Burgtheater: Regiestar Stone geht mit Strindberg hart ins Gericht

Simon Stone

Simon Stone

Der australische Regisseur Simon Stone setzt sich mit Strindbergs Frauenhass auseinander - und entdeckt dabei viele Parallelen zur Gegenwart. Ein Probenbesuch.

Martin Wuttke ist außer sich: "Drei Frauen haben heute im Park ihre Männer geschlagen!" Die Opfer hätten sich gar nicht gewehrt, sagt er mit bebender Stimmte. Dem Schauspieler steht Panik ins Gesicht geschrieben: "Man darf Frauen ja nicht mal mehr in der Arbeit einen Klapps auf den Hintern geben." Ein in die Jahre gekommener Mann fühlt sich in die Enge getrieben - und teilt noch einmal kräftig aus. Ein paranoider Macho läuft zu Hochform auf.

Wenn der australische Regisseur Simon Stone, 33, einen Klassiker inszeniert, bleibt kein Stein auf dem anderen. Er sei "die Antwort des Regietheaters auf HBO", vermerkte die "Süddeutsche Zeitung". Stone ist bekannt dafür, dramatische Stoffe so lang umzuschreiben, bis sie wie Filme von heute wirken. Mittlerweile ist er einer der gefragtesten Regisseure auch im deutschsprachigen Raum - und dreht nebenher Kinofilme in Starbesetzung. Auf der Probebühne des Burgtheaters im Wiener Arsenal laufen derzeit die Proben für ein ungewöhnliches Theaterprojekt: Mit "Hotel Strindberg" (ab 26. Jänner als Koproduktion mit dem Theater Basel im Akademietheater zu sehen) erkundet Stone den frauenfeindlichen Kosmos des schwedischen Dramatikers August Strindberg. An die zehn Stücke - von "Die Gespenstersonate" über "Der Vater" bis zu "Die Stärkere" - fließen in dem Abend zusammen, der in unterschiedlichen Hotelzimmern spielen wird. Ursprünglich habe man an ein Wohnhaus gedacht, erklärt Stone, aber ein Hotel sei als anonymer Durchgangsort besser geeignet; dort gehe man hin, um Sex zu haben, eine Beziehung zu beenden, Scheidungsdokumente zu unterschreiben - oder sich umzubringen. In seiner Inszenierung nimmt in einem Zimmer auch gerade eine Band ein Album auf. Die Herausforderung für das Ensemble (neben Wuttke spielen auch Caroline Peters, Roland Koch und Barbara Horvath), besteht darin, dass jeder drei Rollen verkörpern und in der Band mitspielen muss.

Noch sitzen alle Akteure, die mitwirken werden, gemeinsam an einem langen Tisch und entwerfen im Sitzen ihre Rollen. Erstaunlich, wie gut die Pointen schon zünden, wie scharf die Figuren bereits umrissen sind. Stone hat einen Platz in der Mitte der Runde; mit seinem wallenden Haar und seiner unbändigen Energie wirkt er fast bubenhaft. Er freut sich über jede gelungene Bosheit im Text, lacht begeistert auf und denkt in einer Mischung aus Englisch und Deutsch (die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in der Schweiz) darüber nach, wo man noch zuspitzen könnte. In der Nacht wird er an jenen Stellen, die ihm noch nicht perfekt erscheinen, weiterschreiben. Seine Inszenierung zeigt Männer in der Krise und ist damit erstaunlich nah an der aktuellen #MeToo-Debatte. "Der Aufstieg der Rechten und der konservativen Populisten, den wir gerade beobachten, hat viel mit Genderfragen zu tun", erklärt Stone im Gespräch nach der Probe (siehe Interview im aktuellen profil). Strindberg passe mit seiner Angst vor der Stärke von Frauen perfekt in unsere Zeit. Stones Dialoge klingen messerscharf, die Geschlechter schenken einander nichts. Da seine Texte zum Teil erst während der Probe entstünden, sitze er länger mit dem Ensemble am Tisch als viele seiner Regiekollegen, erklärt er noch. "Die Bühne soll ein magischer Ort bleiben. Wenn man zu lange am Set arbeitet, geht dieser überraschende Moment verloren."

Zeitgemäße sprachliche Form

In der Tat wirken Stone-Inszenierungen ungemein direkt. Falsche Theatertöne sucht man darin vergebens. Stone ist überzeugt, dass sich bestimmte Gedanken und Gefühle in allen Epochen wiederholen - er bringt sie lediglich in eine zeitgemäße sprachliche Form. Ibsens "John Gabriel Borkman" (2015) ist bei ihm im Internet-Zeitalter angekommen, die einsamen Figuren googelten sich selbst und bestellten bei Amazon. Das wirkt bisweilen ungemein komisch, aber hinter "dem Komödienvorhang lugen Ängste hervor, die sich nicht wegspielen lassen", befand die "Berliner Zeitung" über die Inszenierung, die zum renommierten Theatertreffen eingeladen wurde. Auch seine "Drei Schwestern" (2106) wirkten wie gestresste Hipster. Tschechows grüblerische Menschen der Jahrhundertwende wurden in unsere Wohlstandsgesellschaft verpflanzt, wo man sich zwar gern für Flüchtlinge engagieren würde und schließlich doch bei einer TV-Serie hängen bleibt.

Ab 2015 war Stone Hausregisseur an Andreas Becks Theater Basel, inzwischen hat er seinen festen Wohnsitz nach Wien verlegt. Er lebt im 18. Bezirk mit seiner Frau, einer österreichischen Dramaturgin, die er vergangenes Jahr heiratete. Obwohl es ein regnerischer Tag ist und das Arsenal nicht gerade zentral liegt, ist Stone mit dem Fahrrad zur Probe gekommen. "Eigentlich geht es mir vor allem darum, dass die Schauspieler ruhig werden", sagt er über seine Arbeitsweise - und wirkt dabei selbst wie einer, der ständig unter Strom steht.

Das dazugehörige Interview mit Simon Stone finden Sie in der aktuellen profil-Printausgabe!