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© APA/AFP/SUZANNE CORDEIRO / SUZANNE CORDEIRO

Kultur
08/30/2021

Charlie Watts' Takt und Timing

Die Luft zwischen Hi-Hat und Snare Drum: kleine Analyse des diskreten Spielstils Charlie Watts'.

Keine Soli, keine Posen, kein Pomp. Charlie Watts hatte keine Batterie von Trommeln, auf die er wild einschlagen hätte können. Er arbeitete mit Reduktion und Understatement, ließ Raum für seine exaltierten Bandkollegen vorn an der Rampe. Charlie Watts hat stets genau das gemacht, was für virtuose Schlagzeuger die größte Herausforderung ist. Er spielte simpel.

Denn natürlich war es nicht simpel, wie Charlie Watts zu spielen. Man muss sich, wollte man dessen Stil imitieren, bedingungslos in den Dienst eines Songs stellen. Man darf nicht zeigen wollen, was man eigentlich kann. Bei "Gimme Shelter" etwa sind die Drum-Fills, die Songabschnitte voneinander abgrenzen, sehr reduziert, und die Becken werden kaum benutzt. Hier blickt man in den Maschinenraum der Stones: So ließen sie ihren speziellen Groove entstehen. Viele Menschen-und vielleicht insbesondere Schlagzeuger-leiden an großer Angst vor der Leere, an einem Horror vacui. Es ist natürlich, musikalische Leerstellen füllen zu wollen. Sie nicht zu füllen, dafür braucht es Disziplin oder große Entspanntheit. Charlie Watts hatte beides. Und er verfügte über perfektes Timing. Seine Basstrommel trieb meist leicht nach vorn, analysierte Stewart Copeland von The Police, während seine Snare kaum merkbar hinterher marschierte. So erzeugte der Stones-Drummer in seiner Konstanz innere Spannung. Wenn man sich die Schlagzeugspur von "Gimme Shelter" isoliert anhört - im Netz ist das möglich -,wird die Eleganz des rhythmischen Gerüsts erst deutlich.

Paul McCartney sagte über Charlie Watts, er spielte "felsenfest". Und Bruce Springsteen schrieb über ihn, dass der Sound seiner Snare Drum gleich wichtig für die Rolling Stones war wie Mick Jaggers Stimme und Keith Richards' Gitarre. Watts selbst fand, dass er die Snare anders als die meisten seiner Kollegen spielte, nämlich eher wie in einer Marschkapelle, weniger auf dem Off-Beat. Und seine Snare hatte eine weitere Besonderheit, die sogar ihm selbst lange nicht bewusst war: Immer wenn er auf sie schlug, zog er die andere Hand von der Hi-Hat zurück. Dadurch hatte seine Linke den Weg frei, um härter aufzuschlagen. Und der Sound stand frei, ohne von einem Becken überlagert zu werden.

Man darf mutmaßen, dass etliche Stones-Songs ohne Charlie Watts wohl nicht zu Hits geworden wären, an Aura jedenfalls stark verloren hätten. "Sympathy For The Devil" war ursprünglich eine Folk-Ballade. Von sechs verschiedenen Rhythmen, die man dazu probierte, passte keiner richtig, erst mit einem brasilianischen Samba entwickelte der Song seinen diabolischen Sog. "Get Off Of My Cloud" dagegen wird befeuert von Watts' schnellen, sich wiederholenden Akzenten. Und das Grummeln seiner Tomtoms trägt maßgeblich zur düsteren Stimmung von "Paint It Black" bei.

Charlie Watts fehlt auf vielen Listen der besten Drummer aller Zeiten. Er spielte in einer der größten Bands des Planeten, aber er ließ sich dies nicht anmerken. Einen Schlagzeuger wie ihn musste man sich eben erst verdienen.

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