in Zelten übernachtet haben. Es war abenteuerlich kalt. Ich wollte ihnen zumindest etwas zu essen vorbeibringen und kam dann mit einem Sack Orangen, was für Begeisterung sorgte. Der damalige Bundeskanzler Fred Sinowatz forderte eine Nachdenkphase. Davor muss man den Hut ziehen. Ich frage mich: Wo ist diese Nachdenkphase heute?

profil: Sie sind mit den Politikern heute unzufrieden?
Orth: Ist man jemals mit Politikern zufrieden? Jede Regierung verdient ein gesundes Misstrauen. Aber im Moment ist eine Internationale der Überforderung unterwegs. Und zwar links wie rechts.

profil: Fühlen Sie sich als Europäerin?
Orth: Ich habe damals mit Bauchweh für den Beitritt gestimmt - und würde das heute wieder machen. Ich frage mich aber, wie es mit Europa weitergehen soll. Ich glaube nicht, dass Europa so schnell zerbricht, wie gewisse Menschen das gerne hätten. Sollte das Projekt trotzdem scheitern, wüsste ich nicht, woran ich noch glauben sollte.

profil: Was halten Sie von der "Obergrenze“ für Flüchtlinge?
Orth: Sie sagen auch "Obergrenze“ - gut, wir wollen auch die Unwörter nicht vermeiden. Aber man muss sich schon vor Augen halten, was das konkret bedeutet. Was machen wir mit dem 37.501. - wenn das beispielsweise eine 14-Jährige wäre? Ich stelle mir dieses Mädchen vor: Es ist Freiwild, und man schickt es zurück in eine Zone, die man nicht kontrollieren kann. Man kann sich diese Praxis schönreden und sagen, in Ländern wie Schweden passierte das doch auch. Aber angesichts konkreter Fälle ist das nicht mehr so einfach.

profil: Hat sich der Tonfall in den Medien verschärft?
Orth: Viele Argumente, die man früher als rechts empfunden hätte, sind in der Mitte angekommen. Das ist sehr schnell gegangen. Jörg Haider hat es vorgemacht, viele sind nachgezogen. Man rutscht schnell Richtung rechts, wenn man sich bedroht fühlt, wenn man sich nicht auskennt, wenn man einfache Lösungen erwartet. Aber das ist utopisch: Es gibt keine einfachen Lösungen. Wir müssen die Grauzonen akzeptieren und uns fragen, was wir als Zivilgesellschaft leisten können. Das Burgtheater hat ja ein Projekt für die Flüchtlinge gestartet, und meine Kinder arbeiten bei einer Hilfsorganisation mit. Ich höre auch, dass einige katholische Pfarren gute Arbeit leisten.

profil: Vermissen Sie kantige Politiker wie Willy Brandt?
Orth: Politiker zu werden, ist für die Jungen längst kein Ziel mehr. Die Furcht vor dem Wähler ist zu stark. Das wundert mich manchmal. Wenn jemand bei der Sache bleibt, Haltung hat, honorieren die Leute das doch. Vielleicht nicht gleich, nicht bei der nächsten Wahl. Aber bei der übernächsten.

profil: Ihr Sohn ist ebenfalls sozial engagiert. Kann man einem Kind Zivilcourage beibringen?
Orth: Ich habe zu früh angefangen, ihn in diese Richtung zu impfen. Er war als Schulkind überfordert, als ich ihm ein Buch über den Zweiten Weltkrieg in die Hand drückte. Später war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich für Geschichte und Politik zu interessieren.

profil: Regisseur Peter Zadek sagte einmal, er schätze Ihren Humor. Empfanden Sie sich damals als lustig?
Orth: Als wir in Ulm anfingen, habe ich mich nicht so gesehen. Ich passte in dieses Fräuleinwunder, das Zadek so gerne mochte, gar nicht hinein. Das waren die Schönen, die Schlanken. Ich glaube, er meinte mit Humor, dass ich ein bisschen tollpatschig war, über die Bühne watschelte. Dabei wollte ich gar nicht in der ersten Reihe stehen. Komplexe Rollen machten mir viel mehr Spaß als dieses eitle Model-sein-Wollen auf der Bühne.

profil: Zadek war bekannt dafür, Verunsicherung zu verbreiten.
Orth: Ich war ganz jung, als ich ihn kennenlernte. Natürlich hatte man Angst vor ihm. Wenn er aus dem Zuschauerraum sagte: "Darling, du langweilst mich.“ Inzwischen hat man eine andere Ebene zu den Regisseuren. Man redet, spielt und träumt auf Augenhöhe miteinander.

profil: Haben die Jungen nicht manchmal Angst vor Ihnen?
Orth: Wollen Sie mich als Monster hinstellen?

profil: Nein, aber vor älteren Schauspielerinnen hat man doch Respekt: Man weiß ja nicht, ob sie als Diven behandelt werden wollen.
Orth: Ich bin neugierig und offen, das mögen die Jungen. An der Berliner Schaubühne war ich umgeben von Diven alter Schule. Ich fand toll, wie die quasi geschwebt sind. Aber das war nicht meine Atmung, ich fand es spannender, mit jüngeren Kolleginnen zu arbeiten. Diven sind mir zu begrenzt.


Man sieht bisweilen viel zu viele nackte Schauspielerinnen und Schauspieler. Das wird schon langweilig und wirkt nicht mehr.

profil: Wie geht es Ihnen mit zeitgenössischen Stücken? Sind die schwieriger zu lernen?
Orth: In Ewald Palmetshofers "die unverheiratete“ spiele ich eine Denunziantin, die kurz vor Kriegsende einen jungen Deserteur verrät; da stieg ich erst relativ spät in die Probenarbeit ein. Der Text ist kompliziert und hochmusikalisch zugleich. Man muss ihn sehr genau lernen. Ich dachte, das werde ich nie schaffen. Die Rolle ist extrem, diese Frau hat eine grauenhafte Schweinerei begangen, und wie man weiß, sie war damit nicht allein. Das Denunzieren war damals Volkssport. Leider ist das nicht ausgestorben: Vernadern, anonyme Anrufe, um jemanden anzuschwärzen, das ist alles noch immer weit verbreitet. Es gibt aber auch Geschichten von Frauen, die jungen Deserteuren halfen, indem sie ihnen die Zivilkleidung ihrer Männer gaben. Das sind für mich Widerstandsheldinnen.

profil: Ein weiteres zeitgenössisches Stück, an dem Sie gerade mitwirken, ist Maja Haderlaps "Engel des Vergessens“. Kostete die Nacktszene, die Sie da zu spielen haben, Überwindung?
Orth: Das ist doch keine Nacktszene! Ich zieh mir bloß die Bluse aus. War soll daran besonders sein?

profil: Man sieht jede Menge junge nackte Körper auf der Bühne - aber wenige alte.
Orth: Man sieht bisweilen viel zu viele nackte Schauspielerinnen und Schauspieler. Das wird schon langweilig und wirkt nicht mehr. Ich sitze oft im Zuschauerraum und denke: Passt das überhaupt zum Text? Dass ich mich in jener Szene ausziehe, schafft eine Intimität zwischen den Figuren, ich erzähle meiner Enkeltochter gerade von meinen KZ-Erfahrungen. Maja Haderlap, deren Text autobiografisch ist, hatte eine innige Beziehung zu ihrer Oma. Deswegen war die Szene selbstverständlich und wichtig.

profil: In Ihrem im Vorjahr erschienenen Erinnerungsbuch "Aus euch wird nie was“, kommt Ihre langjährige Beziehung mit Regisseurin Andrea Breth nicht vor. Warum nicht?
Orth: Ich wollte Voyeurismus vermeiden. Ich gebe jene Erinnerungen her, die ich hergeben will. Alles andere finde ich Schlüssellochgucken.

profil: Ein solches Bekenntnis könnte aber auch Vorbildfunktion haben: Man verliebt sich in Menschen, nicht in Geschlechter.
Orth: Mir ist das zu privat. Und das wäre ohnehin ein eigenes Buch.

profil: Sie werden am 8. Februar 80. Wird es ein großes Fest geben, bei dem der gesamte Hörbiger-Clan zusammenkommen soll?
Orth: Ganz bestimmt nicht. Die haben andere Dinge im Kopf. Ich mache mir und dem Publikum ein Geschenk - ich gebe einen Lyrik-Abend. Das ist mein Fest.

profil: Sind Sie selbst überrascht, dass Sie 80 werden?
Orth: Seit ein paar Jahren muss ich immer nachzählen, ich vergesse mein Alter einfach. Aber ich kann mich nicht beschweren, ich hatte in letzter Zeit schöne Rollen. Die Zeit zwischen 40 und 50 ist für Frauen im Theater schwierig, danach geht es wieder.

profil: Haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?
Orth: Manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht mehr den Impetus habe, mich jeden Tag auf den Hometrainer zu setzen. Es nervt mich, dass ich faul werde.

profil: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Orth: Nur vor dem Sterben. Ich bin schon so viele Tode auf der Bühne gestorben, das wird mir vielleicht auch das eigene Ableben erleichtern.

profil: Haben Sie schon entschieden, was auf Ihrem Grabstein stehen soll?
Orth: Ich war neulich am Grab meines Mannes, da muss die Schrift nachgezogen werden. Ich habe kurz überlegt, ob ich mein Geburtsdatum und meinen Namen schon eintragen lassen soll. Ich fand das dann aber doch zu unheimlich.

Elisabeth Orth, 79,

wurde als Tochter von Attila Hörbiger und Paula Wessely geboren. Ihr Sohn Cornelius Obonya ist ebenfalls Schauspieler. Seit 1968 arbeitet Orth im Ensemble des Burgtheaters, von 1995 bis 1999 war sie an der Berliner Schaubühne engagiert. Zur Zeit ist sie in "die unverheiratete“ und "Engel des Vergessens“ im Wiener Akademietheater zu sehen.

Fest der Poesie

Am 8. Februar begeht Elisabeth Orth ihren 80. Geburtstag. Anstatt sich daheim feiern zu lassen, verbringt sie den Abend im Theater. Die Burg-Doyenne wird im Akademietheater Lyrik lesen. Unter dem Titel "Neunundsiebzig plus eins“ ist Bekanntes und Verschollenes, Berühmtes und Vergessenes von der Antike bis zur Gegenwart zu hören.